Wutprobe

KTM 1290 Super Duke R

Von Michael Kutschke
09.02.2017 16:36:39

Angriffiger, sportlicher und doch umgänglicher: Showdown der neuen KTM 1290 Super Duke R auf dem Losail International Circuit in Katar.

Es gibt mehrere Wege, mit Wut umzugehen. Ein gängiger Ansatz, den viele gutheissen, ist, seine Wut zu verstecken. Ein weiterer Ansatz, mit Wut umzugehen, ist, sie auszuleben. Zweiteres, nämlich "Hau drauf und Schluss" scheint seit jeher eher die Philosophie der österreichischen Töffschmiede KTM zu sein. Bereits 2005 mischte die erste Super Duke die Motorradwelt gehörig auf. Elf Jahre also ist es her, dass KTM mit der 990er Super Duke erstmals ihr radikales Zweizylinder-Naked-Töffkonzept auf die Räder gestellt hat. Mit 120 PS und 100 Nm verführte die Landstrassengranate von Anfang an zu einem rotzfrechen Fahrstil, dem weder das hervor­ragende WP-Fahrwerk noch die Bremsen irgendwelche Grenzen setzten. 

Das Böse ist immer und überall

Böse waren die Super Dukes schon immer, aber manchmal halt auch zu ihren Piloten: Motorvibrationen, Teillastruckeln und harte Gasannahme aus dem Schiebebetrieb waren nicht jedermanns Sache. Die Asphalt-Wüteriche aus Mattighofen sind mit jedem Update gefälliger geworden – ohne jedoch zu verraten, was eine KTM ausmacht: Wheelen, Kurvenbolzen und Superbikes erschrecken. Also sorgten die Österreicher bei jeder neuen Generation für mehr Leistung. Dass auch die 2017er Super Duke nicht nur Detailverbesserungen erfahren hat, sondern umfassend überarbeitet wurde, darauf hätten die KTM-Offiziellen bei der Präsentation auf dem Losail International Circuit in Katar also gar nicht ex­tra hinweisen müssen. Die neue 1290 Super Duke R bleibt ganz die alte und ist doch rundum ein neues Motorrad. 

Kantig, zierlich, geil! Das Heck wurde drahtiger, die Tankverkleidungen länger. Neue LED-Scheinwerfer schmücken die Front. Kurven-ABS, optimierte WP-Federelemente, Reifendruck-Kontrollsystem, hinterleuchtete Menüschalter an der linken Lenkerarmatur, Tempomat (von 40 bis 200 km/h) sowie ein schlüsselloses Transpondersystem und ein neues TFT-Cockpitdisplay sind nun Serie. Eine neue Ergonomie sowie der überarbeitete LC8-V2 mit Titan-Einlassventilen, höherer Verdichtung und kürzeren Einlasskanälen sollen die Super Duke noch sportlicher machen.

Aber damit nicht genug – denn auch die WP-Gabel in Split-Bauweise mit getrennten Dämpfungskreisen, besitzt jetzt härtere Federn und ein sportlicheres Grund-Setup mit vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten. Auch das WP-Federbein bekam eine härtere Feder spendiert. Darüber hinaus haben Käufer der neuen Super Duke R nun die Möglichkeit, ihr Bike mit zwei Sonderausstattungspaketen auszubauen: das "Performance Pack" beinhaltet einen bidirektionalen Quickshifter, die Motorschleppmoment-Regelung (MSR) und eine Smartphone-Integration (KTM My Ride). Das optionale "Track Pack" umfasst einen Track-Fahrmodus für die Rennstrecke mit abschaltbarer Anti-Wheelie-Funktion, Launch-Control und frei wählbarer Schlupfanpassung der Traktionskontrolle für spektakuläre Slides. 

Mehr als nur cholerisch

Schon auf den ersten Metern die Offenbarung: Die Sitzposition ist geduckter, vorderradorientierter. Dass der breitere Lenker die ohne­hin schon sehr gute Handlichkeit der Super Duke noch zusätzlich fördern soll, liegt auf der Hand. Der neue, 20 mm breitere Lenker ist in vier Positionen über einen Bereich von 22 mm in Längsrichtung einstellbar und nun 5 mm tiefer und 18,5 mm weiter vorn angeordnet. Bei Renntempo kann diese breite Segelstange aber etwas zu viel des Guten sein, da jede kleinste Zuckung des Piloten ins Chassis geleitet wird. Doch dazu später mehr.

