Die Front ziert ein klassischer Rundscheinwerfer.
Die Front ziert ein klassischer Rundscheinwerfer. © Suzuki

Schlüsselerlebnis

Suzuki SV650

Von Daniel Riesen
14.06.2016 18:34:13

Die Suzuki SV650 ist wieder da. Der Mittelklasse-Roadster bietet Fahrvergnügen ohne Reue. Dank seines ausgeglichenen Charakters und des grandios günstigen Preises.

Man erkennt es sofort wieder, das Zündschloss. Es zierte unzählige Bikes von Suzuki in den letzten rund 20 Jahren, auch die SV650 einst, und oft gab es sich hakelig-sperrig. Jetzt findet man das Zünschloss wieder, an der SV650 von 2016. Das klingt trivial, scheint aber typisch für die gebremste Erneuerung der Marke in den Jahren seit der globalen Wirtschaftskrise von 2008/2009, die wohl keinem Töffhersteller so nachhaltig in die Glieder gefahren ist wie eben Suzuki.

Aber was soll’s, nicht alles am Töff muss neu erfunden werden. So sehr sich die Motorradwelt seit 1999 geändert hat, als Suzuki die SV650 lancierte, so sind die simplen Freuden des Töfffahrens die gleichen geblieben. Dafür war und ist die SV gemacht. 2009 machte Suzuki daraus die Gladius. Ein Bike mit weicher Formensprache, ein Töff für Frauen. Doch wer will schon ein Frauen-Motorrad? Kaum eine Frau und definitiv kein Mann. Mit der Evolution 2016 verabschiedet Suzuki den merkwürdigen Namen und die weiblichen Formen.

Suzuki preist den Motor als Alleinstellungsmerkmal an. Während andere Hersteller ganz pragmatisch und kostenbewusst auf zwei Zylinder in Reihe setzen, hält Suzuki am 90-Grad-V2-Motor fest. "Der V-Twin ist komplizierter und teurer", räumt Marketing-Mann Naoki Hirooka ein, "doch für uns überwiegen die Vorteile". Die sieht er einerseits in linearer Leistungsentfaltung und spezifischem Sound, anderseits in seiner schlanken Einbauweise.  Dank geringer Sitzhöhe und vorn schmaler – auf langer Fahrt kneifender – Sitzbank erreichen selbst Leute um 160 cm beidbeinig den Boden, wenigstens mit den Fussballen.

Die Sitzposition am nicht zu breiten Lenker ist entspannt. Das neu konzipierte Display verzichtet auf optischen Zauber, liegt gut im Blick und ist ordentlich ablesbar. Die Tankanzeige in Balkengrafik ist klein, doch in Kombination mit der Angabe der Restreichweite ergibt sich ein realistisches Bild, wie weit man mit dem 13,8-l-Tank noch fahren darf. Den Verbrauch gibt Suzuki mit unter vier Litern auf 100 km an.

Die Bedienelemente geben keinerlei Rätsel auf, schliesslich handelt es sich um einen Basis-Töff ohne teure elektronische Assistenzsysteme. Technisch hinter dem Mond ist die SV aber nicht, Suzuki erleichtert wenig Routinierten (und nicht nur ihnen) vielmehr mit kleinen technischen Kniffen das Leben. Dazu gehört die Start-"Automatik". Ein kurzer Druck auf den Anlasser reicht, danach regelt der Computer das Startprozedere, bis der Motor läuft.

V2: Schlicht, aber mit Manieren

Dies tut er auch bei kühlen Temperaturen ohne unangenehmes Anheben der Drehzahl – vergleichsweise gelassene 1500/min reichen. Darunter fällt die Drehzahl nie. Selbst wenn man beim Anfahren vergessen sollte, am Gasgriff zu drehen! Beim Einrücken der Kupplung passiert etwas mehr Luft die Drosselklappen, als dies bei zugedrehtem Gas eigentlich der Fall wäre. Daraus resultiert eine Art Anfahrautomatik, wie sie andere Bikes nur mit viel Motoren-Schwungmasse hinkriegen.

