Idyllische Landschaften.
Idyllische Landschaften. © Norbert Meiszies

Berg- und Talfahrt

Rheinland-Pfalz, Mosel-Region

Von Norbert Meiszies
18.08.2017 18:57:25

Spötter behaupten, die Liedzeile «Warum ist es am Rhein so schön» sei deshalb entstanden, weil die Mosel in ihn mündet. Und wahrlich, der Fluss gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen deutscher Biker – weil man hier wie in den Alpen die herrlichsten Kurvenstrecken vorfindet.

In einer 180-Grad-Kehre windet sich die Mosel am mehr als 300 Meter hohen Steilhang des Bremmer Calmont entlang. Die gut ausgebaute B49 folgt dem Lauf des Flusses in einer scheinbar endlosen Kurve um die Halbinsel des ehemaligen Klosters Stuben. Irgendwann habe ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Die nur noch in den Grundmauern erhalten gebliebene Stiftskirche auf der gegenüber- liegenden Flussseite erstrahlt in den hellen Gelbtönen des Buntsandsteins, aus dem das Kloster zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtet wurde. Umringt wird der Bau von den Weinreben, die mit ihren grünen Blättern einen farbenfrohen Kontrast bilden.

Das muss ich mir näher anschauen. Nur, eine Strasse dorthin kann ich von der linken Moselseite aus nicht erkennen. Gleich hinter der Ortschaft Bremm gibt es aber eine Brücke ans andere Ufer, also betätige ich mich als Pfadfinder. Im Weinort Neef finde ich tatsächlich einen jener braunen Wegweiser, die auf Sehenswürdigkeiten wie das Kloster aufmerksam machen sollen. Den zusätzlich angebrachten Hinweis für Radfahrer übersehe ich geflissentlich. Schliesslich bin ich ja auch auf zwei Rädern unterwegs. Dass andere lieber in die Pedale treten statt am Gasgriff zu drehen, ist nicht mein Problem. In solchen Fällen verweise ich immer wieder darauf, dass es schliesslich einen Grund gibt, warum der Motor erfunden wurde.

Der asphaltierte Weg führt mich aber ohne Beschränkungen über den direkt an der Mosel gelegenen Campingplatz «Zum Frauenberg» und weiter am Rand des Weinbergs entlang bis kurz vor die Ruine. Die letzten Meter kommt meine GS auch noch in Form einer Schotterpiste auf ihre Kosten. Leider ist der Zugang ins Innere der ehemaligen Kirche versperrt, der Rundgang um die in den Wingert (Weinhang) «Abtei Kloster Stuben» eingebettete Anlage mit dem Calmont im Hintergrund lohnt sich.

Der Blick vom oberen Rand des Steilhangs auf die Moselschleife muss noch beeindruckender sein, denke ich in dem Moment. Schnell steht der Entschluss fest, die nächste Expedition zu starten. Zurück über die Brücke folge ich wieder einem braunen Wegweiser: Der bildet aber leider neben der Bezeichnung «Calmont» diesmal als Zusatz einen Fussgänger ab. So endet meine Suche zweimal vor einem Wanderweg, der für die GS kaum zu bewältigen wäre. Aber irgendwie muss das doch gehen. Also raus aus dem Ort, ich beschliesse, das Ziel von hinten aufzurollen.

Über die Landstrasse 106 geht es in mehreren Schleifen und herrlich zu befahrenden Serpentinen bergauf. Zunächst behalte ich Ortschaft und Fluss rechts von mir im Blick, bis die Strasse schliesslich durch schattigen Laubwald immer weiter von der Mosel weg führt und mich meinem eigentlichen Ziel nicht näher zu bringen scheint. Kein weiteres Schild, kein Hinweis, ich bin nahe daran aufzugeben, folge stattdessen einem Schotterweg zum «Römischen Höhenheiligtum». Das könnte ja auch ganz interessant sein.

Wenige Kilometer führt die Piste zunächst über den Höhenzug, um endlich auf einem Waldweg eine Art Berghütte zu erreichen. Ich stelle mein Motorrad ab und staune nicht schlecht, als ich unter einem Gipfelkreuz auf einer Terrasse Tische und Stühle erkenne, an denen sich Wanderer und Radfahrer niedergelassen haben. Noch grösser wird das Erstaunen beim Blick über die Terrasse hinweg: Ich stehe genau am Rand des Calmont, dem mit 62 Prozent Gefälle steilsten Weinberg Europas, und schaue mit offenem Mund auf die spektakuläre Kulisse mit der Moselschleife unter mir.

