Café Racer

Thruxton 1200 vs W800

Von Dimitri Hüppi
27.01.2017 13:59:29

Die Café-Racer-Auswahl ist heute bunt. Wir lassen zwei ungleiche Vertreter gegeneinander antreten: die nagelneue, topmoderne Triumph Thruxton 1200 und die «gut eingefahrene», traditionsbewusste Kawasaki W800.

Sie lieben das freche Aussehen und die zeitlos klassische Linie von Café Racern? Und deren ewige Jugendlichkeit, die jedem Fahrer – egal welchen Alters – einen gepflegten dreitagebärtigen Auftritt garantiert? Na, dann dürfte es Ihnen in diesen Tagen ja leichter denn je fallen, ein passendes Exemplar zu finden. Nagelneu und ab Werk versteht sich. Und sollten Sie trotzdem noch Umbau­gelüste verspüren, so bieten auch hier die meisten Maschinen noch genügend Spielraum – sei es durch Zubehör ab Werk oder durch die schlicht gehaltene Gesamtkomposition, an der sich Details meist mit geringem Aufwand individualisieren lassen.

So oder so

Die beiden Kandidatinnen, die wir hier miteinander auf Spritztour schicken, zeigen perfekt auf, dass das Konzept Café Racer ganz verschieden ausgelegt werden kann. Rein optisch, aber auch technisch. Zum einen die ­Triumph Thruxton (ab Fr. 13 500.–). 2004 als Neuinterpretation des Racers Bonneville Thruxton aus den 1960er-Jahren lanciert, avancierte sie auf diese Saison hin dank Rundumkur samt neuem Motor mit 1200 statt 865 ccm Hubraum zur reinen Fahrmaschine, bei welcher der Look nur noch Tarnung ist. Zum anderen die seit 2011 angebotene Kawasaki W800 (ab Fr. 9700.–) – ein Retrobike, wie es im ­Buche steht: Mit einer Optik, die möglichst nah an die der Vorfahren – ausgehend von der 1966 vorgestellten W1 – anlehnen will und einem ebenso vergleichbaren Fahrverhalten. Der Café-Racer-Auftritt war bei der W800 denn auch nicht der Ursprungsgedanke. Vielmehr verhilft ihr das Original-Zubehörkit «Cafe Style» dazu. Es umfasst eine stilechte Kopfschale sowie den obligaten Höckersattel. Inklusive Montage kostet es 970 Franken. Ausserdem handelt es sich bei unserer Kawa um eine Special Edition (plus Fr. 200.–) mit schwarzen statt verchromten Felgen und Auspuffen.

Lässig cruisend durch die Innenstadt harmonieren die zwei Bikes bestens. Beide ziehen flott von Ampeln weg, wobei das hier wie da tadellose Zusammenspiel von Kupplung und Gas positiv auffällt. Auch beim Rauf- und Runterzappen sind die Kupplungen leichtgängig und die Gänge (Kawa 5, Triumph 6) rasten präzise ein. Das Prädikat «knackig» bleibt jedoch der britischen Gearbox vorbehalten.

Vier hübsche Rundinstrumente

Egal, auf welchem Bike man sitzt, die 50 km/h-Marke ist jeweils sofort erreicht. Auf beiden Maschinen liegen zwei hübsche analoge Rundinstrumente für Tempo und Tourenzahl tipptopp im Blickfeld. Die Ablesbarkeit ist im Tageslicht bei beiden gut; in der Dämmerung oder im Tunnel wünschte man sich auf der Thruxton jedoch eine stärkere Hintergrundbeleuchtung der Ziffern. Denn sie sind klein und befinden sich zudem auf einem alufarbenen Grund, der jedes von oben eintreffende Licht reflektiert, was das Ablesen erschwert. Auf der Kawa geht es umso traditioneller zu und her. Dies gilt ebenso für das übrige Informationsangebot. Doch immerhin bietet die Japanerin ein kleines Display für Tages-, Gesamt­kilometer und Uhrzeit. Geringen Benzinstand zeigt eine Kontrollleuchte an. 

