Fernweh AG

Firmenporträt der Touratech AG

Von Michael Kutschke
28.06.2010 13:40:08

20 Jahre Touratech: Wie ein gelebter Traum zur Erfolgsgeschichte wurde.

Globetrotter, Erfinder und Geschäftsleute haben mehr gemeinsam, als man denkt. Denn wer in die Ferne schweift, benötigt neben Improvisations- und Organisationstalent, Einfallsreichtum, Einsatzwillen sowie Mut zum Risiko auch einen ausgeprägten
Geschäftssinn. Wer sich schon einmal mit dem Motorrad durch die Sahara gewagt hat, die Route planen, navigieren, Benzin und Wasser mitschleppen und sich auf orientalischen Basaren mit Nahrungsmitteln versorgen musste, weiss, wovon die Rede ist. Es sind Träumer, die die Welt bereisen und bewegen – und nicht Erbsenzähler. Dass gelebte Träume für die wirklich bewegenden Dinge des Lebens unabdingbare Vorrausetzung sind, beweist auch die Geschichte der Touratech AG.

Die Idee und der Wohnzimmertisch
Es beginnt 1989: In Norwegen ärgert sich ein Motorradfahrer über seinen zusätzlichen Fahrradtacho am Töff, weil ihm der nicht genügend Infos verschafft und des Nachts nicht ablesbar ist. Der Töffreisende ist Herbert Schwarz, von Beruf Elektroniker. Kaum dass er wieder zu Hause in Villingen-Schwenningen ist, entwickelt er nach Feierabend einen Motorrad-Bordcomputer, der den Fahrer auf Knopfdruck mit wissenswerten Daten wie Gesamtstrecke, Zeit, Tageskilometer, Motortemperatur und Geschwindigkeit aus einem Instrument versorgt: dem IMO – Ende der 80er ein echtes Hightech-Novum.

Die Lötarbeit am Wohnzimmertisch einer simplen Kellerwohnung wird zur Initialzündung einer schier unglaublichen Erfolgsgeschichte – derjenigen der Touratech AG.

Herbert: «Gedacht war der IMO eigentlich nur für meine nächste Tour, aber überall, wo ich mit dem Ding auftauchte, wurde ich fortan gefragt, ob ich noch so ein Teil bauen könnte. Eine Serienfertigung war aber erst ab 100 Stück rentabel. Also kümmerte ich mich um die Finanzierung. 100 Stück? Kein Problem – dachte ich und meldete, im festen Glauben, dass das Ding der Renner wird, gemeinsam mit einem Kumpel eine Firma an. Prompt sassen wir monatelang auf 98 IMOs rum. Stimmt nicht: Als Jochen kam, waren es nur noch 97 (lacht). Der durchschlagende Erfolg mit dem IMO stellte sich erst zwei lange Jahre später ein.»

Fernweh als Innovationsmotor
Kennengelernt haben sich die beiden Touratech-Chefs also erst nach Herberts Firmengründung, und zwar 1990 auf einem Motorradtreffen. Noch im selben Jahr macht Jochen eine Sahara-Durchquerung, verabredet sich mit Herbert in Togo, um anschliessend gemeinsam mit ihm weiter nach Kenia zu fahren. Es kommt, wie es kommen muss: Als die zwei auf den staubigen Pisten Afrikas unterwegs sind, ersinnen sie an unzähligen Lagerfeuern weitere Lösungen, die ihnen künftig das Reisen auf zwei Rädern angenehmer machen sollen, und – nicht weniger bedeutsam – Jochen Schanz entschliesst sich, bei Touratech einzusteigen. Herberts Gründerkumpel dagegen quittiert alsbald den Dienst.

Zega ist der zweite Streich
Mit dem motivierten Maschinenbautechniker Jochen im Boot wird der Firmennahme Touratech erst richtig Programm: TOUren, RAcing und TECHnologie. Und die Erfahrungen dieser Enduroreise durch unwegsamstes Gelände in Zentralafrika fliessen in die Entwicklung des zweiten Touratech-Erfolgsproduktes, des Aluminiumkoffers «Zega», ein. Zega ist ein kleines Dorf in Zaire, das Herbert und Kompagnon Jochen während des Afrikatrips durchquerten. 1993 geht der Zega in Serie.

20 Jahre später umfasst die Produktpalette weit mehr als nur Tripmaster und Aluboxen. Das gewaltige Zubehörsortiment für Globetrotter und Rallyefans beläuft sich inzwischen auf 5000 Artikel. Don’t dream it, do it: Wer sich heute die 1190 Katalogseiten und die Produktionsstätten (Kasten Seite 83) von Touratech ansieht, dem fällt es schwer zu glauben, dass diese Erfolgsgeschichte ohne die Pistenabenteuer zweier angefressener Motorradfreaks in den tropischen Urwäldern des Kongo wahrscheinlich so nie stattgefunden hätte.