Die Berghütte entpuppt sich zudem als Wirtschaft des Weinguts Michael Franzen aus Bremm. Neben dem spritzigen Riesling vom Steilhang unter mir gibt es an Wochenenden Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Mit Handarbeit kennt sich der Winzer aus. Die gesamte Familie packt mit an, wenn im Herbst die Reben ohne Erntemaschinen aus den Steillagen geholt werden. Lange Jahre wurden viele Weinlagen am Calmont wegen der schwierigen Arbeitsbedingungen nicht mehr bewirtschaftet, erst der Bekanntheitsgrat des Hangs veranlasste einige Winzer wie die Franzens, neue Rebstöcke am Calmont zu pflanzen.

Nicht überall an der Mosel sieht man für den Weinanbau eine Zukunft. «Für einen Liter Wein bekomme ich gerade einmal 50 bis 70 Cent, wenn ich die Reben an die grossen Kellereien verkaufe», erzählt mir in Valwig ein älterer Winzer, der gerade seine Saisoniers aus dem Weinberg abholt. «Die jungen Leute wollen die beschwerliche Arbeit nicht mehr machen für das wenige Geld. Aber man kann den Hang doch nicht so einfach sterben lassen», fügt er traurig hinzu, bevor ich mich von ihm verabschiede und mich auf der kurvigen Strasse durch seinen Weinberg in höhere Lagen begebe.

Unten am Ufer ist es zwar auch sehr schön, die verwinkelten Dörfer mit ihren Burgen, gemütlichen Weinstuben und Fachwerkhäusern laden ständig dazu ein, Pausen einzulegen, aber das Fahren kommt so etwas zu kurz. Ausserdem sind mir die Touristenhochburgen wie Bernkastel-Kues und Traben-Trabach zu trubelig. Hier herrscht häufig ein Menschenauflauf wie an einem verkaufsoffenen Samstag in der City. Alternativ wähle ich lieber die Berg- und Talfahrt zwischen Uferstrasse und den links- und rechtsseitigen Höhenzügen von Hunsrück oder Eifel. Zu den aufregendsten Strecken zählt für mich der Weg von Valwig nach Valwigerberg.

Die schmale Serpentinenstrasse erinnert an bekannte Alpenpässe wie das Timmelsjoch oder den Furka. Die Kurvenpassagen verlangen die ganze Aufmerksamkeit, ständig geht es in engen Kehren mal links, dann in zuziehenden Kurven wieder rechts an den Weinhängen entlang. Dazu verführen herrliche Aussichten hinunter auf die Mosel dazu, den Blick schweifen zu lassen. Besser, man hält an einem der Aussichtpunkte an und geniesst das Panorama in aller Ruhe. Denn anschliessend geht es ähnlich kurvenreich wieder abwärts nach Bruttig-Fankel, um nur wenige Meter weiter gleich wieder zum Aufstieg über die K36 anzusetzen und alpines Wedel-Feeling aufkommen zu lassen. Die Höhenzüge mit ihren weiten, landwirtschaftlich genutzten Flächen wirken dagegen wie Skihänge für Anfänger.

Mit einer Ausnahme: der Weg von Traben-Trabach auf der wenig befahrenen Kreisstrasse 65, der Moselstrasse, über Reil und Hammermühle nach Bullay. Die Strasse durch das Alfbachtal ist ideal für gemütliches Cruisen. Sie schlängelt sich beschaulich durch sattgrünen Mischwald, bis an deren Ende auf einem Felsen über dem engen Tal eine imposante Burganlage auftaucht – Burg Arras. Zunächst im Besitz der Pfalzgrafen, später der Erzbischöfe und Kurfürsten von Trier, wurde sie wie so viele Burgen in dieser Gegend im 17. Jahrhundert von den französischen Streitkräften zerstört. Heute ist sie dank des Wiederaufbaus durch den Bergwerksdirektor Traugott Wilhelm Dykerhoff aus Herne ein wahres Schmuckstück und beherbergt ein Hotel nebst Restaurant mit idyllischer Aussichtsterrasse. Eine echte Herausforderung ist der steile Burgweg, der so kurvenreich hinaufführt, dass man in den engen Kehren sogar mit dem Töff zurücksetzen muss.

