Chris Handschuh

Go with the flow

Von Michael Kutschke
10.06.2009 14:53:49

Der Motorradflüsterer von Nairobi.

«Hautnah erleben», sagt Christopher Handschuh, «das macht eine Motorradreise durch Afrika aus.» Der 43-jährige Deutsche mit Wohnsitz in Nairobi weiss, wovon er spricht. Bereits 1988 ist Chris mit seiner BMW nach Guinea gestartet um dort ein Hilfsprojekt zu unterstützen. Dann zog er weiter durch den Kongo und hat da für die Entwicklungshilfe-Organisation GTZ gearbeitet. Anschliessend war der sympathische Motorrad-Freak für die UNO im Sudan tätig, dann in Namibia und Südafrika:Der gelernteTöff-Mech mit Meisterbrief beschäftigte sich mit dem Bau von Werkstätten und Spitälern. Erst 1999 hat Chris angefangen, auf seinem Beruf zu arbeiten. In Nigeria, für BMW

Hängen geblieben
In Nairobi hat Chris dann seine kenianische Frau kennen gelernt und ist nach elf Jahren Reiserei endgültig in Afrika hängen geblieben. Im Stadtdschungel Nairobis betreibt Chris seit 2003 eine Lodge mit Werkstatt: Die Jungle Junction, kurz JJ's.

Von Kapstadt bis Kairo, von Dakar bis Mombasa–die Oase für Töffreisende ist mittlerweile der Tipp schlechthin: «The best Motorbike-Workshop in East Afrika», heisst es überall. Das war nicht gleichso. Denn die Devise des frisch gebackenen Camp-Besitzers, Wirts und Motorradmechaniker-Meisters lautete damals – keine Werbung für den Platz zu machen. «Ich will mir die Kundschaft aussuchen», so lautet die Devise des Motorradflüsterers.

«Ich hab weder Lust auf Pauschaltouristen noch auf Overland-Trucks oder darauf, am Flughafen Leute aufzusammeln.» 90 Prozent seiner Gäste sind Abenteurer, die mit eigenen Fahrzeugen unterwegs sind. Ihre Mund-Propaganda machte das JJ's berühmt, denn der Deutsche mit dem Afrika-Virus weiss, worauf Motorrad-Reisende Wert legen: Auf eine gute Werkstatt, ein wenig Luxus wie eine warme Dusche, saubere Zimmer, eine Gemeinschaftsküche, Waschmaschinen samt einer sicheren Camping-Möglichkeit rund ums Guest House.

Um in Afrika auf eigenen Füssen zu stehen, da müsse man sowieso mindestens vier bis fünf eigene Einnahmequellen haben. «Fünf Jobs sind no problem für uns Afrikaner», scherzt Chris augenzwinkernd, «also habe ich rund um meine Werkstatt all diese Möglichkeiten geschaffen.»

Hakuna matata – kein Problem
Fast nebenbei schildert Chris, was er unter Schwierigkeiten versteht – zum Beispiel die Unruhen vom Januar '08: «Ich habe», sinniert er, «in meinem Leben schon Schlimmeres erlebt.» Panik habe er nie gehabt. Sein Vater, der während des Krieges aufwuchs, hat, als die Schiessereien in Nairobi losgingen, einen Infarkt bekommen. Ans Aufgeben habe er nie gedacht. «Wer ein Business aufgebaut und Frau und Kind hat, packt nicht einfach zusammen.»

Auf Afrika, seinen schwarzen Töff-Mech Jeremia wie überhaupt auf die afrikanische Jugend hält Chris grosse Stücke: «Wenn man einen frisch ausgebildeten kenianischen Mech mit einem europäischen vergleicht, so ist der Kenianer hundert Mal mehr motiviert. Die kennen hier halt keine Null-Bock-Generation.» Selbst die Motorradfahrer aus Europa hätten sich zum Negativen verändert.

«Die geben Unsummen für Bike und die Ausrüstung aus und haben nichts mehr fürs Leben, die Reise. Die Industrie», meint Chris, «propagiert das, damit man schnell wieder heim kommt, um erneut Geld unter die Leute zu bringen. Sein Tipp:Go with the flow statt teures Equipment. Man könne auf dem Kontinent günstig alles finden, was man braucht. Aber auch er war früher anders: Auf Teufel komm raus mit dem Motorrad durch die wildesten Ecken Afrikas zu düsen, das muss er nicht mehr haben. Ruhiger sei er geworden.

Dennoch, ohne Motorrad ist für ihn alles nichts. «Nur ein x-beliebiges Guest House oder eine Autowerkstatt zu haben, reizt mich überhaupt nicht.» Dazu passt sein Traum, den er unbedingt verwirklichen möchte: Einmal mit dem Bike den amerikanischen Kontinent zuerkunden. «Dawar ich noch nie.»