Vergleichstest

Highspeed-Bikes

Von Imre Paulovits
13.09.2011 12:49:28

TÖFF hat die schnellsten Bikes dort getestet, wo sie noch dürfen - auf deutschen Autobahnen.

Eine düstere Tiefgarage, kurz vor dem Morgengrauen. Drei dunkle Gestalten machen sich über edle Töff her und mit ihnen aus dem Staub. Nein, hier treibt nicht die Töff-Klau-Maffia ihr Unwesen – es sind Testredakteure von TÖFF und vom französischen Schwestermagazin «Moto Journal», die einer ganz heissen Frage nachgehen wollen: Wie lassen sich die schnellsten Motorräder der Welt in der Praxis wirklich ausfahren? Legal geht dies, abgesehen vom Hochgeschwindigkeitskreis von Nardò und von diversen Teststrecken, die von den Automobilherstellern wie militärische Hochsicherheitsobjekte bewacht werden, nur auf der deutschen Autobahn. Und auch dort nur im Morgengrauen, denn nur dann ist das Verkehrsaufkommen so gering, dass man mit gesundem Menschenverstand an die Grenzen von 300-km/h-Geschossen gehen kann.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wir raten niemandem, unseren Test nachzuahmen, selbst wenn es völlig legal ist. Alle Tester, die an diesem Vergleich teilnehmen, verfügen über langjährige Rennerfahrung und viele tausend Kilometer Fahrpraxis auf deutschen Autobahnen. Wer nur das Limit von Schweizer Strassen gewohnt ist, dessen Sinne sind für die Geschwindigkeiten, die mit unseren Testtöff möglich sind, schlichtweg nicht geschärft und damit völlig überfordert. Dass dieses Tempo in unserem nördlichen Nachbarland nach wie vor legal ist, hat einen guten Grund: Nichts diszipliniert so sehr wie Geschwindigkeit. Jeder halbwegs vernünftige Mensch hat Respekt vor ihr; die Aufmerksamkeit wächst mit jedem zugelegten Stundenkilometer. Und auch die Langsamen auf der rechten Spur werden nicht einfach zum Überholen ansetzen, ohne in den Rückspiegel zu schauen, nachdem sie erst einmal erlebt haben, wie es ist, wenn einer mit 100 oder 150 km/h Tempoüberschuss links an ihnen vorbeipfeilt.

Also sich langsam an das Tempo herantasten. Auf der leeren sechsspurigen Autobahn sind 200 km/h auf einem vollverkleideten Töff bereits recht zügig; der Wind pfeift ordentlich um den Helm. Zieht man aber den Kopf hinter der Verkleidungsscheibe ein, wird es gleich erträglich. Die BMW S 1000 RR, auf der ich zunächst sitze, rollt dabei gelangweilt mit 9200/min im sechsten Gang vor sich hin. Das liesse sich stundenlang aushalten. Das Gas aufgerissen, stürmt die RR los, als hätte einen der Teufel in den Hintern getreten. Es ist unglaublich, wie ihre Kraft das leichte Bike auch jetzt noch davonkatapultiert.

Die Anstrengung des Schnellfahrens

Ab Tempo 250 beginnen sich selbst die drei breiten Spuren immer enger zusammenzuziehen; ab Tempo 280 erscheinen sie nur noch wie ein schmaler Pfad. Ab hier wird es richtig ernst. Das Blickfeld des Fahrers ist verengt, selbst wenn man auf dem Tank liegt, rütteln Windstösse am Helm, und der Horizont beginnt zu wackeln. Jeder weitere Stundenkilometer kommt mit mehr Anspannung daher, und wenn der Drehzahlbegrenzer dem Vortrieb der S 1000 RR bei 303 km/h ein Ende bereitet, geht jeder freiwillig wieder vom Gas. Dieses Tempo kann man nicht lange aushalten. Dabei ist das Fahrwerk der BMW über alle Zweifel erhaben. Der Geradeauslauf zeigt nicht die geringsten Schwächen, die Federelemente schlucken satt jede Unebenheit, und in die mit Sport-ABS versehenen Bremsen geankert, wird das Tempo noch schneller vernichtet, als es aufgebaut wurde. Wieder auf 250 km/h herunterverzögert, kommt es einem vor, als sei dies das ideale Reisetempo dieses Töff. Dass dem aber nicht so ist, wird klar, wenn man sich vor Augen hält, wie der Hinterreifen bei solchem Dauertempo abgerieben wird. Selbst wenn man wie wir eine völlig leere Autobahn im Morgengrauen findet, wird man es, mit Rücksicht auf die Kosten und die Anstrengung, bei Tempi zwischen 180 und 200 km/h belassen. Das ist nämlich der Speed, den die Konzentration auf längere Sicht mitmacht.

