Triple Crown

Yamaha Motor Racing

Von Simon Haltiner
28.05.2010 11:12:13

Im MotoGP ist das Yamaha-Werksteam derzeit unschlagbar. Ehrfurchtsvoll durften wir die heiligen Hallen betreten.

Zum Test der aktuellen Modelle organisierte der Schweizer Yamaha-Importeur Hostettler AG für Journalisten eine Tour nach Italien. Das Highlight war der Besuch des MotoGP-Werksteams in Gerno di Lesmo bei Monza. Yamaha hat tiefe Wurzeln in unserem Rennsport-affinen Nachbarland. Der damalige Importeur Belgarda vertrieb nicht nur die Bikes, nach der Übernahme durch Yamaha begann 1979 auch die Produktion von Einzylindermodellen. Die Belgarda Yamaha Racing Division (BYRD) bestritt zwischen 1986 und 1996 Paris-Dakar-Rennen. Die Modelle TZR 125, TT 600, MT-03 und die Bulldog kamen aus den hiesigen Fertigungshallen. Diese Ära fand zum Jahreswechsel ihr Ende: Obwohl sich Rossi dagegen zur Wehr setzte, wurde die Produktion nach Spanien verlegt, und offiziell 66 Mitarbeiter verloren ihre Anstellung.

Erfreulicher ist der Erfolg der  Yamaha Motor Racing Srl (ähnlich GmbH), die 2009 mit dem FIAT-Team zum dritten Mal die Triple-Crown gewann. Das bedeutet die Fahrer-, die Team- und die Konstrukteurswertung. In der letzten Saison gewann YMR nicht nur MotoGP, sondern mit SBK und Supersport so ziemlich alles, was es zu gewinnen gibt. YMR wurde Ende 1999 unter der Leitung von Lin Jarvis gegründet, war zuerst in den Niederlanden bei Yamaha Motor Europe stationiert und zog 2002 nach Gerno di Lesmo. Im von TÖFF besuchten, 2008 fertiggestellten Neubau finden Administration, Sponsor-Management, Organisation und vor allem die Logistik Platz, denn über 60 Personen (davon 19 FIAT-Teammember) werden ständig durch die Welt befördert.  Zudem befindet sich eine kleine Elektronik-Forschungsabteilung im Haus, die mit der Hochschule von Triest jüngst ein Projekt realisierte. Im Engine-Department werden die Motoren des FIAT- und des Tech3-Teams nach den Rennen gewartet oder für grössere Arbeiten nach Japan geschickt. Für Besucher besonders beeindruckend ist die permanente Ausstellung der M1-Renner und -Motoren im Eingangsbereich.

 

Im Gespräch mit Rennleiter Lin Jarvis

Der 52-jährige Brite ist Managing Director von Yamaha Motor Racing. Er hat sich die Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten.

 

Mit dem FIAT-Team sind Sie an der Spitze. Das war nicht immer so...
Wir gründeten das offizielle Werksteam im Jahr 2000, nachdem sich Wayne Rainey und sein Marlboro-Team aus dem 500er-GP zurückgezogen hatten. Wir starteten als Marboro-Team mit Biaggi und Checa. Trotz diverser Pilotenwechsel erreichten wir  die Spitze nie. Nach dem miesen Sasoinstart 2003 entschieden wir: Entweder wir ändern etwas, oder wir geben auf!

Was haben Sie gemacht?
Wir mussten die Maschine verbessern. Mir war jedoch klar: Wenn wir Valentino Rossi nicht kriegen, können wir tun, was wir wollen − wir werden nie gewinnen. Damals führten wir Gespräche mit ihm, doch keiner glaubte, dass er einen Wechsel in ein schwächeres Team in Erwägung ziehen würde. Doch Honda schien den «menschlichen Kontakt» zu seinen Fahrern verloren zu haben, was ihn zu diesem riskanten Wechsel bewog. Rossi testete damals verschiedene unserer Motoren und entschied sich für den schwächsten, in dem er das grösste Potenzial verborgen sah. Wir entwickelten gemeinsam mit ihm die aktuelle M1.

Was geschieht nach Valentino Rossi?
Natürlich müssen wir darauf vorbereitet sein. Es kursierten bereits Gerüchte über seinen Ausstieg oder Wechsel zu Ferrari. Doch nichts davon ist geschehen. Dafür haben wir jetzt vier Top-6-Piloten unter Vertrag: 2009 wurde Rossi Erster, Lorenzo Zweiter und Edwards Fünfter. Ich denke, Spiess müsste diese Saison auch die Top-5 erreichen. Es wird nicht einfach, vier Toppiloten im Haus zu halten. Wir kümmern uns aber intensiv um jeden. Mit Wilco Zeelenberg und Davide Brivio haben Valentino und Jorge beispielsweise persönliche Manager. Die beiden Fiat-Yamaha-Piloten besitzen übrigens Werksverträge, die Ende Saison auslaufen. Obwohl Ben Spiess bei Yamaha-Tech3 fährt, hat er ebenfalls einen Werksvertrag, der aber erst 2011 ausläuft. So gesehen wird Ben wohl der «Entspannteste» von den dreien sein.

Kann einer dieser Fahrer Valentino überhaupt ersetzen?
Das sind unterschiedliche Charaktere. Vale besitzt ein besonderes analytisches Talent. Sein Debriefing ist eine eigene Welt: Er erinnert sich an jedes Detail, kann die Ingenieure mit exakten Infos versorgen. Das macht es uns einfacher, unser Bike zu verbessern. Er ist der komplette Rennfahrer. Jorge muss noch viel lernen. Er ist aber unglaublich schnell und mutig. Und: Ich kann ihn mir als Champion vorstellen.

Was halten Sie vom Moto2-Konzept mit Einheitsmotoren?
Positiv ist, dass die Vereinheitlichung die Kostenbarriere senkt, um an der Spitze mitzufahren. Das fördert die Vielfalt und vereinfacht den Einstieg. Offene Regeln hingegen sorgen für mehr Wettbewerb zwischen den Herstellern, was sich positiv auf die technischen Entwicklungen auswirkt. Sie sehen: Es gibt überall Vor- und Nachteile.

 

Ehemaliger Arbeitsplatz von Nori Haga, aufbewahrt am 2008 fertiggestellten Hauptsitz der Yamaha Motor Racing Srl. Ehemaliger Arbeitsplatz von Nori Haga, aufbewahrt am 2008 fertiggestellten Hauptsitz der Yamaha Motor Racing Srl. © Simon Haltiner
Evolution: Alle M1-Modelle in einer Reihe. Evolution: Alle M1-Modelle in einer Reihe. © Simon Haltiner
Der Rennleiter Lin Jarvis im Gespräch mit dem TÖFF Redaktor. Der Rennleiter Lin Jarvis im Gespräch mit dem TÖFF Redaktor. © Simon Haltiner