Die schönsten Motorradstrecken von Gibraltar bis an die französische Grenze.
Die schönsten Motorradstrecken von Gibraltar bis an die französische Grenze. © fbn

Perlenkette

Spanien

Von Ulf Böhringer
06.01.2016 16:18:19

Strecken-Highlights als Perlen auf einer 2500 km langen Kette.

Den Startpunkt Tarifa habe ich ausgewählt, weil ich vom südlichsten Punkt unseres Kontinents aus die Heimreise auf mir teils schon seit Jahrzehnten bekannten Präsentationsstrecken antreten will; das Zeitfenster (12 Tage) ist klein: Also knapp 5000 Kilometer bis Ostbayern, zu wenig Zeit – Rudi und ich wissen das bereits im Vorfeld.

Tarifa, unweit von Gibraltar gelegen, gewährt uns direkten Blick hinüber nach Afrika: Kaum 15 Kilometer misst die Luftlinien-Distanz. Der "Tarifa Jet", ein Katamaran mit 40 000 PS und 76 km/h Spitze, benötigt 35 Minuten, transportiert dabei 777 Passagiere und 175 Autos. Wir drehen die Töff gen Nordosten und steuern als erste Übernachtungsstation Ronda an; es ist bereits 18 Uhr. Jetzt hangeln wir uns auf kleinen, kurvigen Strassen auf der Ostseite der Naturparks Los Alcornocales und Grazalema nordwärts. Ronda ist 140 Kilometer entfernt. Dort werden wir am Ende des ersten Reisetages Zeuge der mitternächtlichen Osterprozession, bei der Tausende auf den Beinen sind. Die Strassenbeleuchtungen sind abgeschaltet, in fast völliger Dunkelheit ziehen die Laienbruderschaften mit vermummten Gesichtern und spitzen Hüten durch die Strassen. Das Schauspiel hält uns bis nach ein Uhr morgens auf den Beinen.

Ronda: Nabel der Motorradtesterei

Man kann Ronda durchaus als "Nabel des Motorradtestens" bezeichnen, so oft ist hier was los; zuletzt Ducati Monster 1200R, früher KTM LC8, BMW K 1200 R, Kawasaki Z800. Insbesondere die A 397 zwischen Marbella und Ronda ist mit ihren vielen fein austarierten Kurven ein fahrerischer Leckerbissen von gesamteuropäischem Rang! Wir fahren talwärts, mehr als 1000 Höhenmeter ein wahrer Kurvenrausch. Des Zeitdrucks wegen müssen wir auch Autobahnen akzeptieren, in diesem Fall die A7 bis Nerja. Dann wieder Landstrasse, die N340, am Meer entlang. Eine Bilderbuch-Strasse: Kurven und Panorama ohne Ende.

Ungefähr 50 Kilometer nördlich von uns liegt der Westrand von Spaniens mächtigstem und höchstem Gebirgszug, der Sierra Nevada. 100 Kilometer misst sie in West-Ost-Richtung, 3482 Meter erreicht ihr höchster Gipfel, der Mulhacén. Wir wollen dicht an ihrem Südrand entlangfahren und dabei das 800-Einwohner-Dorf Trevélez besuchen, das aufgrund seiner Seehöhe von 1476 Metern als einer der höchstgelegenen Orte Spaniens gilt. Noch berühmter ist es aber wegen des luftgetrockneten Serrano-Schinkens. Dass wir in dieser Region ausschliesslich auf extrem kurvenreichen, fast verkehrsfreien Strassen unterwegs sind, versteht sich quasi von selbst.

Ritt über die östliche Sierra Nevada

Kaum eine Stunde von Trevélez entfernt folgt der fahrerische Höhepunkt dieses Tages: Wir wählen die AL 3404, die sich aus dem Tal des Rio Andarax nach Norden zieht und den östlichen Teil der Sierra Nevada überquert. Als hätte Hermann Tilke, der weltweit erfolgreiche Schöpfer vieler Formel-1-Rennstrecken, diese Strasse trassiert, so zieht sich das makellose Asphaltband durch eine in vielfältigen Braun- und Grüntönen gehaltene, stark erodierte Hügel- und Gebirgslandschaft. Hier beim Fahren nicht in den Flow zu geraten, ist unmöglich: Kein Auto fordert unsere Aufmerksamkeit. Wer glaubt, dass sich beladene Grossenduros nicht sportlich fahren liessen, wird hier eines Besseren belehrt. Mehr als 30 unvergessliche Kilometer zieht sich die AL 3404 bis Abla, am Nordrand der Sierra Nevada gelegen.

