Eine Vespa in einer schmalen Seitengasse.
Eine Vespa in einer schmalen Seitengasse. © Norbert Meiszies

Das perfekte Italien

Umbrien

Von Norbert Meiszies
23.05.2016 16:45:33

Vielen Italienern gilt Umbrien als eine der schönsten Regionen ihres Landes. Bei uns ist die an die Toskana angrenzende Kulturlandschaft dagegen nahezu unbekannt.

Wir sind in Umbrien angekommen, jener Region auf dem italienischen Stiefel, die den Begriff Massentourismus offensichtlich noch nicht kennt. Auf den Strassen herrscht kaum Verkehr, in den kleinen Ortschaften fliesst das Leben wie ein ruhiger Strom, immer wieder stehen die Menschen in den Gassen und halten ein Schwätzchen. Da passt es, dass amerikanische Wissenschaftler das Örtchen Todi als lebenswertesten Ort der Welt bezeichnet haben. Wenn das nicht neugierig macht.

Knapp 50 km sind es vom bekann­teren Orvieto über die Bergrücken des Parco del Fluviate Tevere – 50'000 Meter ohne eine einzige längere Gerade. Kurve an Kurve, auf und ab führt der Weg, bis wir, fast schwindelig von der Karussellfahrt, in Todi den Schildern ins "Centro" folgen. Im Gegensatz zu vielen anderen italienischen Städten fällt sogleich auf, dass wir uns nicht erst durch Industrieansiedlungen am Stadtrand kämpfen müssen, sondern über eine schöne Alleenstrasse den ersten Häusern nähern, um dann einer schmalen, dunklen Gasse zu folgen, bis sich plötzlich ein weiter Platz ausbreitet, so als hätte jemand den Theatervorhang beiseite geschoben.

Der Orts-Carabinieri weist uns gleich auf den Töff-Parkplatz auf der Piazza Garibaldi hin. Mensch, die Welt ist in Todi wirklich noch in Ordnung. Die Piazza del Popolo, der Hauptplatz, wird wie vor 700 Jahren von den gleichen Palästen und dem Duomo mit seiner grossen Freitreppe eingerahmt. Auf den Kirchenstufen könnte man stundenlang sitzen und die ruhige Atmosphäre, die der Platz ausstrahlt, in sich aufsaugen. An der gegenüberliegenden Bar, Mittelpunkt des örtlichen Lebens, treffen wir unseren Carabinieri ­wieder, der offensichtlich lieber ein Schwätzchen hält, als sich um die Verkehrsregelung zu kümmern. Hektik scheint hier ein Fremdwort zu sein, niemand scheint sich darüber zu wundern, dass ich meinen Töff für ein Foto mitten auf den Platz schiebe.

Durch die Hintertür nach Assisi

Mit dem Zweirad ist man in den italienischen Städten König. Die Verbotsschilder für die Einfahrt in die Altstädte scheinen eher Empfehlungen als Warnhinweise zu sein. Sozusagen durch die Hintertür von Assisi, die Porta San Giacomo (den Schildern San Franceso folgen), parken wir direkt und legal vor der Kirche des Heiligen Franziskus. Assisi entfaltet sich terrassenförmig an den Hängen des Monte Subasio. Bereits aus grosser Entfernung, aus dem Valle Umbra kommend, erkennt man den monumentalen Kirchenbau. Wenn möglich empfiehlt sich die Anreise am späten Nachmittag, dann leuchten die Gebäude, die aus dem rosa­roten Stein des Monte Subasio erbaut wurden, von der tief stehenden Sonne angestrahlt wie ein Flammenmeer. Dieser Anblick alleine lässt uns an Himmel und Hölle glauben. Auch wem im Urlaub der Sinn nicht unbedingt nach Kultur steht, an der Basilika darf man nicht vorbeigehen. In die Unterkirche mit dem Grab des Heiligen Franziskus gelangt man über die Piazza Inferiore.

Mittlerweile sind die durch das ­Erdbeben von 1997 zerstörten Teile der Oberkirche wieder aufgebaut und die Wandmalereien fast vollständig rekonstruiert worden. In einer fünfjährigen Puzzle­arbeit wurden Tausende zerbröselte Steine wieder zusammengesetzt. Der Anblick der farbenprächtigen Gemälde an den Wänden verschlägt einem den Atem. Hier wird man zum gläubigen Menschen. 