Deutlich geschmeidiger setzt der V2 jetzt sein ungeheures Wutpotenzial aus niedersten Drehzahlen frei. Bereits ab 2750 Touren stehen dem Super-Duke-Piloten fette 100 Nm Drehmoment zur Verfügung – ab 6750 U/min ziehen brachiale 140 Nm an den Armen. Ansaugresonatoren und verkürzte Ansaugwege eliminieren harte Lastwechselreaktionen und Konstantfahrruckeln endgültig. Als aussergewöhnliche Ingenieursleistung darf dabei gelten, dass das V2-Kraftpaket trotz verschärfter Euro-4-Emissionswerte jetzt sogar fünf PS mehr abdrückt. Der kompakte Vierventiler schöpft imposante 177 PS aus 1301 ccm Hubraum. Und das alles bei 195 Kilo Trockengewicht. Muss man da noch mehr sagen? Ja, man muss … An Gewalt hat die 1290er trotz der neuen Motorharmonie überhaupt nichts eingebüsst. Der nackte Ösi-Wüterich zieht brachial durch das gesamte Drehzahlband – gibt sich jedoch selbst in kritischen Fahrsitua­tionen immer gutmütig und berechenbar. 

Aggressionsmanagement

Die elektronischen Fahrassistenzsysteme der KTM machen es möglich, denn sie vermitteln jederzeit ein souveränes Gefühl von Sicherheit und Kontrolle – sogar im verschärften Rennstreckenfight. Die Österreicherin stellt ihrem Fahrer drei wählbare Fahrmodi zur Verfügung: Street und Sport mit 177 sowie Rain mit 130 PS. Die Motorrad-Traktionskontrolle passt sich dabei wie gehabt den vorgewählten Motormappings mit unterschiedlich viel Antriebsschlupf am Hinterrad an. Im zusätzlichen, aufpreispflichtigen Track-Fahrmodus lassen sich übrigens die Anti-Wheelie-Funktion und die Launch-Control abschalten sowie der Schlupf der Traktionskontrolle frei wählen. 

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr

Die Super Duke ist ja eigentlich ein Landstrassenmotorrad. Insofern sind ihre guten Charaktereigenschaften bei dem in Losail vorgelegten Renntempo besonders bemerkenswert: Zum Beispiel, dass trotz des agilen Handlings die Hochgeschwindigkeitsstabilität nicht leidet. Einlenkmanöver gehen flink von der Hand und der Lenkungsdämpfer macht sich beim Anreissen aus den engeren Kurven sehr nützlich. Messerscharf, gutmütig und berechenbar folgt die Super Duke jeder eingeschlagenen Linie. Bodenwellen? Die neuen Federelemente erledigen ihren Job souverän, die KTM bleibt stoisch auf Kurs, sie lässt sich selbst eingebremst in Schräglage noch präzise auf der vorgescannten Linie halten. Zwischenfazit: Man kann dem Naked-Bike also selbst bei Geschwindigkeiten über 260 km/h ein tadelloses, neutrales Fahrverhalten ohne zappelige Nervosität bescheinigen. Und wenn du meinst, es geht nicht mehr, geht irgendwo halt doch noch mehr.

Tobsüchtig im Superbike-Revier

Ich glühe die Start-Ziel-Gerade runter und werfe mit 265 km/h den Brembo-Anker: Die ABS-Bremsen der Super Duke bleiben bissig wie der sprichwörtliche Kampfhund und wie gewohnt fein dosierbar. Doch auf dem 5,38-km-Kurs in Losail wartet eine noch grös­sere Herausforderung; eine schnelle Mutkurve. Eine Links, die nach und nach aufmacht. Wenn die Rundenzeiten kürzer werden, beschleunigt man hier in voller Schräglage von etwa 100 km/h auf bis zu 240 km/h. Mit abnehmender Schräglage und damit zunehmender Seitenführungskraft lässt die Traktionskontrolle jetzt kontinuierlich mehr Drehmoment am Hinterrad zu. In aufrechter Sitzposition und ohne zu kuppeln werden hier am Limit die Gänge durchgeladen. Die Fahrassistenzsysteme sind da maximal gefordert, die blitzschnelle Erfassung und Auswertung zahlreicher Einflussgrössen wie Roll- und Gierrate, Längs- und Querbeschleunigung sowie Nick- und Schräglagenwinkel unabdingbar.

Und doch: In dieser schnellen Links verursachen die Gangwechsel des Quickshifters Störimpulse. Sowohl im Street-, Sport- oder im Trackmodus quittiert die Super Duke R jeden Schaltvorgang mit deutlichen Nickbewegungen um die Querachse. Die Gangwechsel und damit der Zugkraftunterbruch dauert unter diesen Extrembedingungen einfach zu lange. Der Lastschlag beim Gangwechsel lässt das Hinterrad sogar etwas auskeilen, dieses wird aber von der hervorragend arbeitenden Traktionskontrolle sofort eingefangen. Durch den breiten Lenker scheint man in dieser Situation selbst noch zusätzliche Unruhe ins Fahrwerk zu bringen.

