Tour durch Florida. Die Keys - Key West - Kennedy space center - Miami.
Tour durch Florida. Die Keys - Key West - Kennedy space center - Miami. © Timo Grosshans / fbn

Sunny Side up

Florida - USA

Von Timo Grosshans und fbn
16.02.2015 17:27:14

Wenn in Florida immer noch die Sonne scheint....

Die Bedienung im Frühstücksrestaurant hat hinter ihrem linken Ohr die Keys tätowiert. Es sieht wunderschön aus, wie sich die kleinen Inseln im Süden Floridas hinter ihrem Ohr aneinanderschliessen, aufgereiht wie auf einer Perlenkette. Das Steak auf dem Sandwich füllt dich den ganzen Tag ab, so monströs ist es. Das ist auch Amerika. Die Liebe zum eigenen Land und zum Essen. Florida ist ein Amerika der besonderen Art. Wenn unsereins an Florida denkt, fühlt sich das immer nach Miami an, nach Palmen, Flamingos und Disneyland. Die Titelmusik von "Miami Vice" brummt im Kopf, ein schnelles Boot pfeilt durch den Hafen. Wir sind hier, um dieses total flache Land mit dem Töff zu bereisen. Wenn man das vorhat, bieten sich gemietete Harleys an. Weil die Strassen meist geradeaus verlaufen, passt die Wahl, auch wenn man daheim etwas ganz anderes fährt.

Es ist November. Beste Reisezeit, weil es in Florida jetzt nicht so verdammt drückend heiss ist wie im Sommer. Jetzt ist es warm. Wir wollen nach Daytona, bekannt etwa für das Autorennen. Das Daytona 500 ist legendär: Autos rasen in einem riesigen Oval hinter einer Mauer im Kreis. Vollspeed, Stossstange an Stossstange. Das Publikum jubelt, isst fettige Burger und trinkt Cola aus Zweiliterbechern. Wenn man Glück hat, kann man das berühmte Oval besichtigen. Wir dürfen sogar mit dem Töff hinein und ein paar Runden drehen, zwar nur langsam, leider, aber es ist beeindruckend, sich vorzustellen, wie die Autos hier volle Kanone entlangdonnern und am Ende ein Held zum Sieger von Daytona gekürt wird. Da ist man dann wer in Amerika.

Florida ist auch Daytona Beach: ein Strand, dessen Sand dermassen verdichtet ist, dass man darauf fahren kann. Das kostet ein paar Dollar. Ein Überbleibsel aus der "Alles-ist-möglich-Zeit", und das vor allem mit dem Auto. Drive-in-Mentalität als Drive-drauf-Variation. Grandios! Die Sonne, der Wind, das Meer, die Harley auf dem verdichteten Sand, die Häuser am Strand. Das ist so schön, ich liebe dieses Amerika, wie es ist.

Wo man aufbrach, den Mond zu erobern

Wir fahren weiter in Richtung Cape Canaveral, wo sich die berühmte Raketenbasis befindet. Die Strasse dorthin verläuft meist geradeaus und führt durch leere Gegenden mit wilder Vegetation. Schliesslich taucht das Kennedy Space Center auf, eine Art Disneyland für amerikanische Raumfahrt. Gänsehaut entwickelt sich: Hier ist der Ort, von wo sich Menschen aufmachten, den Mond zu erobern. Manche bezweifeln das ja, und wenn man durch Florida cruist und sich manch technische Lösung anschaut, kann man das wirklich bezweifeln, aber wir glauben es jetzt mal. Die gigantischen Apollo-Raketen liegen hier, einige ragen stehend in den Himmel. Wir sitzen in der nachgebauten Kommandozentrale und erleben den Start von Apollo 13. Haargenau so, wie er sich abgespielt hat. Der Countdown, die Kommandos, das Zünden der Rakete. Es rumpelt, die Rakete macht sich auf den Weg.

