Zypern - on- und offroad zwischen Orient und Okzident.
Zypern - on- und offroad zwischen Orient und Okzident. © Manfred Probst

Land der Aphrodite

Zypern

Von Manfred Probst
03.09.2014 17:23:56

Auf einsamen Pfaden auf der Insel der Liebesgöttin Aphrodite.

"Sei vorsichtig! Der Verkehr auf Zypern kann chaotisch sein: Die Briten fahren links, die Türken rechts und die Zyprioten in der Mitte." Und auch bei Touristen sorge der von der einstigen Kolonialmacht Grossbritannien hinterlassene Linksverkehr mitunter für gefährliche Verwirrung. Mit diesem Rat übergibt mir Harvey Dunbar die Schlüssel für die Honda Falcon NX 4. Seit acht Jahren betreibt der Brite eine Töffvermietung im türkisch besetzten Norden der Insel.

"Die bürokratischen Hindernisse sind hier sehr hoch", erklärt Harvey. Zwar wurde 2004 ganz Zypern Mitglied der EU, deren Regeln werden im Nordteil allerdings nicht angewandt. Seit 1974, nach einer türkischen Militärinvasion, ist das Eiland in eine türkische und eine griechische Hälfte geteilt; ein Grenzübertritt mit einem Leihfahrzeug ist von Nord nach Süd nicht gestattet. Der umgekehrte Weg ist mit einer Zusatzversicherung zwar möglich, wird aber von den meisten Vermietern nicht erlaubt. Paradoxe Umstände, die diese Nahtstelle zwischen Orient und Okzident so mit sich bringt. Sie lassen das Reisen auf Zypern aber auch zu einer tollen Erfahrung beider Kulturen werden. 

Schnuppertour

Die einzylindrige, wendige Honda scheint mir für diese Ausflüge wie geschaffen. Ich schwinge mich also auf den Allrounder und verbringe den Rest des ersten Tages mit einem ersten Trip zum aussichtsreich gelegenen Hilarion Castle. Trotz des diesigen Wetters ist der Blick über die zerfranste Küste, hinter der die zerklüfteten Felswände des Besparmak-Gebirges (Pentadáktylos) fast senkrecht emporragen, atemraubend. Mein nächstes Ziel: die für ihre langen unberührten Sandstrände und Dünenlandschaften bekannte Halbinsel Karpaz. Vom Sattel des Besparmak-Passes biege ich unmittelbar nach dem Restaurant links ab.

Erfrischend durchströmt das intensive, typisch mediterrane Aroma von dichtem Zypressen- und Kiefernwald, durch den ich mich auf engen und einsamen Strässchen hangle, meine Lungen. Immer wieder erhasche ich fantastische Ausblicke über die Küste und die im Hinterland steil aufragenden Felswände mit ihren scharfen Graten. Nach dem schön gelegenen Kloster Antiphonitis windet sich die Strecke wieder hinab zur Küste. Ein Stück weit diesem Weg entlang und über Mehmetcik (Galáteia) und Yenierenköy (Gialoúsa) gelange ich dann relativ flott in das verschlafene Dörfchen Dipkarpaz (Rizokarpaso).

Erschöpft von den schlappen 200 Kilometern, freue ich mich auf den Abend in der gemütlichen Kneipe Manolyam. Da gibt’s zur Stärkung ein leckeres und ausgiebiges Meze-Essen – eine zypristische Spezialität, die verschiedene warme und kalte Appetithäppchen und Sossen umfasst.

"Lands End"

Tags darauf geht es 30 Kilometer weiter bis zum östlichsten Punkt Zyperns, dem Kap Zafer oder auf Griechisch: Kap Apóstolos Andréas. Teils am Meer entlang, teils durch sattgrüne, hügelige Landschaft schlängelt sich einsam das mal mehr, mal weniger gute Strässchen. Vereinzelt stehen einige Holzbungalows an der Küste, harren der Saison, um vermietet zu werden. An der Einfahrt in das Wildeselreservat liegt einem paradiesisch schön die Golden Beach zu Füssen: Über zwei Kilometer weit säumt sich der Traumstrand an das sanft wogende Meer. Ein Stück weiter passiere ich das etwas heruntergekommene Kloster des Apostels Andreas. Auf einer breit ausgefahrenen Schotterpiste holpere ich dann die letzten vier Kilometer bis "Lands End".

