Die neue Kawasaki Ninja 650.
Die neue Kawasaki Ninja 650. © Ula Serra, James Wright

Quartier-Racer

Kawasaki Ninja 650

24.04.2017 11:41:34

Man nehme die quirlige Glückshormon-Spritze Z650, schraube Lenker­stummel und eine Verschalung dran – fertig ist Kawasakis Strassen-Racer, der es weit dicker hinter den Rückspiegeln hat, als man denken würde...

«Und denk dran, die Ninja 650 ist nicht die Nachfolgerin der ER-6f», gibt mir Freddy Oswald von Kawasaki Schweiz beim Landeanflug auf Almería in Südspanien, wo wir mit der brandneuen Ninja 650 zwecks ausgiebiger Testfahrt verabredet sind, mit strengem Blick auf den Weg. Tatsächlich hat er Recht. Denn die Neue – ab sofort ab 8400 Franken erhältlich – deckt ein breiteres Spektrum ab als die mittlerweile doch recht angestaubte und entsprechend in Pension schreitende ER-6f.

In Bezug auf die konstruktive Basis unterscheidet sich die Ninja 650 vom eben erst lancierten nackten Schwestermodell Z650 (siehe Ausgabe 02/2017) lediglich durch die Lenkerstummel, die Abstimmung der Gabel und die Seiten- bzw. Kopfschale, die eindeutig der unverwechselbaren Ninja-Linienführung folgen. Diese 650er sieht dem Rennstreckeneisen ZX-10R vorne denn auch zum Verwechseln ähnlich. Freilich gibt es bei der Fahrdynamik gewisse Parallelen zur Z650, doch das ist a) gewollt und b) gut so. Denn von der quirlig-umgänglichen Z650 hatten wir praktisch nur Positives zu berichten.

Kawasaki will mit der Ninja 650 entsprechend die gefeierten Z650-Tugenden – die da wären: sanft ansprechender, speziell in der Mitte druckvoller und drehfreudiger 68-PS-Twin, leichtes Handling, satte Kurvenlage, maximale Zugänglichkeit – einem sportlicher angehauchten Publikum zugänglich machen. Aber auch «Downsizer», Umsteiger von der ER-6f, Fremdmarkenlenker und generell Einsteiger haben die Grünen hier im Visier.

Aktiv, aber keine Selbstkasteiung

Am nächsten Morgen schwinge ich mich in Funktionsunterwäsche, Thermoshirt, Lederkombi, Goretex-Jacke, Regenhose und Winterhandschuhe gepackt – verdammte Januar-Kaltfront! – auf die «Bonsai-Ninja». «Nur gut, dass sie eine Kopfschale hat, hinter der ich mich klein machen und der Kälte trotzen kann», denke ich mir. Tatsächlich hält das mit Werkzeug in drei Stufen einstellbare Windschild in der untersten Standard-Position den eisigen Fahrtwind zuverlässig von meiner Brust.

Der Kniewinkel resultiert auch auf der Ninja als ziemlich eng (Sitzhöhe: 790 mm). Zeitgenossen ab 170 cm Körpergrösse sollten sicher den 35 mm höheren Zubehörsitz ausprobieren, denn er entlastet die Knie bei nach wie vor guter Erreichbarkeit des Asphalts mit den Stiefeln. Überraschenderweise stützt sich weniger Gewicht als erwartet auf den Händen an den gegenüber der Z650 lediglich 15 mm tiefer und 27 mm weiter vorn verschraubten Lenkerhälften ab. Eine schwungvolle Tagestour ist im Sattel der Ninja damit ohne nennenswerte Ermüdungserscheinungen problemlos zu meistern.

Motor: Bekannte Tugenden

Motorseitig haben wir es, wie eingangs erwähnt, mit dem identischen, umgänglich-pflegeleichten 649-ccm-Twin mit 68 PS und 66 Nm zu tun, der in der Z650 emsig sein Werk verrichtet. Ab 2000/min hängt er sauber am Gas und überzeugt mit viel Druck in der Mitte. Dies, bei kecker Drehfreude, die erst bei 10 000/min im Begrenzer ihr Ende findet. Der Wohlfühlbereich des Twin erstreckt sich von 2500 bis 7000/min, was einem doch recht breiten nutzbaren Drehzahlband entspricht. Das Sechsganggetriebe arbeitet präzis und mit klarer Rückmeldung, die (Zweifinger-)Rutschkupplung gibt sich super-leichtgängig und sehr gut dosierbar. Als einziger echter Kritikpunkt der Ninja 650 haben sich die leichten, aber hochfrequenten Vibes ab 7000/min an den Füssen und insbesondere am Gesäss niedergeschlagen. Auch hier verschafft das höhere und stärker aufgepolsterte Sitzkissen Abhilfe.

