Cruisen am Atlantik.
Cruisen am Atlantik. © Kurt Pinter

Wind, Wein und Wellen

Portugal

Von Peter Schönlaub
31.05.2016 18:51:00

Auch der andere Süden, jenseits des Mittelmeers, verführt mit kessen Kurven: In den weltberühmten Weinbergen am Douro, entlang des Atlantiks, und am Ende sogar an der Algarve.

Was ist Glück? Bevor wir über Flow-Zustände beim Töfffahren zu philosophieren beginnen, über Achtsamkeit, Dankbarkeit und Hingebung, behaupten wir einfach: Glück ist eine gegrillte Goldbrasse im Restaurante Paraiso do Mar. Dort sitzt man mit unverstelltem Blick auf eine weitläufige, feinsandige Atlantikbucht, lauscht dem rhythmischen Lied der Wellen und schmeckt den Wind, wie er den salzigen Odem des Meeres hereinweht. Das einzige andere Geräusch ausserhalb der Urlaubssaison hier ist das Knirschen, wenn die Gabel die knusprige Kruste der Goldbrasse durchsticht.

Das einsame Haus, das man von hier aus sieht, befindet sich an der gegenüberliegenden Spitze der Bucht: ein zweites Restaurant. Um dorthin zu gelangen, müsste man geschätzte 500 Meter Fussweg über den Sandstrand zurücklegen. Auf der Strasse sind es hingegen 17 Kilometer: Zurück auf die Hauptstrasse, durch den Ort Aljezur und dann erneut Richtung Meer abbiegen. So ist das hier in Portugal: Man braucht viel Zeit und Musse.

Der Eile mit Weile frönt man besser auch, will man dieses Land der Seefahrer, Entdecker (und Weltfussballer) zumindest halbwegs erkunden. 600 Kilometer von der grössten Stadt im Norden – Braga – bis zu ihrer Entsprechung im Süden – Faro – klingen zwar nicht beängstigend, doch die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Am Atlantikstrand sitzend kann man sich kaum vorstellen, noch vor zwei Tagen tief im Landesinneren zwischen Weinbergen gegondelt zu sein – und an der Algarve soll es nochmals ganz anders werden. Dazwischen liegen Highlights wie Porto, Lissabon, die weltberühmten Surferstrände nördlich der Hauptstadt und Bergwelten wie das Monchique-Gebirge im Süden. Wer sich diesen Kontrasten aussetzen und doch möglichst kompakt in einer guten Woche durch Portugal reisen will, der sollte die Tour in drei Abschnitte unterteilen. Und damit sind wir endlich angekommen.

Porto macht das Rennen

Die erste Etappe beginnt in Porto, der zweitgrössten Stadt des Landes. Wie so oft, befindet die sich im Wettstreit mit der Hauptstadt: Wer hat mehr Charme, Kultur, Lebensart? Wir würden für Porto voten. Die Lage an der Douro-Mündung, die eiserne Brücke im Eiffel-Stil und die Innenstadt mit den gekachelten Hausfassaden wirken nicht nur pittoresker, sondern auch beschaulicher als das immer hektische und geschäftige Lissabon.

Für eine Stadterkundung lässt man die Mopetten am besten bei der Kathedrale stehen und spaziert den Hügel durch die Altstadt hinunter ans Flussufer, wo man auf jede Menge Cafés und Lokale trifft. Es geht touristisch zu, was nicht immer schlecht sein muss.

Für einen Ausflug auf die andere Seite des Flusses startet man dann doch besser wieder den Töff. In Vila Nova de Gaia warten die alten Lagerhäuser, in denen der berühmte Portwein reift. Fast jede grosse Marke ist hier vertreten und bietet auch Führungen und Verkostungen an. Für uns ergibt sich eher die Inspiration, nachzuforschen, wo der Portwein wirklich herkommt. Die Route ist denkbar einfach: Man muss nur dem Flusslauf ins Hinterland folgen. Auf den gut 100 Kilometern ins Landesinnere ändert sich die Landschaft mehrmals: Nach dem raueren Atlantikklima wird’s milder, bis sogar die Orangenbäumchen am Wegesrand stehen. Und dann wandelt sich die Landschaft nochmals ins Karge, und die ersten Reben säumen die terrassierten Hügel. Ab Peso da Regua wird’s dann ernst mit dem Weinanbau, und man dringt in das Unesco-Weltkulturerbe des Alto Douro ein – eine Art österreichische Wachau im XL-Format.

