Auf Harleys durch fünf Nationalparks in Süd-Utah.
Auf Harleys durch fünf Nationalparks in Süd-Utah. © Klaus H. Daams

Blaupause

USA

Von Susi Boxberg
02.09.2016 17:30:44

Warum in die Ferne schweifen? Weil es nichts Besseres gibt als einen Roadtrip durch Süd-Utah – gleich fünf der schönsten Nationalparks, tiefe Canyons und die spektakulärsten Felsenbögen der USA warten hier.

Hinter Las Vegas erscheint die Welt wieder in ihrer wunderbaren Natürlichkeit. Prahlte die Wüstenstadt noch mit kessen Werbegirls und Neonleuchtreklame am Strassenrand, sieht man nun die satten Farben der Erde wieder. Jetzt geht es in die wahre Wüste – auf einer Harley-Davidson. Nur furchteinflössende Giga-Trucks und wuchtige Pickups sind auf der Autobahn unterwegs. Ansonsten Einsamkeit. Wenige Meilen, nachdem man die Grenze von Nevada nach Utah überschritten hat, erscheinen die ersten Bergspitzen am Horizont. Roter Sandstein strahlt unter dem Blau des Himmels. Etwas später erscheinen die bis zu 2600 Meter hohen Berge des Zion-Nationalparks im Dämmerlicht. Ihre neunschichtigen Gebirgsformationen sind unglaubliche 170 Millionen Jahre alt. Wie überall in den Staaten finden sich auch hier Spuren indianischer Kultur. Um 700 nach Christus siedelten hier die Anasazi an. Mysteriöse Felseinritzungen zeugen von dieser Zeit.

Zion-Nationalpark

Tiefe Schluchten und lange Canyons durchziehen diesen wunderschönen Nationalpark. Der Shuttle-Bus fährt die Besucher entlang des Scenic Drive, die Töff müssen leider draussen bleiben. Perfekt angelegte Wanderwege winden sich durchs Hinterland. Am Abend liegt das atemberaubende Licht der Sonne milde auf den Felsen.

Der Red Canyon

Über die Highways 9 und 89 gehts immer weiter Richtung Osten. Die Strassen laden zum Cruisen ein, locker schwingt man durchs weite Land. Stetig geht es bergan, bis auf 2000 Meter – hier wirds einem schon ein wenig frisch. Kurz nach dem Abzweig auf den Highway 12 beginnt der Red Canyon, der die Gäste mit zwei tiefroten Felsbögen empfängt, die Pförtner des zauberhaften Bryce Canyon.

Dieser unglaublich imposante Ort bietet gleich mehrere Aussichtsplattformen. Zu den Besten gehören Bryce Point und Inspiration Point. Nun gilt es, cool zu bleiben, denn der Anblick auf dieses Naturdenkmal ist wahrlich sensationell. Wow! Man befindet sich am Rand des knapp 2600 Meter hohen Paunsaugunt-Plateaus, das etwa 300 Meter steil abfällt. Einem Amphitheater gleich stehen in einem weiten Halbrund Hunderte von spitzen, bizarr geformten Felsnadeln dicht an dicht gedrängt, sie alle sind knapp 60 Millionen Jahre alt.

Sattsehen kann man sich hier nicht, das Augenfutter macht nur hungriger. Denn man kann sich auch an der grossartigen Fernsicht laben. Am schönsten ist es morgens oder abends, wenn das Sonnenlicht sich an die schlanken Zuckerhüte lehnt.