Die Wüste von Tabernas 

Es folgt die Wüste von Tabernas, eine der trockensten Regionen Europas. Kaum vorbei an der oft besuchten Rennstrecke von Almería zweigen wir von der N 340 nach Süden ab: Ein wildes Strässchen führt an einem riesigen Solarkraftwerk vorbei an die Küste bei Nijar. Auch in dieser Gegend waren wir schon mit BMW, Yamaha oder Kawasaki zugange. Ein weiterer Klassiker der Motorradpräsentationen ist anderntags die Strecke entlang des fast immer ausgetrockneten Rio Aguas. Im Frühling ist es hier besonders schön: Die farbigen Sedimente des Bodens werden durch viele blühende Pflanzen ergänzt. Die A 1102 weist nicht nur besten Grip, sondern auch zahlreiche harmonische Kurven auf – immer wieder ein Erlebnis! Nur wenige hundert Meter, nachdem diese herrliche Strasse in die N 340 mündet, befindet sich der Ort Sorbas. Ein Kleinod: enge Gassen, die weissgekalkten Häuser dicht an dicht. Auf der Südseite scheinen die Häuser unmittelbar am Rand einer mindestens 50 Meter tiefen Schlucht zu stehen; durch sie führt die N 340, auf der wir unterwegs sind – exakt dorthin, woher wir gestern Abend gekommen sind, nämlich in die Wüste von Tabernas. 

Grip am Velefique 

Nein, wir haben uns nicht verfahren. Wir haben nämlich eine der schönsten Passstrassen Europas im Fokus; sie überquert die Sierra de los Filabres genau nördlich von Tabernas. Ausgangspunkt dieser Strasse ist das Dorf Velefique. Es befindet sich in 920 Metern Höhe, und schon die 17 Kilometer lange Zulaufstrecke von Tabernas ist von grossem Reiz. Wirklich grossartig wird die Route dann ab Velefique: 940 Höhenmeter geht es serpentinen- und kurvenreich bergan, feinster Asphalt bietet Grip ohne Ende. Das Panorama steigert sich im Hundert-Höhenmeter-Takt. Auf den 14 Kilometern bis zur Passhöhe (1860 Meter) begegnet uns genau ein Auto, ansonsten gehört die Strasse nur uns beiden. Der Blick von der felsigen Gipfelregion ins Tal und die sich ausbreitende Wüste von Tabernas ist – man kann es nicht anders sagen – überwältigend. 

Im Hinterland von Benidorm 

Mit Autobahn-Hilfe "hüpfen" wir weiter nach Osten, schlagen uns bei Benidorm ins kurvige Hinterland. In diesem sind wir zuletzt mit der BMW R 1200 R und der Suzuki GSX-S 1000 unterwegs gewesen – auf genialen Strecken! Diese, aber auch solche, die ich schon vor vielen Jahren mit Yamahas FJR 1300 AS (die erste mit der Kupplungsautomatik) oder auch mit der aktuellen Honda VFR 800F befahren habe, steuern wir an. Ein "gesetzter Stopp" ist der im "Venta Teresa", Bar, Restaurant, Töff-Treff und Herstellungsort feinsten Nougats sowie eines prächtigen Mandelgebäcks. Erst eine Woche vor unserem heutigen Stopp war ich mit Suzuki (GSX-S 1000) dort und habe der Wirtin versprochen, wiederzukommen. Die Freude ist beiderseits gross.

Gaumenfreuden

Die Dämmerung bricht bereits herein, als wir nach über 550 Kilometern den Ort Vall d’Ebo erreichen. Der Wirt unseres kleinen Hotels serviert uns das kühle Begrüssungsbier direkt an die Motorräder, die wir über Nacht im gut verschlossenen Hof – die Tische und Stühle hat er für uns schnell beiseite geräumt – sicher parken dürfen. Das Viergangmenü ist der echte Hammer, der Preis von 25,50 Euro pro Kopf (inklusive Wein und Bier) ebenso. Hoffentlich kommen wir irgendwann wieder mal zurück ins "Barranc de l’Infern".

