Das Tor zum Glück

Malaysia

Von Imre Paulovits
26.03.2015 15:08:19

Der Osten Malaysias ist ein Töffparadies - aber nicht nur das.

Über den Gipfeln der grün bewachsenen, schroffen Berge jagen sich dunkle Wolken. Trotzdem ist es brütend heiss und gleissend hell, denn zwischen den geballten Wolkenmassen scheint an vielen Stellen die Tropensonne hindurch. Dieses Schauspiel braut sich jeden Tag zusammen, und wenn es auch jeden Moment wolkenbruchartig losregnen kann, dauert das höchstens ein paar Minuten, und alles trocknet in Windeseile wieder ab.

Als ich Malaysia vor zwei Jahren erstmals mit dem Töff bereist habe, wollte ich unbedingt wiederkommen und nach der Westseite auch den Osten des Landes kennenlernen. So sitze ich nun erneut im Sattel einer Yamaha FZ 150.

Tierische Begegnungen

Als ich von Kuantan Richtung Süden am Meer entlangfahre, ist es erst etwas enttäuschend. Keine Palmenstrände wie auf Postkarten, nein, das Wasser ist trüb, die Gegend fast trostlos. In den kleinen Ortschaften sind die Menschen ruhig, kein Vergleich zur Hektik von Kuala Lumpur, und es geht viel ärmlicher zu und her als in der aufstrebenden Metropole.

Doch diese Gegend lebt, auch ohne viele Menschen. Überall weiden neben der Strasse Kühe und Ziegen auf dem tropischen Grün, und flinke kleine Affen suchen nach Essbarem. Mal springen sie in den Kronen der Bäume über die Strasse, mal laufen sie quer drüber, mal schreiten sie ihr gemächlich in Gruppen entlang. Als die Strasse einen der zahlreichen Flüsse, die hier ins Meer münden, überquert, sieht man im rot-braunen, auf seinem Weg von den Bergen bis hierher mit reichlich Lehm vermengten Wasser immer wieder grosse Fische mit ihren Schwanzflossen schlagen. Dann entdecke ich auch ihre eleganten, flinken Jäger: Fischotter, die frech durch das Wasser rauschen. Wenn sie miteinander spielen, könnte man ihnen stundenlang zusehen.

Ich drehe um und fahre nach Kuantan. Gerade als ich dort ankomme, öffnen sich die Schleusen des Himmels. Diesmal will es einfach kein Ende nehmen, die Strassen und die Kanäle sind schnell überflutet. Als ich Stunden später das Hotel wieder verlasse, pulsiert das Nachtleben bereits. Die zahllosen Lokale sind gerammelt voll, auf den Strassen tummeln sich Autos und Grossradroller. Und das Ganze ebbt bis spät in die Nacht hinein nicht ab.

Der Reiz des Exotischen

Als ich am nächsten Tag weiter Richtung Norden fahre, erwischt mich unterwegs ein Gewitter. Rein in die Regenklamotten und der Natur die kalte Schulter zeigen! Doch weit gefehlt: Bei über 30 Grad schwitze ich in der undurchlässigen Folie derart, dass es keine fünf Minuten dauert, bis ich genauso nass bin, wie ich es vom Regen wäre. Hatte ich gedacht, hier mit europäischem Hightech brillieren zu können, stelle ich nun fest, dass die einfachere Lösung der Einheimischen klar überlegen ist. Ihre mit dem Rücken nach vorn getragenen Windjacken sehen zwar peinlich aus, doch so werden die Fahrer auf ihren Rollern vor dem Gröbsten geschützt, der Rest trocknet in der Sonne schnell. Bei mir hingegen dauert es Stunden, bis der Schweiss aus den Klamotten verdunstet ist. Also wieder etwas gelernt, und die Regenkombi bleibt ab sofort im Gepäck.

Plötzlich bemerke ich im Rückspiegel, dass ein Rollerfahrer ohne Rücksicht auf Verluste versucht, in meinem Windschatten zu bleiben. Ich nehme so viel Gas weg, dass er mir auch ohne Lebensgefahr folgen kann, und so fahren wir viele Kilometer gemeinsam. Dann winke ich ihm, dass wir anhalten sollen. Er stellt sich mit strahlenden Augen als Ali vor, sein Englisch ist nicht sonderlich gut, aber so weit können wir uns verständigen, dass wir beide das gleiche Reiseziel haben: Kuala Terengganu. Da sich der Abend ankündigt und er von Essen redet, schlage ich ihm vor, dass ich ihn dort zum Abendessen einlade, und wir fahren gemeinsam weiter. Gleich als wir in der Stadt ankommen, winkt er mir, und wir halten an einem der kleinen Strassenlokale an.