Hungrig? Dann nichts wie ins nahegelegene Bryce Canyon Pines. Das Restaurant ist für seine Pies – eine Art Kuchen – berühmt, wie Bruce vom hiesigen Fremdenverkehrsamt versichert. Er ist Mormone. Vor Fahrtantritt kursierten viele Gerüchte um die Anhänger der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". Das sind doch die Hardcore-Christen und Polygamisten, die keinen Alkohol trinken, hiess es allenthalben. Bruce winkt ab. Er liebe nur die eine, seine Frau und sonst keine. Alkohol trinke er aber wahrhaftig nicht, Kaffee und Tee auch nicht, da zu ungesund. Was er denn überhaupt trinke, wenn noch nicht mal Tee? "Cola light natürlich!" Cola statt Tee der Gesundheit wegen... Zsss, diese Mormonen... weiter auf dem Highway 12

Am frühen Morgen sind die Sättel der Motorräder von einer Eisschicht bedeckt. Es ist Mitte Oktober, der Winter steht hier schon früh vor der Türe. Die Luft ist klar und scheint zu knistern, der Himmel ein Traum in Azur. Hier oben ist die Farbe sogar noch intensiver.

Eine kurze Wanderung im Canyon ist trotz Kälte dringend zu empfehlen. Es wird ein Spaziergang im Märchenwald. Doch dann meldet sich wieder das Fernweh. Die Motorräder wollen weiter, weiter auf den traumhaften Highway 12: Er ist eine der schönsten Strassen in den Staaten. Wieder säumen rote Felsen den Weg, ein Bächlein plätschert vor sich hin. Dann steigt die 12 langsam hinauf, immer höher in weiten Bögen, um schliesslich einen sagenhaften Blick ins Land freizugeben. Nun gehts wieder bergab und wieder bergauf, meilenweit über einen schmalen Grat, dessen Seiten tief hinabfallen. An einer Stelle ist die Strasse so schmal, dass wahrscheinlich selbst Hartgesottene Höhenangst bekommen, so sie sich allzu nah an den Rand begeben. Und doch möchte man den Blick schweifen lassen, wo es nur eben geht. Nirgends Häuser oder Dörfer, überall nur pure Natur. All dies auf den Harleys zu geniessen, gibt dem Ganzen den besonderen Kick. Ein berauschendes Gefühl.

Nationalpark Capital Reef

Ostwärts folgt meilenweit die Waterpocket Fold, ein Teil des Nationalparks Capital Reef. Hier oben befindet man sich mittlerweile in 3000 Metern Höhe, wieder ist es ein wenig frisch auf den Töff. Kein Grund zu verzagen, denn drunten in Torrey läuten schon die Feierabendglocken. Vor Einbruch der Dunkelheit sollte man rasch noch ins Capital Reef sausen, in der Abendsonne glänzen die gigantischen Felsen in honigfarbenem Gold.

Nordöstlich von Torrey liegt das Goblin Valley, das "Tal der Zwerge". Ein kleiner, aber äusserst feiner Park. Er besteht aus einer Ansammlung putziger Figürchen, die wie Pilze, Tierchen oder Trolle ausschauen. Aus Stein, versteht sich. Ziemlich surreal, so stellt man sich den Mars vor. Vielleicht.

Der Colorado

Nun ist es nicht mehr weit bis Moab, dem Kletter- und Mountainbikeparadies. Man nehme die Interstate 70, biege statt auf Highway 191 ein Stück weiter östlich in Cisco auf die 128 gen Süden ab. Eine sensationelle Strecke, denn der Colorado River fliesst parallel zur Strasse. Rechts und links ragen hohe Felswände hinauf, das Ballern der Harleys schallt in der engen Schlucht zurück. Ein herrliches Vergnügen, denn hier herrschen europäische, sprich kurven- und hügelreiche Bedingungen.

Hollywood ist überall

Viele Hollywood-Regisseure wählten diese Mischung aus Fluss, Berg und Wildnis für zahlreiche Western und sonstige Filmkulissen. Ein Movie-Museum in der Red Cliffs Lodge zeugt von Stars und Sternchen, die hier ihrem Beruf nachgingen. John Wayne war häufig zugegen; im Museum steht er – aus Pappe zwar – immer noch seinen Mann.

Die fünfte Kerbe im Park-Colt

Der Arches-Nationalpark gehört zu den spektakulärsten Sehenswürdigkeiten überhaupt, denn alles hier ist gigantisch. 2000 natürliche Felsbögen gibt es zu sehen, manche mit Spannbreiten bis zu 90 Metern. Schon am Eingang stehen hohe, schmale, alleinstehende Felswände am Wegesrand, die der Rede wert sind. Einige Meilen weiter sieht man die grossen Bögen, wie sie spektakulär in der Wildnis gähnen. Der Mensch ein Zwerg.

