Strassen-Rennsaison 2011

Die Schweiz trumpft auf

Von Imre Paulovits
02.03.2011 15:42:53

Die Schweiz könnte neben Spanien bald die zweite tonangebende Nation in der Strassen-Weltmeisterschaft sein. Unglaublich, aber wahr.

Seit dem WM-Titel von Tom Lüthi vor nunmehr sechs Jahren war es um die Schweizer WM-Piloten recht ruhig. 2011 kommt nun eine geballte Ladung Swiss-Power, die für WM-Erfolge sorgen soll. Einer, der fest daran glaubt, dass die Schweiz sehr wohl das Potenzial und die Ressourcen hat, eine Führungsrolle im Grand-Prix-Sport zu übernehmen, ist Marco Rodrigo. Der 48-Jährige aus Wilen hat auch einen Plan entwickelt, wie dies Wirklichkeit werden könnte. Dessen erste Stufe hat Rodrigo bereits in die Tat umgesetzt: Das neu gegründete Grand Prix Team Switzerland wird mit Randy Krummenacher in der Moto2-WM antreten, und nach den ersten Testfahrten sieht es so aus, dass die langjährige 125er-Hoffnung Krummenacher mit einem Paukenschlag in die nächsthöhere Klasse aufsteigen wird.

Beim letzten Lauf zur spanischen Meisterschaft in Jerez sowie den anschliessenden Testfahrten in Almeria konnte Krummi zumindest auf allen Ebenen überzeugen: Obwohl er vor dem Rennen nicht testen konnte und so auf abtrocknender Fahrbahn zunächst etwas zaghaft zu Werke ging, lief er mit nur 3,5 Sekunden Rückstand auf Sieger Axel Ponst im Ziel ein. Bei den anschliessenden vier Testtagen war Krummenacher dann kaum langsamer als Stefan Bradl, der in der Moto2-WM immerhin bereits einen Sieg verbuchen konnte. Was aber noch wichtiger ist: Der 21-jährige Zürcher fühlt sich auf der Moto2 pudelwohl und strahlt eine unglaubliche Sicherheit und Motivation aus. Nach so kurzer Zeit suchen die meisten Umsteiger noch das Limit der grösseren Maschine, und sie versuchen sich erst daran zu gewöhnen. Krummenacher hingegen wirkte im Sattel der Moto2 schon völlig heimisch. Die Kalex ist bereits «sein Motorrad».

«Ich fühle mich wirklich wohl auf dieser Maschine. Ich sitze viel lockerer als auf der 125er, und sie machte vom ersten Augenblick an das, was ich mir vorgestellt hatte», strahlt Krummi. Dass er trotzdem sehr viel lernen muss, ist ihm aber klar. Deshalb probierte er mit seiner erfahrenen Techniktruppe auch vier Tage lang die Einstellungsmöglichkeiten seines neuen Einsatzgerätes und suchte mit Hilfe der Datenaufzeichnungen auch systematisch nach Linien und Möglichkeiten, seine Rundenzeiten weiter zu verbessern.

Nicht nur reden, sondern handeln
Rodrigo hat im Vorfeld auch dafür gesorgt, dass Krummenacher eine Technik auf höchstem Niveau zur Verfügung stehen wird. Beim Technikerstab stellte er eine hochkarätige Multikulti-Truppe zusammen, an dessen Spitze der Belgier Garry Reinders als Crew-Chief steht. Reinders holte mit Dani Pedrosa zwei 250er-Weltmeisterschaften in Folge und war zuletzt bei Tech3 in der MotoGP und in der Moto2 tätig. Für die Dämpfung ist der Engländer Damian Bailey zuständig, dazu gibt es die beiden Mechaniker Tibaut Travier aus Frankreich und Mario Henke aus Deutschland. Teammanager ist Jarno Jansen, der bereits fünf Jahre Erfahrung mit der Leitung von GP-Teams vorweisen kann. Bei der Technik hat man sich für die Kalex entschieden. «Ich habe mich sehr genau umgesehen und verhandelt», sagt Rodrigo. «Die Entscheidung ist auf Kalex gefallen, weil sie technisch den höchsten Stand in dieser Klasse darstellt und wir dazu den besten Service zugesichert bekommen haben.»