Es stellt sich heraus, dass es ihm gehört, dass er es mit seiner Frau, seiner Schwester und seiner Schwiegermutter betreibt und er eigentlich mich zum Abendessen einladen wollte. Die Frauen tischen schnell frittierte Teigwaren, Reis und Hühnerfleisch auf, ich kann mir ein kaltes Getränk aus dem Kühlschrank nehmen. Interessiert fragt er nach dem Motorrad und nach meinem Helm, und ob ich Arai auch als offenen Helm für seinen Roller empfehlen würde. Die Gastfreundlichkeit, mit der er und seine kleine Familie mich gleich aufgenommen haben, ist rührend.

Als ich am nächsten Tag nach Kota Bharu an die thailändische Grenze weiterfahre, überwältigt mich auf der Brücke über den Terengganu-Fluss der Anblick der Moscheen, die unter ihr liegen: Neben der 2006 erbauten Kristall-Moschee reihen sich alte Tempelanlagen und Repliken der bekanntesten islamischen Gotteshäuser der Welt aneinander.

Die Gewalt des Urwaldes

An dem mächtigen Lake Kenyir vorbei fahre ich ins Landesinnere. Dieser See in der Gebirgslandschaft ist so zerklüftet, dass man seine wirklichen Ausmasse nirgends sieht, sondern immer nur einen kleinen Teil, dann folgt wieder eine dicht bewachsene Gebirgskette. Die Vegetation ist gigantisch. In den letzten Jahrhunderten ist viel von dem Urwald Malaysias abgeholzt worden, um Plantagen und Dörfern Platz zu machen, hier existiert er noch in seiner vollen Pracht. Die Variation an Baumarten und -grössen ist atemberaubend. Die kühle Feuchte, die sie verströmen, macht die Hitze erträglich, und immer hallt aus dem dichten Grün das Geschrei von Affen und Vögeln.

Die Strasse wird immer schmaler, bis sie irgendwann in Schotterstrecken übergeht. Wäre kein Problem, wären da nicht die schweren LKW. Auf den asphaltierten Stücken stehen sie einem im Weg, aber sie bolzen mit dem gleichen Tempo im Schotter weiter und scheren sich wenig darum, wo sie den mit Schlaglöchern kämpfenden Töfffahrer überholen und ihm dann mit ihrem Staub komplett die Sicht nehmen.

Hier sind auch die uralten Mercedes-911- Laster, die man zu Zehntausenden im Land sieht, in ihrem Element. Diese unverwüstlichen deutschen Ur-Diesel sind mittlerweile alle nach dem gleichen Schema, mit Holzdach und Holz-Schiebetür, umgebaut. Einige haben über zwei Millionen Kilometer auf dem Buckel, aber sie holen auf den engen Pfaden das Holz ökonomischer aus dem Abbau als ihre modernen Nachfahren. In den 1960er-Jahren wurden sie in Europa für 18 Tonnen zugelassen, in Malaysia dürfen sie offiziell mit 31 Tonnen fahren, und wenn sie, mit schweren Baumstämmen beladen, im Kriechgang die engen Serpentinen hochkraxeln, dürfte auch diese Marke weit überschritten sein.

Trotz aller Abenteuer wirkt es beruhigend, als ich wieder die Hauptverkehrsstrasse unter mir spüre. Weiter im Süden, hinter Raub, biege ich wieder in die Berge ab und erlebe noch einmal das Töffparadies.

Die Schönheit der Natur

Zwischen Palmen, riesigen Farnen und Bananenbäumen windet sich die Strasse wie eine Boa, aber so richtig ernst wird es, als ich die Schleife zum Fraser’s Hill fahre, auf der keine Gerade länger als 50 Meter ist. Benannt nach einem schottischen Pionier, der 1890 hier einen Handelsposten aufstellte, finden sich hier die meisten Pflanzenarten in Malaysia.

Bäche, Wasserfälle und Seen säumen meinen weiteren Weg, bis ich schliesslich von den Genting Highlands aus noch einmal das gleiche prächtige Naturschauspiel bewundere wie zu Beginn dieser Reise: Wie sich die dunklen Wolken über den Bergen immer dichter zusammenbrauen. Sie sind hier ganz dicht über mir, unter ihnen liegt noch eine helle Schicht, und durch diese kann man das 40 Kilometer entfernte Kuala Lumpur sehen.

Es fällt mir schwer, dorthin zu fahren, um die Yamaha wieder abzugeben. Denn wenn ich nun auch fast das ganze faszinierende Malaysia bereist und unvergessliche Momente erlebt habe: Es gibt hier noch so viel mehr zu entdecken und kennenzulernen.

Reiseinfos Malaysia


Allgemeines: Malaysia besteht zum einen aus dem 130 000 Quadratkilometer grossen südlichen Teil einer Halbinsel im Südchinesischen Meer, zum anderen aus dem 200 000 Quadratkilometer grossen nördlichen Teil der Insel Borneo. Im Norden grenzt die Halbinsel von Malaysia an Thailand, im Süden an Singapur. Kulturen aus China, Indien und der arabischen Welt existieren seit Jahrhunderten neben der malaiischen Urbevölkerung. Die Landesreligion ist der Islam, diese ist im Osten des Landes besonders intensiv verbreitet.