Ich weiss nicht warum, aber solche Plätze ziehen mich magisch an. Steil stürzt die Küste einige Meter zum Meer hinab, setzt sich dann unterbrochen, wie gegen die Fluten ankämpfend, noch in einigen kleinen vorgelagerten Inseln fort. Nachdem es hier nun mit dem Töff nicht mehr weitergeht, kehre ich um und geniesse noch einmal die Strecke zurück nach Dipkarpaz. Der Tag ist noch jung, und so bummle ich weiter, zunächst auf einsamen Nebenstrecken über die kleinen Dörfer Kaleburnu (Galinoporni) und Avtepe (Agios Symeon). Dann folge ich der Hauptstrasse bei Gelincik (Vasili) nach rechts.

Nach dem Städtchen Yenierenköy (Aigialousa) folgt die Strasse der Küste. Neben dem malerisch gelegenen Kirchlein Ágios Thýrsos lädt ein gemütliches Restaurant zu einer Rast. Im angenehmen Schatten stärke ich mich bei einem Snack mit Blick auf die behäbig anrollenden Wellenkämme. Nur ein paar Stufen unterhalb des Lokals, knapp über dem Meeresspiegel, befindet sich der Eingang zu einer uralten Krypta. Es dauert eine Weile, bis sich meine vom sonnigen Tageslicht erweiterten Pupillen an die Dunkelheit in dem nur spärlich von einigen Kerzenstummeln beleuchteten, höhlenartigen Gewölbe gewöhnen. Die einstige Grabstätte des heiligen Thýrsos birgt eine Quelle, deren Wasser eine heilkräftige Wirkung zugeschrieben wird. Kleine Heiligenbildchen schmücken den umlaufenden Sims, in den Mauerritzen stecken unzählige kleine Zettelchen mit Fürbitten. Ich füge einen Zettel hinzu und bespritze mich mit etwas sakralem Nass, bevor ich zurück in mein Quartier in Dipkarpaz rausche.

Unterwegs im griechischen Teil

Am nächsten Tag heisst es, die Honda, mit der ich mich gut angefreundet habe, an Harvey zurückzugeben. Der bringt mich noch zum Busbahnhof, dann geht es via Minibus zurück in Richtung Abendendland. Vorbei an Moscheen, Dönerlokalen und Wechselstuben und durch einen wuseligen Basar schlendere ich innerhalb einer guten halben Stunde von der Bushaltestelle in Nord-Nikosia zum Grenzübergang in der Ledra-Strasse. Dann plötzlich stehe ich vor dem Schlagbaum. Ein klimatisierter Intercity-Bus bringt mich preiswert von Nikosia in das rund 150 Kilometer entfernte Páfos. Im beschaulichen Hafenstädtchen habe ich mir ein Hotelzimmer reserviert und bei "Pentaras Rentals" für einige Tage einen Töff.

Mein erster Ausritt im griechischen Teil, entlang der malerischen Küstenstrasse in Richtung Limassol, beginnt wiederum mit einer roten Honda, diesmal ist es eine XR 400. Mein Ziel: der Felsen der Aphrodite, das Wahrzeichen der Insel. Der wirkt aber vor der unendlichen Weite des von türkis bis dunkelblau leuchtenden Meeres fast schon ein wenig unscheinbar. Hier soll der Sage nach also die Göttin der Liebe den Fluten entstiegen sein. Irrlichternde Sonnenreflexe auf den wogenden Wellen verleihen der Szenerie die passende überirdische Aura.

Am nächsten Tag schwinge ich mich von der Küste auf die Höhen. Wie ein riesiger weisser Luftballon krönt die Kugel einer militärischen Abhöranlage den Gipfel des Olympos, des höchsten Bergs auf Zypern (1951 Meter) und Zentrum des im griechischen Teil gelegenen Tróodos-Gebirges. Ein Metallgitter und ein mit Soldaten besetztes Wachhäuschen versperren die Weiterfahrt. Ich brate zurück an die Einmündung zur Hauptstrasse – da geht es nun links weiter.

Was jetzt folgt, ist eine wahre Genussstrecke, die mich über das verschlafene Bergdörfchen Pedoulás zum berühmten Kloster Kýkko bringt. Farbenprächtige Mosaike zieren die Eingangsportale der weitläufigen Anlage. Beeindruckt fahre ich weiter, kurve einsam durch die unbesiedelte Berglandschaft. Entlang dem Naturreservat "Tal der Zedern" und weiter Richtung Norden schlängelt sich die Traumroute im sanften Auf und Ab. Der Einmündung in die E 704 folge ich nach rechts. Nach dem UN-Posten, der die kleine türkische Exklave um Erenköy (Kokkina) beobachtet, folge ich der Küstenstrasse nach Osten. Es ist die UN-Pufferzone, die die noch immer verfeindeten Parteien auf Abstand hält.