Startplätze sind in der Moto2-WM rar. Deshalb hat sich Rodrigo mit dem deutschen Kiefer-Team zusammengeschlossen und einen der beiden Plätze übernommen. «Wir agieren aber völlig unabhängig», versichert Rodrigo gegenüber TÖFF. «Wir haben unser eigenes Geld, unsere eigenen Techniker und unsere eigene Infrastruktur.» Da Kiefer für Stefan Bradl ebenfalls eine Kalex einsetzt, tauscht man die Daten aus, auch teilt man sich eine gemeinsame Hospitality.

Wenn zurzeit auch alles auf Krummenacher ausgerichtet ist, hat Rodrigo sein Projekt nicht nur für ihn ins Leben gerufen. «Ich will eine Plattform aufbauen, die in der IDM startet und über die Moto3- in die Moto2-WM führt. Dies soll allen Schweizer Talenten die Möglichkeit bieten, sich unter vernünftigen Bedingungen zu Spitzenfahrern zu entwickeln.»

Rodrigo hat grosse Erfahrung und gelernt, wie man Projekte aufbaut. Der Schweizer mit spanischen Wurzeln war einst in der Direktion der Grossbank Credit Suisse und danach mit einer eigenen Firma in der Immobilienbranche tätig, bevor er seine Anteile verkaufte, um sich ganz dem Grand-Prix-Projekt zu widmen. «Mir ist zuwider, wie heute der Weg in die WM nur noch über das Geld von Sponsoren führt, das der Fahrer dann in mittelmässige Teams einbringt», so Rodrigo. «Aber immer nur reden hilft nichts, deshalb habe ich gehandelt.»

Gehandelt hat auch Fred Corminboeuf, der 2010 Dominique Aegerter in die Moto2 geholt hat. Dabei war er gleich Teammanager des CIP-Moto2-Teams geworden, und er war auch massgeblich daran beteiligt, dass das Team für die Saison 2011 den zweifachen Supersport-Weltmeister Kenan Sofuoglu verpflichten konnte. Ziel ist der WM-Titel, aber dabei gibt es keine Teamorder. Auch Aegerter, der zum Saisonschluss immer stärker geworden ist, befindet sich auf der Jagd nach Siegen. Dominique hat in diesem Winter gar die Schweizer Eis-Speedway-Meisterschaft in Flims in sein Trainingsprogramm mit eingebaut. Der Sport-Tausendsassa fährt zudem neben Motocross und Supermoto noch E-Bike-Rennen und Motorschlitten. Aegerter und Sofuoglu sollen die CIP-Truppe zu einem der stärksten Teams in der Moto2-WM machen. Dazu haben sie auch die volle Unterstützung von Suter Racing Technology.

Die Suter-Moto2 aus Turbenthal ist ohnehin das Bike, das es zu schlagen gilt. Eskil Suter hat es gleich in der ersten Saison geschafft, nicht weniger als 13 Fahrer auszustatten und auch den ersten Moto2-Hersteller-WM-Titel der Geschichte in die Schweiz zu holen. So wird er nächstes Jahr noch mehr Teams ausstatten, und er setzt alles daran, seinen WM-Titel zu verteidigen – und womöglich auch noch den Fahrertitel zu holen.

Swissness als Weg zum Erfolg
Unter den neuen Fahrern von Suter ist auch Thomas Lüthi. Sein Mentor Daniel Epp wird sich in der nächsten Saison wieder voll und ganz auf seinen Schweizer Schützling konzentrieren. Epp glaubt an die geballte Kraft, die der Zusammenschluss mit dem Schweizer Hersteller bringt. Der 125er-Weltmeister von 2005 hat ja bereits im Vorjahr lange Zeit mit um den WM-Titel gekämpft. Nun will er noch das letzte Quentchen zum Erfolg finden, und dabei soll ihm Suter helfen.

