Expertenmeinung

Wer ist eigentlich ein Raser?

Von Simon Haltiner
14.07.2010 14:46:50

Wer rast, soll in den Käfig, meinen gewisse Initianten. Was hält die Raser-Expertin von dieser Idee? Wir fragten nach und waren überrascht.

Jugendliche liefern sich ein illegales Autorennen und bauen einen Unfall, bei dem Unbeteiligte ums Leben kommen. Eine tragische Szene, wie sie offenbar immer öfter vorkommt. So zumindest der Eindruck, den die Massenmedien vermitteln. Und zwar nicht nur die Boulevardpresse, sondern irritierenderweise auch die öffentlich-rechtlichen Medien, die für eine möglichst objektive Berichterstattung vom Volk finanziert werden.

Zahlen und Fakten (beispielsweise 2008: Rekordtief bei den Schweizer Strassenopfer­zahlen) wird wenig Beachtung geschenkt, eben­so wenig der Tatsache, dass Unfälle infolge exorbitanter Tempoübertretungen einen kleinen Bruchteil ausmachen. Wer interessiert sich schon für Zahlen, wenn er solche Bilder sieht? So ist man sich parteiübergreifend einig über den Handlungsbedarf, und bereits vorgenommene Gesetzesänderungen werden weitgehend vergessen. Die von der Strassenopfervereinigung Roadcross ins Leben gerufene und von Politikern geschickt als Karriere-Promotionsplattform genutzte Initiative «Schutz vor Rasern» verkündet jetzt, die Lösung für das Problem gefunden zu haben. Diese ist – wen erstaunt das? – nach bewährtem
Repressionsstrickmuster geraten: Wer zu schnell fährt, kommt für ein bis vier Jahre ins Gefängnis. An diesem Vorgehen ist aus Laiensicht nichts auszusetzen. Wer Zweifel äussert, liefert sich dem Verdacht aus, das Problem bagatellisieren zu wollen. Falsch: Auch TÖFF nimmt das Problem sehr ernst. Doch mit zahlreichen Experten teilen wir Bedenken hinsichtlich der Vorgehensweise, bei der das Strafrecht in unfachmännischer Weise manipuliert wird, wie das bei Volksinitiativen offenbar immer populärer wird. Doch was Experten sagen, hört sich oft komplex und unspektakulär an. Der «Blick» macht es einfacher und schmückt seine Frontseite mit Promis, die im Einklang verlauten: «Wir sind für die Raser-Initiative!». Denn jeder will sich ein Quäntchen Image-Boost sichern, indem er sich mit den Opfern solidarisiert, bevor das Thema wieder «out» ist. In der Club-Diskussion im staatlichen Fernsehen SF wird die Couch – wie oft bei Indivi­dualverkehrsthemen – auffällig unausgeglichen besetzt: Ein einsamer Autopartei-Hardliner dient als dankbare Zielscheibe. Der Nationalrat und Co-Autor der Initiative instrumentalisiert Opfer zur Demonstration seiner selbstlosen Solidarität. Immerzu prangert er behördliche Milde an und unterschlägt dabei, dass die zitierten Fälle zeitlich vor der Revision des Strassenverkehrsgesetzes liegen, was er als Rechtsprofessor eigentlich besser wissen müsste. Ebenso verschweigt er, dass die versprochene abschreckende Wirkung härterer Strafen umstritten ist. Geleitet wird die eher emotionale denn sachliche Diskussion von einem Moderator, der selbst nicht Auto fährt und zulässt, dass die anwesende Raser-Expertin wiederholt unterbrochen wird, sobald sie in die Tiefe der Materie gehen will. Schade! Deswegen hat TÖFF die besagte Expertin, die Verkehrspsychologin Frau Dr. Jacqueline Bächli-Biétry, besucht, um sich das Raser-Problem aus professioneller Sicht erklären zu lassen. Doch erstaunlicherweise hat die Befragte die erste Frage gestellt:

Dr. J. Bächli-Biétry: Wieso kommen Sie eigentlich zu mir, wenn es um diese Intitiative geht?
TÖFF: Sie sind nicht politisch aktiv und machen daher keine tendenziösen Aussagen. Als Wissenschaftlerin haben Sie eine nüchterne und möglichst objektive Sichtweise. Vor allem:

 TÖFF: Sie arbeiten als Verkehrspsychologin mit den «Rasern». Therapieren Sie diese?
Dr. J. Bächli-Biétry: Nein, ich bin überzeugte Nichttherapeutin (lacht)! Wir machen hier verkehrspsychologische Untersuchungen. Das heisst, wir entscheiden, ob die betreffende Person charakterlich fahrgeeignet ist. Hauptsächlich beurteilen wir Fälle von vorsorglichem Entzug: Wer mehrere oder ein besonders schweres Vergehen begangen hat, dem wird umgehend der Ausweis entzogen und eine verkehrspsychologische Begutachtung verordnet. Hier muss er zu seiner Vorgeschichte Stellung nehmen und darüber, wie er sich zukünftig an die Regeln zu halten gedenkt. Zudem muss er Tests absolvieren (siehe Kasten), mit denen wir seine Belastbarkeit, seine Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen prüfen. Dann wird entschieden, ob ein Warnungsentzug (1 bis 12 Monate) als Erziehungsmassnahme oder ein Sicherungsentzug des Ausweises erfolgt. Bei Letzterem erhält der Betroffene eine Auflage, etwa ein Lernprogramm, eine Therapie …

oder ein Rennstrecken-Training?
Nein!

Sorry, war nicht ernst gemeint
(Lacht). Hat er diese erfüllt, kann er sich zu einem späteren Zeitpunkt erneut beurteilen lassen.

Wie hoch ist die Durchfallrate bei dieser Begutachtung?
Ich würde schätzen, 70 bis 80 Prozent fallen bei der Erstbegutachtung durch, wobei sich das langsam ändert. Grund dafür ist der Ausweis auf Probe. Die Probezeit für Neulenker dauert nämlich drei Jahre und wird bei einem Vorfall (Stop überfahren, Auffahrunfall) um ein Jahr verlängert. Bei einem zweiten Vorfall wird der Ausweis annulliert; der Betroffene wird für ein Jahr gesperrt und muss sich einer Begutachtung stellen. Übersteht er diese, kann er mit dem ganzen Prüfungsprozedere (VKU, Theorie etc.) noch einmal von vorne beginnen. Bezahlen muss er alles selbst (eine Begutachtung kostet 800 bis 1200 Franken). Diese Regelung ist meines Erachtens
eher hart und sorgt dafür, dass zunehmend Neulenker zu untersuchen sind, die keine charakterlichen Probleme aufweisen.

Wie unterscheidet sich ein Raser von einem «Normalfall»?
Es handelt sich um vorwiegend junge Männer aus der sozialen Unterschicht und mit niedrigem Bildungsniveau. Sie sind sich im Klaren, dass sie hierzulande weniger Chancen im Leben haben, und besitzen deswegen ein schlechtes Selbstwertgefühl. In der Regel identifizieren sie sich übermässig mit ihrem Auto und fühlen sich mächtig damit. Ihr Handeln ist geprägt von einer beängstigenden Gedankenlosigkeit und auch von einem Mangel an Einfühlungsvermögen: Sie können sich nicht vorstellen, was sie mit ihrem Verhalten anrichten können. Vom Adrenalinkick bis zur Rebellion gegen die Umgebung ist alles darin enthalten. Ihr Verhalten hat zudem auch etwas Selbstzerstörerisches, denn sie riskieren auch ihr eigenes Leben.

Ist also nicht jeder, der manchmal schnell fährt, automatisch ein Raser?
Nein, da gibt es schon wesentliche Unterschiede. Ein Beispiel: Ich vermute, dass eine Vielzahl der Töfffahrer manchmal zu schnell fährt, aber auf eine «intelligentere» Art und Weise. Vor allem auch an Orten, wo dies weniger riskant ist. Das soll nicht heissen, dass ich das befürworte. Es ist aber deutlich weniger bedenklich. Aber: Sobald jemand den Kick sucht und an die Grenzen geht, verhält er sich nicht besser.