Hinter dem Städtchen Kato Pyrgos, unmittelbar vor der Demarkationslinie, verläuft die in meiner Landkarte gelb eingezeichnete Strasse über Pano Pyrgos und über die Berge wieder zurück nach Süden. Nur hinter dem Dörfchen weicht der Asphaltbelag einer schlaglöchrigen, rotbraunen Erdpiste. Mit der Enduro kein Problem, denke ich. Als sich nach einigen Kilometern und fragwürdigen Abzweigungen der Zustand des Weges deutlich verschlechtert, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ein Stein fällt mir vom Herzen, als dann, mitten in der menschenleeren Pampa, an einer Gabelung ein Hinweisschild auftaucht und mich meines Weges vergewissert.

Der Weg ist das Ziel

Beruhigt tuckere ich weiter und lande alsbald nach einer etwas steileren Geröllabfahrt auf glattem, makellosem Teer. Ohne Wegweiser, meiner Karte nicht mehr vertrauend, halte ich mich intuitiv links. Die Orientierung bleibt ungewiss, nachdem der Strassenverlauf alle paar hundert Meter seine Richtung ändert. Bald jedoch wischt der nun aufkommende Fahrgenuss meine Bedenken bei Seite. Diese Strasse ist auf alle Fälle richtig! Wegweiser an der Einmündung in die E 912 bestätigen mich. Weiter Richtung Nikosia, weiter im steten Hin und Her durch einsame, wildromantische, von weiten Tälern durchfurchte Landschaft. Es wird schon dämmrig, als ich die wieder etwas stärker frequentierte B 9 erreiche, die über den Tróodos-Pass führt.

Mein nächster Ausflug gilt der Akámas-Halbinsel. Mehr oder weniger stark ausgewaschene Schotterpisten durchziehen das Naturschutzgebiet. Immer hart an den Steilabfällen zum Meer, bieten sich hier grandiose Aussichten auf die unverbaute Küstenlandschaft. Der teils stark zerfurchte Abzweig nach Ineia erfordert dann meine ganze Aufmerksamkeit. Auf der gut ausgebauten E 709 schwinge ich mich schliesslich gemütlich zurück zur Küste. Leider ist auch der Abgabetermin für diese Honda viel zu schnell nähergerückt.

Egal, ob Norden oder Süden, ob griechisch oder türkisch, in Zypern kann man auf beiden Seiten jede Menge Fahrgenuss finden. Daneben bietet die Insel der Liebesgöttin mit all ihrer hinreissenden Schönheit auf nicht einmal einem Viertel der Fläche der Schweiz noch vieles mehr: Unzählige Kulturdenkmäler, herrliche Strände, wildromantische Wanderwege, Stille wie auch Touristenrummel garantieren dafür, dass einem selbst an Tagen ohne erbauliche Töffausflüge niemals langweilig wird.

Reiseinfos Zypern

Allgemeines: Zypern ist das letzte geteilte Land Europas und mit 9251 km² nach Sizilien und Sardinien die drittgrösste Insel im Mittelmeer. Traumhafte Sand- und Kiesstrände wechseln sich mit beeindruckenden, zum Teil skurril ausgespülten Steilküsten ab. Seit 1974 ist die erst 14 Jahre zuvor von Grossbritannien unabhängig gewordene Republik Zypern geteilt. Der türkischen Invasion ging ein von der griechischen Militärjunta initiierter Staatsstreich voraus. 1983 wurde die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, die bis jetzt einzig von der Türkei anerkannt wird. Auf die Teilung folgte, wie fast immer in der Welt, die Vertreibung. Die Griechen wurden in den Süden verdrängt, die zypriotischen Türken schob man nach Norden ab. Zigtausende von Menschen verloren ihre Heimat. Seit 2004 ist Zypern Mitglied der Europäischen Union.

Anreise: zum Beispiel mit Cyprus Airways innerhalb von dreieinhalb Stunden direkt von Zürich nach Larnaka, Ticketpreis: ab ca. 280 Franken.