Ab in die Berge

Nach der Andacht, es geht ab in die Berge: Dafür muss man gar nicht weit fahren. Vorbei an dem kleinen Klosterbau Eremo delle Carceri oberhalb von Assisi, wo der heilige Franziskus der Sage nach den Vögeln gepredigt haben soll, führt eine asphaltierte, von Schlaglöchern übersäte Ausflugsstrasse auf den Monte Subiaso hinauf. Kurz vor dem Gipfel weitet sich der Blick, wir schauen über weite, saftig grüne Wiesen. Zahlreiche Ausflügler laufen gesenkten Hauptes mit Körben in der Hand über die Wiesen, sodass wir zunächst an Pilger auf dem Weg nach Assisi glauben. Doch die Leute haben Weltliches im Sinn, sie sind auf der Suche nach Trüffeln, jener Pilzart, die als kostspielige Delikatesse in Käse, Salami und vor allem in Nudelgerichten verarbeitet wird.  

Schottern am Monte Subasio

Uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Allerdings nicht, weil wir ans Essen denken, sondern die Abfahrt vom Monte Subiaso geniessen. Die schmale Schotterpiste bietet herrliche Aussichten. Die GS fühlt sich richtig wohl in ihrem Element. In Um­brien gibt es viele ähnliche Ausflugsberge, deren Auffahrt eine meist gut asphaltierte Strasse ist, welche dann auf der anderen Seite in eine grobe Piste übergeht.

Das gilt genauso für die Fahrt auf den Monte Nerone im Grenzgebiet zwischen den Regionen Umbrien und Marken sowie den Ortschaften Piobbico und Serravalle. Er besitzt eine gut ausgebaute, ausgeschilderte Auffahrt bis zum Gipfel in 1500 Metern Höhe, auf dem ein Sendemast steht. Die Abfahrt dagegen ist ein Feldweg – und mittlerweile leider gesperrt. Das macht nichts. So geniessen wir noch einmal die gleiche herrlich kurvige Strasse, die wir hochgefahren sind. Den guten Strassenbelag verdankt der Berg übrigens dem Radrennen Giro d’Italia, weshalb er unter Radlern gerne als "Mont Ventoux der Marken" bezeichnet wird. Nett ist auch die Geschichte der Namensgebung: Der Berg soll nach einem gewissen Domizio Nerone benannt sein, der aus nicht überlieferten Gründen vom römischen Gott Jupiter mit dem Tod durch Blitzschlag bedroht wurde und sich deshalb in eine Grotte am Berg flüchtete. Eines klaren Tages wagte er sich aus seiner Höhle hervor, prompt zog eine Wolke auf und der Blitz herab. Ciao Domizio!

Kulinarik statt Kilometer

Nach einigen Tagen erwischen wir uns immer wieder dabei, dass wir eigentlich lieber an dem einen oder anderen Ort einfach die Zeit verrinnen lassen, obwohl noch einige Kilometer zu fahren wären. So geht es uns auch in Norcia am Rande der Sibillinischen Berge, unserem Tagesziel. Die zahlreichen Kolonialläden mit den Spezialitäten der Re­gion lassen uns nicht los.

Norcia ist berühmt für seine schwarzen Trüffel und seine Schweinswürste, die in ganz Italien verkauft werden. Das Geschäft "Brancaleone da Norcia" hat es uns besonders angetan. Bis auf den Corso Sertorio, die Fussgängerzone, reicht der Geruch von "Strangozzi dell’Umbria" (Nudeln), "Salsicce Brancaleone" (Wurst), "Pecorino di Norcia" (Käse) und den typischen "Lenticchie di Catelluccio" (Linsen). Der gute Mann hinter der Theke hat uns reichlich probieren lassen, als wir den Laden mit vollen Einkaufstüten wieder verlassen. Etwas schwerfällig steigen wir aufs Motorrad, können uns aber nicht lange auf den Fettpolstern ausruhen. Kurz hinter Norcia zweigt die Strasse ab auf die Hochebene von Castelluccio im Parco Nationale dei Monti Sibillini.

Kurven und niemand unterwegs

Die Fahrt hinauf bis zum Refugio Perugia ist ein Traum. Kurven, Kurven, Kurven und nie mand unterwegs, der uns bei unserer ­Achterbahnfahrt durch eine nahezu verlassene, schroffe Landschaft stört. Lediglich der Blick in den Himmel verheisst nichts Gutes, obwohl noch die Sonne scheint. Am Refugio auf circa 1100 Meter Höhe angekommen, umhüllt uns dichter Nebel.

Im Blindflug geht es über den Scheitelpunkt weiter, bis plötzlich die Nebelschwaden wieder verschwinden und den Blick freigeben auf das von Berggipfeln eingerahmte, 28 km² grosse Plateau von Castelluccio. Die fruchtbare Fläche liegt 600 Meter über dem Meer, sieht aus wie der Krater eines mächtigen Vulkans, ist aber ein aus­getrockneter Eiszeit-See. Zwischen Ende Mai und Anfang Juni ist die Ebene von violetten Linsenblüten erfüllt, gefolgt von der Rapsblüte, die mit rot leuchtendem Mohn um die Wette strahlt. Gekrönt wird das Bild von der Gemeinde Castelluccio, die mitten im Krater auf ­einer Felsnadel thront wie eine alles überwachende Burg. Wahrlich eine Landschaft für Träumer.