Über Aussichtspunkte an der Mosel kann man sich endlos auslassen, das einmalige Panorama von der Marienburg jedoch darf man auf keinen Fall verpassen. Das einstige Augustinerkloster, das im Mittelalter zu einer Befestigungsanlage umgebaut wurde, erreiche ich von Bullay aus auf der Uferstrasse in Richtung Zell. Links passiere ich die imposante Stahlkonstruktion der ersten kombinierten Eisenbahn- und Strassenbrücke Deutschlands, der Doppelstockbrücke Alf-Bullay aus dem Jahr 1878. Rechts ab geht es dann den Petersberg hinauf, eine rund 250 Meter hohe Anhöhe in einer Moselschleife. Der Weg ist nicht ganz so spektakulär, aber sehr steil. Die letzten Meter in den Burghof gehen nur im ersten Gang und mit ordentlich Dreh am Gasgriff. Schon hier breitet sich vor meinem Auge das typische Bild der Mosellandschaft mit dem windungsreichen Fluss und den Weinhängen aus. Folgt man dem Weg weiter bis zum Aussichts­turm am Prinzenkopf, wünscht man sich, eine Panorama­kamera zu haben. Vor mir erkenne ich gleich drei Moselschleifen. Man hat den Eindruck, vier Flüsse auf einmal zu betrachten.

Auf dem Weg zurück zu meinem Ausgangspunkt in Cochem verzichte ich diesmal auf die übliche Berg- und Talfahrt und geniesse das beschauliche Dahingleiten auf der Uferstrasse. Auf dem Fluss, der nach dem Rhein zu den verkehrsreichsten in Europa zählt, schippern Ausflugsboote, Hotelschiffe und jede Menge Lastkähne. So geht es recht flott voran. Ich gönne mir dann aber doch noch ein besonderes Highlight: die Überfahrt mit der Fähre nach Beilstein. Am Campingplatz «Happy Holiday» zweigt abrupt die Zufahrt zum Fahrbetrieb ab. Bis mich der Fährmann rüberholt, geniesse ich die Kulisse des «Dornröschens der Mosel» – wie der mittelalterliche Ort genannt wird – mit Burg, Stadtmauer und bunt angemalten Fachwerkhäusern.

Bereits seit dem 14. Jahrhundert gibt es an dieser Stelle eine Fährverbindung. Der kleine Lastkahn, der gerade einmal ein Auto, ein paar Fahrräder, Fussgänger und mein Motorrad transportieren kann, scheint kaum jünger. Ursprünglich wechselte die an einem Stahlsteil hängende Fähre alleine durch die Strömung die Seiten, doch nachdem Teile der Mosel aufgestaut wurden, kommt nun ein Hilfsmotor zum Einsatz. So eingeschränkt der Platz für die Auffahrt auf die Fähre schon war, der Weg hinunter ist noch beengter. Ich biege sozusagen im 90-Grad-Winkel direkt auf die Uferstrasse ab, wo Touristen von den Ausflugsschiffen staunend die Szene beobachten, bevor sie in einer der Weinstuben auf ein Gläschen Riesling oder Rivaner verschwinden. Das würde ich jetzt auch gerne machen, aber ein paar Kilometer habe ich noch vor mir. Und vielleicht biege ich doch noch einmal ab auf eine der alpinen Bergstrecken an der Mosel.

Infos  


ANREISE

Die Mosel-Region liegt im Dreieck der deutschen Autobahnen A1, A61 und A48. Aus östlichen Richtungen kommend ist Koblenz als Einstiegsort geeignet. Aus dem Süden steuert man die Mosel am besten über die  B 50 Richtung Bernkastel-Kues oder Traben-Trabach an.


REISEZEIT

Eigentlich kann man das ganze Jahr über an der Mosel entlangfahren. Am schönsten sind natürlich die Sommermonate mit angenehmen Temperaturen und Weinhängen, die im Grün der Reben leuchten. Wer eher auf Party steht, sollte sich die Monate September und Oktober vormerken, dann finden die grossen Weinfeste statt. Dann geht es an der Mosel allerdings nicht nur feucht-fröhlich zu, sondern es ist auch sehr viel los. Für Wochenenden gilt das allgemein für grössere Ortschaften wie Cochem, Traben-Trabach und Bernkastel-Kues.


