Frischer Wind

Honda CB 650 F

Von Michael Kutschke
13.09.2017 11:34:09

Ein Plus an Leistung, bessere Beschleunigung, perfektioniertes Handling und mehr Style: Honda hat seine 650er-Vier­zylinder-Modelle überarbeitet.

Veni, vidi, vici … sie kam, sah und siegte. Tatsächlich zählt das adrette Vierzylinder-Naked-Bike CB 650 F seit seinem Erscheinen in der Saison 2014 zu den heissesten Mittelklasse-Nakeds. Nicht nur wegen seines attraktiven Preises, sondern auch aufgrund des gelungenen Bike-Konzepts: ein solider Reihenvierzylinder mit 650 ccm Hubraum, 87 PS und 63 Nm Drehmoment, gepaart mit einer komfortablen Ergonomie, einem überaus ansprechenden Design, ABS-Bremsen und natürlich den üblichen Honda-Tugenden wie tadellose Verarbeitung, einfachste Fahrbarkeit und unbestrittene Standhaftigkeit. Das Bessere ist der Feind des Guten – nun folgt eine neue Technik-Offensive. Nippons Problem: Wie frischt man einen Töff auf, der ohnehin schon als einer der besten der Mittelklasse angesehen wird? Nun, eine gesteigerte Motorleistung bei gleichzeitig verbesserten Abgaswerten und optimierter Akustik kann da nicht falsch sein. Das Mehr an Spitzenleistung wird durch die Überarbeitung des Einlasstraktes und einen Auspuffdämpfer, dessen Gasdurchsatz durch eine neue Kammerstruktur optimiert wurde, möglich. Das Design der wohl schönsten Krümmeranlage der Motorradwelt – übrigens eine Reminiszenz an die CB 400 F der 1970er-Jahre – bleibt unangetastet. Die Leistung des 2017er-CB650F-Triebwerks steigt um vier PS und beträgt nun 91 PS bei 11 000 Touren, und eine kürzere Getriebeübersetzung der Gänge zwei bis fünf soll den Durchzug aus mittleren Drehzahlen kräftigen. Auch fahrwerksseitig hat sich was getan: Da sticht sofort die neue 41 mm-Dual-Bending-Valve-Gabel von Showa, wie sie in den NC-750-Modellen bereits zum Einsatz kommt, ins Auge – die im Sichtbereich liegenden Gabelstopfen sind nun farbig eloxiert. Die neue Gabel soll zu verbessertem Komfort und Handling beitragen, wie das direkt angelenkte Federbein übrigens weder in Druck- noch Zugstufe einstellbar. Ebenfalls frisch sind die modifizierten Nissin-Bremszangen. Die Optik und Ausstattung zu verbessern, waren weitere Ziele der Honda-Ingenieure: Scheinwerfer und Rücklicht sind jetzt mit LED-Lichtechnik versehen, das neue CB-Bodywork macht jetzt einen noch grösseren Teil der Motortechnik sichtbar.

Bewährtes Konzept neu interpretiert

Auf mich warten die sonnengefluteten Küstenstrassen Kataloniens, die ich sowohl mit der nackten CB 650 F und der vollverkleideten CBR 650 F unter die Räder nehmen werde. Zunächst heisst es Platz nehmen auf dem Naked-Bike: Die Ergonomie der CB 650 F bot schon immer einen gelungenen Mix aus Komfort und Sportlichkeit. Die Sitzposition auf der CB Jahrgang 2017 bleibt so: aufrecht, locker-entspannt … aber vorderradorientierter als beim alten Modell. Denn die Sitzposition wurde etwas nach vorne gerückt. Der flacher geformte Lenker erhielt nebenbei noch modifizierte Ausgleichsgewichte und wird jetzt über gummigelagerte Klemmfäuste verschraubt. Diese neuen Vibrationshemmer wirken sich insbesondere auf längeren Fahrten komfortfördernd aus. Das Cockpit bleibt – es präsentiert sich wie gehabt übersichtlich zweigeteilt. Links informieren digitaler Tacho und Drehzahlmesser, rechts werden Infos zu Tankinhalt, Verbrauch (momentan oder gesamt) und Uhrzeit geboten, dazu Kontrollleuchten für Leerlauf, Motoröl, Lichtmaschine und ABS.

Zeit, dem Reihenvierer Leben einzuhauchen.
Auf Kommando erwacht dieser anstandslos und äussert seine Lebensfreude mit einem heiseren, aber unaufdringlichen Fauchen. Die leichtgängige Kupplung gezogen, den ersten von sechs Gängen eingelegt, und schon legen wir los. Schon auf den ersten Kilometern wird mir klar, dass hier eine der umgänglichsten Kraftquellen für Vortrieb sorgt. Toll, wie kultiviert sich dieser Reihenvierer bedienen lässt. Er vibriert praktisch nicht und vermittelt ein klassisches Vierzylinder-Gefühl. Die Leistungs­abgabe ist linear, auch ganz unten rum läuft der Motor sehr samtig, wenn er da auch nach wie vor etwas mehr Punch haben dürfte. Aber: Bummeln ist kein Problem, und der Durchzug in der Mitte ist dank der verkürzten Gangstufen 2 bis 5 spürbar besser geworden. Beim Durchzugstest über 400 Meter im zweiten Gang aus 60 km/h soll die neue CB ihrer Vorgängerin stattliche drei Motorradlängen abnehmen. Wenn man es eilig hat, braucht es aber schon einen fleissigen Schaltfuss und Drehzahlen. Das Triebwerk dreht jetzt zwar deutlich befreiter und kräftiger hoch bis zum roten Bereich, der übrigens bei 11 000 Touren beginnt. Aber die kurzhubige Triebwerksauslegung mit 67 mm Bohrung und 46 mm Hub schöpft die Kraft halt eher aus der Drehfreude als aus niedersten Drehzahlen.

Katalonien reicht vom Meer
bis in die Berge. Unsere Teststrecke im Hinterland von Barcelona auch. Endlose Kurven ziehen sich durch die Berglandschaft. Das Erste, was am Fahrwerk der nackten CB positiv auffällt, ist die grosse Schräglagenfreiheit. Was das nicht übertrieben straff abgestimmte Fahrwerk betrifft, überrascht und überzeugt die CB auf Anhieb. Jede Kurve wird zum Freund: Kaum zu glauben, wie schnell und sicher man mit ihr auch auf unebenem Asphalt unterwegs sein kann. Ist man jedoch auf der letzten Rille unterwegs, dürfte die Rückmeldung vom Vorderrad etwas deutlicher ausfallen. Und beim harten Anbremsen taucht die Gabel weit ein, was bei Bodenwellen gelegentlich etwas Unruhe im Heckbereich aufkommen lässt. Die Bremse funktioniert in puncto Dosierbarkeit und Wirkung tadellos. Und mangels Aufstellmoment lässt die CB auch tiefstes In-die-Kurve-hinein-Bremsen zu. Praktiziert man eine eher runde, fliessende Hatz, erfreut die CB durch ihre sehr gelungene Balance zwischen Sportlichkeit und Komfort. Die modernisierte CB hat also das Zeug, frischen Wind in der Mittelklasse zu machen.