Wildfang

Aprila Dorsoduro 1200

Von Simon Haltiner
07.08.2012 12:48:54

Aprilia baut die stärkste und schnellste Supermoto aller Zeiten. Das sind überzeugende Argumente, um sie einem ausgiebigen Test zu unterziehen.

 

Tue Gutes und rede darüber. Getreu diesem Motto laden die Hersteller bei jedem noch so vernachlässigbaren Facelift die versammelte Presse ein. So wurde etwa die zweijährige Aprilia Dorsoduro 1200 aufgepeppt und mit viel Tamtam in Sizilien vorgestellt (TÖFF 5/12). Bei näherem Hinsehen beschränken sich die angepriesenen Änderungen jedoch auf einen Satz leichtere Felgen, neue Motorenmappings und ein paar optische Retuschen. Nicht gerade die Art von News, die die Szene bewegt. Umso gespannter waren wir, ob diese Updates den von den Marketingleuten versprochenen Effekt mit sich bringen. Nur schon wegen der Aussicht, mit einem solchen Wildfang rund um den Ätna brettern zu können. Nur sollte es nicht so weit kommen: Die Temperatur fiel gegen null, der Himmel öffnete seine Schleusen, und wir verbrachten die Nacht am Flughafen. Dumm gelaufen. Heute, ein Vierteljahr später, gehen wir endlich der unbeantworteten Frage auf den Grund, die seither die Menschheit beschäftigt: Bewirken ein Satz neuer Räder und ein paar Aufkleber tatsächlich einen so grossen Unterschied, dass es sich darüber zu berichten lohnt? Wir glauben, Sie kaufen uns die Erklärung ab, weshalb wir diese scharfe Aprilia nun testen müssen. Selbstverständlich hätten wir das bei jedem Mittelklasse-Cruiser auch getan

Dorsoduro − Klappe, die Zweite

Es gibt Bikes, da setzt man sich drauf und fährt los, ohne eine Ahnung zu haben, was sich darin verbirgt. Diese Aprilia zählt nicht dazu. Nach dem Erklimmen der für das starke Geschlecht konzipierten Sitzbank (890 mm) greifen wir nach dem ideal gekröpften und ziemlich breiten Lenker. Der bringt uns in eine unternehmungslustige Haltung und lässt erahnen, dass einem ein hohes Mass an Fahrzeugbeherrschung verliehen wird. Auf diesem Sitz fühlt man sich ungewohnt muskulös, was nebenbei dem Ego ganz gut bekommt. Für Supermoto-Verhältnisse ungewohnt sind auch die gespreizten Haxen und der sich wuchtig auftürmende Tank: So erscheint die Dorso aus der Egoperspektive eher als Naked-Bike denn als Enduro mit Strassenreifen, wonach sie ja eigentlich aussieht. Neben diesen Eindrücken kommt eine weitere Komponente hinzu, die alle Enduro-Attribute als reines Styling entlarvt: das Gewicht. Verständlich, verschweigt Aprilia dieses auf der Website, denn mit 220 Kilogramm ist die Dorso so etwas wie der Flugzeugträger unter den Supermotards.

Wir führen den Schlüssel ein, bestaunen das grosse, rot leuchtende Display und drücken auf den Startknopf. Energisch trommelt der regelmässige Doppelbass aus den Endtöpfen. Aha, wieder scheint ein italienischer Zulassungsbeamter einen Umschlag eingesteckt zu haben. Gang rein und los! Die hydraulische Kupplung ist gut dosierbar und nicht butterweich. Auch das Getriebe will einen dezidierten Schaltimpuls. Egal, wir sind ja keine Susis. Die Schaltbox lässt sich sauber zappen, und der Leerlauf ist sogar auffindbar. In der Stadt benimmt sich die Dorso entgegen der extrovertierten Akustik erstaunlich zivilisiert. Sogar die Vibrationen halten sich dank der Rastengummis in Grenzen und fühlen sich sogar angenehm massierend an. Die Sitzbank ist überraschend bequem, die Haltung also entspannt. Sogar ein Minimum an Windschutz spendiert das Mikroscheibchen mit den pfiffigen Luftkanälen. Und auch der Sozius entspricht den Genfer Konventionen, wenngleich wir dem Beifahrer eine feuerfeste Hose empfehlen. Wir staunen: Die stärkste Supermoto der Welt ist eigentlich ein prima Fahrschultöff. Natürlich nur, wenn man grossgewachsene Schüler damit fahren lässt.

