KTM 1290 Super Adventure S.
KTM 1290 Super Adventure S. © Sebas Romero

Es lebe der Leistungsdruck

KTM 1290 Super Adventure S

Von Michael Kutschke
24.04.2017 11:40:59

Die Stärken verbessert, die Schwächen ausgemerzt. KTM baut seine Adventure-Baureihe aus – mit der brandneuen 1290 Super Adventure S.

Ich hege den Verdacht, dass das Wetter neuerdings auch von Statistikern produziert wird. Da gibt es eine offizielle Variante und die bittere Realität: In unserem Fall sind das sechs Grad Celsius und Palmen im Schnee in Sizilien. Doch während der Premiere der neuen KTM 1290 Super Adventure S im Hinterland der Stadt Catania beherrschen andere Eindrücke die Gedanken. Butterweich geht sie ans Gas, sie lenkt sich präziser ein und sie lässt sich in S-Kurven spielerischer umlegen. Ihr neu gestimmtes semiaktives WP-Fahrwerk gibt ein klareres Feedback. Dank neuer Gyro-Sensorik wirkt es sogar aktiv dem Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage entgegen. Und sie lässt sich jetzt auch bei hohen Geschwindigkeiten mit montierten Koffern nicht mehr aus der Ruhe bringen. Bei unserem Testride rund um den Ätna zeigt sich, dass KTM seinen Premium-Stelzentourer umfangreicher perfektioniert hat, als es zunächst den Anschein hat. 

Es ist keine Schande, nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen. Und KTM hat viel gelernt. Und deshalb legt die neue 1290 Super Adventure S die Messlatte im Grossenduro-Segment definitiv ein Stückchen höher. Die Technik der Reiseenduro aus Mattighofen ist nicht nur State of the Art, sondern teilweise sogar der Konkurrenz aus München voraus. Geschnürt haben die Österreicher ein topmodernes, neues Paket an Fahrassistenz­systemen und jeder Menge High-Tech: Funkschlüssel, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, Kurven-ABS, Heizgriffe, Motorschleppmoment-Regelung, Berganfahrhilfe … Das erste, was besonders ins Auge sticht, ist natürlich der neue markante LED-Scheinwerfer mit integriertem Kurvenlicht und das grosse, neue Cockpit-Farbdisplay. 

Was für ein Auftritt. Und doch: Wer die Absicht hat, eine Premium-Reiseenduro zu kaufen, muss sich noch immer fragen lassen, warum er ein anderes Produkt einer BMW R 1200 GS vorziehen will. Denn eine vollumfängliche Ausstattung mit avantgardistischen elektronischen Assistenzsystemen war doch seit jeher eine BMW-Domäne und nicht gerade die Kernkompetenz von KTM. Doch die Zeiten ändern sich. Und nun reiten die Österreicher eine neue Attacke mit der Super Adventure S im bayerisch-österreichischen Krieg. 

Gerangel um die besten Plätze – klick, klick, die Kameraverschlüsse rattern. Wie immer bei KTM- Pressevorstellungen geht es zunächst um «Ready to Race»: Konkret um pralle 160 PS und 140 Nm Drehmoment (wovon beeindruckende 108 Nm bereits bei 2500 U/min abrufbar sind). Doch dann sind Töne zu hören, welche alten KTM-Haudegen noch immer wie Botschaften von einer anderen Welt vorkommen: Es geht dabei um Begriffe wie «Sitzheizung», «Tempomat», «beleuchtete Menüschalter» und «Funkschlüssel», «Mobiltelefonfach mit USB-Ladeanschluss», ein einfacher verstellbares Windschild und ein schwingend aufgehängtes Gepäcksystem … Doch es kommt noch mehr. Das optional orderbare KTM Travel Pack beispielsweise beinhaltet eine Berganfahrhilfe (HHC), die Motorschleppmoment-Regelung (MSR) und einen bidirektionalen Quickshifter samt Smartphonekopplung mit Freisprecheinrichtung und Audioplayer. 

Fortschritt ist nicht aufzuhalten: Die ersten E-Fahrwerke boten nur die Möglichkeit, die Feder- elemente elektronisch per Knopfdruck zu justieren. Schrittmotoren stellten gleich einem Schrauben- dreher verschiedene Kennlinien ein. Bei der nächsten Generation war für jede Fahrwerkseinstellung bereits ein variabler Bereich (Kennfeld) zur Regulierung der Dämpfung hinterlegt. Mit der Lancierung der Super Adventure 2013 lernte das System auch permanent auf Chassisbewegungen zu reagieren. Die KTM-Ingenieure waren jedoch der Ansicht, dass die Sensor- und Regelgüte der damals verfügbaren Technik noch nicht perfekt war. Nur im Offroad-, Comfort- und Street-Modus nutzte das System alle Möglichkeiten. Und genau hier hat sich bei der neuen 1290 Super Adventure S etwas Entscheidendes getan: Denn das neue E-Fahrwerk ist jetzt mit der Gyro-Sensorbox vernetzt.