Ist man schon mal hier, sollte man das berühmte Monument Valley nicht ausser Acht lassen. Wegen äusserst ungünstiger Bedingungen für Motorradfahrer sollte man dieses Tal am besten mittels einer geführten Jeep-Tour besuchen. Ausserdem hat der Fahrer zu jedem Felsen Wissenswertes preiszugeben. Gemütlich rumpelt der Wagen an den markanten Felsen vorbei, die man von diversen Zigarettenwerbeplakaten und -filmen kennt. Welcome to Marlboro Country. Eine grosse Sandwüste mit skurril geformten Felsen. Monolithengleich stehen sie imposant an ihrem Platz, trotzen Wind und Wetter. Fahrer Joe, ein Abkömmling der Navajo-Indianer, spielt Quiz-Taxi. "What do you think this mountain looks like?" Eine schwere Frage, denn der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Der Antelope Canyon

Die Strecke zurück nach Las Vegas, wo die Motorräder zurückgegeben werden müssen, führt am Antelope Canyon vorbei. Vor allem für Fotografen eine Fundgrube, denn das Spiel aus Licht und Schatten ist zauberhaft. Die dreissig Meter hohe Schlucht ist oben sehr schmal, so dass das Licht wie Spotlights auf die roten Felswände fällt. High Noon ist die beste Besichtigungszeit. Doch Vorsicht: Im Sommer tummeln sich hier neben Touristen auch Klapperschlangen.

Zurück in die Zivilisation

Die Interstate 15 führt zurück in die Zivilisation. Es ist schon dunkel, als Las Vegas wie aus dem Nichts auftaucht. Gleich dem Goldenen Vlies liegt die grösste Stadt Nevadas dem Betrachter zu Füssen. Zehn Tage mit dem Motorrad durch Süd-Utah waren wie ein sensationelles IMAX-Kinospektakel im Motorradsattel – aber leider ist die azurblaue Vorstellung nun vorbei.


Reiseinfos Süd-Utah

Allgemeines: Utah gehört zu den sehenswertesten Gegenden der USA. Die Ansammlung atemberaubender Nationalparks ist aussergewöhnlich, zudem liegen alle recht nah beieinander. Zu den Attraktionen Utahs zählen ausserdem seine Felsenschluchten und farbenfrohen Städte. Utahs "Scenic Byways" schlängeln sich durch die überwältigende Landschaft. Die Hauptstadt Salt Lake City ist das Rom der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage", die auch als Mormonen bekannt sind.

Mormonen: Vor über 170 Jahren entdeckte der Bauernsohn Joseph Smith dank göttlicher Eingebung ein, so Smith, "verlorengegangenes Buch der Bibel: das Buch Mormon". Daraufhin schuf er kurzerhand die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". Seine Glaubensgemeinschaft nannten Aussenstehende daher Mormonen; der Begriff hält sich bis heute. Smith und seine Schäfchen liessen sich Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkt in Utah nieder. Die grösste Gemeinschaft hat ihren Sitz heute in Salt Lake City (Nord-Utah). Mormonen trinken keinen Alkohol und rauchen nicht. Recht Konservative (wie in Colorado City) folgen heute noch gern dem Diktat der Polygamie, doch die meisten haben der Vielweiberei abgeschworen. Im Alltag treten Mormonen nicht auffällig in Erscheinung. Auch Alkohol, z.B. ein Bier namens "Polygamy Porter – Why have just one?", bekommt man in jeder Kneipe.

Einreise: Für die Einreise in die USA benötigt man einen Reisepass, der mindestens für die Dauer des geplanten Aufenthaltes gültig sein muss. Reisepässe, die nach dem 25. Oktober 2005 ausgestellt wurden, müssen über ein digitales Lichtbild verfügen. Pässe, die nach dem 25. Oktober 2006 ausgestellt werden, müssen zusätzlich über biometrische Daten in Chipform verfügen (sog. E-Passport). Vor Ort werden Fingerabdrücke und ein Irisscan vorgenommen. Ein Visum ist nicht notwendig.

