Die passende Ducati für Schlammfahrten.
Die passende Ducati für Schlammfahrten. © Marco Zamponi

Viva la Dirt

Ducati Multistrada Enduro

Von Michael Kutschke
14.07.2016 17:14:00

Ein sauberes Motorrad und eine schmutzige Wahrheit: Bologna entdeckt die Lust an Ferkeleien.

Ich freue mich auf den Schlamm wie ein Paar neue Gummistiefel. Aber darf ich eine edle Diva aus Bologna von oben bis unten einsauen? Ich darf! Was früher bei einer Weltpräsentation ein Sakrileg war, sorgt plötzlich sogar für Beifall der Ducati-Bosse. Will man mein Schweineglück beschreiben, dann am besten mit diesem Augenblick.

Einmal quer durch den Schlamm, bitte!

Mit gespanntem Gashahn und meterhoch Erde schaufelndem Stollenpneu habe ich ein riesiges Schlammloch im Visier. Schmutz stärkt die Abwehrkräfte, hat man sich in Bologna wohl gedacht. Das können sie haben: Es spritzt bereits bis über das Windschild! Der Ort des Frevels: südlich von Cagliari (Sardinien). Die Stollen des Pirelli Scorpion Rallye haben eigentlich immer Grip, in diesem Schmodder jedoch will das Vorderrad schon mal wegdriften. Aber das 254-kg-Grosskaliber mit 30 Liter Sprit an Bord lässt sich gut wieder einfangen. Dieser Ritt auf der neuen Multistrada 1200 Enduro ist, auch ohne mein provoziertes Bad in der Suhle, ein Meilenstein in der 90-jährigen Ducati-Geschichte. Denn diese Rote will eine richtige Enduro sein, eine, die über Stock und Stein fahren, durchs Wasser waten und steile Hügel erklimmen kann. Aber werden die Erfolge der Bologneser auf Asphalt reichen, um auch offroad bestehen zu können?

Verdreckte Ermittlungen

Es dauert keine Sekunde mehr, dann geschieht etwas Skandalöses, dann patscht die Diva voll ins Schlammloch... jetzt taucht sie tief ein, alles ist nur noch Dreck. Ein schweinisches Gewälze in einer Suhle. Nun ist sie von oben bis unten mit Modder bedeckt.

Da rauf? Klar! Ein Ducati-Mitarbeiter deutet gleich darauf auf einen sich vor uns aufbauenden Berg. "Der Fotograf? Da oben? Das gabs bei Ducati noch nie!", höre ich es zwischen dem sonorem Bollern der Multi raunen. Wieso eigentlich nicht... das erste Hindernis entpuppt sich als einfache Übung. Doch dann folgt ein fahrtechnisch anspruchsvoller Bereich, eine Steigung, die es in sich hat. Auch wenn 30 km/h für eine Duc nicht nach viel klingt, im Gelände, gespickt mit tonnenweise losem Geröll und Felsabsätzen, kommt einem das wie Lichtgeschwindigkeit vor.

Die "Diva di Bologna" scheint ihr schmutziges Landleben regelrecht zu lieben: Der erste Gang wurde kürzer übersetzt und Tempo 20 im Gelände ist selbst im zweiten Gang (bei 1500 Umdrehungen) kein Problem. Sogar Sprünge in Senken hinein verkraftet die Italienerin klaglos. So macht das Belladonna-Dasein mehr Spass, als nur auf urbanen Flaniermeilen herumzuposen. Die 52 Kilometer lange Geländestrecke, welche Ducati auf Sardinien ausgewählt hat, kann man jedenfalls durchaus als anspruchsvoll bezeichnen, schwierigeres Terrain möchte man mit einem Motorrad dieses Kalibers auf Dauer wirklich nicht befahren. Mir scheint, als sei die Belladonna vollends zu einem Erdferkel mutiert, einem, das weder den harten Einsatz an zerfurchten Steilhängen, Endurowandern über loses Geröll, noch den erbaulichen Drift auf kurvigen Schotterpässen fürchtet. Ihre Geländetauglichkeit jedenfalls ist unerwartet gut – so gut, dass sie sogar die Adventure-Bikes der Bayern und Ösis angreifen kann (dies und anderes werden wir in  einem baldigen Vergleichstest herausfinden).

Diva di Bologna, Version Erdferkel

Dabei ist die Basis der Multistrada mit den schmutzigen Fantasien eigentlich ein Landstrassenmotorrad, wenn auch ein sehr gutes, nämlich die seit zwei Jahren bekannte Multi­strada 1200 S. Aber Vorsicht. Denn genau die – und nicht etwa die 1299 Panigale, ist das am höchsten technisierte Modell aus dem Hause Ducati: 160 PS, Desmodromik, variable Ventilsteuerzeiten, Anti-Hopping-Kupplung, Tempomat, Wheeliekontrolle, schräglagentaugliche ABS-Stopper und Traktionskontrolle, LED-Kurvenlicht, semiaktives Fahrwerk, Heizgriffe...