Bei den Tests nach Saisonschluss war Lüthi mit der Suter MMX auf Anhieb schnell. So schnell, dass er zuletzt in Jerez die Zeiten, die er bei deutlich besserem Wetter mit der Moriwaki aufgestellt hatte, gleich unterbot. «Die Suter behagt mir sehr», freut sich der Ex-Weltmeister. Damit ihn auf seinem Weg zum Erfolg auch nichts mehr stört, hat er sich im Dezember einer Augenoperation unterzogen. So muss er beim Fahren keine Kontaktlinsen mehr tragen, die herausfallen können oder durch den Zug im Helm verrutschen.

Der Weg von Lüthi könnte nach 2011 gar in die MotoGP führen, denn Daniel Epp plant einen Wiedereinstieg in die höchste Klasse des Motorradsports. Im Vorjahr war der Basler dort bereits mit dem Japaner Hiroshi Aoyama unterwegs, nach dem Rückzug seines Hauptsponsors muss er aber ein Jahr Pause einlegen. «2012 will ich aber unbedingt wieder dabei sein. Wenn Tom bis dahin fahrerisch bereit ist, wäre das natürlich eine tolle Sache, gemeinsam dort zu starten», sagt Epp.

Suter als Vorreiter
Ein Schweizer Motorrad wird 2012 in der neuen MotoGP-Formel, die auch 1000er-Motoren auf Serienbasis zulässt, auf alle Fälle dabei sein. Der Prototyp von Eskil Suter mit BMW-S-1000-RR-Motor hat bereits seine ersten Testfahrten hinter sich gebracht. Viel wichtiger noch: Suter hat auch einen Geldgeber für die Entwicklung gefunden. Der belgische Motorsport-Multi Marc van den Straten, dessen Moto2-Team mit Suter-Maschinen fährt, will ebenfalls in die MotoGP und hat sich mit der Finanzierung ein Vorkaufsrecht auf die Schweizer MotoGP-Maschine gesichert. Durch ihn hat Suter aber auch gleich kompetente tech-nische Unterstützung erhalten: Marc’ VDS-Teamchef Michael Bartholemy hat die Elektronik seiner Werks-Endurance-WM-BMW gestiftet und 16,5-Zoll-Reifen von Michelin organisiert. «Der Vertrag von Bridgestone als Ausrüster der MotoGP-WM läuft Ende 2011 aus. Deshalb wollen wir uns bei der Entwicklung nicht zu sehr auf einen Reifen konzentrieren», erklärt Suter gegenüber TÖFF.

Auch Testfahrer Damien Cudlin ist ein Mitglied von Bartholemys Endurance-Team, mit ihm soll bereits im Februar wieder getestet werden. Ihm zur Seite steht Carmelo Morales, der sich mit grossen Maschinen bestens auskennt und speziell auf spanischen Strecken sehr schnell ist. In Jerez konnte er nach nur wenigen Runden bereits sehr schnelle Zeiten mit dem Serienmotor herausfahren.

Auch in der kleinsten Klasse ist für Schweizer Nachwuchs gesorgt. Fred Corminboeuf will Giulian Pedone in einem italienischen Team in der 125er-WM unterbringen. Und wenn Damien Raemy seine WM-Pläne auch um ein Jahr aufgeschoben hat, will er mit HP-Moto 2012 von der IDM in die Moto3 aufsteigen.

 

An der Swiss-Moto 2011 wird der Motorrad-Rennsport auf alle Fälle ganz gross geschrieben, denn alle hier beschriebenen Schweizer Projekte werden dort dem Publikum gezeigt. 2011 verspricht also ein tolles Schweizer
Motorsport-Jahr zu werden. 