Auf der Suzuki GSX-R 1000 ist das Tempobolzen nicht viel anders als auf der BMW. Die Sitzposition ist nicht ganz so extrem sportlich, ihr Sitz bequemer, und sie stürmt weniger extrem los als ihre auf dem Prüfstand um 23,4 PS stärkere Rivalin. Dass unsere Messwerte das Gegenteil belegen, zeigt nur, dass selbst Profis sich mit dem Ausfahren von solch potenten Bikes schwertun. Stef Couteille hatte bei der BMW die Kupplung nicht optimal erwischt, und schon war die identische Messung im Eimer. Auch was die Motoren bei diesem Speed leisten, wird einem erst klar, wenn man eine S 1000 RR voll ausgefahren vorbeikommen hört. Während man auf ihr bei 300 km/h nur den Wind hört, kling ihr Schreien von aussen wie das eines Renn-Superbikes auf der langen Geraden von Monza.

Tempo-Gigant Hayabusa

Während der Topspeed der beiden Supersportler eher ein Nebenprodukt ist, hat man die Suzuki Hayabusa vor 15 Jahren in der Absicht entwickelt, sie zum schnellsten Serienbike auf dem Planeten zu machen. Sie soll mittlerweile nur noch 299 km/h schnell sein, was Stefs Messprotokoll mit 308 km/h jedoch widerlegt. Dabei geht die 260-Kilo-Brumme noch viel souveräner mit diesem Tempo um als die um fast 60 Kilo leichteren Supersportler. Man sitzt komfortabler, das Gewicht lässt alles träger erscheinen, und der Geradeauslauf der Busa ist so stoisch wie der eines Ozeandampfers. Ihre im Luftwiderstand optimierte Verkleidung bietet auch bei diesem Tempo noch Windschutz – vorausgesetzt, der Pilot hat seinen Kopf eingezogen. Langsamer kommen einem die 300 km/h aber nicht vor; die vorbeiziehende Landschaft und das eingeengte Blickfeld machen sich hier genauso bemerkbar.

Langsam kommt Verkehr auf. Jedes Auto, das am Horizont erscheint, lässt die Gashand zucken. Das muss so sein, denn wer das Fahren auf der deutschen Autobahn gewohnt ist, weiss: Bis zu einem Tempo von zirka 200 km/h wissen die dortigen Autofahrer gut einzuschätzen, wie schnell ein Auto oder ein Töff von hinten herannaht. Fährt ein Töff schneller, muss sein Fahrer für alle anderen mitdenken. Deshalb passen wir unser Tempo für den Rest des Tests auch dem Verkehrsfluss an.

Muss Tempo eine Sünde sein?

Angesichts der Praxiserfahrung, die man auf solchen Bikes sammelt (was übrigens genauso für moderne Autos gilt), fragt man sich, was all das Geschrei um die so gefährliche Raserei in unserem Lande soll. Es ist doch ein Paradoxon, dass die Industrie immer schnellere und sicherere Fahrzeuge baut, mit denen aber immer langsamer gefahren werden soll. Gewiss, bei der zunehmenden Verkehrsdichte kann einfach nicht mehr schnell gefahren werden. Aber es generell zu verbieten, halte ich für genauso gefährlich. Es gibt auch bei uns Tageszeiten, da die Autobahnen leer sind. Da ist es doch ungefährlich, sich jenseits der als sicher propagierten 120 km/h zu bewegen. Die kinetische Energie eines SUV kann bei legalem Tempo viele hundert Menschenleben auslöschen – 200 km/h mit Hirn bewegt hingegen gefährden meiner Meinung nach niemanden. Nur muss der Mensch erst einmal lernen, mit der Geschwindigkeit umzugehen, und sich der Gefahr der Geschwindigkeit bewusst werden. Und dies geht nicht, wenn er ständig mit Vorschriften leben muss, die ihm als sicher vorgegaukelt werden. Nicht umsonst verursachen Schweizer im benachbarten Ausland die meisten Unfälle. Denn endlich aus ihrem Zwang befreit, bewegen sie sich plötzlich in Geschwindigkeitsbereichen, denen sie nicht gewachsen sind. Entsprechend verantwortungsvoll erzogen, wären sie hingegen die viel besseren Fahrer. Und das würde bei plötzlich auftretenden, unerwarteten Verkehrssituationen bei Innerorts- und Landstrassentempo nur zusätzliche Sicherheit bringen. Aber in dieser Hinsicht ist der Zug wohl leider schon lange abgefahren.

