Motorradbestand

Stadt-Land-Gefälle

Von Daniele Carrozza
14.07.2010 11:19:55

Von 1970 bis heute hat sich der Motorradbestand in der Schweiz von 142 107 auf 642 777 Einheiten mehr als vervierfacht. Und obschon die Kurve konstant nach oben zeigt, scheint es, als wären in städtischen Gebieten immer weniger Töfffahrer unterwegs.

Downtown Zürich an einem sonnigen Frühlingsnachmittag, kurz nach Feierabend. Kreuz und quer flitzen Tausende von Rollern an Kolonnen vorbei, stechen mit Schwung durch enge Gässchen und mischen sich auf Trottoirs zwischen Berge geparkter Velos. Motorräder sind kaum welche auszumachen. Und wenn, dann sitzt ein primär das träge Vorankommen in der Rush Hour meidender, leicht bekleideter Pendler mit Freitag-Tasche drauf, der es demonstrativ unterlässt, meinen Töfffahrergruss zu erwidern.

Dass es inzwischen uncool ist, in einer linksgrün geprägten Stadt wie Zürich ein Motorrad zu bewegen, wurde mir schon zu Uni-Zeiten klar: Mit Lederjacke und Helm wurde ich auf den Fluren der Städte der Bildung gemustert, als wäre ich soeben dem Space Shuttle entstiegen. Die Blicke gaben mir zu verstehen, ich sei nicht intellektuell genug, mental zu einfach gestrickt.

Doch sind in urbanen Regionen heute wirklich weniger Motorradfahrer unterwegs? Um dies herauszufinden, habe ich mich an jemanden gewandt, der die hohe Kunst der Deutung statistischer Daten bestens beherrscht: an Fibag-Kawasaki-Geschäftsführer Freddy Oswald, der fleissig Datenmaterial für uns ausgewertet hat.

Motorradbestand: Klare Zunahme

Der Bestand immatrikulierter Motorräder hat in der Schweiz seit den 1970er-Jahren deutlich zugenommen – sowohl in ländlichen wie in urbanen Regionen. Doch gibt es in der Ausprägung der Zunahme teils massive Unterschiede. Unser Untersuchungsraum beschränkt sich auf die Kantone Basel-Stadt, Genf, Tessin, Luzern, Waadt, Bern und Zürich, wobei wir jeweils eine Aufteilung in Stadt- und Landbezirke vorgenommen haben. Ausgehend von diesem Sample resultiert bei den immatrikulierten Töff über 125 ccm in der Zeitspanne von 2004 bis 2009 eine Zunahme von insgesamt 14,6%. In ländlichen Regionen war die Zunahme mit +15,5% markanter als in den Städten (+13,4%). Beginnen wir in Basel, wo die Zunahme lediglich 9,6% beträgt. Verglichen mit dem Sample für die Städte ist das signifikant weniger. Eine ähnliche Entwicklung liegt in Genf vor (+10,1%). Ebenso in der Waadt (+9%), wo der Bestand in ländlichen Gegenden dafür überproportional zugenommen hat (+19,8%). Auch was den Kanton Zürich betrifft, wird meine These zumindest ansatzweise gestützt: In den Städten beträgt die Zunahme lediglich 10,3%.

Eine entgegengesetzte Entwicklung liegt dagegen im Kanton Bern vor: Hier hat die Stadt im Vergleich massiv zugelegt (+21,2%), wärend auf dem Land signifikant weniger Zulassungen zu zählen sind (+10,1%). Auch im Kanton Luzern machen die Städte das Rennen (+17,5%), und das Tessin gibt – egal ob City oder Land –  Vollgas: +23,7% ausserhalb und unglaubliche +28,9% innerhalb der Städte. Heisst also, dass Töfffahren im Tessin «en vogue» ist. Ebenso in den Städten der Kantone Bern und Luzern.

Unsere aus forschungsökonomischen Gründen nicht wirklich repräsentative Untersuchung soll noch durch Statements zweier Händler erweitert werden, die seit Ewigkeiten mitten in der Stadt Zürich aktiv sind. In zwei Punkten sind sich sowohl Roberto Rossi (Moto Guzzi) als auch Daniel Arrigoni (BMW, Suzuki) einig: Zum einen darin, dass speziell für die Stadtjugend, deren Interesse für Töff massiv zurückgegangen ist, das Motorradfahren heute nur noch Teil eines fragmentierten Freizeitverhaltens darstellt (Disco, Sport, TV, Games, Töfffahren); Töfffahren sei nicht länger eine Lebenseinstellung, sondern ein Lifestyle-Faktor. Zum anderen haben beide festgestellt, dass viele ihrer Kunden, die einst in der Stadt gelebt haben, in die Agglomeration gezogen sind. Arrigoni, seit 1983 in Zürich tätig, sieht noch weitere Gründe: «Dass wir immer weniger Töfffahrer in der City haben, liegt auch an der unfreundlichen Verkehrsplanung. Zudem hat Zürich eines der besten ÖV-Netze. Was man oft sieht, sind Grossroller und vermehrt Elektrofahrzeuge.» Roberto Rossi, seit 1978 (!) in der Limmatstadt: «Früher war die Nachfrage nach Umbauten deutlich grösser. Heute ist das Geld knapper, und es wird fast ausschliesslich ‹ab der Stange› gekauft.»