Unvernunft

Aprilia Tuono V4 1100 Factory

Von Patrick Schiffmann
29.05.2017 12:49:16

Gemäss Duden ist etwas unvernünftig, wenn es nicht rational erklärbar ist und sich negativ auswirken könnte. Und ja, die Tuono könnte gut unter diese Definition fallen. Doch was an der Faszination Töff ist schon rational erklärbar?

Ein Power-Naked-Bike mit 175 PS, haufenweise Elektronikfeatures inklusive bidirektionalem Quickshifter, der dem Endtopf beim engagierten Runterschalten selbst unter Euro 4 einen lauten Knall gefolgt von tiefem Bollern entlockt, gefällig? Aber nein, das ist doch unvernünftig. Und was ist mit einer Motorleistung, die das Vorderrad sogar im dritten Gang bei eingeschalteter Traktions- und Wheeliekontrolle locker zum Steigen bringt? Unvernünftig! Ok, aber gegen ein Fahrwerk, das selbst bei weit über 100 km/h noch jede Unebenheit wegschluckt, als wäre sie nicht da, ist doch nichts einzuwenden, oder? Über 100 km/h? Unvernünftig!

Ich will haben! Schreit das kleine Teufelchen auf meiner Schulter – und nein, das Engelchen stimmt erstaunlicherweise nicht zur Moralpredigt an, sondern starrt geistesabwesend auf die hervorragende Brembo-Bremsanlage der Tuono. Die beiden 330er-Scheiben in Kombination mit den radial montierten Vierkolben-Monoblocs M.50 und dem jetzt auch radialen Bremszylinder – das war einer der wenigen Kritikpunkte an der Vorgängerin – scheint den kleinen, sicherheitsbedachten Begleiter so sehr abgelenkt zu haben, dass er alles andere vergisst. Ein bisschen Vernunft haben also auch die Aprilia­Ingenieure in ihre neueste Schöpfung gepackt. 

Let’s do this!

Na dann, wenn sogar der kleine Schutzengel einverstanden respektive ruhig gestellt ist, wollen wir die neue Aprilia Tuono V4 1100 Factory (Fr. 19 190.–) doch mal ausprobieren. Modus auf Race, dies ist bei Aprilia übrigens die mittlere Einstellung, Sport die zahmste und Track die aggressivste, was einem schon einiges über dieses Bike und seinen Charakter erzählt. Die Traktionskontrolle auf Level fünf von acht gezappt, denn es ist schliesslich noch relativ früh morgens, und entsprechend ist auch die Asphalttemperatur noch nicht ideal. Wheeliekontrolle auf zwei von drei, genauso das ABS, welches, mit Ausnahme vom Modus eins – für die Rennstrecke –, auch bei Kurvenfahrten funktioniert. 

So, alles eingestellt, wir rollen los. Von unserem Hotel in Trento, welches in einem Tal liegt und somit auf beiden Seiten interessante Töffstrecken bereithält, geht es bergauf dem Kurvengewirr entgegen. Schon beim ersten Dreh am Gasgriff fallen zwei Dinge positiv auf. Erstens: Die Tuono hat trotz Euro 4 nichts von ihrer Brachialität verloren; noch immer will sie begierig zeigen, wie schön sie Männchen machen kann. Zweitens: Der Sound mag zwar etwas leiser sein als früher, sorgt aber immer noch für sich drehende Köpfe bei den Einheimischen und für ein breites Grinsen beim Fahrer. Dies liegt am von Aprilia im zugegebenermassen ziemlich grossen Endtopf verbauten Klappensystem, das verschiedenste Parameter ausliest und die Abgase je nachdem durch andere Kanäle entweichen lässt. Vereinfacht gesagt heisst das: langsam und mit wenig Gas ist leise, schneller und mit geöffnetem Gashahn wird’s laut. Der Auspuff vermag mit seiner üppigen Erscheinung zwar optisch sicher nicht jedermann zu überzeugen, aber seinen Zweck erfüllt er ohne Tadel.

Brachial und doch so gehorsam

Je weiter wir ins kurvige Hinterland vorstossen, desto besser lernen wir die Tuono kennen. Wie schon bei der Vorgängerin, ist der 1100-Kubik-V4 eine absolute Wucht. Bereits im tieftourigen Bereich reisst er bestialisch an, um dann bis in den Begrenzer bei rund 12 000/min mit einer Vehemenz weiterzugallopieren, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch trotz dieser unglaublichen Power ist die Tuono nie angsteinflössend, nie überfordernd. Dies liegt an drei Komponenten: Elektronik, Fahrwerk, Bremsen. Werden die Assistenzsysteme richtig eingestellt, kann damit auch ein Einsteiger fahren, da grobmotorische Gasinputs von der Traktions- und der Wheeliekontrolle gekonnt ausgeglichen werden. Das Fahrwerk verleiht der Tuono eine Stabilität, die im Zusammenhang mit der magistralen Art, wie sich diese Maschine einlenken lässt, schon beinahe unverschämt ist. Und auch die Bremsen funktionieren hervorragend. Ohne mit der Wimper zu zucken, verlangsamen sie die 205 Kilo leichte Bestie. Der Druckpunkt ist klar definiert und die aufzubringende Handkraft minim. Selbst mit zwei Fingern bringen wir das ABS problemlos zum Arbeiten.

Fazit:

Schon die letzte Generation der Tuono Factory war ein hervorragendes Motorrad, und die Neue macht nochmal einiges besser. Der Motor ist und bleibt eine Wucht, das Fahrwerk mit der ­neuen Öhlins-Gabel wurde noch präziser, und die neue Brembo-­Bremsanlage setzt Referenzwerte in der Klasse.

Unglaublich, wie einfach sich die Tuono einlenken lässt und trotzdem stabil bleibt. Unglaublich, wie einfach sich die Tuono einlenken lässt und trotzdem stabil bleibt. © Milagro
Das Display kann je nach Einsatzzweck verschiedene Informationen Anzeigen. Das Display kann je nach Einsatzzweck verschiedene Informationen Anzeigen. © Milagro
Irgendwas muss ja kritisiert werden... Der Blinkerschalter ist ziemlich fummelig zu bedienen. Irgendwas muss ja kritisiert werden... Der Blinkerschalter ist ziemlich fummelig zu bedienen. © Milagro
Die Bremsen sind schlicht und einfach eine Wucht. Die Bremsen sind schlicht und einfach eine Wucht. © Milagro
Der Auspuff ist zwar etwas gross geraten, aber der Sound, den er produziert ist himmlisch. Der Auspuff ist zwar etwas gross geraten, aber der Sound, den er produziert ist himmlisch. © Milagro
Selten war ein so potentes Motorrad so einfach zu fahren! Selten war ein so potentes Motorrad so einfach zu fahren! © Milagro