Was aber unsere drei Testtöff betrifft: Die lässt das völlig kalt, sie wurden schliesslich für Tempo 300 entwickelt.

Fazit

Geschwindigkeit ist keine Hexerei und schon gar kein Werk des Teufels. Allerdings muss bei dem Tempo, das die drei Töff bei Bedarf hinlegen, sehr viel Disziplin, Aufmerksamkeit und nebst Fahrerfahrung auch körperliche und geistige Fitness vorhanden sein. Technisch sind alle drei Maschinen voll auf der Höhe und meistern ihre Höchstgeschwindigkeiten souverän. Die GSX-R schafft dabei «nur» echte 295 km/h, die BMW erreicht 303 km/h, und der Hayabusa gehört mit 308 km/h weiterhin das blaue Band. Dabei ist Letztere bei diesem Tempo die Souveränste, ein echter Highspeed-Tourer. Aber in der Schweiz spielt all dies leider ohnehin keine Rolle.

BMW S 1000 RR ABS DTC

Hubraum: 999 ccm

Leistung: 193 PS bei 13000/min

Gewicht: 206 kg vollgetankt

Preis: 24 500 Franken

Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht

+ Gewaltiger Motor

+ Souveränes Fahrwerk

+ Sehr gute Bremsen

– Etwas knapper Windschutz

– Wenig Komfort

Motor *****

Fahrwerk *****

Windschutz ***

Import

BMW (Schweiz) AG, Industriestrasse 6, 8157 Dielsdorf , Tel. 058 269 18 18

Suzuki  GSX-R 1000

Hubraum: 999 ccm

Leistung: 185 PS bei 12 000/min

Gewicht: 205 kg vollgetankt

Preis: 19 200 Franken

Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht

+ Ordentliche Motorleistung

+ Fahrwerk der Power gewachsen

+ Ansatz von Reisekomfort

– Kein ABS lieferbar

– Nicht ganz lineare Leistungsabgabe

Motor ****

Fahrwerk ****

Windschutz ****

Import

Frankonia AG, Hohlstrasse 612, 8010 Zürich, Tel. 044 431 65 11

Suzuki GSX 1300 R Hayabusa

Hubraum: 1340 ccm

Leistung: 197 PS bei 9500/min

Gewicht: 260 kg vollgetankt

Preis: 19 800 Franken

Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht

+ Gewaltiger, drehmomentstarker Motor

+ Stoischer Geradeauslauf

+ Guter Windschutz

– Etwas behäbiges Handling

– Kein ABS verfügbar

Motor *****

Fahrwerk ****

Windschutz *****

Import

Frankonia AG, Hohlstrasse 612, 8010 Zürich, Tel. 044 431 65 11

 

Messwerte

  BMW S 1000 RR Suzuki GSX-R Suzuki Hayabusa
Topspeed 303 km/h 295 km/h 308 km/h
0-100 km/h 3,42 s 3,20 s 2,76 s
0-200 km/h 7,82 s 7,80 s 7,20 s
0-1000 m 18,54 s, 288,2 km/h 18,58 s, 272,0 km/h 18,24 s, 278,5 km/h
Eine düstere Tiefgarage, kurz vor dem Morgengrauen. Eine düstere Tiefgarage, kurz vor dem Morgengrauen. © Jacky Ley
BMW S 1000 RR ABS DTC BMW S 1000 RR ABS DTC © Jacky Ley
Suzuki GSX-R 1000 Suzuki GSX-R 1000 © Jacky Ley
Suzuki GSX 1300 R Hayabusa Suzuki GSX 1300 R Hayabusa © Jacky Ley
Die Messwerte Die Messwerte © Jacky Ley
Der Platzhirsch Hayabusa ist schon lange mit seinen Testkonkurrenten Der Platzhirsch Hayabusa ist schon lange mit seinen Testkonkurrenten © Jacky Ley