Viel Grün - nicht umsonst heist die Toskana Garten Italiens.
Viel Grün - nicht umsonst heist die Toskana Garten Italiens. © Heinz E. Studt

Il Giardino d'Italia

Toskana - Italien

Von Heinz E. Studt
11.08.2014 15:05:01

Zypressen, Wein, sanfte Hügel und prächtige Kurven: die Toskana.

Also das mit dem schiefen Turm tut mir echt leid! Sorry, Pisa. Ehrlich. Dabei haben Sozia Kirsten und ich uns wirklich Mühe gegeben. Aber das Resultat ist im wahrsten Sinne des Wortes mächtig schiefgegangen. Und das, obwohl alles verheissungsvoll begann, als wir nach 500 km Autobahnhatz mit steifen Gräten von unserer BMW kletterten und das gemütliche Hotel im Weiler Castello südlich von Siena bezogen...

Der Norden der Toskana, ihr Süden, die Chianti-Region und der Weg an die Küste stehen als fix und fertige Tourenpläne auf unserem Navi bereit, als ich am anderen Morgen frisch ausgeruht das Triebwerk unserer R1200 GS Adventure starte. Fette Nebel wabern noch über das Land, wir beginnen den Tag erst einmal mit einer Stippvisite im malerischen Siena, immerhin einer der schönsten Städte Italiens. Und einem perfekten Beispiel für die Vielfalt der Region, stammen doch nicht nur berühmte Kirchenheilige, sondern auch Rockröhre Gianna Nannini und ihr rennfahrender Bruder Alessandro aus Siena. Das Herz der Stadt pocht rund um die Piazza del Campo mit dem markanten Rathaus, mit obligatorischem Brunnen und unzähligen Möglichkeiten, sich bei einem leckeren Cappuccino genüsslich auf die Toskana einzustimmen.

Dem Mittelalter entsprungen

Gen Norden treibe ich die BMW anschliessend nach Monteriggioni durch malerische Hügelketten und vorbei an hoch aufragenden Zypressenalleen. Wie soeben erst dem Mittelalter entsprungen, drapiert sich der Ort auf dem Hügel des Monte Ala. 500 Meter originale Stadtmauer, sage und scheibe 14 Türme sowie kaum mehr als lenkerbreite Tore beschützten ihn im Mittelalter – und heutzutage perfekt vor Reisebus-Kohorten. Gemütlich schlendern wir eine Runde durch die kopfsteingepflasterten Gassen, atmen den Hauch längst vergangener Tage. Toll!

Auch San Gimignano im oberen Val d’Elsa hat einen sehenswerten historischen Stadtkern bewahren können, der seit 1990 sogar zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Und das nicht nur wegen seiner "Geschlechtertürme": Im Mittelalter demonstrierten die Adelsfamilien der Stadt ihre Macht mit der Höhe der jeweiligen Wohntürme, jeder wollte den allerhöchsten bewohnen. Nicht immer bequem, selten luxuriös, aber mit beständiger Aussicht. Und statisch wohl nicht immer sorgfältig durchgerechnet, denn nur 15 dieser ehemals über 70 Türme sollen heute noch in San Gimignano unversehrt geblieben sein.

Herrliche Kurvengemenge begeistern uns nachmittags inmitten frühlingshafter toskanischer Landschaften. Grund genug, das Visier sperrangelweit zu öffnen. Über Castelfiorentino und Montespertoli kurven wir ausgiebig durch den Norden der Region, bevor es über Barberino und Poggibonsi ganz gemütlich retour zu unserer Unterkunft geht.

Ab in den Süden!

Weitläufige Olivenhaine sorgen anderntags für eine markante Abwechslung Richtung Asciano. Oliven respektive deren Öl gehören neben dem Wein zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Region. Eingebettet in die riesigen Plantagen "blinken" immer wieder herrschaftliche Anwesen in den warmen Farben des Südens durch die Bäume. Um einen derartigen Traum zu finanzieren, würde ich nicht nur mein Sparbuch restlos plündern, nein ich würde sogar Schulden machen.