Die Britin wartet gleich mit zwei Mini­displays und mehr Komfort auf: unter anderem mit einer Balkenanzeige für den Benzinstand, zwei Tripzählern, einer Anzeige für die Rest­reichweite, den Verbrauch und sogar den eingelegten Gang …

Mehr oder weniger gebückt

Auf der Landstrasse bleibt der Kawa-Fahrer in seiner bequem-lockeren Haltung mit von Grund auf ziemlich aufrechtem Rücken. Dank des langen Sattels lässt sich aber durchaus die Expresspose einnehmen, in welcher man hinter der grossen Schale denn auch entsprechenden Windschutz findet. 

Auf der insgesamt zierlicher und sportlicher ausgelegten Thruxton beugt man sich bereits nach vorne, wenn man zu den beiden Lenkerstummeln greift. Sie sind Teil der erfolgten Frischekur und stehen der Britin echt gut. Windschutz erfahren wir auch auf ihr, doch kostet der «Flyscreen» unserer Testmaschine 115 Franken extra. Ebenso zusätzlich kosten die Farbe «Pure White» statt «Jet Black» (180 Franken) – alternativ auch «Competition Green», der gesteppte Komfortsitz (335.–), die Höckerabdeckung (200.–), die LED-Blinker vorne und hinten (je 99.–), das kurze Heck (245.–) sowie die Flyscreenfixierung (65.–). Die Gesamtsumme für die Test-Thruxton beläuft sich somit auf 14 838 Franken (zuzüglich Montage). Für die gezeigte Kawa reichen 10 850 Franken.

Während die beiden Reihenzweizylinder so dahingleiten, wird bald eins klar: Die Thruxton sieht nicht nur sportlicher aus, sie ist es. Sie lässt sich aggressiver auf Kurven zupfeilen, da ihre vorderen Doppelscheibenbremsen mit Doppelkolbensätteln einfach mehr zupacken und eine exaktere Dosierung zulassen und weil das Fahrwerk jederzeit für eine satte Stras­senlage sorgt. Zudem verfügt die Thruxton über mehr Schräglagenfreiheit. 

Wer mit der W800 hinterherheizen will, wird bald einmal mit den Nippeln der Fussrasten aufsetzen. Beim Bremsen sollte man nie vergessen, dass man hier auf einem Töff sitzt, der noch kein ABS besitzt. Von daher ist der Biss der vorderen Einzel-(!)-Scheibenbremse mit Doppelkolbensattel und der hinteren Trommel (!) gerade richtig. Und während die Federgabel der «W» noch ziemlich gut mitkommt, neigen die hinteren Dämpfer dann doch irgendwann zum Nachwippen.

Am Kurvenausgang …

Spätestens aber, wenn es den Kollegen auf der Thruxton am Kurvenausgang packt und er nur einmal nicht ganz so beherrscht das Gas aufdreht, zieht er auf und davon. Zwar liefert auch der luftgekühlte Kawa-Twin mit acht Ventilen schönen Druck bei tiefen Drehzahlen und auch er dreht willig nach oben – von Müdigkeit nie die Spur. Doch die maximal 48 PS und 60 Nm Drehmoment haben gegen die 97 PS und 112 Nm des wassergekühlten Triumph-Achtventilers dann doch keine Chance. Beide Twins gehen übrigens sehr sanft ans Gas – bei der Triumph auch in Abhängigkeit des gewählten Modus (Rain, Road oder Sport). Eine Traktionskontrolle hat sie ebenfalls an Bord, was angesichts der Power durchaus sinnvoll ist.

Am Ende des Tages stellt sich die Frage: Mehr Café oder mehr Race? Vielleicht auch: Alltag und Tour oder mehr Spritztour am Feierabend? Doch trotz ihrer Verschiedenheit vertreten beide ihre Gattung würdig und bieten authentischen dreitagebärtigen Fahrspass.

Triumph Thruxton

Hubraum: 1200 ccm
Leistung: 97 PS bei 6750/min
Gewicht: 227 kg fahrf. inkl. Zubehör
Preis: 14 838 Franken (wie getestet)
Verkehrsabgabe: 60 bis 396.90 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht

Die Thruxton ist der buchstäbliche Wolf im Schafspelz. Macht einen auf lässigen Café Racer, doch nur zur Tarnung. Genuss kann sie freilich, doch Kurvenwetzen genauso.