Eine nette Möglichkeit für ein Päuschen bietet sich in Tabuaco, ein paar Kilometer südlich über dem Douro-Tal gelegen. Zum einen ist die Auffahrt ein Kurven- und Aussichtsspektakel, zum anderen kocht hier tatsächlich ein Österreicher: der Tiroler Thomas Egger. Keine Sorge: Man muss nicht befürchten, hier Speckknödel zu bekommen. Egger ist mit einer Portugiesin verheiratet und huldigt der heimischen Küche. Ausserdem baut er Wein an, presst Oliven zu hervorragendem Öl und handelt mit Korken, die er auch an österreichische Winzerkollegen verschickt.

Solchermassen gestärkt, geht die Rückreise nach Porto über ein weiteres Kurven-Mekka leicht von der Hand: Von Pinhao im Douro-Tal nach Norden bis Sabrosa, Geburtsstadt von Ferdinand Magellan, dem ersten Weltumsegler (wenn auch im Auftrag Spaniens).

Zurück zu den Ufern der Küste

Ach ja, das Meer. Zeit, wieder an die Ufer zurückzukehren. Die Weiterreise nach Lissabon ist dafür wunderbar geeignet: Immer hart am Ufer, durch Pinienwälder und entlang felsiger Klippen freuen sich das Auge und die Harley, die munter durch die Lande tuckert.

Eine schöne Gelegenheit, wieder Kraft in Fischform zu tanken, bietet Nazaré mit pittoresker Oberstadt und weiter Promenade unten am Meer. Am nördlichen Stadtrand – am Praia do Norte – kann man bei richtigen Bedingungen eine Besonderheit beobachten: Die grösste surfbare Welle der Welt. 2011 wurde hier mit 23 Metern der Guinness-Weltrekord aufgestellt, zeitweise erreicht die Welle aber sogar bis zu 35 Meter. Kein Wunder, dass sich hier vieles ums Surfen dreht, genauso wie ein paar Kilometer weiter südlich in Peniche.

Zum Motorradfahren wird’s allerdings erst noch weiter südlich richtig interessant: In den Bergen von Sintra, westlich von Lissabon. Die mit teilweise fast kitschig bemalten Palästen gespickten Wälder rund um die Kleinstadt gehören ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe – und die Strassen, die das Gebiet zwischen Cabo da Roca (dem westlichsten Punkt Festland-Europas) und Estoril durchziehen, schmecken der Harley und ihrem Fahrer. Beste Möglichkeit, um in Lissabon anzukommen, ist die Fahrt an der Küste entlang, vorbei an den weiten Sandstränden von Guincho über Cascais und zu der Stelle, wo das Meer in den Tejo übergeht.

Von Lissabon nach Setubal

Und dann Lissabon, was wieder eine eigene Geschichte wäre: Mit der eigenen Lokalszene, dem Fado, den Museen und den Cafés der Altstadt. Kulinarisches must see ist auf jeden Fall der kürzlich renovierte Mercado do Ribeira (siehe Reise­tipps).

Einen anderen Tipp haben wir von einem freundlichen Töffpolizisten bekommen: Bei der Weiterfahrt in den Süden nach ein paar Kilometern von der Autobahn Richtung Azeitao abbiegen – und dort den Hinweisschildern "Arrabida" folgen. Das ist ein Höhenzug mit fantastischen Kurven, gran­diosen Ausblicken und einer charmanten Steilküste im Süden.

Folgt man ihr, gelangt man nach Setubal, dessen einziges Highlight der Fährhafen nach Troia ist. Die kurze Schiffspassage ist eine schöne Abwechslung, auch wenn die Weiterfahrt auf der Halbinsel eher geradlinig erfolgt. Immerhin zählen die Strände auf Troia zu den schönsten in ganz Portugal (wovon man auf der Strasse allerdings nichts bemerkt).

Kaum Verkehr und tolle Radien

Für uns geht’s weiter in den Süden, vorbei an Sines, dem Geburtsort eines weiteren Seefahrers: Vasco da Gama entdeckte als Erster den Seeweg nach Indien. Wir hingegen endlich die Algarve, mit all ihrem südlichen Charme, den Stränden und Felsen. Die Schönheit zieht natürlich auch die Massen an, es ist nicht leicht, hier einen ruhigen Flecken zu finden, inmitten der heftigen Verbauung.

