Der Cityhai

Govecs Go! 3.4

Von Simon Haltiner
15.05.2012 16:03:04

Denken Sie beim Stichwort «E-Mobilität» an lustige, kleine Plastikautos, die keinen Crashtest überstehen? Dann sollten Sie vielleicht umdenken.

m-way ist ein Unternehmen der Migros und das Schweizer Kompetenzzentrum für Elektromobilität», heisst es vielversprechend auf der Migros-Website. Darum nehmen wir uns ein Gefährt aus dem Sortiment zur Brust, das vom Elektrovelo bis zum Elektroauto mit Range-Extender reicht. Unser Kandidat hört auf den unorthodoxen Namen «Govecs Go! 3.4» und ist ein Roller aus deutscher Produktion. Nie gehört? Immerhin wurde er an der «Clean Week 2020»-Veranstaltung im Mai 2011 zum «European E-Scooter of the Year» gekürt. Und tatsächlich: Im Gegensatz zu den oftmals ulkigen Elektrovehikeln der letzten Jahre wirkt der Govecs richtig dynamisch und erwachsen. Einzig der Schriftzug «Electric» und der nicht vorhandene Auspuff entlarven ihn als E-Mobil. Sein Lithium-Polymer-Akku sorgt für ein überraschend geringes Gewicht von luftigen 120 kg, einen Topspeed von etwas über 80 km/h und eine Reichweite von 50 bis 70 km.

Als Benzin-Freaks sind wir natürlich gespannt auf unser erstes
Zusammentreffen mit der Antriebsform einer vernünftigen und sauberen Zukunft. Mit entsprechend gemischten Gefühlen drehen wir den Zündschlüssel und erwarten genau das, was dann geschieht: nichts. Oder fast nichts, denn auf dem LCD-Display in der speckig glänzenden Plastikoberfläche des Lenkers klettern die Balken des Akku-Ladestands, und die Geschwindigkeit «0» erscheint.

Da wir nicht zu den Ewiggestrigen zählen, die alles Fremde aus Prinzip verteufeln, üben wir uns in Optimismus. Im Wissen, dass der E-Motor im Vergleich zum Verbrenner ein drehfreudigeres Naturell und bereits ab Stand das volle Drehmoment bietet - im Fall des Govecs angeblich gewaltige 114 Nm -, erwarten wir als Entschädigung für das fehlende Konzert einen wahrlich mörderischen Antritt. Ein beherzter Dreh am Griff, und wieder geschieht nichts. Nur ein leises Summen ertönt, und wie von sanfter Geisterhand gezogen, beginnen wir langsam, aber sicher, Fahrt aufzunehmen. 30, 40, 50 km/h. Die Ziffern klettern immer schneller.

Das leise Summen weckt verblasste Kindheitserinnerungen an Autoscooter-Fahrten und wird bald vom Wind übertönt. Dieses lautlose Fahren bewirkt ein mulmiges, luftiges Gefühl. Abroll- und Holpergeräusche und vor allem der Fahrtwind sind ungekannt laut. Das sind gefühlt die schnellsten 80 km/h, die wir je erlebt haben. Doch man gewöhnt sich bald an diese Stille. Ganz im Gegensatz zu den anderen Verkehrsteilnehmern:

Die Fussgänger, die wegen des ohnehin fragwürdigen Vortrittsrechts total unaufmerksam über die Strasse irren, werden normalerweise dank der diffusen und medial geschürten Ängste vor Rasern durch Motorengeräusche aus dem Wachkoma gerissen. Doch mit dem Elektromobil besitzt man überhaupt keine Autorität mehr und wird, am Zebrastreifen in der Zürcher Bahnhofstrasse stehend, beinahe niedergetrampelt. Der Elektropilot muss also noch mehr für andere mitdenken als sonst. Dafür entschädigen zwei Dinge: erstens der ideelle und zweitens der monetäre Mehrwert.