Der 76 PS starke V-Twin gibt sich manierlich. Ab 2000/min kann man in den Gängen eins bis drei problemlos fahren, in den oberen Schaltstufen sollten es für geschmeidigen Lauf 2500/ min sein. Bis etwa 4000/min gibt’s Lastwechselschläge aus dem Antrieb beim Gasgeben nach voll geschlossenem Gas. Darüber jedoch geht der Twin direkt und doch fein ans Gas.

Die gemässigten Vibrationen werden in angenehm pulsierender Form dargeboten. SV-Pilotinnen und -piloten werden von gefühllosen Fingern verschont, wie sie eifrig rotierende Vierzylindermotoren öfter erzeugen. Die Schaltung ist unauffällig gut, die Rutschkupplung verhindert ein stempelndes Hinterrad beim sportlichen Herunterschalten und macht die Bedienung der Kupplung leicht.

Der Mittelklasse-Roadster ist kein übereifriger Kurvensturzbomber, sondern ein besonnen reagierendes Motorrad. Es kippt auf Lenkimpulse nicht ab, geht neutral in Schräglage. Bei gutem Grip touchieren die "Angstnippel", rechts gleich darauf die Auspuffblende. Die Federelemente bieten Komfort, dafür muss allerdings auf etwas Präzision und Transparenz in der Rückmeldung verzichtet werden.

Soft gibt sich auch die Bremsanlage. Die Zweikolben-Schwimmsättel vorne packen zurück-haltend zu, so dass die softe Gabel nicht gleich voll wegsackt. Das ABS ist eher defensiv ausgelegt, die SV erspart Einsteigern bei harschen Bremsungen ein ansteigendes Heck.  Das ist sie nun also, die wiederauferstandene SV650. Der Schlüssel im "alten" Zündschloss hakelt übrigens nicht mehr...

Suzuki SV650


Hubraum: 645 ccm 
Leistung: 76 PS bei 8500/min 
Gewicht: 197 kg fahrfertig 
Preis: 5995 Franken 
Verkehrsabgabe: 60 bis 226.80 Fr./Jahr 


AUF DEN PUNKT GEBRACHT 
Die Suzuki SV650 ist in mehrfacher Hinsicht eine gute Basis. Für Novizen eine feine Grundlage für ein langes Töffleben. Für Routiniers ein Töff, der eigentlich fast alles kann, ausser lange Etappen zu zweit. 


PLUS-MINUS
+ Für Kurzbeinige gut geeignet 
+ Auch tieftourig kultivierter Euro 4-V2 
+ Grosser Seitenständer-Fuss 
+ "Anfahrautomatik" 
– Lastwechsel bei niedriger Drehzahl 
– Wenig integrierte Kühlschläuche 
– Sozius-Platz eher knapp 
– Nicht der leichteste Töff im Segment


IMPORT
Frankonia AG, 1580 Avenches, www.suzuki-motorcycles.ch

 

Zeitlose Roadster-Gestalt. Zeitlose Roadster-Gestalt. © Suzuki
Die Anzeige liegt gut im Sichtfeld und ist klar gegliedert. Die Anzeige liegt gut im Sichtfeld und ist klar gegliedert. © Suzuki
Von hinten sportlich - Rück- und Bremslicht mit LED. Von hinten sportlich - Rück- und Bremslicht mit LED. © Suzuki
Doppelzündung für effiziente Verbrennung. Doppelzündung für effiziente Verbrennung. © Suzuki
Konventionelle Telegabel, milde Doppelkolben-Bremsanlage. Konventionelle Telegabel, milde Doppelkolben-Bremsanlage. © Suzuki
Das Zünschloss ist ein Relikt. Immerhin hakelt es nicht mehr. Das Zünschloss ist ein Relikt. Immerhin hakelt es nicht mehr. © Suzuki