Herrliches Kurvenräubern.
Herrliches Kurvenräubern. © Michael Kutschke / Wladyslaw

Frankreich

Route des Crêtes

Von Michael Kutschke
01.05.2013 12:53:58

Col du Bonhomme, Col de la Schlucht, Grand Ballon...

Kurz hinter Mulhouse schlängelt sich die D 431 in weiten Kehren den ersten Vogesenkamm hinauf. Die Umgebung ist herrlich: Am Anfang führt die Route als liebliche Weinstrasse durch Rebhänge und das Weindorf Cernay. Wenige Kilometer weiter wartet ein über die Grenzen hinaus bekanntes Töfflerparadies: die Route des Crêtes.


Die dunkle Seite der «Route»

Die Panoramastrasse in den südlichen Vogesen zählt zu den schönsten Töffstrecken Europas. Über 70 Kilometer verläuft das gut ausgebaute Asphaltband auf über 1000 Metern Höhe zwischen dem Lac Blanc und Cernay. Beinahe endlos reihen sich die Kurven aneinander, einmal weit, offen und schnell, dann wieder unübersichtlich, eng und langsam. Herrliche Wälder säumen die Hänge, und türkisblaue Seen in den Tälern laden zum Baden ein. Alte Burgen, Schluchten und Pässe - und im Tal die Fachwerkhäuser, über denen Störche, übrigens das Wappentier der Region, ihre Kreise ziehen -, so kennen es viele, das Elsass.

Man kann es kaum fassen, dass ausgerechnet diese Töff-Idylle so eine kriegerische Geschichte hat: Denn was kaum jemand auf der herrlichen Kurvenjagd realisiert, ist, dass die «Route» keineswegs auf Vorschlag cleverer Fremdenverkehrsfachleute angelegt wurde. Ganz im Gegenteil. Es war die französische Armee, die während des Krieges 1914-1918 diese Strecke als strategische Nord-Süd-Verbindung in Auftrag gab: als militärische Höhenstrasse zur Verteidigung gegen die, wie es damals hiess, «Barbaren im Osten». Darum also ist die Route des Crêtes bei Töfflern so beliebt, weil sie in erster Linie keine Orte, sondern (strategisch wichtige) Höhenzüge miteinander verbindet.

Einer davon ist der 956 Meter hohe Hartmannsweilerkopf am südlichen Anfang der Route. Im Ersten Weltkrieg wurde der Gipfel auch «Menschenfresser» genannt, weil er als östlicher Vorgipfel der Vogesen vor allem im Winter 1915 blutig umkämpft war. Er wurde erobert und zurückerobert. Wer auf der Serpentinenstrecke von Mulhouse einen kurzen Blick neben die Strasse riskiert, findet den Beweis: Auch fast 90 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges ist der Waldboden noch immer eine einzige Trichterlandschaft. Nicht zu übersehen ist auch der direkt an der Strasse gelegene grosse Ehrenfriedhof auf der Passhöhe für die gefallenen französischen Soldaten. Die Krypta davor erinnert an deutsche und französische Gefallene, die nicht identifiziert werden konnten.


Stimmungsaufheller

Nach diesem traurigen Streifzug und einem weiteren am Lingekopf lohnt es sich, die pittoreske Altstadt von Colmar anzusteuern. Also besser Gas auf und weiter! Die D11 windet sich von Orbey steil hinunter nach Les Trois Epis und weiter bis vor die Tore der Stadt.


TÖFF-Tipps

Sechs Roadbooks und GPX-Files über 1000 Kilometer Vogesen-Spass finden Sie auf der TÖFF-Website. Wer noch weitere Anregungen sucht: Zahlreiche Streckenbeschreibungen zu Themen-Routen - zum Beispiel der Käsestrasse, der Grünen Strasse, der Kirschwasserstrasse oder der typischen Dörferstrasse - findet man unter www.elsass-netz.de.

Zum Schluss noch zwei wertvolle Übernachtungstipps: Empfehlenswert ist in Munster das traditionelle Hôtel de la Cigogne (Telefon +33(0)38 977 32 27, www.cigogne-munster.fr, das Einzelzimmer gibt es ab 50 Euro). Wer lieber zeltet, dem sei der Campingplatz Les Sapins in Gérardmer (www.camping-gerardmer.com) empfohlen.