Es mussten eigentlich nur das Motormapping, die Getriebeübersetzung, die Federelemente und die Schwinge für den Offroad-Einsatz modifiziert werden. Im Gegensatz zu ihren Strassen-Schwestern, verfügt die Enduro nun über eine konventionelle Zweiarmschwinge und 30 mm mehr Federweg. Es wurden ferner Adaptionen an den Skyhook-Algorithmen des E-Fahrwerks vorgenommen und obendrauf gibt es noch einen Berganfahr-Assistenten (Hill Hold)...

Ich könnte noch seitenweise auf die Technik-Gimmicks im Detail eingehen – allein für das Dashboard, das Unmengen an Infos und die vier einfach zu wechselnden Fahrmodi anzeigt, könnte man eine Seite füllen. Schluss damit! Jetzt wird wieder gefahren! Und zwar eine 140-km-Runde auf gutem Asphalt.

Glutprobe im Asphaltlabyrinth

Ich brate ohne Zögern und Halten über die kurvigen Strecken Sardiniens. Sie lenkt präzise ein, gibt transparente Rückmeldungen und hält sauber und stabil jede anvisierte Linie. Die langen Federwege (205 / 200 mm) lassen die Pistenmulti geradezu über unebene Landstras­sen schweben. Das Grundsetup der Federung macht im Touring-Modus einen sehr komfortorientierten Eindruck. Hartes Anbremsen vor Serpentinen quittiert sie denn auch, ganz endurotypisch, mit dem Abtauchen der Front. Zappt man in den Sport-Modus, mindert sich dieser den langen Federwegen geschuldete Effekt deutlich ab. Dann benimmt sich die "Endurostrada" (zumindest in nicht zu weiten Bögen, welche man mit 180 km/h durcheilen kann) nicht nennenswert schlechter als bisherige Multistradas.

Besonders erfreulich ist, dass die Kraft- und Saftlosigkeit, welche die TÖFF-Testcrew der Multistrada 1200 S beim Vergleichtest auf der Alpenchallenge 2015 im mittleren Drehzahlbereich quittierte, völlig verschwunden ist. Ein neues Motormapping schafft Abhilfe (auch für alle Multistradas mit variabler Ventilsteuerung DVT verfügbar). Ergo: Umbesohlt auf den eher asphaltorientierten Pirelli Scorpion Trail, macht die Neue auch auf Asphalt schweinisch Spass. Ducatis Pistensau wird zur Megastrada, der es auf Landstrassen gar nicht schnell genug gehen kann. Ich muss höllisch aufpassen, dass die Aluboxen (Made by Touratech, inkl. Topbox 123 Liter Stauraum) nicht aufsetzen.

Viva la Dirt – viva la Megastrada

Breite Sitzflächen, eine aufrechte Sitzposition, viel Stauraum, Zubehör und Extras wie Sitzheizung oder ein Navigationssystem machen die Adventurebikes besonders attraktiv. Auch die neue Multistrada 1200 Enduro. Und für den ersten Aufschlag eines Herstellers in einem neuen Segment ist dieses Motorrad fast ein Wunderwerk geworden. Die Italienerin kombiniert gute Gelände- und Strasseneigenschaften mit Multifunktionalität und ist dabei noch betörend schön. Da haben wir die Sauerei: Viva la Dirt! Saubere Diva war gestern.

Aber auch aus der leidigen GPS-Nummer kommt die Abenteurer-Multi leider nicht sauber raus, denn geboten wird die nicht mal halbfertige Lösung, über welche man sich schon lange bei den Strassenschwestern amüsiert: Das Navi im Tankrucksack! Für ein Adventure-Bike kann so etwas wohl kaum als ernstgemeinte Lösung gelten. Nun, konstruktiv bedingt, findet man bei allen Multistradas kaum einen guten Platz fürs Navi. Bliebt also nur, die GPS-Funktion elegant ins bestehende Cockpit zu integrieren. Vielleicht sogar per Software-Update? Zuzutrauen wäre es den Italienern, so innovativ wie man sich in Sachen "Adventure" bei Ducati mittlerweile zeigt.

Was sonst noch aufgefallen ist

Für den Enduroeinsatz ist der Fussbremshebel durch Drehen in der Höhe verstellbar. 

Der Schalthebel kann im Sturzfalle wegklappen.