Asciano in den "Crete Senesi" lohnt einen Einkehrschwung, seine berühmte Abtei "Monte Oliveto Maggiore" liegt allerdings deutlich ausserhalb auf dem Weg nach Buonconvento. Wir huschen weiter über Chiusure, San Giovanni d’Asso, Castelmunzio und Petroio nach Pienza. Dessen Altstadt – im Val d’Orcia gelegen – ist ein historisches Juwel. Zu verdanken ist das einem gewissen Silvius Piccolomini, dem einzigen Sohn einer aus Siena verbannten Adelsfamilie. Der entschied nämlich 1459, kaum dass er Papst Pius II. geworden war, dass seine Heimatstadt ein neues Gesicht bekommen solle. Er beauftragte den damaligen Stararchitekten Rossellino mit dem Neubau des Ortes, radierte zugleich auch dessen einstigen Namen "Corsignano" aus den Geschichtsbüchern (der Flecken hiess fortan nach seinem Bauherrn Pienza) und schuf damit einen heute echten Touristenmagnet der südlichen Toskana. Und da eh gerade Mittag ist, parken wir unsere BMW am Rande der Altstadt und schlendern zu einem ausgiebigen Einkehrschwung inmitten von Palästen, Kirchen und prächtigen Renaissance-Fassaden.

Entlang der Grenze zur Provinz Latium geht es danach Richtung Westen. Im Süden grüsst das Bergmassiv des Monte Amiata zu uns herüber, eines seit 180 000 Jahren ruhenden Vulkans, dessen heisse Quellen und Geysire aber immer noch deutliche Lebenszeichen absondern. Über Montalcino und Buonconvento erreichen wir dann spätabends wieder unsere Unterkunft.

Nix als Wein

Das Chianti-Gebiet erstreckt sich über immerhin ein gutes Drittel der gesamten Toskana und zählt zu den berühmtesten landschaftlichen Highlights. Gleich im Norden Sienas liegen die horizontweiten Weinberge mit ihren malerischen Weingütern und friedlich schlummernden und verschlafenen Dörfern. Das war aber allerdings nicht immer so, stand der Name "Chianti" doch ursprünglich für einen kämpferischen Militärbund der toskanischen Städte Radda, Castellina und Gaiole. Zahlreiche Klöster, Burgen und Festungen entstanden in diesen mittelalterlichen Tagen, und umfangreiche Waldrodungen schafften Platz für eben jene Weinberge, die Basis des heutigen Weltruhmes der Region.

Über Quercegrossa und Fonterutoli wedeln wir zielstrebig nach Castellina in Chianti und Poggibonsi. Unzählige Weiler und Dörfer können unseren Schwung kaum bremsen, nur die entlang der Strecke liegenden herrlich aussichtsreichen Pausenplätzchen überreden uns, hin und wieder ganz spontan den Seitenständer auszuklappen. Und das Örtchen Radda – eines der drei Gründungsmitglieder des Kriegsbündnisses namens "Chianti" – lockt mit seiner Altstadt zu einem Spaziergang am späten Nachmittag. Porentief müde erreichen wir spätabends wieder unsere Herberge.

Echt schiefgelaufen

Eine Reisereportage ohne ein Bild des wohl berühmtesten Turmes der Toskana ist unvollständig. Also machen auch Kirsten und ich uns am letzten Tag auf den Weg an die Küste, auf den Weg nach Pisa. Durch das idyllische Val d’Elsa schwingen wir noch einmal nach Poggibonsi, wir streifen Castelfiorentino und wenden uns dann bei Empoli erwartungsvoll nach Westen. Das Meer ist fern am Horizont bereits zu erahnen, als wir uns gemeinsam mit Kohorten von Reisebussen Pisa nähern. Vertrauend darauf, dass der Turm aller Türme metergenau ausgeschildert sein wird, passieren wir die Stadtgrenze – et voilà: Die ersten Schilder "Campanile" und "Torre Pendente" tauchen auf. Aber gleichzeitig auch Umleitungen, Baustellen und Strassensperren. Immer mehr verirren wir uns im Gewirr der Altstadtgassen, viele von ihnen als spontane Einbahnstrassen deklariert, schaffen ein Verkehrschaos sondergleichen. Mein Navi rät pausenlos "Bitte wenden" und zwei Passanten nach dem Weg gefragt ergibt zwei diametral entgegengesetzte Anweisungen. Irgendwann reicht es mir, und ich gebe Stoff, nix wie raus aus dieser Stadt!