Das wahre Italien

Gott sei Dank, weckt uns die Erwartung auf die nächsten Ziele auf. Cortona ist so ein Ort. Nördlich vom Trasimenischen See gelegen wirkt die hoch an einem Hang gelegene mittelalterliche Stadt wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Steil geht es hinauf durch das schmale Stadttor über scheinbar noch schma­lere Gassen, bis wir den grossen Platz am Palazzo della Comunità erreicht haben. Eine Nonne schlendert über die gepflasterte Piazza, die hübschen, dunkelhaarigen Italienerinnen mit ihren High Heels sitzen im Café und spielen mit ihren Smartphones.

Um den Platz herum gibt es nur kleine ­Läden: einen Schuhmacher, einen Schreibwarenladen und die Enoteca mit Wein und Olivenöl. Das ist das wahre ­Italien. In einer Ecke steht eine alte Vespa PK 200 ab­gestellt, den Helm ­locker an den Lenker gehängt – gestohlen wird hier wohl nichts – und neben der Caffetteria finde ich einen Laden, der das Schaufenster voll­gestopft hat mit allen möglichen Vespa-­Merchandiseartikeln von der Tasche bis zum ­T-Shirt. Auch einige Bilder und Zeichnungen sind ausgelegt. Ich stöbere ein bisschen, will ­eigentlich nichts kaufen. Doch dann sehe ich die beiden Kreidezeichnungen mit der ­Vespa und der Ape, italienische Impres­sionen auf Papier gebracht.
 

Reiseinfos Umbrien   


Allgemein: Umbrien ist eine Region Italiens, die zwischen den Gebieten Toskana, Latium und Marken liegt. Sie besitzt riesige Waldflächen, Weinanbaugebiete und zahlreiche Olivenhaine. Die Landschaft ist durch die zahlreichen Bergrücken des Apennin sehr hügelig, teilweise hochalpin, besitzt im Gegensatz dazu aber auch weite Täler mit grossen Weideflächen. Als Umbriens Meer wird der Trasimenische See bezeichnet, nahe der Grenze zur Toskana gelegen, ein beliebtes Ausflugsziel der Italiener. Die Hauptstadt Umbriens ist Perugia.

Anreise: Bis nach Florenz als Einstieg in die Tour sind es zum Beispiel ab Zürich knapp 600 km. Noch einmal 200 km kommen hinzu bis nach Todi. Wer dabei schnell ans Ziel kommen will, darf die Kosten für die Gebühren auf der Autostrada nicht vergessen. Zumindest zwischen Mailand und Bologna lohnt sich das Verlassen der Autobahn nicht. Ansonsten kann man auf den Landstrassen vor allem zwischen Bologna und Florenz reichlich Fahrspass finden.

Reisezeit: Eigentlich kann man Umbrien das ganze Jahr über bereisen, lediglich im Winter sollte man sich auf die sehenswerten Städte beschränken, in den Gebirgsregionen mit bis zu 2500 Meter Höhe liegt dann Schnee. Beste Reisezeit ist sicherlich das Frühjahr mit Temperaturen um die 20 Grad, dann sind Weiden und Wiesen saftig grün und auf den Feldern blühen der Raps und der Mohn. Das gilt besonders für die Hochebene von Castellucio, die Anfang Mai in allen möglichen Farben leuchtet. Im Sommer wird es in den Tälern sehr heiss, dann kann der Bummel durch Städte wie Assisi oder Orvieto anstrengend sein. Im Herbst bleiben die Temperaturen bis in den Abend über 20 Grad, das Licht ist besonders intensiv, aber die Landschaft zeigt sich dann eher braun und grau.

Unterkunft: Wer gerne zeltet, findet rund um den Trasimenischen See mehrere Campingplätze. Die sind aber gerade in der Urlaubszeit sehr überlaufen. Zu den Top-Plätzen mitten in den Sibillinischen Bergen gehört "Campeggio Il Collaccio" mit eigenem Restaurant in Castellvecchio (Tel. +39 0743939084), wo man sich auch in kleine Hütten einmieten kann. Die Übernachtungspreise beginnen bei 35 Franken. Wer lieber im Hotel oder im Gasthof nächtigt, findet in Umbrien für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas. Hier empfiehlt sich aber eine rechtzeitige Reservierung, am besten schon über Online-Portale wie HRS (www.hrs.de) oder Booking (www.booking.com), wo man noch kurzfristig wieder stornieren kann, ohne das Hotel bezahlen zu müssen. Wer das Landleben schätzt, wählt eventuell ein "Agriturismo", einen Urlaub auf dem Bauernhof inkl. landestypischer Verköstigung (www.agriturismo.it).