Töff-Reiseveranstalter:

www.bikethebest.de
bietet Motorradtouren in den Staaten an. Im Angebot enthalten sind Flug, Übernachtungen und die Motorräder. Elf Tage kosten ab 1555 Franken.

Ein weiterer Anbieter für Touren und/oder Motorräder direkt in Las Vegas findet sich unter www.ride-a-harley.com.

Wer in Salt Lake City starten möchte, kann unter www.openroadmotorcycleadventures.com buchen.

Reisezeit: Ideal ist die Zeit zwischen April und Juni, sowie Anfang September bis Ende Oktober. Im Herbst sollte man warme Unterwäsche und dicke Handschuhe dabeihaben, denn in höheren Regionen fällt dann schon der erste Schnee.

Literatur & Karte: Südwesten USA von Horst Schmidt-Brümmer und Karl Teuschl, Vista Point Verlag, ISBN-10: 3889737358, 30 Franken; Utah-Busche-Map, ISBN-10: 3897641399, Massstab 1:825 000, 12,50 Franken.

 

Im Movie Museum der Red Cliffs Lounge. Im Movie Museum der Red Cliffs Lounge. © Klaus H. Daams
Trucks überholen - ansonsten herrscht auf Utahs Highways eher wenig Verkehr. Trucks überholen - ansonsten herrscht auf Utahs Highways eher wenig Verkehr. © Klaus H. Daams
Der Bryce Canyon zählt zu den schönsten und spektakulärsten Nationalparks im Südwesten. Der Bryce Canyon zählt zu den schönsten und spektakulärsten Nationalparks im Südwesten. © Klaus H. Daams
Unterwegs in legendären Landschaften. Unterwegs in legendären Landschaften. © Klaus H. Daams
Boxenstopp mit den Eisenrössern im Red Canyon. Boxenstopp mit den Eisenrössern im Red Canyon. © Klaus H. Daams
Bison und Indianer - in Nordamerika lebten einst viele Millionen Bisons. Die Indianervölker wollen sie wieder zahlreich ansiedeln. Bison und Indianer - in Nordamerika lebten einst viele Millionen Bisons. Die Indianervölker wollen sie wieder zahlreich ansiedeln. © Klaus H. Daams
Antelope Canyon - ein Feuerwerk der Farben, das man nicht so schnell vergisst. Antelope Canyon - ein Feuerwerk der Farben, das man nicht so schnell vergisst. © Klaus H. Daams
Indianer in der Hotelvitrine. Indianer in der Hotelvitrine. © Klaus H. Daams
Jesse James - eine legendäre Figur des Wilden Westens. Jesse James - eine legendäre Figur des Wilden Westens. © Klaus H. Daams
Eine Stunt Woman mitten im wilden Westen. Eine Stunt Woman mitten im wilden Westen. © Klaus H. Daams
Zu bizarren Felsformationen erodiertes Gestein im Red Canyon. Zu bizarren Felsformationen erodiertes Gestein im Red Canyon. © Klaus H. Daams
Trecker-Wracking - die Landwirtschaft hat im Wüstenstaat Utah kaum Bedeutung. Trecker-Wracking - die Landwirtschaft hat im Wüstenstaat Utah kaum Bedeutung. © Klaus H. Daams
Mormoninnen - Anders- oder Ungläubigen wollen sie schliesslich nur helfen, sagen sie. Mormoninnen - Anders- oder Ungläubigen wollen sie schliesslich nur helfen, sagen sie. © Klaus H. Daams
Olga aus Novgorod, jetzt in Boulder... Olga aus Novgorod, jetzt in Boulder... © Klaus H. Daams
Las Vegas bei Nacht - Start- und Zielpunkt dieser Utah-Reise. Las Vegas bei Nacht - Start- und Zielpunkt dieser Utah-Reise. © Klaus H. Daams