«Wir hätten das Weite gesucht...»
Herbert: «Hätte uns damals im Urwald jemand gesagt, dass daraus einmal ein global operierendes Unternehmen mit über 300 Mitarbeitern wird, dann hätte der Jochen wahrscheinlich sofort das Weite gesucht, und ich wäre ohne zu zögern hinterher.»

Jochen: «Aber wir haben die wachsenden Aufgaben im Laufe der Zeit angenommen. Ich möchte den Job nicht mehr missen. Klar, eine 35-Stunden-Woche und dann Motorradfahren gehen, das war für uns nicht mehr drin.»

Es geht voran: Rallyesport-Produkte
Jochen und Herbert betreiben die Touratech GbR in ihrer Freizeit – neben ihrem normalen Job, bis das Arbeitsvolumen 1995 überhandnimmt. Nun steigt Jochen hauptberuflich ein. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag: Die erste Auflage des Touratech-Katalogs erscheint. Auf 12 Seiten gibt es eine Handvoll Produkte zu sehen. Neben ­dem IMO, Zega-Koffern und dem Chala 12 HD – 12-Volt-Leuchte und Ladegerät in einem – finden sich auch schon die ersten Produkte für den Rallyesport: ein Roadbook-Halter und ein ­Roadbook-Editor. Ein Jahr darauf tauscht auch der Elektroniker Herbert Schwarz seinen sicheren Arbeitsplatz gegen die Selbständigkeit ein. Es folgt der Umzug zum heutigen Standort nach Niedereschach.

Herbert: «Gerade in dieser Zeit war es extrem schwierig, einfach mal auf den Bock zu sitzen und abzuhauen. Trotzdem ist dieses Unternehmen ein Traum, der sich für uns erfüllt hat. Ich bin hauptsächlich für Vertrieb und Marketing zuständig und habe frühzeitig das Glück gehabt, gute Mitarbeiter zu kriegen, sodass ich trotz des geschäftigen Unternehmens relativ oft mit dem Motorrad in die Welt hinaus konnte. Jetzt kann ich sogar wieder mein normales, altes Leben weiterführen.»

Reisen und TV-Kameras? Nein, danke
Als Fertigungsleiter hatte Herberts Partner da von Anfang an die schlechteren Karten. Jochen: «Das explosionsartige Wachstum unserer Firma in Sachen Fertigung zu bewältigen, ist wahrscheinlich eine Stufe heftiger. Vor zehn Jahren beispielsweise gab es das erste Roll-out einer eigenen Rallye-Maschine. Touratech beförderte das Konzept der BMW-Werksrenner, die bei drei Dakar-Starts zweimal als Erste einliefen, ins richtige Leben. Und bei ­der Paris-Dakar 2002 startete sogar ein Touratech-Team. Aktuell werden übrigens die BMW G 450 und verschiedene Husqvarna-Modelle rallyetauglich gemacht … Ja, es war mir manchmal fast zu viel, aber mittlerweile habe auch ich tolle Mitarbeiter und wieder Freiräume, um grössere Reisen zu machen. Im Gegensatz zu Herbert möchte ich aber keine TV-Kameras dabei
haben.» (grinst) Herbert ist da tatsächlich ganz anders gepolt. Einmal im Jahr bricht bei ihm der Reisevirus aus. Bereits, wenn das Zubehör für ein neues Motorradmodell in der Entwicklungsabteilung am CAD entsteht, überlegt Herbert, wo in der Welt er es unter realen Bedingungen testen könnte.

Asien, Amerika, Afrika
Letztes Jahr kehrte der Firmengründer dahin zurück, wo ihn einst der Reisevirus packte: nach Schottland. 30 Jahre nach seiner ersten Töffreise hatte er jedoch nicht nur seine Frau und irgendein Motorrad mit dabei, sondern wie immer eine Testmaschine – in diesem Fall die neue R 1200 RT. Neben der ganzen ­Testerei von GPS-Anbauadaptern, Lenkererhöhungen und Tankruckäcken hatte der Touratech-Chef sogar noch einen weiteren Auftrag im Reisegepäck – die Katalogproduktion 2010.

«Für Ramona und mich ist das kein Problem, wir sind begeisterte Fotografen. Ohne Kamera fühlen wir uns nackt. Und sobald ich Deutschland den Rücken kehre, fällt der Stress von mir ab. So bekomme ich den Kopf frei für neue Ideen. Je nach Vorhaben begleitet uns sogar ein TV-Team. Zugegeben, beim Fotoshooting für die Streetline-Produkte in Schottland, da war auch ich zwischendurch so weit, dass ich froh war, wenn es regnete. Dann konnte ich endlich mal richtig Motorrad fahren. Bei Regen macht ja keiner Filmaufnahmen.»