Motorrad fahren / Strassenverkehr: Angenehmes Klima zum Töfffahren herrscht zwischen Oktober und Mitte Dezember. Auf der gesamten Insel gilt Linksverkehr. Die Strassen sind weitgehend in gutem Zustand, allerdings bremsen teilweise Steinschlag und Rollsplitt die flotte Kurvenhatz; auf den engen, gewundenen Bergsträsschen und angesichts des tollen Ausblicks ist aber ohnehin eher Motorrad-Wandern angesagt. Einige Orte sind nur über unbefestigte Pisten erreichbar.

Töffmiete: Pentaras Rentals, Ayios-Antonios-Str. 5, Kato Páfos, Tel. 26 94 19 65, www.pentarasrentals.com; Kyrenia Moto Rent, Harvey Dunbar, Girne, Tel. 053 38 45 60 19, www.kyreniamotorent.com

TÖFF-Tipp: Cyprus Classic Motorcycle Museum, www.agrino.org/motormuseum

Unterkunft: Hotel-Restaurant Kiniras, 91 Makarios Ave. 8010 Páfos, Tel. 26 94 16 04, www.kiniras.cy.net. Gemütliches, stilvolles Stadthotel, zentral im oberen Teil von Páfos gelegen. Karpaz Stone House, Dipkarpaz, Nordzypern, Tel. 0392 37 22 289, E-Mail: karpazstonehouse@hotmail.com. Einfache und urige Unterkunft im Natursteinhaus.

Literatur: Ralph-Raymond Braun: Zypern, Michael-Müller-Verlag, 4. Auflage 2012, ISBN 978-3-89953-731-4, 19.90 Euro. Weitere gute Reiseführer bieten die Verlage Reise-Know-How und Lonely Planet. Informationen im Internet: Tourismusverband Südzypern, www.visitcyprus.com; Tourismusverband Nordzypern, www.nordzypern-touristik.de.

 

Ein Muss ist der archäologische Park in Páfos (UNESCO-Weltkulturerbe). Er bietet Stätten und Denkmäler aus prähistorischer Zeit bis Mittelalter. Ein Muss ist der archäologische Park in Páfos (UNESCO-Weltkulturerbe). Er bietet Stätten und Denkmäler aus prähistorischer Zeit bis Mittelalter. © Land der Aphrodite
Gelegentlich trifft man auch Freunde der 1-PS-Fraktion – wie hier im verschlafenen Örtchen Pissouri. Gelegentlich trifft man auch Freunde der 1-PS-Fraktion – wie hier im verschlafenen Örtchen Pissouri. © Manfred Probst
Hinter der Basilika Agios Philon bei Dipkarpaz liegt ein schöner Badeplatz. Hinter der Basilika Agios Philon bei Dipkarpaz liegt ein schöner Badeplatz. © Manfred Probst
Der überaus pittoreske Hafen von Girne lädt nicht nur zum abendlichen Flanieren ein. Der überaus pittoreske Hafen von Girne lädt nicht nur zum abendlichen Flanieren ein. © Manfred Probst
Mediterrane Köstlichkeiten wie getrocknete Früchte wecken Begehrlichkeiten. Mediterrane Köstlichkeiten wie getrocknete Früchte wecken Begehrlichkeiten. © Manfred Probst
Scooter sind beliebte Fortbewegungsmittel auf Zypern. Scooter sind beliebte Fortbewegungsmittel auf Zypern. © Manfred Probst
Enge, einsame Strässchen im Tróodos-Gebirge wie hier zwischen Spilia und Saranti geben immer wieder tolle Ausblicke frei. Enge, einsame Strässchen im Tróodos-Gebirge wie hier zwischen Spilia und Saranti geben immer wieder tolle Ausblicke frei. © Manfred Probst
Bis zu 250 Meter hoch ragen die Felswände der beeindruckenden Avakás-Schlucht auf der Akamas-Halbinsel. Bis zu 250 Meter hoch ragen die Felswände der beeindruckenden Avakás-Schlucht auf der Akamas-Halbinsel. © Manfred Probst
Das unter Denkmalschutz stehende Bergdorf Kakopetriá erkundet man am besten zu Fuss. Das unter Denkmalschutz stehende Bergdorf Kakopetriá erkundet man am besten zu Fuss. © Manfred Probst
Die Reiseroute auf Zypern. Die Reiseroute auf Zypern. © Hallwag Kümmerly+Frey AG