TÖFF-FAHREN

Wer an die Mosel kommt, kann beschaulich auf der Uferstrasse unterwegs sein oder ambitioniert-sportlich auf den verschiedenen Hangstrassen, die auf die Höhenzüge von Eifel oder Hunsrück führen. Ein beliebter Treffpunkt für den Tourstart ist der Parkplatz unter der Moselbrücke in Cochem. Allerdings achten die Ordnungshüter inzwischen immer häufiger darauf, dass an der Parkuhr auch bezahlt wurde. Ansonsten drohen Geldbussen. Übrigens: Wie wäre es mit einer schnellen Runde über die Nordschleife? In die Eifel an den Nürburgring ist es nur ein Katzensprung (www.nuerburgring.de).


ÜBERNACHTEN

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es an der Mosel in Hülle und Fülle und für jeden Geldbeutel. Nur in den Herbstmonaten anlässlich der Weinfeste kann es sehr eng werden. Dann empfiehlt es sich, rechtzeitig zu reservieren. Eine der besten Adressen für Motorradfahrer ist das renovierte und neu gestaltete «Café Hotel Aroma» in Burgen  (www.cafe-hotel-aroma.de), direkt an der Mosel gelegen. Neben Garage, Schrauberwerkstatt und Trockenraum bietet das Hotel auch eine schöne Ausstellung von Oldtimer-Motorrädern. Wer noch schnell ein Bett für die Nacht sucht, kann sich an die Hotline +49 (0)2671 605190 der Mosel-Touristik wenden oder sich über www.mosel.de und  www.mosellandtouristik.de informieren.


ESSEN UND TRINKEN

In den Gasthöfen und Restaurants entlang der Mosel ist man auf die Wünsche der Gäste entsprechend eingerichtet. Das heisst: Überwiegend gibt es Hausmannskost vom Wiener Schnitzel bis zur Pizza. Wer typische Mosel-Küche wie Dippekuchen (überbackener Kartoffelauflauf) oder Krumbeerschniedscher (Kartoffelreibekuchen) geniessen möchte, muss schon etwas suchen. In Cochem ist die «Alte Thorschenke» eine gute Adresse oder «Die Graifen» in Traben-Trabach, ein ehemaliges Weingut. Einen schönen Biergarten besitzt das Kloster Machern, in der Nachbarschaft von Bernkastel-Kues. Sehenswert ist die grosse Braustube. Für den kleinen Hunger genügt eventuell die Straussenwirtschaft der Familie Franzen auf dem Bremmer Calmont. Neben selbstgemachtem Kuchen werden bei schönem Wetter unter freiem Himmel kleine Snacks gereicht – und Moselwein. Den gibt es buchstäblich an jeder Hausecke von lieblich bis trocken. Populär ist natürlich der heimische Riesling.


SECHS TOURENVORSCHLÄGE

Die Motorradstrecken rechts und links der Moselregion gehören zu den Motorrad- Highlights Deutschlands. Sechs Tourenvorschläge inklusive GPS-Gratis-Downloads finden sich auf www.goo.gl/pAZwhM.  


REISEFÜHRER UND INFOS

Für die Planung einer Mosel-Tour ist das Internet-Portal www.mosel-reisefuehrer.de bestens zu empfehlen. Für jeden Ort am Fluss gibt es eine ausführliche Beschreibung mit Terminen, Anlaufstellen und Adressen. Genauso werden die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand beschrieben. Eine virtuelle Moselreise ermöglicht die Mosel-App für iOS und Android (www.mosel-reisefuehrer.de).
Eine der schönsten und kurvenreichsten Strecken ist die Berg- und Talfahrt von Valwig nach Valwigerberg. Eine der schönsten und kurvenreichsten Strecken ist die Berg- und Talfahrt von Valwig nach Valwigerberg. © Norbert Meiszies
Der Parkplatz in Cochem ist nicht nur Treffpunkt der Biker vor jeder Moseltour. Vor hier geht es auch entweder zu Fuss in die Altstadt mit sehenswerten Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert oder mit dem Töff hinauf auf den Calmot zur Moselschleife. Der Parkplatz in Cochem ist nicht nur Treffpunkt der Biker vor jeder Moseltour. Vor hier geht es auch entweder zu Fuss in die Altstadt mit sehenswerten Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert oder mit dem Töff hinauf auf den Calmot zur Moselschleife. © Norbert Meiszies
Der Calmont - Randhöhenzug - in der Moselschleife. Der Calmont - Randhöhenzug - in der Moselschleife. © Norbert Meiszies
In der Alten Thorschenke kommen Romantiker voll auf ihre Kosten. In der Alten Thorschenke kommen Romantiker voll auf ihre Kosten. © Norbert Meiszies