Der Traum geht weiter
Die Touratech-Chefs sind ihren Träumen treu geblieben. Jochen: «Uns geht es nicht nur um schnödes Business. Wir haben das nie gemacht, um reich zu werden. Der Spass stand immer im Vordergrund. Fette Autos, sich mit Champagner begiessen und auf Szenepartys feiern lassen – das geht uns, mit Verlaub, am  A... vorbei.»

Dass das nicht nur Lippenbekenntnisse sind, erfährt jeder, der bei Touratech eine Stelle antritt: Egal ob GPS-Experte oder Abteilungsleiter − alle müssen erst einmal vier Wochen in der Produktion ihren Mann/ihre Frau stehen.

Ein Rundgang durch die Rallye-Reise und Fernweh AG

N: 48°07.573'; E: 008°31.931'. Niedereschach, am Rande des Schwarzwalds. Kleinstadtidyll. Smog und fiebrige Hektik sind hier Fremdworte. Gleich am Ortseingang befindet sich ein Geschäft. Dahinter versteckte Fertigungshallen. Fotos berühmter Motorrad-Globetrotter und Rallyefahrer schmücken den Eingang. Eine riesige Verkaufsfläche voll mit GPS-Geräten, Landkarten in endlosen Regalen, bergeweise Isomatten, Schlafsäcken, Zelten, Aluboxen und fernreisetauglich umgebauten Töff tut sich vor uns auf.

«Nur für Betriebsangehörige» steht an der Treppe zum balkonartigen Bürotrakt über dem Shop. Mal sehen, wie man bei Touratech entwickelt und produziert. Nanu! Ein ­Grossraumbüro mit Strandflair? Touratech-Sonnenschirme bilden die Mitte jedes Büromoduls aus zwei oder drei Arbeitsplätzen. Flachbildschirme, Konzentration und Präzision − und dennoch eine lässige Atmosphäre. Elektronische Navigationshilfen und -software werden hier entwickelt, Pressearbeit wird geleistet, und die Abteilung «Outdoor» beschäftigt sich mit den Accessoires für das Leben in der Natur. Der Vertrieb setzt hier auf Schnelligkeit. Jedes E-Mail soll noch am selben Tag beantwortet werden. Viel Zeit dürfen sich die Mitarbeiter dagegen für die fachgerechte Beratung nehmen.

Jetzt ins Hochregallager − termingerechte Belieferung der Kunden ist hier oberste Direktive – und weiter in die Produktion: fräsen, drehen, laserschneiden, elektropolieren. All das wird hier nahezu unsichtbar hinter dem Shop von etwa 150 Mitarbeitern, zahlreichen hochmodernen Robotern und CNC-Maschinen geleistet. 80 Prozent der 5000 Touratech-Katalogartikel werden hier selbst hergestellt!

Zuletzt ins Allerheiligste: Versuch und Entwicklung. Nicht nur Zusatztanks und die pistentauglichen Halterungen für die empfindlichen GPS-Geräte werden hier ersonnen. Motorradneuheiten werden betastet, vermessen, dann Details skizziert und am Computer zu Konstruktionen, die danach in der Versuchswerkstatt Gestalt annehmen. Anschliessend werden Prototypen montiert, diskutiert und von den 13 Mitarbeitern selbst getestet – und zwar 4000 Artikel, von der Alubox bis zum Zylinderschutz. Denn alle hier sind ausnahmslos begeisterte Motorradfahrer.
Reisen bleibt ihre Innovation: Touratech-Chefs Jochen Schanz und Herbert Schwarz. Reisen bleibt ihre Innovation: Touratech-Chefs Jochen Schanz und Herbert Schwarz. © Richard A. Meinert
Die Versuchs- und Entwicklungsabteilung: Vom PDA-Halter, bis zu Motorrad-Komplettlösungen für Rallye und Reise. Die 13 Techniker der Entwicklungsabteilung sind allesamt begeisterte Motorradfahrer und probieren ihre Prototypen und Produkte auch selbst aus. Die Versuchs- und Entwicklungsabteilung: Vom PDA-Halter, bis zu Motorrad-Komplettlösungen für Rallye und Reise. Die 13 Techniker der Entwicklungsabteilung sind allesamt begeisterte Motorradfahrer und probieren ihre Prototypen und Produkte auch selbst aus. © Richard A. Meinert
Das Abenteuer kennt keine Krise: Die Produktion brummt im Zweischichtbetrieb. Das Abenteuer kennt keine Krise: Die Produktion brummt im Zweischichtbetrieb. © Richard A. Meinert
Touratech: Mehr als nur eine Arbeit. Touratech: Mehr als nur eine Arbeit. © Touratech