In diesem Fall würde ich manch einen kennen, auf den dies zutrifft
Das erstaunt mich auch nicht! Das ist ja genau das Problem bei dem Thema: Viele Schweizer denken: Die Raser, das sind nur die Ausländer in ihrem getunten BMW! Aber wenn sie mal selber schneller fahren, dann sei das etwas anderes.
Ist es aber nicht: Jeder, der bewusst grosse Risiken im Strassenverkehr in Kauf nimmt, ist ein Raser, Nationalität hin oder her.

Ist die Raser-Initiative – wie auch die Minarett-Initiative – möglicherweise eine Stellvertreter-Initiative für ein Migrationsproblem?
Ja, das halte ich für sehr gut möglich. Deswegen stehen auch die Chancen gut, dass sie durchkommt. Es ist aber tatsächlich so, dass ein Grossteil meiner «Kunden» Ausländer sind. Das erstaunt auch nicht, denn die zählen oft zur sozialen Unterschicht, haben wie gesagt weniger Chancen und häufig eine grosse Affinität für starke Autos. Aber ob man dem Problem in der vorgeschlagenen Art und Weise Herr wird, ist höchst fragwürdig. Es könnte gut sein, dass man die Falschen trifft. Ein Töfffahrer – das wissen wir aus der Praxis – hat bei einem Überholmanöver ausserorts schnell 140 km/h drauf, wenn auch nur kurzfristig. Wollen wir jetzt junge Familienväter aus ihrem Leben reissen und ins Gefängnis stecken? Abgesehen vom menschlichen Leid würde das riesige Kosten und immense soziale Folgeschäden verursachen.

Lassen sich Raser überhaupt von härteren Strafen zur Räson bringen?
Nein. Wissen Sie: Die denken gar nicht so weit. Und manche meiner Klienten beherrschen ja nicht mal die deutsche Sprache. Woher sollen die wissen, was im Gesetz steht? Zudem wissen wir längst, dass Strafandrohung nur dann eine Wirkung hat, wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass man erwischt wird. Deshalb bringt es nichts, das Gesetz ständig zu verschärfen, wenn die Kontrollen nicht intensiviert werden. Das ist doch unfair: Sie können sich jahrelang ohne ein Feedback ungehindert daneben verhalten und laufen irgendwann einmal in den Hammer. Was bringt das? Sie müssen doch sofort merken, dass Sie etwas falsch machen. Das bestehende Gesetz bietet genügend Möglichkeiten, Raser zu erziehen oder von der Strasse zu nehmen. Aber Gefängnis und lebenslanges Fahrverbot bringen nichts, wenn der Raser nicht erwischt wird. Und die Chance, dass er nicht erwischt wird, ist im Moment sehr gross.

Dann ist die Bezeichnung der Initiative, «Schutz» vor Rasern, irreführend?
Genau! Die Initiative verfehlt in vielen Bereichen ihr Ziel: Die Prävention kommt nicht zustande, da die abschreckende Wirkung nicht funktioniert. Von einem Schutz zu sprechen ist daher fast zynisch. Zudem scheint mir deren «Raser»-Definition mangelhaft, wobei mir schon klar ist, dass Grenzen festzulegen sind: Sie erinnern sich an den Fall Schönenwerd? Die ermittelten Geschwindigkeiten der drei Beteiligten wären zu tief für die im Initiativtext vorgeschlagene Schwelle. Das heisst, die drei Raser würden dank der Initiative vor dem Gesetz nicht als Raser gelten. Das ist doch absurd! Ausserdem stört mich, dass derartige Initiativen in unser Rechtssystem eingreifen, sodass dieses nicht mehr logisch und nachvollziehbar ist. So ist es für mich beispielsweise nicht logisch, dass ein Raser, wenn er meine Tochter umfahren würde, für sieben Jahre hinter Gitter müsste. Wäre er stattdessen schwer betrunken, dann wären es nur drei Jahre!