Haufenweise Machopotenzial

Unterwegs durch die Stadt fallen zwei Dinge auf. Erstens: Man verdreht ungewohnt vielen Frauen den Kopf. Der Dorsodurist wirkt nämlich athletisch und verwegen wie ein Motocrosser, doch sein Töff ist grösser und dadurch männlicher. Er bietet gefühlt mindestens das Machopotenzial eines fetten Cruisers, jedoch ohne mit dem Handling einer Landmaschine leben zu müssen. Zweitens: Man vergisst im Schnarchverkehr beinahe, womit man unterwegs ist: mit einem enormen, 130 PS starken 1200-Kubik-Twin! Das waren vor nicht allzu langer Zeit alles andere als umgängliche Triebwerke. Untertourt rappelten sie unwillig, legten dann plötzlichmit einem satanischen Antritt los und rannten wenig später in den Begrenzer. Zudem bewirkte die heftige Motorenbremse manch unfreiwilligen Anbremsdrift und damit zünftige Adrenalinschübe.

Von diesen Marotten ist der von Aprilia entwickelte 90-Grad-V2 nahezu komplett befreit. Der Fahrer funkt mit dem Gasgriff seine Wünsche zum Computer. Dieser wiederum bedient Drosselklappe, Einspritzung und Zündung und ist bemüht, den Motor das tun zu lassen, was der Fahrer wünscht. Resultat: Der Twin lässt sich sogar innerorts im letzten Gang bei 2000/min fahren und beschleunigt brav bollernd wie ein Single. Egal, wie tief die Nadel fällt − ein Dreh, und die Aprilia beschleunigt mit dem gewaltigen Schub eines Güterzugs. Ab 4500/min gesellt sich ein kehliger Unterton dazu, und der V2 dreht rabiat bis 9500/min ohne einen Anflug von Müdigkeit. Ein gewaltiger Motor, leider auch mit einem entsprechend gewaltigen Durst: Acht Liter fallen sogar in der Schweiz an, woderartige Motoren die Leerlaufdrehzahl nur unwesentlich überschreiten dürfen.

Das elektronische Motormanagement offeriert drei Mappings, wobei «Sport» eine aggressive und «Touring» eine sanfte, praxistauglichere Gasannahme herbeiführen.«Rain» kappt die Leistung und ist für nichts gut, ausser als beeindruckendes Beispiel dafür, wie sehr ein paar Bytes einen Motor zu kastrieren vermögen. Diese Aprilia zeigt, was herauskommt, wenn man sich eine Supermoto mit schier unendlicher Leistung wünscht.

Darf es deutlich mehr sein?

Dass dies nicht ohne Folgen für Gewicht, Handling und Reichweite geht, liegt auf der Hand. Insofern darf die Dorso als Sinnbild für eine Gesellschaft gelten, die überall «s Föifi und s Weggli» will und partout auf nichts verzichten kann. Eine Supermoto mit 130 PS und über 220 km/h Topspeed, das ist wie Abenteuerurlaub mit Satelliten-TV und Wasserbett. Ebenfalls dem Zeitgeist entspricht, dass Aprilia den Leistungsoverkill nicht ohne (abschaltbare) elektronische Aufpasser auf den Fahrer loslassen will.

Das Resultat? Eine riesige, übergewichtige «Maximoto» mit dem stabilen Fahrverhalten eines Naked-Bikes, die obendrauf vom Computer genau dann eingebremst wird, wenn man am Kurvenausgang genüsslich zum Wheelie ansetzt. Bumm, Rad runter: Koitus interruptus. Spätestens jetzt sollte man sich als Liebhaber puristischer Konzepte mit Grausen abwenden.