 

Endurance-WM-Vize noch besser?

2010 war das Jahr des Bolliger-Teams. Hans-Peter Bolligers begeisterte Kawasaki-Idealistentruppe aus Ruppoldsried war die Überraschung der letztjährigen Endurance-WM-Saison. Das Team übernahm beim zweiten Lauf in Albacete die WM-Führung und reiste noch immer als Spitzenreiter zum WM-Finale nach Katar. Im Wüstenstaat fand die Geschichte des David gegen Goliath dennoch kein Happy End: Während das übermächtige Suzuki-Werksteam das Rennen gewann, konnten Patrik Muff, Roman Stamm und Horst Saiger nach Problemen nur den vierten Platz ins Ziel retten, und sie verloren so knapp den Titel. Die Vizeweltmeister gehen nochmals gestärkt in die Saison 2011, denn die neue Kawasaki ZX-10R Ninja verspricht eine scharfe Waffe im Kampf um Siege zu werden. Und Bolliger will seine Truppe für den nächsten WM-Angriff auch fahrerisch noch einmal verstärken. 

 

SM als Vorreiter
Wenn die Moto3 in der WM 2012 Premiere feiern wird, wird es diese Klasse in der Schweizer Meisterschaft schon ein Jahr früher geben – wenngleich mit leicht anderen Regeln. Die FMS wird 2011 neben der Superstock 600 und der Superstock 1000 auch in der Moto3 einen Schweizer Meistertitel vergeben. Dafür hat sich der Verband mit PCP-Racing aus Jona zusammengetan. Die Moto3 wird in der SM eine Nachwuchsklasse ab 13 Jahren sein, gefahren wird mit identischen Moriwaki MD 250 mit Honda-CR-F-250-Motor (Bild). Die Moto3 wird bei allen sechs Veranstaltungen jeweils ein Rennen fahren, während die anderen Klassen an den Renn-Weekends je zweimal an den Start gehen werden. Neben den Meisterschaftsklassen wird es wieder den Supersport-Open-, den Superbike- und Italo-Cup sowie die Markencups von Ducati, MV, Suzuki und Triumph geben. 

Lernen von den besten Technikern: Randy Krummenacher hat im neu gegründeten Grand Prix Team Switzerland einen sehr erfahrenen Betreuerstab um Crew-Chief Gary Reinders, der ihm den Einstieg in die Moto2 auf höchstem Niveau garantiert. Lernen von den besten Technikern: Randy Krummenacher hat im neu gegründeten Grand Prix Team Switzerland einen sehr erfahrenen Betreuerstab um Crew-Chief Gary Reinders, der ihm den Einstieg in die Moto2 auf höchstem Niveau garantiert. © 2snap
Testen für die Zukunft: Damien Cudlin (l.) schildert Eskil Suter seine ersten Ein-drücke vom neuen MotoGP-Bike. 2012 wird definitiv eine Schweizer Konstruktion im MotoGP starten. Bis dahin gilt es, noch viel zu optimieren und zu verfeinern. Testen für die Zukunft: Damien Cudlin (l.) schildert Eskil Suter seine ersten Ein-drücke vom neuen MotoGP-Bike. 2012 wird definitiv eine Schweizer Konstruktion im MotoGP starten. Bis dahin gilt es, noch viel zu optimieren und zu verfeinern. © 2snap
Tom Lüthi: WM-Angriff auf Suter. Tom Lüthi: WM-Angriff auf Suter. © 2snap
Giulian Pedone: Der nächste junge Schweizer Pilot, der es mit Hilfe von Fred Corminboeuf in die WM geschafft hat. Giulian Pedone: Der nächste junge Schweizer Pilot, der es mit Hilfe von Fred Corminboeuf in die WM geschafft hat. © 2snap
Domi Aegerter: Topfit dank Wintersport. Domi Aegerter: Topfit dank Wintersport. © 2snap