Die Hebelverhältnisse des Hauptständers gehen in Ordnung, der Töff lässt sich gut aufbocken.

Wer Spannung braucht, kann in die Bordsteckdosen greifen. Davon gibt es drei: Einen USB-Anschluss fürs Handy und eine 12-V-Steckdose unter dem Beifahrersitz sowie eine weitere 12-V-Dose neben dem Dashboard. 

Mit montierten Alu-Boxen (Zuladung: 5 Kg pro Box) sind maximal 180 km/h erlaubt.

Die Vorderbremse packt gut zu. Jedoch bei niederen Tempi im Gelände (wenn das ABS nicht optimal eingreifen kann) zu bissig und deshalb mit grosser Vorsicht zu betätigen.

Im Sport- und Enduromodus hat das Kombi-ABS-System keinen Überschlagschutz! Und: Wer die Vorderbremse zieht, verzögert das Hinterrad mit, nicht aber umgekehrt.

Im Enduro-Modus ist das ABS am Hinterrad permanent deaktiviert. Dies ist z.B. bei der neuen Triumph Explorer besser gelöst (zusätzlich anwählbarer ABS-Enduro-Modus).

Das semiaktive Fahrwerk erkennt den Beladungszustand nicht automatisch (wie z.B. bei KTM) – er muss manuell vorgewählt werden.

 

Ducati Multistrada 1200 Enduro

Hubraum: 1198 ccm
Leistung: 160 PS bei 9500/min
Gewicht: 254 kg fahrfertig 
Tankvolumen: 30 Liter
Lenkkopfwinkel: 65 Grad
Sitzhöhe 870 mm
Schrittbogenmass: 1965 mm
Preis: Ab 21 990 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 396.90 Fr./Jahr


Motor: Flüssigkeitsgek. 90°-V2-Viertakter, DOHC (Zahnriemen), 4 Ventile/Zyl., variable Steuerzeiten, Bohrung × Hub 106 × 67,9 mm, 1198 ccm, Verdichtung 12,5. Elektronische Einspritzung/Zündung, elliptische Drosselklappen, Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 160 PS bei 9500/min, 136 Nm bei 7500/min.

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, 48-mm-USD-Gabel voll einstellbar (elektrisch), Alu-Zweiarmschwinge mit direkt angelenktem Monofederbein, voll einstellbar (elektrisch). Vorne Doppelscheibenbremse (320 mm), radial montierte Vierkolbenzangen, hinten Einzelscheibe (265 mm), Zweikolbenzange. Aluspeichenräder 3.00-19 und 4.50-17. Bereifung 120/70-19 und 170/60-17.


Auf den Punkt gebracht:
Die Ducati Multistrada Enduro hat ein enormes Potenzial und überraschend gute Offroad- und Strasseneigenschaften.

Plus-Minus:

+ Windschutz, Ergonomie
+ hervorragend vorkonfigurierte Fahrmodi
+ Überraschend gute Geländetauglichkeit
+ Schmaler Auspuff, hohes Stauvolumen
+ Motorleistung, gepflegte Laufkultur 
– Kein Quickshifter, kein Platz fürs GPS
– Keine automatische Blinkerabschaltung
– Sitz nicht in Höhe verstellbar

www.ducati.ch


Die Fussrasten sind gezackt, der Fussbremshebel ist verstellbar und der Ganghebel ist klappbar. Die Fussrasten sind gezackt, der Fussbremshebel ist verstellbar und der Ganghebel ist klappbar. © Marco Zamponi
Die Enduro bietet 30 mm mehr Federweg, 31 cm Bodenfreiheit, ein 19-Zoll-Vorderrad und am Heck eine stabile Zweiarmschwinge. Die Enduro bietet 30 mm mehr Federweg, 31 cm Bodenfreiheit, ein 19-Zoll-Vorderrad und am Heck eine stabile Zweiarmschwinge. © Marco Zamponi
Die Hinterradführung übernimmt an der Enduro eine stabile Zweiarmschwinge. Die Hinterradführung übernimmt an der Enduro eine stabile Zweiarmschwinge. © Marco Zamponi
Die Enduro macht mit passender Bereifung auch auf Asphalt Laune. Die Enduro macht mit passender Bereifung auch auf Asphalt Laune. © Marco Zamponi
4-in-1-Motorrad. Hier steht es schwarz auf weiss. 4-in-1-Motorrad. Hier steht es schwarz auf weiss. © Marco Zamponi
Die Multi ist jetzt auch für Lagerfeuerromantik an einem lauschigen Waldplätzchen zu haben. Die Multi ist jetzt auch für Lagerfeuerromantik an einem lauschigen Waldplätzchen zu haben. © Marco Zamponi