Was den ideellen Mehrwert betrifft, so erfreut sich ein Mann mit einem einigermassen gesunden Hormonhaushalt natürlich am Klang einer fetten Harley. Doch im Ernst: Das nervöse Geknatter eines Scooters kann einem selbst und der lärmgeplagten Umgebung getrost erspart bleiben. Besonders im städtischen Stop-and-go-Verkehr. Dort wirken die mit einem Ölfeuer angetriebenen Fahrzeuge und deren Insassen plötzlich erschreckend primitiv, denn sie können ihre leistungsmässige Überlegenheit nicht nutzen, lassen stattdessen haufenweise ungenutzte Energie verpuffen und beheizen so die Umgebung.

Ende der öligen Steinzeit?

Im Gegensatz zu den Chromagnon-Menschen in ihren Blechkisten schwimmt man mit dem E-Roller lautlos und elegant im Verkehr mit und geniesst - sobald man das Getümmel verlässt - ein neuartig entspanntes Fahrgefühl, als würde man mit einem Segelflugzeug durch die Lande gleiten. Fantastisch! Und das Beste dabei: Man trainiert sogar seine Fahrfähigkeiten. Denn jeder kann mit einer 1000er schnell sein. Vor der Kurve hart bremsen, durch diese hindurcheiern und dann wieder Vollgas geben.

Doch der Elektroroller verfügt erstens über eine milde Beschleunigung, und zweitens reduziert ein solch brüsker Fahrstil - trotz der fortschrittlichen Bremsenergie-Rückgewinnung des Go! - die verbleibende Reichweite scheibchenweise. Deswegen versucht der ambitionierte Govecs-Pilot, möglichst viel Speed durch die Kurve zu retten, was natürlich nur mit haarsträubenden Schräglagen und waghalsigem Ausholen auf der Gegenfahrbahn einigermassen hinkommt.

Die stumpfen Bremsen und das hoffnungslos unterdämpft herumpolternde Fahrwerk tun ihr Übriges zur Verstärkung der Adrenalinschübe. Ja, dieser Roller bereitet tatsächlich eine Art von Spass, wenn auch eine sehr eigene. Doch abgesehen davon sprechen handfeste Argumente für ihn − womit wir beim Monetären wären. Im Vergleich mit den Klimaschändern liegt der Govecs Go! 3.4 mit 7790 Franken zwar klar im oberen Feld, doch wird sich die Investition hoffentlich dank des viel geringeren Wartungsaufwandes auszahlen. Denn der Antrieb ist nahezu wartungsfrei, und der Akku überdauert laut Herstellerangabe rund 50000 km. Das überträfe ohnehin die durchschnittliche Betriebsdauer eines Rollers.

Hinzu kommt natürlich das Hauptargument: die Treibstoffkosten. Eine Akkuladung beträgt sogar dann weniger als einen Franken, wenn man sich als grün-liberal Denkender den teuren, aber zertifizierten «naturmade star»-Ökostrom aus Quellwasser und Sonnenblumenkernen leistet. Der wiederum hinterlässt im Netz ein Vakuum, das wahrscheinlich von einem Kohlemeiler im Ruhrgebiet kompensiert wird, da wir ja gegen gefährliche Atomkraftwerke sind. 

Friede, Freude, Eierkuchen also? Fast, denn der Govecs besitzt auch gewisse Nachteile: Die angegebene Reichweite von 50 bis 70 km scheint er zwar wirklich zu erreichen, denn nach 25 km durch den Stadtverkehr und einem eher fordernden TÖFF-Tester im Sattel beträgt seine Restladung immer noch respektable 60 Prozent.