Castel Riudabella

Nach einem Autobahn-Vormittag folgt nachmittags das pure Vergnügen im Hinterland von Tarragona. Insbesondere Honda hat in dieser Region zahlreiche Modelle präsentiert; ich erinnere mich an die CB 600F, die CB 1000F und – zuletzt – den Crosstourer, mit dem wir während einer Mittagsrast auf einer Burg zu Gast waren, Castel Riudabella. Martina, die deutsche Ehefrau des spanischen Besitzers, habe ich damals kennengelernt und im Vorfeld dieser Reise gefragt, ob wir denn bei ihr Zimmer bekommen könnten. "Ich freue mich, wenn Sie bei uns zu Gast sein wollen", war ihre Mail-Antwort. Wir freuen uns auch …

Doch vorher gilt es noch ein paar hundert Kurven zu absolvieren. Erst entlang des Ebro, dann südlich des markanten Gebirgszuges Montsant. Ganz hinauf in das 737 Meter hoch gelegene Dorf Siurana, wo aussergewöhnlich gutes Olivenöl hergestellt wird, schaffen wir es nicht mehr; aber die letzten Sonnenstrahlen auf den von Sportkletterern so geschätzten Felsformationen können wir noch geniessen.

Wie schon am Tag zuvor bricht wieder die Dämmerung an, als wir nach 12 Stunden Castel Riudabella erreichen. Martina begrüsst uns herzlich und lädt uns an den Familien-Esstisch in der Küche ein. Wir sind erschlagen von dieser überaus grosszügigen Gastfreundschaft. Der Hauswein – die Burg ist umgeben von Rebstöcken – mundet ausgezeichnet.

Costa Brava

Der fünfte und letzte Fahrtag vor Frankreichs Grenze bietet uns erst den markanten Mont-serrat-Bergzug an, mit eindrucksvollen Kurvenstrecken und grandioser Landschaft am "gesägten Berg". Danach das Montseny-Gebirge, in dem wir die Nebelscheinwerfer ausprobieren können. Deshalb ein schneller Wechsel hinaus zur sonnigen Küste, denn der Abschnitt zwischen Lloret de Mar und Sant Feliu de Guíxols bietet Traumausblicke auf die Küste der Costa Brava. Ja, und natürlich reichlich Kurven. Am Vollmondabend in Llanca, kurz vor der Grenze, denke ich an die Kurvenstrecke hier und anschliessend an Frankreichs Côte Vermeille zurück, als ich mit einer Honda ST 1100 Pan European im Anschluss an eine Präsentation in Barcelona auf dem Heimweg war. Mehr als 15 Jahre ist das her …

Fahren Sie die Routen doch ruhig einmal nach – aber machen Sie es besser als wir: Nehmen Sie sich mindestens zehn bis 14 Tage Zeit, und machen Sie dabei viele Pausen und Abstecher. Es lohnt sich!

Reiseinfos Spanien

Allgemeines: Besondere Herausforderung einer Reise von A (Südspanien) nach B (Nordspanien, Südfrankreich) ist der Fahrzeugtransport. Einweg-Mieten zwischen Malaga und Barcelona (beide Städte sind mit dem Flugzeug leicht erreichbar) bietet Hispania Tours (www.hispania-tours.de) mit Büros in Malaga und Barcelona; angeboten werden BMWs (F 700 GS bis K 1600 GT). Preisbeispiel für R 1200 GS mit Gepäcksystem (10 Tage, 3000 Frei-km, one-way) € 1200,–).

Reisezeit: Ideal für das mittelmeernahe Spanien ist das Frühjahr zwischen Februar und Mitte Mai mit Temperaturen zumeist zwischen 12 und 25 Grad. Niederschläge sind nicht häufig, können aber kräftig sein.

Übernachten: Mit Ausnahme der tourismusintensiven Osterzeit findet sich auch spontan (fast) immer ein Bett.

Streckenplanung: Michelin-Regionalkarten im Massstab 1:400 000 Nr. 578, 577 und 574; hilfreich sind auch die in kleinerem Massstab gehaltenen Michelin-Zoom-Karten 123, 124, 147 und 148 (1:130 000 bis 1:200 000).