Die Vogesen: Viel mehr als nur Kurvenspass

Hartmannsweilerkopf und Lingekopf: Im Ersten Weltkrieg waren beide Gipfel hart umkämpft. Die beiden strategisch wichtigsten Anhöhen der Vogesen gleichen während Monaten einem feuerspeienden Vulkan: Schrapnellrauch, gelbe, rote, grüne Leuchtraketen, die der Artillerie melden, das Feuer zu eröffnen oder einzustellen, Leuchtkugeln, die den ganzen Abschnitt in bleiches Magnesiumlicht tauchen. Tag und Nacht explodieren Granaten und hinterlassen roten Feuerschein und schwarzen Rauch - es herrscht ein höllischer Lärm: Heimtückische Zeitzünder gehen hoch. Flammen schiessen in die Höhe. Herannahende Granaten heulen, singen, pfeifen oder brüllen. Die Luft ist eisenhaltig: Granatsplitter zischen durch die Luft. Überall liegen Tote, schwarz, von Blut und Schlamm bedeckt. Leichenteile hängen in den letzten Bäumen, die dem Feuersturm noch trotzen. Dazwischen zerrissene Drahtverhaue, Trichter.

Wer auf den Serpentinenstrecken hinter Colmar (GPS: N: 48° 0500.9; E: 007° 0823.8) oder nach Mulhouse (GPS: N: 47° 5129.5; E: 007° 0856.2) Pause macht, findet noch heute unübersehbare Spuren dieses Gemetzels direkt neben der Strasse: Nach 90 Jahren ist der Waldboden noch eine einzige Trichterlandschaft. Tipp: Der im Vergleich zum Lingekopf etwas längere Marsch zum Hartmannsweilerkopf lohnt sich. Die Aussicht auf Mulhouse ist überwältigend. Ein gut erhaltenes System von Schützengräben und Tausende mit Gras überwachsene Granattrichter bieten einen erschütternden Anblick. Diese Erde ist mit dem Blut von über 40 000 Menschen getränkt.

Mulhouse: Zwölf Museen, vorwiegend technischer Ausrichtung, sind Zeugnis der Industriegeschichte. Empfehlenswert: Automuseum «Musée national de L’Automobil Collection Schlumpf» www.collection-schlumpf.com (berühmte Bugatti-Sammlung); GPS: N: 47° 436.4; E: 007° 1941.0. In der Nähe befindet sich das ebenfalls sehenswerte Eisenbahnmuseum.

Colmar: Perle der elsässischen Städte. Hauptstadt der Weine, reich an Kunst und Geschichte. Trotz der Kriege konnte sich Colmar seine schöne Altstadt erhalten. Das malerische Viertel Klein-Venedig ist Pflicht. www.colmar.de. Fototipp: Frédéric Bartholdi, der Bildhauer, der die New Yorker Freiheitsstatue schuf, wurde in Colmar geboren. Deshalb gibt es dort auch ein Museum. Und es wurde eine Kopie der Freiheitsstatue aufgestellt. Die liegt in der Mitte eines Kreisverkehres direkt auf der D83 (Route de Strasbourg) in Richtung der A35, Abfahrt Houssen.

Tolle Töffstrecken: Eigentlich sind fast alle Bergstrecken in den Vogesen genial fürs Töffvergnügen: Hier die Strecken, die uns besonders gut gefallen haben. Im Süden: Der Ballon dAlsace, von Thann über Maseveaux kommend - der Col de la Schlucht, die D 214 vom Col dUrbeis nach Obernai - die D 11 von Colmar nach Orbey und weiter über die D 48 bis zur Route des Crêtes. Im Norden: Die D 392 und die D 44 von Schirmeck nach Sarrebourg und zurück über die D 45 und die D 218 nach Niederhaslach.



Mülhausens Rathaus stammt aus dem 16. Jahrhundert. Mülhausens Rathaus stammt aus dem 16. Jahrhundert. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Abendstimmung auf der Route des Crêtes. Abendstimmung auf der Route des Crêtes. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Collection Schlumpf, Mülhausen: Auf 17 000 Quadratmetern Museumsfläche sind über 400 prachtvolle Exponate der Automobilgeschichte zu bestaunen. Collection Schlumpf, Mülhausen: Auf 17 000 Quadratmetern Museumsfläche sind über 400 prachtvolle Exponate der Automobilgeschichte zu bestaunen. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Weiter auf der Route des Crêtes. Weiter auf der Route des Crêtes. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Immer wieder: Märchenhafte Dörfchen. Immer wieder: Märchenhafte Dörfchen. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Auf dem Col du Bonhomme. Auf dem Col du Bonhomme. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Zeugnisse kriegerischer Tage. Zeugnisse kriegerischer Tage. © Michael Kutschke / Wladyslaw
Die Tour durch die Vogesen. Die Tour durch die Vogesen. © Michael Kutschke / Wladyslaw