Dennoch lieben wir diese Maschine. Aber warum? Es scheint, als könnten die Italiener so viel Elektronik hineinstopfen, wie sie wollen – sie erreichen nie eine seelenlose Sterilität. Denn gute Manieren hin oder her: Sobald man die Dorso von der Leine lässt, sind alle Bedenken augenblicklich wie weggeblasen. Sie lässt sich in enge Kehren knallen, dass man vor Vergnügen in den Helm brüllt. Die aufmerksame Traktionskontrolle schenkt einem Mut, nochmehr Gas zu geben. In Schräglage spürt man, wie der Hintern «weggeht», und man bückt sich über den Lenker. Das ist Supermotofahren! Dazu verzögern die Brembos mit aufwendigem Zwei-Kreis-ABS von Conti Teves dank Stahlflex präzise und selbst bei erwachsenen Tempi so gewaltig, dass das Heck steigt. Aprilia verzichtet auf einen Überschlagschutz, dafür öffnet das ABS nie unerwartet die Beläge.

Und was ist mit den neuen Felgen? Der Unterschied ist im Direktvergleich fühlbar. Vom Mapping haben wir nichts bemerkt, und ja, die Farbe ist tatsächlich anders. Aber wie dem auch sei: Wir finden es super, dass wir über diese Modellpflegemassnahmen berichten dürfen.  

Aprilia Dorsoduro 1200 2012

  • Hubraum: 1197 ccm
  • Leistung: 130 PS bei 8700/min
  • Gewicht: 220 kg
  • Preis: 14 990 Franken
  • Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr
Motor
Flüssigkeitsgekühlter 90°-V2-Viertakter, DOHC (Zahnräder & Ketten), 4 Ventile/Zyl., Bohrung×Hub 106×67,8 mm, Verdichtung 12. Ride by Wire, 3 Mappings, TC; hydr. Nasskupplung, 6 Gänge, Kette; 130 PS bei 8700/min, 115 Nm bei 7200/min

Fahrwerk
Stahlgitterrohr-Alu-Verbundrahmen, 43-mm-USD-Gabel (Sachs), komplett einstellbar, Alu-Schwinge, direkt angelenktes, dezentriertes Federbein (Sachs), komplett einstellbar; vorne Doppelscheibenbremse ∅ 320 mm, radial montierte Vierkolbenzangen (Brembo), hinten Scheibenbremse ∅ 240 mm, Einkolbenzange (Brembo), Stahlflex, ABS; Leichtmetall-Gussräder; Bereifung 120/70-17 und 180/55-17

Abmessungen
Tankvolumen 15 l, Schrittbogenmass
1920 mm, Lenkerinnenbreite 540 mm

Auf den Punkt gebracht
Die 130-PS-Supermoto wird dank TC zumutbar und beweist, dass Sicherheit und Spass sich nicht ausschliessen müssen.

+ Endlose Power, jederzeit und überall
+ Effiziente Traktionskontrolle
+ Extrem, aber dennoch sehr vielseitig
+ Edle Details, gute Verarbeitung

- Kleine Reichweite, durstig
- Hohes Gewicht
- Traktionskontrolle verhindert Wheelies

Import
Ofrag Vertriebsg., Hübelacherstr. 1, 5242 Lupfig, Tel. 056 202 00 00; www.aprilia.ch Ab sofort in diversen Farben lieferbar.

 

Keinen Aufwand gescheut: Wir sind zum Vergleich auch das letztjährige Modell gefahren. Keinen Aufwand gescheut: Wir sind zum Vergleich auch das letztjährige Modell gefahren.
Obschon Aprilia zum riesigen Piaggio- Konzern zählt, baut die Marke extreme Bikes mit Charakter. Obschon Aprilia zum riesigen Piaggio- Konzern zählt, baut die Marke extreme Bikes mit Charakter.
Die Brembos und die 2012 neu um fast drei Kilo leichteren Felgen. Die Brembos und die 2012 neu um fast drei Kilo leichteren Felgen.
Komplette Infozentrale mit allen Daten ausser Umgebungstemperatur. Komplette Infozentrale mit allen Daten ausser Umgebungstemperatur.
Unverwechselbare Lampenmaske mit kleinem, aber erstaunlich effektivem Windschild. Unverwechselbare Lampenmaske mit kleinem, aber erstaunlich effektivem Windschild.
Die Farbaufteilung ist neu für 2012 und lässt die Dorsoduro noch dynamischer erscheinen. Die Farbaufteilung ist neu für 2012 und lässt die Dorsoduro noch dynamischer erscheinen.