Anreise: Die Hauptstadt Kuala Lumpur wird von zahlreichen Fluggesellschaften angeflogen. Rechtzeitig gebucht, gibt es Flüge aus der Schweiz ab 800 Franken.

Klima, Reisezeit: Tropisch, das ganze Jahr. Malaysia ist aber besonders für die Winterflucht zu empfehlen, allerdings regnet es dann etwas häufiger.

Essen/Trinken: Die malaiische Küche ist sehr scharf, an der Küste gibt es viele Meeresfrüchte-Restaurants. Wahre Gaumenfreuden sind die vielen verschiedenen tropischen Früchte. An den Strassen finden sich regelmässig Händler, die frische Fruchtsäfte und gekühltes Mineralwasser anbieten.

Unterkunft: Saubere Unterkünfte gibt es ab 30 Franken pro Tag, Hotels in jeder grösseren Ortschaft. Allerdings darf man in abgelegeneren Orten keine zu hohen Qualitätsstandards erwarten.

Motorradfahren: Die Strassen sind von recht guter Qualität, das Autobahnnetz um die Hauptstadt gut ausgebaut. Töfffahrer brauchen auf Autobahnen keine Maut zu zahlen, an den Mautstellen gibt es eine Gratisspur für Zweiräder. Richtung Osten führt nur eine Autobahn, die Hauptverkehrsachsen an der Ostküste sind sehr verkehrsreich.

Währung/Preise: Die Landeswährung ist der malaiische Ringit, für einen Franken bekommt man derzeit etwa 3,50 Ringit. Die Preise liegen weit unter Schweizer Niveau. Da Malaysia Ölvorkommen hat und Benzin staatlich subventioniert wird, kostet ein Liter nur knapp 60 Rappen.

 

Töff für die Betuchten - Kawasaki-Klub unterwegs. Töff für die Betuchten - Kawasaki-Klub unterwegs. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Töff für das Volk - Väter und Sprösslinge auf Grossradrollern. Töff für das Volk - Väter und Sprösslinge auf Grossradrollern. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Die Reise-Route in der Kartenübersicht. Die Reise-Route in der Kartenübersicht. © Hallwag Kümmerly+Frey
Reifenwechsel in einer Werkstatt am Strassenrand. Reifenwechsel in einer Werkstatt am Strassenrand. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Prachtbauten der Religion - am Terengganu-Fluss tummeln sich Moscheen. Prachtbauten der Religion - am Terengganu-Fluss tummeln sich Moscheen. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Tropisches Kurvenparadies am Fraser's Hill. Tropisches Kurvenparadies am Fraser's Hill. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Nachtleben und Beleuchtung in Kuantan. Nachtleben und Beleuchtung in Kuantan. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Alter Mercedes-Laster, mit Holz überladen. Alter Mercedes-Laster, mit Holz überladen. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Die meisten Flüsse sind lehmbraun. Die meisten Flüsse sind lehmbraun. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Das Meer an der Ostküste ist überall trüb, für die Einheimischen trübt dies den Wellenspass aber nicht. Das Meer an der Ostküste ist überall trüb, für die Einheimischen trübt dies den Wellenspass aber nicht. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Wie aus einer Phantasiewelt - der Urwaldriese mit zugewuchertem Stamm hat sein komplettes, eigenes Ökosystem. Wie aus einer Phantasiewelt - der Urwaldriese mit zugewuchertem Stamm hat sein komplettes, eigenes Ökosystem. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Viele einsame Strände - hier wimmelt es nirgendwo von Touristen. Viele einsame Strände - hier wimmelt es nirgendwo von Touristen. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Buddhistischer Tempel unter den Kalksteinfelsen bei Merapoh. Buddhistischer Tempel unter den Kalksteinfelsen bei Merapoh. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Grosses Buffet in Kota Bharu. Hier treffen sich malaiische und thailändische Küche. Grosses Buffet in Kota Bharu. Hier treffen sich malaiische und thailändische Küche. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Paradiesische Tropenlandschaft am zerklüfteten Kenyir-See. Paradiesische Tropenlandschaft am zerklüfteten Kenyir-See. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Einfache Strandhütten der Einheimischen. Einfache Strandhütten der Einheimischen. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Affen gibt es zuhauf, sie halten sich nicht an Zebrastreifen. Affen gibt es zuhauf, sie halten sich nicht an Zebrastreifen. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Mageres Hornvieh - bei uns sind Kühe deutlich grösser. Mageres Hornvieh - bei uns sind Kühe deutlich grösser. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha
Klares Hinweisschild bei einer Ananasplantage. Klares Hinweisschild bei einer Ananasplantage. © Imre Paulovits, Nadine Aleysha