Niemals nach dem Turm fragen

Jetzt, Monate später und daheim am Schreibtisch, erkenne ich am Tracklog unseres Navis, dass wir dem Ziel eigentlich ganz nah waren. Mein Tipp: Fragen Sie niemals nach dem Turm, sondern immer nach der "Piazza dei Miracoli", die auch "Piazza del Duomo" heisst. Dort liegen die Kathedrale von Pisa und nebenan der Schiefe Turm. Für uns lautet allerdings die Devise: Toskana die Zweite, die ganze Leckerei noch einmal versuchen – nun ja, es gibt wahrlich schlimmere Schicksale...



*** *** ***

Reiseinformationen: Toskana

Allgemeines: Der "Garten Italiens" nennt sich die Toskana gerne selbst. Nicht zu Unrecht, ist sie doch eine der blühendsten Landschaften des Stiefels. Und die touristisch wohl bekannteste Region Mittelitaliens, sie grenzt im Norden an Ligurien und die Emilia-Romagna, im Osten an die Marken und Umbrien sowie im Süden an Latium. Gut 3,7 Mio. Einwohner verteilen sich auf 23 000 km², die Hauptstadt ist die Wirtschaftsmetropole Florenz, bedeutende Städte sind Siena, Pisa und der Mittelmeerhafen Livorno. Weltweit berühmt ist die Toskana für ihre Zypressenalleen, für malerische Dörfer sowie Landgüter inmitten von Olivenhainen und Weinbergen. Und das "i-Tüpfelchen" an toskanischer Vielfalt setzen einige Inseln vor der Küste, darunter Elba, die drittgrösste Insel Italiens, die ebenfalls zur Region gehören.

Highlights: Das Chianti-Gebiet ist Pflicht nicht nur für Weinliebhaber, ein Stadtbummel durch das Herz von Siena oder auch Pisa nicht minder obligatorisch. Das weltberühmte "Palio von Siena", das härteste Pferderennen der Welt, lockt alljährlich im Juli und August. Der "Campanile", der berühmteste Turm der Welt, ist das Wahrzeichen Pisas – allerdings deutlich ausserhalb des historischen Zentrums gelegen. Das eigentliche Highlight der Toskana ist aber ihre abwechslungs- und panoramareiche Landschaft mit einer Vielzahl verträumter Dörfer, in deren Gassen die Zeit irgendwann vor 50 und mehr Jahren stehen geblieben zu sein scheint. Sie zu erkunden, ihre Tante-Emma-Läden, Cafés und Bars zu besuchen, macht in Kombination mit dem dichten Netz aus kurvenreichen, einsamen Landstrassen eine Reise durch die Toskana zu einem Genuss für alle Sinne.

Klima und Reisezeit: Der Frühling lockt spätestens ab März mit einer sehenswerten Blütenpracht. Ab Mai klettern die Temperaturen deutlich über 20 °C, die Sommermonate sind heiss, die Temperaturen erreichen Werte bis 35 °C. Der Herbst schickt ab September erste Nebelgrüsse über das Land, regenreich und kühl wird es aber erst ab Ende November. Die angenehmste Zeit fürs Töffvergnügen sind März bis Ende Juni sowie September bis Ende November.

Anreise: Via Chur und A13/A2 nach Bellinzona und Lugano, auf italienischer Seite über die A1 Milano–Piacenza–Bologna direkt ins Zielgebiet. Entfernung ab Bellinzona ca. 450 km, Mautkosten in Italien (Motorrad, einfache Fahrt) ca. 29 Euro.

Essen und Unterkunft: Bodenständig, lecker und nahrhaft ist die auf bäuerlichen Traditionen basierende Küche der Toskana. Frische Zutaten und das besonders gesunde toskanische Olivenöl geben den Gerichten eine ganz eigene Geschmacksnote. Im Hinterland dominieren Fleischgerichte (Rind, Lamm, Schwein und Kaninchen) die Speisekarten, an der Küste fangfrischer Fisch. Berühmt ist z. B. die "Cacciucco", eine aus Livorno stammende Fischsuppe mit Miesmuscheln, Kraken, Tintenfischen, Heuschreckenkrebsen, Glatthai, Knurrhahn und Drachenkopf. Das Ganze wird in einer mit Tomaten angereicherten Fischbrühe eingekocht und mit Weissbrot angerichtet. Käseliebhabern sei der "percorino toscano" empfohlen, ein bis auf die Etrusker zurückgehender Schafskäse, der in unterschiedlichen Reifegraden angeboten wird.