Und wenn er sie zu Fuss gewaltsam angreifen würde, wären es ziemlich sicher noch weniger. Ist es überhaupt möglich, den Tatbestand «Rasen» über messbare Faktoren zu definieren?
Schwierig. Das Gefährdungspotenzial ist abhängig von vielen Faktoren, und die ändern sich abhängig von Fahrer, Fahrzeug, Umgebung, Wetter und so weiter. Das Gesetz stellt mit den Limiten eine Vereinfachung, einen Kompromiss dar. So bleibt die Verantwortung am Schluss beim Lenker, das ist unvermeidbar. Sie können je nach dem mit 60 innerorts riskanter unterwegs sein als mit 140 ausserorts, da gebe ich ihnen recht.

Haben Sie das Gefühl, dass härtere Strafen das Rasen noch interessanter, weil noch riskanter machen könnten?
Nein, das glaube ich weniger. Wie gesagt interessiert sich die Risikogruppe nicht für das Gesetz. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass die Thematisierung in den Medien – so, wie sie übrigens wegen der Initiative derzeit stattfindet – das Phänomen verstärken kann. Das ist derselbe Nachahmungseffekt, wie man ihn von Amoktätern oder Suizidenten kennt.

Wie schätzen Sie den Handlungsbedarf überhaupt ein?
Der ist subjektiv: Für die einen ist etwas ein Problem, für die anderen nicht. Jedenfalls stimmt es, dass die Verkehrsopferzahlen in der Schweiz ständig sinken. Im internationalen Vergleich stehen wir sehr gut da. Aber es ist natürlich schon so, dass jedes Verkehrsopfer eines zu viel ist. Und es ist nachvollziehbar, dass die Bevölkerung der Meinung ist, dass gegen extreme Raser, die andere gefährden, etwas unternommen werden muss.

Was halten Sie von alternativen Lösungsvorschlägen wie Leistungsbeschränkungen für Junglenker oder Blackboxen
für Härtefälle?
Das halte ich für vielversprechender, schliesslich sehen wir einen signifikanten Zusammenhang zwischen leistungsstarken Autos und krassen Übertretungen. Aber mit dem Vorschlag der Leistungsbeschränkung für Neulenker wird man keine Freunde finden, denn niemand will auf etwas
verzichten. Die Blackbox im Sinne einer Massnahme für Täter auf Bewährung hat da schon mehr Chancen. 

Was halten Sie von der Idee, ambitionierten Fahrern die Gelegenheit zu geben, sich auf einer Rennpiste auszutoben?
Wieso nicht? Aber das hat mit dem Raserproblem nichts zu tun. Die ambitionierten Fahrer – zu denen wahrscheinlich auch Sie zählen – gehen ohnehin jetzt schon auf die Rennstrecke, wo sie auch hingehören. Die Strasse ist ein soziales System und dient dem sicheren Vorankommen von A nach B und nicht dem Ausloten von Grenzen. Aber die Risikogruppe, von der die Rede ist, kann sich ja kaum das Auto finanzieren. Wie sollen die also ein Rennwochenende bezahlen? Dazu kommt, dass die vielfach gar nicht sportlich ambitioniert sind, sondern einfach nur den Adrenalinkick suchen oder sich vor Freunden profilieren wollen.

Mehr als nur ein Spiel

Die an eine Spielkonsole erinnernde Installation nennt sich ART 2020 (Act-and-React-Testsystem) und wird vom Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien entwickelt und vertrieben. Der Proband hat mit dem Lenkrad einen Punkt auf der ununterbrochen durchlaufenden «Strasse» zu halten. Zusätzlich erscheinen im peripheren Gesichtsfeld Lichtreize, die er durch Betätigen der Fusspedale zuordnen muss. Dieser Tests ermittelt verkehrsrelevante Hirnleistungsfunktionen: Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Teilung der Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und -genauigkeit. Die Daten fliessen in die Beurteilung der Fahrtauglichkeit ein. Also Obacht, sollten Sie sich einmal vor dieser Anlage wiederfinden... 

Mehr als nur ein Spiel. Mehr als nur ein Spiel. © Richard A. Meinert