+ Druckvoller, drehfreudiger Twin, Sound
+ Sportliche Fahrwerksabstimmung
+ Zur Leistung passende, starke Bremsen
+ Harmonie aus Moderne und Klassik

– Tagfahr- / Abblendlicht nicht automatisch 
– Motormapping wird nicht gespeichert

Motor *****
Fahrwerk ****
Bremsen **** 
Ergonomie ****

Import
Triumph S.A.S. Succursale Suisse, 1217 Meyrin, www.triumphmotorcycles.ch

 

Kawasaki W800 SE Cafe

Hubraum:773 ccm
Leistung:48 PS bei 6500/min
Gewicht:217 kg fahrf. inkl. Zubehör
Preis:10 850 Franken (wie getestet)
Verkehrsabgabe:60 bis 226.80 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht

Die Kawasaki W800 ist eine Interpretation ihrer Vorfahren und inzwischen selbst ein Klassiker. Ein unkompliziertes Bike für den ungestressten Fahrgenuss jeden Tag.

+ Druckvoller wie drehfreudiger Twin
+ Stilechtes «Cafe Style»-Paket
+ Sehr ursprüngliches Fahrerlebnis
+ Sehr klassisches Design

– Kein ABS erhältlich
– Kopfschale lastet auf Lenker

Motor *****
Fahrwerk ***
Bremsen ***
Ergonomie *****

Import
Fibag AG Kawasaki, 4624 Härkingen, www.kawasaki.ch

 

Fazit

Die Kawasaki W800 ist inzwischen selbst ein Klassiker und beamt einen ein rechtes Stück in die Vergangenheit. So authentisch, dass sie die ab 2017 verpflichtenden EU-Vorschriften nicht schafft und ab dann nicht mehr produziert wird (zuvor importierte Neufahrzeuge kann man auch danach noch einlösen). Die brandneue Triumph Thruxton 1200 dagegen ist ein topmodernes Naked-Bike, an dem lediglich die Optik auf Klassik getrimmt ist. 

 

Durch und durch traditionell: Kawasaki W800. Durch und durch traditionell: Kawasaki W800. © Richard A. Meinert
Mit modernstem Innenleben: Triumph Thruxton. Mit modernstem Innenleben: Triumph Thruxton. © Richard A. Meinert
Moderne Klassik: Rundinstrumente mit zwei Digitalanzeigen bei der Triumph. Moderne Klassik: Rundinstrumente mit zwei Digitalanzeigen bei der Triumph. © Richard A. Meinert
Neuer Twin mit Triumph-typischem Vergaserlook für die Einspritzung. Neuer Twin mit Triumph-typischem Vergaserlook für die Einspritzung. © Richard A. Meinert
Faltenbälge und Doppelscheibenbremse an der Thruxton. Faltenbälge und Doppelscheibenbremse an der Thruxton. © Richard A. Meinert
Am m-Schalter wählt man bei der Triumph die Motormappings. Am m-Schalter wählt man bei der Triumph die Motormappings. © Richard A. Meinert
Die Tachoeinheit der Kawa  bietet alles, was man auf einer ungestressten Tour braucht. Die Tachoeinheit der Kawa bietet alles, was man auf einer ungestressten Tour braucht. © Richard A. Meinert
Blickfang: Königswellenantrieb der obenliegenden Nockenwelle bei der W800. Blickfang: Königswellenantrieb der obenliegenden Nockenwelle bei der W800. © Richard A. Meinert
Verchromtes Blech, Faltenbälge und Drahtspeichen der Kawasaki. Verchromtes Blech, Faltenbälge und Drahtspeichen der Kawasaki. © Richard A. Meinert
Die W800 verfügt über simple, aber funktionale Armaturen. Die W800 verfügt über simple, aber funktionale Armaturen. © Richard A. Meinert
Café Racer sind genauso hip, wie das Viadukt in Zürich-Aussersihl. Café Racer sind genauso hip, wie das Viadukt in Zürich-Aussersihl. © Richard A. Meinert