Übernachten: Die Toskana ist touristisch perfekt erschlossen. Autor und Sozia fanden eine gemütliche Bleibe ca. 12 km südwestlich von Siena im Landhotel Castello, Loc. San Rocco a Pilli, I-53018 Sovicille, Tel. +39 577 347 711, Internet: www.hotel-castello.it. Günstig auch zu buchen über Suchportale, wie HRS oder Booking.com.

Landkarten und Reiseführer
Go Vista Plus Reiseführer mit Reise-App "Toskana" von Gottfried Aigner, 94 Seiten, Vista Point Verlag GmbH, ISBN: 978-3868710724, Preis Fr. 6.30.

Marco Polo Landkarte Italien Nr. 7 "Toskana" mit landschaftlich sehr schönen Strecken und Sehenswürdigkeiten, Massstab 1:200 000, Verlag Lonely Planet Deutschland, ISBN 978-3-8297-4025-8, Preis Fr. 16.90.

Wichtige Adresse: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Uraniastrasse 32, 8001 Zürich, Telefon 043 466 40 40, E-Mail-Adresse: zurich@enit.it, www.enit.ch


*** *** ***


GPS-Downloads mit vier Routen unter folgendem Link:
GPS Il giardino d'Italia

Typisch in der Toskana sind die zypressengesäumten Hügel. Typisch in der Toskana sind die zypressengesäumten Hügel. © Heinz E. Studt
Unbedingt mal abbiegen - herrlich gelegene Weingüter bieten oft ebenso herrliche Zufahrten. Unbedingt mal abbiegen - herrlich gelegene Weingüter bieten oft ebenso herrliche Zufahrten. © Heinz E. Studt
Ein Boxenstopp ist Pflicht - nicht nur in Barberino lohnt sich ein ausgiebiger Rundgang. Ein Boxenstopp ist Pflicht - nicht nur in Barberino lohnt sich ein ausgiebiger Rundgang. © Heinz E. Studt
Viele Pisten und Strassen bieten wunderbare Ausblicke. Viele Pisten und Strassen bieten wunderbare Ausblicke. © Heinz E. Studt
Wein und Oliven - auch abseits des Töffsattels ist die Toskana lecker. Wein und Oliven - auch abseits des Töffsattels ist die Toskana lecker. © Heinz E. Studt
Radda im Chianti - seit 4000 Jahren siedeln hier Menschen. Ein Rundgang zeigt, warum. Radda im Chianti - seit 4000 Jahren siedeln hier Menschen. Ein Rundgang zeigt, warum. © Heinz E. Studt
Wein ist nicht alles - Olivenöl, Konfitüre und Honig sind hier ebenso gefragt und lecker. Wein ist nicht alles - Olivenöl, Konfitüre und Honig sind hier ebenso gefragt und lecker. © Heinz E. Studt
Kleine Läden wie dieses findet man überall. Kleine Läden wie dieses findet man überall. © Heinz E. Studt
Die Kulturstadt Siena ist bunt, quirlig und voller Geschichte. Die Kulturstadt Siena ist bunt, quirlig und voller Geschichte. © Heinz E. Studt
Enge Gassen, hohe Häuser - nicht nur in der Altstadt von Pienza bietet diese traditionelle Bauweise Schutz vor Sommerhitze. Enge Gassen, hohe Häuser - nicht nur in der Altstadt von Pienza bietet diese traditionelle Bauweise Schutz vor Sommerhitze. © Heinz E. Studt
Freie Fahrt für freie Bürger - ausserhalb der Hauptsaison gehören die prächtigen Landstrassen vielerorts uns allein. Freie Fahrt für freie Bürger - ausserhalb der Hauptsaison gehören die prächtigen Landstrassen vielerorts uns allein. © Heinz E. Studt
Von Mauern behütet - auch in San Donato finden sich viele Zeugnisse einer bewegten Vergangenheit. Von Mauern behütet - auch in San Donato finden sich viele Zeugnisse einer bewegten Vergangenheit. © Heinz E. Studt
Die Toskana-Routen. Die Toskana-Routen. © Hallwag Kümmerly+Frey AG