Der 6-Achsen Beschleunigungs-Sensor, welcher bisher nur Informationen für das Kurven-ABS und die schräglagenabhängige Traktionskontrolle bereitstellte, füttert nun auch das E-Fahrwerk mit Werten zur Roll- und Gierrate sowie der Längs-, Quer- und Vertikalbeschleunigung des Fahrzeugs. Dadurch kann sich das E-Fahrwerk der Super Adventure S nun in allen Modi und viel effektiver an ganz verschiedene fahrdynamische Zustände und sogar an die gefahrene Schräglage adaptieren. 

Kurve links, Kurve rechts ... es geht weiter durch die schöne Berglandschaft Siziliens: Fahrkomfort und Tourentauglichkeit bewegen sich auf höchstem Niveau. Das Fahrwerk bügelt im Komfortmodus selbst die gröbsten Schlaglochpisten glatt. Die ABS-Bremse ist, wie gehabt, nicht übertrieben giftig, aber bei beherztem Zug verbeissen sich die Bremsbacken in die Scheiben wie ein Kampfhund ins Wadenbein. Und der Leistungsdruck? Er lebe hoch! Trotz Euro 4 gibt sich der 1300er-V2 nicht markant anders: Kräftig aus niederen Drehzahlen, brachial im mittleren Bereich, brutal beim Ausdrehen und dabei stets spielerisch kontrollierbar. Nach einem Tag im Sattel steht fest: Die Neue ist ganz die Alte – «Ready to Reis» und «Ready to Race» – nur besser.


Fazit:

Ein wirklich genialer Wurf: Die neue 1290 S hat alle guten Eigenschaften der alten Super Adventure. Sämtliche Kritikpunkte, wie zum Beispiel das Hochgeschwindigkeitspendeln oder das etwas schwerfällige Verhalten beim schnellen Einlenken, wurden ausgemerzt. Sie ist jetzt attraktiver, ist einfacher zu bedienen und bietet dank des neuen E-Fahrwerks mehr Fahrspass denn je

 

Der Konkurrenz voraus: Die KTM 1290 Super Adventure S verfügt über ein topmodernes Anzeige- und Bedienkonzept. Ein Display-Kombiinstrument des Systemlieferanten Bosch. Dessen Ablesbarkeit ist besser als bei allen anderen TFT-Displays, die wir kennen. Alle angezeigten Informationen sind selbst mit getöntem Visier und greller Sonneneinstrahlung von hinten einwandfrei ablesbar. Erreicht wurde dies durch eine spürbare Verringerung von Reflexionen durch Fremdlicht im Instrument selbst, weil Bosch das LCD-Display mit dem Deckglas verklebt. Bisher waren LCD-Einheit und das Glas des Bildschirms separate Stücke. Die anzuzeigenden Informationen des in der Neigung verstellbaren Dashboards sind frei konfigurierbar. Wie bisher reichen vier (jetzt hinterleuchtete) Menüschalter, um mit den Assistenzsystemen zu interagieren. Die Menüführung wurde vereinfacht, es gibt z.B. die Möglichkeit, zwei Schnellauswahl-Menüs selbst zu definieren.


1290 Super Adventure S

Preis: ab 18 490 Franken
Hubraum: 1301 ccm
Leistung: 160 PS bei 8750/min
Drehmoment: 140 Nm bei 8750/min
Gewicht: 215 kg trocken
Sitzhöhe: 860 / 875 mm
Tankvolumen: 23 l

Import & Info: http://www.ktm.com/ch-de/


Motor:
75-Grad-V2-Viertakter, 4 Ventile/Zylinder (DOHC), Nasskupplung, 6 Gänge, Quick- shifter, Endantrieb über Kette. 



Chassis:
Stahl-Gitterrohrrahmen, USD-Gabel (48 mm), Alu-Zweiarmschwinge mit angelenktem Monofederbein (beide semiaktiv angesteuert, voll einstellbar), Doppelscheibenbremse (320 mm) mit Vierkolbenzange, hinten Einzelscheibe (267 mm) mit Zweikolbenzange. Reifen 120/70-19 und 170/60-17. 

+ Hervorragende Assistenzsysteme
+ Tolles Handling  
+ Viel optionales Zubehör
- Schwergängige Windschildverstellung
- Digitales Tachodisplay wirkt nüchtern 

 

Topmodernes TFT-Display von Bosch. Topmodernes TFT-Display von Bosch. © Sebas Romero
Ein druckvoller Zweizylinder. Ein druckvoller Zweizylinder. © Sebas Romero
Die 1290er-Adventure ist kurvengeil wie nie zuvor. Die 1290er-Adventure ist kurvengeil wie nie zuvor. © Sebas Romero