Klar, ein Naked-Bike ist nun mal kein Supersportler … Klar, dass die Konstruktion der Super Duke konzeptionell eher auf den emotions­starken Strasseneinsatz ausgerichtet ist, und doch schlummert noch Potenzial für kürzere Rundenzeiten in der nackten KTM: Denn auch die mittels Race-Kit (WP-Rennfahrwerk, Akrapovic und Powerparts) hochgerüstete Super Duke R haben wir getestet. Und die meistert die heikle Links in Losail unangestrengt. 

Nur eine kleine Wutprobe

KTMs modernisiertes Top-Naked-Bike begeistert auf Anhieb. Schade jedoch, dass wir die neue 1290 Super Duke R nicht auch auf einer kurvigen Landstrasse probieren konnten. Insofern ist dieser Rennstreckentest also nur eine erste Wutprobe. Allerdings eine, die Rückschlüsse auf den Töffalltag erlaubt. Und zwar Folgende: Die Super Duke bleibt, was sie war – eine Top-Spassmaschine mit Toptechnik. Nur jetzt halt noch stärker, athletischer und dabei erst noch entspannter zu fahren. 

 

KTM 1290 Super Duke R

Hubraum: 1301 ccm
Leistung: 177 PS bei 9750/min
Gewicht: 195 kg trocken
Preis: ab 18 590 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 396.90 Fr./Jahr


Motor und Fahrwerk

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90°-V2-Vier- takter, DOHC (Zahnriemen), 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 108 × 71 mm, 1301 ccm, Verdichtung 13,6. Elektr. Einspritzung/Zündung, elliptische Drosselklappen, Nasskupplung, 6 Gänge, bidirektionaler Quickshifter (optional), Kette. 177 PS bei 9750/min, 141 Nm bei 7000/min.
Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, 48-mm-WP-USD-Gabel voll einstellbar, Alu-Einarmschwinge mit direkt angelenk- tem Monofederbein, voll einstellbar. Vorne Doppelscheibenbremse ∅ 320 mm, radial montierte Vierkolbenzangen, hinten Ein- zelscheibe ∅ 240 mm, Zweikolbenzange. Schmiederäder 3,50 und 6,00. Bereifung 120/70-17 und 190/55-17.


Auf den Punkt gebracht

Tolle Optik, ein Handling scharf wie ein Skalpell und ein Motor, der süchtig macht. Die Sternewertung bezieht sich aus- schliesslich auf den Rennstreckeneinsatz.


+ Toller Motor, brachiale Leistung
+ Genial leichtfüssiges Handling
+ Hochgeschwindigkeits-Stabilität
+ Elektron. Assistenzsysteme, Zubehör
– Handling Seitenständer
– Quickshifter könnte schneller schalten
– Kein Schnäppchenpreis


Import

KTM Schweiz AG, 8500 Frauenfeld, www.ktm.ch

 

Fazit

KTM hat genau dort angesetzt, wo es Optimierungsbedarf gab. Besonders beeindruckend ist, mit welch sanfter Gewalt der neu gestimmte V2 jetzt ans Gas geht. Wie sich jedoch die sportlichere Fahrwerksabsimmung und die vorderrad­orientiertere Ergonomie im Strassenalltag so machen, darüber kann dieser ­erste Test auf der Rennstrecke nichts  aussagen. Ein Strassentest folgt.

 

Das optionale «Track Pack» umfasst eine Launch-Control, wählbare Zündkurven… Das optionale «Track Pack» umfasst eine Launch-Control, wählbare Zündkurven… © Sebas Romero, Marco Campelli
…eine neunstufige Schlupfanlassung und den deaktivierbaren Anti-Wheelie-Modus. …eine neunstufige Schlupfanlassung und den deaktivierbaren Anti-Wheelie-Modus. © Sebas Romero, Marco Campelli
Das volle Elektronik-Paket inkl. LED-Licht, Funkschlüssel, Tempomat, Smartphone-Koppelung, Quickshifter und, und, und. Das volle Elektronik-Paket inkl. LED-Licht, Funkschlüssel, Tempomat, Smartphone-Koppelung, Quickshifter und, und, und. © Sebas Romero, Marco Campelli
Schiere Performance: Brembo-Monoblock-Bremsen und Kurven-ABS mit Supermoto-Modus. Schiere Performance: Brembo-Monoblock-Bremsen und Kurven-ABS mit Supermoto-Modus. © Sebas Romero, Marco Campelli
Hochwertige Optionen von KTM-Powerparts. Hochwertige Optionen von KTM-Powerparts. © Sebas Romero, Marco Campelli
Das neu gestimmte, 177 PS starke V2-Aggregat. Das neu gestimmte, 177 PS starke V2-Aggregat. © Sebas Romero, Marco Campelli
Es geht immer noch mehr. Mit Rennfahrwerk, Slicks und Powerparts. Es geht immer noch mehr. Mit Rennfahrwerk, Slicks und Powerparts. © Sebas Romero, Marco Campelli