Nur gilt es zu berücksichtigen, dass aus nachvollziehbaren Gründen kaum jemand die volle Reichweite ausreizen will und des-wegen immer eine Restladung von vielleicht 20 Prozent einberechnen wird. Dadurch reduziert sich der praktikable Einsatzradius signifikant, und man sollte die bittere Pflicht wahrnehmen, stets die geplante Wegstrecke mit der Restreichweite zu vergleichen und allenfalls auf gewisse Ziele zu verzichten. Natürlich lebt man auch dann noch mit dem Risiko, -zwischendurch mal liegen zu bleiben, da man sich irgendwann seiner Sache sicher wähnt und sich dann wie ein Investmentbanker total verspekuliert. Immerhin ist der Akku an einer  220-Volt-Dose innert nur zwei Stunden bei 
85 Prozent und nach weiteren zwei bis drei Stunden komplett gefüllt.

Dennoch ist es eine wenig reizvolle Vorstellung, nachts an einer S-Bahn-Haltestelle einen Selecta-Automaten ausstecken und zwei Stunden lang mit Smirnoff trinkenden Teenies abhängen zu müssen, um danach die Heimfahrt fortsetzen zu können.

Also doch nichts?

Um ein Haar hätte uns die Reichweite auch die Freude an diesem E-Mobil vergällt, wäre da nicht etwas Entscheidendes, das es uns dennoch guten Gewissens empfehlen lässt: Es handelt sich um einen Roller. Und Roller werden erstens vorwiegend im städtischen Gebiet bewegt und zweitens selten mehr als 25 Kilometer pro Tag. So kann einem weder die bescheidene Fahrleistung noch der unvermeidbare Akku-Kapazitätsverlust bei zunehmendem Alter und tiefen Temperaturen etwas anhaben.

Dafür lächeln Links wählende Mütter - sofern sie einen früh genug bemerken -, und zur Tankstelle fährt man höchstens, um andere auszulachen.

Das alles macht den Go! zum idealen Nahverkehrsmittel für die Schweiz - dem Land des zelebrierten Schleichens. Sogar auf Stadtautobahnen lässt es sich trotz beschaulicher 85 km/h Topspeed entspannt mitrollen, ohne vom LKW angeschoben zu werden. Denn abgesehen davon, dass das Tempo auf einem Grossteil der Ringautobahnen mittlerweile auf 100 und 80 (oder Bern: 60) gedrosselt ist, steht man dort ohnehin meist im Stau.

Govecs Go! 3.4

  • Motor: Bürstenloser Motor, PMAC
  • Leistung/Drehmoment: 9.5 PS/114 Nm
  • Gewicht: 120 kg fahrbereit
  • Preis: 7790 Franken
  • Verkehrsabgabe: 0 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht
Der Roller ist konzeptbedingt das ideale E-Mobil. Der Go! 3.4 bietet praxistaugliche Reichweite und Leistung.

+ Taugt für den städtischen Nahverkehr
+ Anschaffungs- und Betriebskosten
+ Lautlos und sauber
+ Rassige Optik

- Für überregionale Fahrten ungeeignet
- Alter und Kälte reduzieren Kapazität
- Billig in Sachen Fahrwerk und Finish

Import
m-way AG, Flughofstr. 54, 8152 Glattbrugg,
Tel. 044 545 20 00; www.m-way.ch
Ab sofort in Silber, Blau und Weiss     

 


10 Fragen an m-way

1. Uns ist aufgefallen, das der Roller bergab bei geschlossenem «Gas» an Tempo gewinnt. Setzt die Rekuperation (Energierückgewinnung) erst bei der Betätigung der Bremsen ein?

Die Rekuperation wird vom Bremslichtschalter ge-
steuert. Von diesem erhält das Steuergerät das Signal für die Rekuperation.  

2. Der Go! verhält sich bei seiner Vmax bei etwa 80 km/h ähnlich wie ein Benziner, der in den Drehzahlbegrenzer läuft. Ergibt sich die Vmax aus der Leistung des Motors (7 kW), oder riegelt er künstlich ab, damit der Akku nicht überhitzt?

Die Vmax ist elektronisch geregelt. Es ist ein Kompromiss zwischen Vmax und Reichweite. Grund: Tempi über 80 km/h kosten überproportional viel Energie.