Motorradfahrer wollen ohnehin lieber herumkurven. Wir konsultieren die einheimischen Töffler vom Algarve Chapter. Ihre Empfehlung ist die Strecke von Loulé (nordwestlich von Faro) über Salir Richtung Norden (Malhao) bis Almodovar: kaum Verkehr, tolle Radien und weite Blicke bis ans Meer.

Kurven im Monchique-Gebirge Etwas frequentierter, aber noch verwinkelter ist das Monchique-Gebirge, das mit dem 902 Meter hohen Foia den höchsten Gipfel des Südens besitzt. Die Anfahrt beginnt in Portimao, welche Route man dann wählt, ist fast egal: Kurven und Kehren gibt’s hier überall, genauso wie einen herrlichen Panoramablick, wenn der Gipfel nicht in Wolken oder Hochnebel gehüllt ist. Die vielleicht schönste Strecke führt aber entlang des südlichen Bergrückens nach Westen, über Marmelete nach Aljezur. Hier begleiten einen wieder Orangenbäume und mediterrane Gewürze, dazu findet man vereinzelte Korkeichen, Ginster, alte Steinhäuser, bis man schliesslich den Atlantik vor sich ausgebreitet sieht und weiss: Unten liegt Aljezur. Und nördlich von Aljezur liegt die Praia da Amoeira. Und dort wiederum wartet schon wieder eine Goldbrasse im Restaurante Paraiso do Mar. Was für ein Glück!

Reiseinfos Portugal

Allgemeines: Portugal erstreckt sich auf der Westseite der Iberischen Halbinsel über eine Fläche von 92 200 Quadratkilometern. Im Westen und im Süden wird es vom Atlantischen Ozean umschlossen, im Norden und im Osten von Spanien. Portugal ist in fünf Regionen unterteilt. Diese heis sen von Norden nach Süden Norte, Centro, Lisboa e Vale de Tejo, Alentejo und Algarve. 

Fahren: Es herrscht meist wenig Verkehr, der Portugiese fährt für einen Südländer sehr entspannt. Autobahnen sind mautpflichtig. Speed-Limits: 50/90/120 km/h. 

Anreise/Miete: Die Anreise ist, wenn man nicht über eine gebuchte Tour mit Motorradtransport ins Land kommt, lang und mühselig. Unser Tipp: Das Motorrad (neue BMW) kann man in Malaga (Hispania Tours) mieten und von dort nach Portugal fahren. Der Vermieter bietet auch geführte Portugal-Touren an. Infos unter www.hispania-tours.de 

Reisezeit: Nicht vor Mitte April, nicht später als Ende Oktober – und den Sommer wegen der Hitze und der Touristenströme meiden. Im Norden kann es auch im späteren Frühjahr oder im frühen Herbst ungemütlich werden: Der Atlantik schickt gerne dicke Regenwolken. 

Übernachtung: Portugal ist touristisch bestens erschlossen, man findet vom puren Luxus über das günstige Businesshotel bis hin zu kleinen Pensionen alles, was das Urlauberherz begehrt. Zwei Tipps, beide nicht allzu billig: Das cool designte Altis Belem Hotel am Ufer des Tejo in Lissabon mit tollem Spa und preisgekröntem Restaurant (www.altishotels.com) sowie die Vila Joya in Albufeira an der Algarve (www.vilajoya.com): Wahnsinnsterrasse am Meer und zwei Michelin-Sterne dank des Vorarlberger Starkochs Dieter Koschina. Zahlreiche schöne Campingplätze, v.a. im Norden des Landes oder am Rand der Algarve (z.B. Lagos, Monte Gordo). 

Kulinarisches: Neben dem schon Genannten unbedingt eine Filiale des Eissalons Santini besuchen (www.santini.pt), Portwein in der Quinta do Tedo verkosten (www.quintadotedo.com) und einen Fisch mit toller Aussicht im Restaurante Paraiso do Mar an der Praia Amoeira in Aljezur essen. Ein must see ist auch der Mercado da Ribeira in Lissabon. Kein Markt im klassischen Sinn, sondern lauter kleine Restaurants und Spezialitäten-Shops mit gemeinsamen Tischen in der Mitte.

 

Cabo da Roca. Der westlichste Leuchtturm des europäischen Festlandes. Cabo da Roca. Der westlichste Leuchtturm des europäischen Festlandes. © Kurt Pinter
Duoro-Romantik. Duoro-Romantik. © Kurt Pinter
Glück ist ein leise knisterndes Motorrad am Meer. Glück ist ein leise knisterndes Motorrad am Meer. © Kurt Pinter