Essen und Trinken: Umbrien ist vor allem für das Olivenöl und die schwarzen und weissen Trüffel bekannt. Die meisten Gerichte werden aus Schwein, Rind und Geflügel zubereitet, Fisch gibt es eher selten. Selbstverständlich findet man auf jeder Speisekarte Pasta, ein Nudelgericht, wobei die Tagliatelle mit Trüffeln sehr empfehlenswert sind. Die Preise sind günstig. Der Italiener liebt es allerdings, ausgiebig zu speisen, meistens mit mehreren Gängen (Antipasti, Primi und Secondi). Als Getränk gibt es dazu natürlich Wein, meistens einen "Orvieto" – ein Weisswein, der sowohl süss als auch trocken angeboten wird.

Kultur: Viele der Städte sind weniger überlaufen als jene in der Toskana. Selbst in Assisi muss man nicht stundenlang anstehen, um die Basilika zu besichtigen. Neben Assisi gehört sicherlich Orvieto zu den herausragenden Zielen. Rund um den imposanten Marmor-Dom bummelt man durch kleine Gassen und findet immer einen Platz, um sich bei einem Schinken- oder Salamibaguette ausruhen zu können. Neben den erwähnten Ortschaften sollte man unbedingt Montefalcone, einem kleinen Städtchen oberhalb des Valle Umbra, einen Besuch abstatten.

Sehenswert ist die Kirche S. Francesco mit herrlichen Fresken. Die Kirche ist heute ein Museum mit Sonderausstellungen. Viel Zeit sollte man sich für Gubbio nehmen – und man muss gut zu Fuss sein. Der Ort an einem Hang besitzt zahlreiche mittelalterliche Paläste, von denen der Palazzo dei Consoli das Zentrum des Ortes an der Piazza Grande bildet. Hier gibt es auch zahlreiche kleine Geschäfte mit den landestypischen Spezialitäten wie Trüffelsalami oder Pecorinokäse mit Trüffeln gefüllt. Zu den traditionellen Festen in Gubbio zählt am 15. Mai die Corsa dei Ceri, ein Fest zu Ehren des Patrons der Stadt, bei dem drei Mannschaften im Wettstreit je eine riesige Statue zur Basilika auf den Monte Ingino tragen.

Organisiert: Wer sich nicht selbst um die Planung des Urlaubs kümmern will, kann sich einer organisierten Reisegruppe anschliessen. Der deutsche Motorrad-Reiseveranstalter rm-reiseteam (www.rm-motorradreisen.de) bietet eine zehntägige geführte Tour durch Teile der Toskana und die schönsten Ecken Umbriens an. Von drei schön gelegenen Standorthotels inkl. Halbpension werden die jeweiligen Tagestouren unter Leitung eines Tourguides unternommen.

Literatur: Als Strassenkarte empfehlenswert ist die italienische Landkarte "Umbria e Marche" vom Touring Club Italiano sowie von Marco Polo die Karte "Umbrien, Marken". Als Reiseführer lohnt sich "Umbrien" aus dem Michael Müller Verlag (ISBN-10 3899537890). Das Taschenbuch gibt es auch als e-book.

Infos: Als Verkehrsamt für Umbrien zuständig ist das italienische Fremdenverkehrsamt ENIT (www.enit.ch), das alle allgemeinen Informationen für einen Urlaub in Italien bereithält. E-Mail: zurich@enit.ch.

 

In Todi. In Todi. © Norbert Meiszies
Umbriens Trüffel sind eine Versuchung. Umbriens Trüffel sind eine Versuchung. © Norbert Meiszies
Häuser dicht an dicht. Nur auf der Strasse hat man Platz. Häuser dicht an dicht. Nur auf der Strasse hat man Platz. © Norbert Meiszies
Vor der Kathedrale Santa Maria Assunta von Orvieto kommt man sich ziemlich klein vor. Vor der Kathedrale Santa Maria Assunta von Orvieto kommt man sich ziemlich klein vor. © Das perfekte Italien
In Assisi. In Assisi. © Norbert Meiszies
Die Kulisse von Trevi ist der Gipfel! Die Kulisse von Trevi ist der Gipfel! © Norbert Meiszies
Kurvenreiche Auffahrt auf den Monte Nerone. Kurvenreiche Auffahrt auf den Monte Nerone. © Norbert Meiszies
Italien wie im Bilderbuch - mit einem Fiat Cinquecento vor einer Enoteca in Montefalcone. Italien wie im Bilderbuch - mit einem Fiat Cinquecento vor einer Enoteca in Montefalcone. © Norbert Meiszies
So entspannt man in San Luca. So entspannt man in San Luca. © Norbert Meiszies