3. Wenn Sie den Go! 3.4 bezüglich Beschleunigung mit einem Benziner vergleichen müssten, welche Hubraumkategorie würde sich anbieten?

Aus dem Herstellerflyer haben wir folgende Zahlen entnommen: 045 km/h in ca. 5 sec. Der Go! 3.4 kann mit einem 125 cc (4T) verglichen werden und ist mit seiner Vmax (85 km/h) für die Autobahn zugelassen.

4. Wir haben festgestellt, dass die Ladung bei Temperaturen von unter 10 °C schwindet. Haben Sie Erfahrungswerte dazu, wie sich niedrige Temperaturen auf die Kapazität auswirken?

Bei niedrigen Temperaturen reduziert sich die Kapazität bei jedem Akku. Die Betriebstemperatur einer Li-Batterie liegt jedoch im Bereich von -25 bis 30 °C.

6. Welche Serviceintervalle sind einzuhalten, und welche Arbeiten werden ausgeführt? Mit welchen Inspektionskosten ist zu rechnen?

Herstellerangabe: Nach 500 km einfache Funktionskontrolle (ca. 15 Minuten Arbeit), dann alle 5 000 km Inspektion (ca. 30 Minuten Arbeit). Die Kosten trägt der Besitzer.

7. Was kosten ein Ersatzakku und dessen Einbau? Besteht eine Garantie, falls der Akku vor der angegebenen Laufzeit einen signifikanten Anteil seiner Kapazität einbüsst?

Der Akku kostet 2349 Franken; die Werksgarantie beträgt 24 Monate. Der komplette Einbau dauert ca. eine Stunde.

8. Wer übernimmt das Recycling der Akkus, und wie viele der Substanzen sind für einen neuen Akku wiederverwertbar?
Die Batterie wird von m-way zum Hersteller zurückgeschickt. Die Akku-Box kann wiederverwendet werden, die Lithium-Zellen werden recycelt.

9. Der Wirkungsgrad eines Benziners liegt bei maximal 35 % der zugeführten Energie, derjenige des Elektromotors kann mehr als 90 % betragen. Lässt sich der Gesamtwirkungsgrad beziffern, der sich von der Steckdose bis zum Antrieb ergibt? Beim Ladevorgang werden kaum 100 % der Energie übertragen, ebenso bei der Entladung.

Da wir den Go! 3.4 erst seit kurzer Zeit führen, sind noch keine Messungen vorhanden. Wir untersuchen aber alle unsere Produkte und kommunizieren diese Werte.

10. Was kostet eine Akkuladung durchschnittlich und ganz spezifisch bei Verwendung des «naturmade star»-Stroms?

Die Kapazität liegt bei 3 KWh. Eine Ladung kostet je nach Energieversorger jeweils weniger als einen Franken.     

Der Govecs ist voll der Cityhai: Er ist Nichtraucher, er ist rücksichtsvoll leise, und er schaut einfach gut aus. Der Govecs ist voll der Cityhai: Er ist Nichtraucher, er ist rücksichtsvoll leise, und er schaut einfach gut aus.
Zero Emission: Schont Umwelt und Mitbürger. Zero Emission: Schont Umwelt und Mitbürger.
Funktional: Digitaltacho mit Ladestandsanzeige. Funktional: Digitaltacho mit Ladestandsanzeige.
So muss es sein: Kabel immer dabei. So muss es sein: Kabel immer dabei.
Geht gar nicht: Adapter für den 7790-Franken-Roller. Geht gar nicht: Adapter für den 7790-Franken-Roller.
Der grüne Button macht unwesentlich langsamer und vergrössert die Reichweite. Der grüne Button macht unwesentlich langsamer und vergrössert die Reichweite.
Funky: Die trendige Wave-Disc will einen satten Händedruck. Funky: Die trendige Wave-Disc will einen satten Händedruck.
Kleinserie? Liebevoll gefrästes Motorgehäuse. Kleinserie? Liebevoll gefrästes Motorgehäuse.