Bleibt die Frage, ob Kawasaki der Ninja 650 eine Traktionskontrolle hätte spendieren müssen. Als Sicherheitsfeature bei Unvorhergesehenem wie Dieselspuren, fiesen Gullideckeln oder Tramschienen wäre dieses Sicherheitsfeature, welches das Bike freilich verteuert hätte, sicher wünschenswert gewesen. Wegen der überschaubaren und stets gut kontrollierbaren Motorpower jedoch sicher nicht, denn selbst auf kaltem und welligem Asphalt waren die (betriebswarmen) D214-Dunlops kaum aus der Spur zu bringen.

Fahrwerk: Ins Schwarze getroffen

Die Federelemente – vorn eine konventionelle, nicht einstellbare 41-mm-Telegabel, hinten ein in der Basis regulierbares Federbein mit Link-System – sind überraschend soft abgestimmt. Umso erstaunlicher, wie gut die Komponenten auch auf gezeichnetem Untergrund funktionieren. Da hat Kawasaki mit dem Setup definitiv ins Schwarze getroffen. Ebenso bei der Balance. Die fahrfertig 193 Kilo wiegende Ninja 650, die gegenüber der ER-6f stattliche 18 Kilo leichter ausfällt, entpuppt sich als ausgesprochen leichtfüssiger, aber dennoch spurtreuer und komfortabler Kumpel. Und zwar unabhängig von Speed und Kurvenradius.

Die letzten 50 Kilometer unserer 240-km-Route wollen wir es dann noch ganz genau wissen und treiben die Ninja 650 ab Alhama de Almería, etwa 30 Kilometer nordwestlich der Stadt mit dem Treibhäuser-Meer, bewusst an ihre Grenzen. Dabei staunen wir nicht schlecht: Selbst auf von Zeit und Witterung erodiertem Asphalt zieht diese Kawa einen verdammt flotten Strich. Das geht so weit, dass sich gar ein Flow-Erlebnis einstellt. Das leichte Handling, die ausgeklügelte Balance und die satte Stabilität in Kombination mit einer aktiven, aber nicht ermüdenden Ergonomie sowie dem drehmomentstarken und linear ohne böse Überraschungen hurtig hochdrehenden Twin …, diese Mixtur ist ein Garant für genuine Fahrfreude. Wer sagt denn, dass es diese für knapp 8500 Franken nicht geben soll?

Kawasaki Ninja 650

Preis: ab 8400 Franken
Hubraum: 649 ccm
Leistung: 68 PS bei 8000/min
Drehmoment: 65,7 Nm bei 6500/min
Gewicht: 193 kg fahrfertig
Sitzhöhe: 790 mm
Tankvolumen: 15 l

Import & Info: www.kawasaki.ch


Motor:
Flüssigkeitsgekühlter Reihenzweizylinder-Viertakter, Kupplung im Ölbad ­(Antihopping), 6 Gänge, O-Ring-Kette.


Chassis:
Stahl-Gitterrohrrahmen, 41-mm-Telegabel (nicht einstellbar), Alu-Zweiarmschwinge mit via Link angesteuertem Zentralfederbein (Basis einstellbar), vorn Doppelscheibe (300 mm) mit Doppelkolben-Schwimmsätteln, hinten Einzelscheibe (220 mm) mit Einkolben-Schwimmsattel. Reifen 120/70-17 und 160/60-17.  


+ Tolle Balance, druckvoller Motor  
+ Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis  
+ Aktive, aber komfortable Ergonomie  
+ Harmonisch-süffiges Gesamtpaket  
- Vibrationen ab 7000/min  
- Tacho-Kontrast könnte stärker sein

 

Fazit

Bei der neuen Ninja 650 handelt es sich im Wesentlichen um einen Mittelklasse-Sporttourer nach klassischem Schnittmuster. Für Einsteiger mit einem Flair fürs Sportive sicher eine sehr gute Wahl. Erst recht in der hier gezeigten Kawasaki-Racing-­Team-Kolorierung. Die neue Ninja 650 übertrumpft die ER-6f in allen Belangen. Und mit 8400 Franken (KRT-Bemalung 200 Franken Aufpreis) ist auch beim Preis alles im grünen Bereich.

 

Der Tacho mit Ganganzeige wurde von der Z650 übernommen. Der Tacho mit Ganganzeige wurde von der Z650 übernommen. © Ula Serra, James Wright
An der Ninja 650 sind Brems- und Kupplungshebel einstellbar. An der Ninja 650 sind Brems- und Kupplungshebel einstellbar. © Ula Serra, James Wright