Strecken-Highlights (von Süd nach Nord): Algeciras–Ronda; Ronda–Marbella (A 397); Nerja–La Herradura–Salobreña (N 340); südlich entlang der Sierra Nevada; Andarax-Tal–Abla (AL 3404, Beginn östlich v. Canjayar); Velefique–Bacares–Serón (Sierra de los Filabres); Lucainena de las Torres–Nijar (AL 3107); A7 (Ausfahrt 504) Sorbas (= Rio Aguas, A 1102); Gebiet zwischen A 7 und AP 7 (Benidorm, Gandia und Alcoy); Coridillera Costero Catalanes (Hinterland von Tarragona); Serra de Montserrat (insbesondere BP 1121 ab Monistrol de Montserrat); Serra de Montseny; Costa-Brava-Küstenstrasse v. Lloret de Mar bis Sant Seliu de Guixols (GI 682); Halbinsel Cadaqués und Llanca–Portbou (N 260).

 

Auf einer BMW R 1200 GS Adventure (links) und einer KTM 1290 Super Adventure unterwegs. Auf einer BMW R 1200 GS Adventure (links) und einer KTM 1290 Super Adventure unterwegs. © fbn
Dicht am Rand der Schlucht El Tacho stehen einige Bauwerke in Ronda. Dicht am Rand der Schlucht El Tacho stehen einige Bauwerke in Ronda. © fbn
Der Rules-Stausee befindet sich am südwestlichen Rand der Sierra Nevada. Der Rules-Stausee befindet sich am südwestlichen Rand der Sierra Nevada. © fbn
Die mitternächtliche Osterprozession durch Ronda. Die mitternächtliche Osterprozession durch Ronda. © fbn
Gleich geht's los. Rudi (links) und Ulf warten, bis der Tarifa Jet (Schiff) sein Auslaufmanöver aus Europas südlichstem Hafen beendet hat. Gleich geht's los. Rudi (links) und Ulf warten, bis der Tarifa Jet (Schiff) sein Auslaufmanöver aus Europas südlichstem Hafen beendet hat. © fbn
Die Kehren und Kurven am Velfique belohnen die weite Reise. Die Kehren und Kurven am Velfique belohnen die weite Reise. © fbn
Auf Spaniens Strassen expandiert die Fahrspass-Skala nach oben. Auf Spaniens Strassen expandiert die Fahrspass-Skala nach oben. © fbn
Unmittelbar auf dem feinen Kiesstrand in La Herradura wird ein köstliches Mittagessen mit Gambas in Knoblauch serviert. Unmittelbar auf dem feinen Kiesstrand in La Herradura wird ein köstliches Mittagessen mit Gambas in Knoblauch serviert. © fbn
Der Aquädukt des Adlers bei Maro wurde zur Wasserversorgung im 19. Jh. erbaut. Der Aquädukt des Adlers bei Maro wurde zur Wasserversorgung im 19. Jh. erbaut. © fbn
So schön geht die Sonne nur am Meer bei Llanca unter. So schön geht die Sonne nur am Meer bei Llanca unter. © fbn
Abendessen in der Küche von Burg Riudabella. Das Schlossbesitzer-Ehepaar und ein Freund des Hauses (li.). Abendessen in der Küche von Burg Riudabella. Das Schlossbesitzer-Ehepaar und ein Freund des Hauses (li.). © fbn
Noch vor dem Parken gibt's ein Willkommens-Bier. Noch vor dem Parken gibt's ein Willkommens-Bier. © fbn
Ein herrliches Bild bietet der grün schimmernde Ebro nahe Xerta. Ein herrliches Bild bietet der grün schimmernde Ebro nahe Xerta. © fbn
Für geschlossene Gesellschaften reserviert ist der Rittersaal von Burg Riudabella. Für geschlossene Gesellschaften reserviert ist der Rittersaal von Burg Riudabella. © fbn
Rio Aguas heisst diese Passage in Almerías Hinterland. Rio Aguas heisst diese Passage in Almerías Hinterland. © fbn
Vollmondnächte an der Küste, hier bei Llanca, üben eine grosse Faszination aus. Vollmondnächte an der Küste, hier bei Llanca, üben eine grosse Faszination aus. © fbn