Neue BFU-Studie

Stoff für Zoff

Von Michael Kutschke
12.12.2008 10:01:07

Banalitäten, Pauschalisierungen, Spekulationen: Die neue bfu-Studie.

Worum geht’s in der neuen bfu-Studie?
Martin Hauswirth: Über 600 Schweizer Töff- und Rollerfahrer wurden im Abstand von 10 Jahren über Fahrverhalten und Un-fallerfahrungen befragt. Die bfu wertete die Daten statistisch aus und kommt zu dem Ergebnis, dass die Nichteinhaltung geltender Strassenverkehrsgesetze bei Mo-torradfahrern relativ häufig auftrete und auch eine der Hauptunfallursachen sei.

Gibt es daran Zweifel?
Ja. Erstens: Weil viele Inputs nicht exakte Werte, sondern subjektiv geprägte Selbst-einschätzungen sind. Das lässt viel Interpretationsspielraum zu. Und dass Töff meist aus emotionalen Motiven gefahren werden, muss ja nicht a priori – wie die bfu dies tut – als gefährlich betrachtet werden. Zweitens: Es werden zahlreiche ausländische Studien zitiert. Auch solche, die mit unserer Töffszene nicht vergleichbar sind. Was bringt die Bezugnahme auf eine Studie aus Taiwan, wonach Yamaha-Fahrer schwerer verunfallen als Kymco-Fahrer? Drittens: Der bfu-Report belegt nur den banalen Zusammenhang zwischen Fahrkompetenz, Risikobereitschaft und Unfallhäufigkeit. Dass Leute mit geringer Fahrkompetenz und hoher Risikobereitschaft auf einem starken Töff ein höheres Unfallrisiko haben, leuchtet ein. Doch ist dieser Fahrertyp nur eine ungeliebte Minderheit.

Lässt die Studie Hoffnung für frei von politischen Zwängen gestaltete Sicherheitsempfehlungen?
Wenig. Im Report wird zwar bestätigt, dass bei Kollisionen Motorrad/Auto das Verschulden mehrheitlich beim Autolenker liegt. Umso unverständlicher, dass die bfu den Schwarzen Peter uns zuschiebt, obwohl sie selbst die Ursachen mehrheitlich beim Kollisionsgegner sieht.

Gibt es noch mehr solche Widersprüche?
Ja. Für die Autoren ist wie gesagt das Übertreten von Geschwindigkeitslimiten das Hauptunfallrisiko. Doch es fehlt eine Detailanalyse der Unfallursache «Unangepasste Geschwindigkeit». Bei vielen Kurvenunfällen (Abkommen von der Fahrbahn) zum Beispiel liegt die gefahrene Geschwindigkeit häufig weit unter der am Un-fallort tatsächlich möglichen. Ursächlich sind ganz andere Faktoren, wie Verhaltensfehler, mangelhafte Blickführung, Linienwahl, Schräglagenangst oder falsches Bremsen. Das berücksichtigt die bfu nicht. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich unterschätze die Gefahren unangemessener Geschwindigkeit nicht und verurteile Raserei auf der Strasse. Aber das dadurch hervorgerufene höhere Unfallrisiko ist situationsabhängig. Es variiert stark je nachdem, wo und unter welchen Umständen die Übertretung erfolgt. Die Autoren differenzieren auch da nicht. Beispiel: Man fährt 20 km/h zu schnell. Mit 70 innerorts wird der Anhalteweg gut doppelt so lang wie mit 50 km/h. Das ist brandgefährlich. Allein und auf freier gerader Landstrasse stellt 100 km/h hingegen kein erhöhtes Risiko dar.

Die Autoren propagieren den erschwerten Zugang zu schnellen Töff. Hätte so eine Massnahme Auswirkungen auf die Unfallzahlen?
Kaum. Die bfu-Studie missdeutet das Verhältnis Leistung/Geschwindigkeit. Neu- und Wiedereinsteiger müssten mit 50er-Rollern Vorlieb nehmen. Die meisten Töffunfälle erfolgen zwischen 50 und 80 km/h. Leistungsbegrenzte grosse Töffs übertreffen diese Geschwindigkeit. Entscheidend ist der Mensch, nicht welchen Töff er fährt. Der Schlüssel liegt in verbesserter Aus- und Weiterbildung. Periodische Kurse müssten zwingend sein.

Aber die bfu-Autoren schreiben Motorrad-Fahrsicherheitskursen nur wenig Nutzen zu.
Zu Unrecht, denn in freiwilligen Kursen fehlen die Fahrer, welche es am nötigsten hätten. Das gibt ein falsches Bild.

Und wie sind die bfu-Vorschläge zu bewerten?
Vision Zero lässt grüssen: Die Autoren denken laut darüber nach, wie man mehr Leute zum Aufgeben des Töfffahrens bewegen könnte. Zero Kilometer, zero Unfall! Im Vorwort schreibt die Direktorin der bfu jedoch: «Motorradfahren ist ein Freizeitvergnügen mit hohem Spassfaktor, das die bfu nicht verderben will.» Bei der bfu weiss offensichtlich die Rechte nicht mehr, was die Linke tut. Völlig konfus ist übrigens die Aussage, eine höhere Schulbildung erhöhe das Unfallrisiko.

Gibt es etwas, das man der bfu jetzt raten müsste?
Nur so viel: Für das «Sicherheitsdossier Motorrad», das die bfu 2009 publizieren will, wünschen wir uns endlich Autoren, die auch mal auf dem Motorradsattel sitzen statt nur auf dem Bürostuhl.

 

Zur Person
Martin Hauswirth, Masch. Ing. HTL, Jahrgang 1942. Der Ingenieur pflegt seit Jahren einen regen Gedankenaustausch mit in- und ausländischen Verkehrs- und Motorradexperten. Der ambitionierte Motorradfahrer (ca. 30 000 km/Jahr) nimmt selbst jährlich an ein bis zwei Motorrad-Sicherheitstrainings teil.

Aktivitäten
Seit 2002: Ehrenamtliche Arbeit unter dem Logo «büro sattelfest»; Studium einschlägiger Publikationen zur Fahrsicherheit und Unfallforschung. Auswerten eigener Beobachtungen im Verkehrsalltag. 2004: Seine Publikation «Bremsen auf zwei Rädern» findet grosse Anerkennung in der Fachwelt. Seit 2006: Referent des Kurses «Bremsen in allen Lagen» beim Ostschweizer Fahrlehrerverband und bei der Fachtagung Bernischer Gymnasiallehrer (FaTa 07) sowie am Perfektionstraining der Berner Polizeimotorradfahrer.

Martin Hauswirth und eine seiner Publikationen Martin Hauswirth und eine seiner Publikationen © Michael Kutschke