BFU-Dossier

Zuckerbrot & Peitsche?

Von Michael Kutschke
02.06.2009 14:02:22

In Kürze – die neuesten bfu-Massnahmen gegen 90 Motorradtote im Jahr:

bfu: «Im zunehmenden Motorradverkehr bedarf es edukativer, repressiver, fahrzeugtechnologischer und infrastruktureller Massnahmen. Der Faktor Mensch spielt bei der Unfallverhinderung eine zentrale Rolle. Die Basis für ein adäquates Risikobewusstsein bei Motorradfahrenden und Lenkenden potenzieller Kollisionsfahrzeuge muss in Grundausbildung undWeiterbildung gelegt werden. Sicheres Motorradfahren bedarf motorradspezifischer
Fahrfertigkeiten und Erfahrung. Motorradrasern ist mit Überwachung des geltenden Rechts Einhalt zu gebieten.

Die wichtigsten Mittelfrist-Massnahmen:

 

  1. Sanierung von Unfallschwerpunkten undBehebung von Mängeln in der Infrastruktur
  2. Geschwindigkeitskontrollen
  3. Verschärfung der Führerausweisregelung (Mindestalter, Stufenführerausweis, obligatorischeWeiterbildung)
  4. Förderung der aktiven Motorradsicherheit
  5. Sensibilisierungskampagnen (die sich an Motorrad- und PW-Lenker richten).

Das bfu-Dossier ist 166 Seiten dick und steht gratis unter www.bfu.ch zum Download bereit.

 

Standpunkt: IG Motorrad:

Das neue «Sicherheitsdossier Motorradverkehr» der bfu (Beratungsstelle für Unfallverhütung) könnte Lösungsansätze zur Erhöhung der Sicherheit von Motorradfahrern im schweizerischen Strassenverkehr aufzeigen. Die Betonung liegt auf könnte, denn zu welchen der zahlreichen Massnahmenvorschläge die Politik greifen wird, ist ungewiss.

Im Zentrum der bfu-Arbeit steht die keineswegs neue These, dass der Mensch der grösste Unsicherheitsfaktor im Verkehrssystem wie auch im System Motorrad ist. Doch hier überrascht die Studie zum ersten Mal, denn sie meint mit «Mensch» nicht nur die Töfffahrer , sondern auch die Unfallgegner der Biker.

Gründlich, unvoreingenommen und kritisch nimmt sich die Studie auch andere potenzielle Risikofaktoren vor , um Verbesserungs- und Entwicklungspotenzial zu orten, Unfälle zu vermeiden oder ihre Folgen zu mildern: Von der Motorradtechnik (Fahrzeugassistent-Systeme und Design bei Töff und Kollisionsfahrzeugen) über die Strasseninfrastruktur (Strassenbeläge, Hindernisse, Begrenzungen) und die dafür verantwortlichen Stellen und Gesetze bis hin zur Töff-Schutzbekleidung.

Die Verbesserungsvorschläge sind entsprechend umfassend. Selbstverständlich beinhaltet sie auch repressive Massnahmen wie Kontrollen zur Durchsetzung der gesetzlichen Vorschriften oder die Ausstellung von Fahrausweisen nur noch auf Zeit. Aber das Spektrum geht viel weiter.

So wird beispielsweise eine gezielte Sensibilisierung von PW-Fahrern zum sicheren Erkennen von Motorrädern gefordert. Dass die Studie nicht umhinkommt, auch die Motorradfahrer selbst zu mahnen, sich ihrer Risiken bewusst zu sein und die eigenen fahrerischen Grenzen nicht zu überschreiten, ist selbstverständlich.

Erfreulich offen weist die Studie auch auf infrastrukturelle Defizite in der Praxis hin, welche offenbaren, dass die Kenntnisse und/oder die Sensibilisierung auf «Motorräder» bei Strasenbau-Ingenieuren und Planern viel zu wenig vorhanden sind. Das führe, so die Studie, dazu dass die Eigenheiten des Motorradverkehrs bei Planung, Projektierung, Ausführung und Unterhalt von Verkehrsanlagen oft mangelhaft berücksichtigt werden. Auch das häufig mangelhafte Unterhaltsmanagement der Infrastruktur wird ebenso offen angesprochen wie die Erkenntnis, dass Leitschranken, wenn sie denn zum Einsatz kommen gemäss geltenden Vorschriften bereits heute den Ansprüchen von Töfffahrern genügen müssten Was sie jedoch nur selten tun. Generell, so die Studie, seien die Anliegen der Motorräder in den VSS-Normen nur am Rande wiederzufinden.

Um die unhaltbaren Zustände zu ändern fordert die bfu nun die Einführung eines Road-Safety-Audits, eines international längst etablierten standardisierten Verfahrens zur Prüfung von Projekten (Neubau, Umbau, Sanierung) in den verschiedenen Planungsphasen.