Am Ende dürfen wir einen Blick in die neueste Halle des Space Center werfen. Hier steht die Raumfähre Atlantis, eine der Space-Shuttle-Raketen, die letztens ausgemustert wurden: aufgebockt, als ob sie in einer kleinen Kurve fliegen würde. Man kann von oben reingucken, den Laderaum betreten und darunter hindurchgehen. Amerika.

Everglades, Hoovercraft-Boote, Krokos

Es gibt mal wieder Essen. Wir essen viel hier in den USA. Burger und das andere Übliche. Also auch viel Seafood wie Krabben, Paniertes aus dem Wasser, Unpaniertes aus dem Meer. Manchmal gibt’s das Frühstück auf Styroportellern, die sich prima ungewaschen entsorgen lassen, und dann ist wieder alles fast überkandidelt, in Räumen, die auf gefühlte drei Grad heruntergekühlt sind. Ja, die Amerikaner lieben die Klimaanlage.

Wir folgen den Highways. Die Harleys machen unauffällig ihren Weg. In den Everglades treffen wir auf ein weiteres Stück Land, das so wunderbar amerikanisch ist und dessen Bild wir alle kennen. Den propellergetriebenen Hoovercraft-Booten macht das Sumpfgebiet nichts aus. Wir wollen Krokodile sehen. John ist unser Guide, er fährt das Boot. John trägt eine Armeehose und eine verspiegelte Sonnenbrille. Er spricht mit Kaugummi-Slang und ist der Herr des Bootes. Er tut so, als hätte er schon Krokodile erwürgt. Statt zum Beispiel mit leisen Elektrobooten Krokodile zu suchen, bekommen wir Ohrenschützer, weil die Motoren extrem laut sind. Dann sausen wir über die glatte Oberfläche, wie im Fernsehen, die Nase im Wind. Stopp, Motoren aus. Krokodile. Unbeteiligt schauen sie aus dem Wasser, gleiten lautlos umher. Tauchen schliesslich wieder ab. Und wir rasen zurück zu den Motorrädern. Im Süden wird es wärmer. Es geht hinaus auf die Keys. Auch wenn das Wetter morgens diesig ist, entwickelt sich der Tag zum Erlebnis. Das Fahren auf den Keys ist etwas Besonderes. Brücken verbinden die Inseln. Wie die Perlenkette, die sich so schön hinter dem Ohr des Mädchens entlangzieht, das das Steak zum Frühstück brachte. Oft sind sie türkisfarben angemalt.

In der Schweiz ist Winter, hier ist es warm. Die Meeresluft umfächelt die Nase, salzig ist sie. Wir brausen hoch und wieder runter über das endlos lange Asphaltband, das sich von Insel zu Insel schwingt. Neben uns das Meer, unter uns das Meer. Dazu der Sound des V2. Wir sind weit weg von daheim.

Weiter südlich geht nicht

Die Keys sind eine Sackgasse. Am Ende der Perlenkette liegt das Städtchen Key West. "Heute vor allem ein Fluchtpunkt für Müssiggänger und Zivilisationsflüchtige aus dem Norden", steht im Reiseführer. Ernest Hemingway war hier produktiv; sein Haus lässt sich besichtigen. Am besten alles ganz in Ruhe, ohne Hektik. Orte dafür findet man auch heute noch, etwa bei einem Spaziergang vom Mallory Square rüber zur Duval Street und dann weiter zum südlichsten Punkt der USA.

Wieder auf dem Festland, essen wir mal in einer Bikerbar. Es stehen Bikes davor, und drinnen sitzen wilde Kerle mit Bärten und Lederwesten. Sie trinken leichtes Bier und stopfen Pommes und Burger in sich hinein. Ich liebe Amerika für diese Lebensart. Eine Band spielt. Mit Slide-Gitarre, die der Country- und Westernmusik diesen scheppernden Sound verleiht. Eine ältere Frau mit Petticoat tanzt. Sie heizt ein wenig an, die Männer stecken ihr Geld ins Strumpfband. Gute Stimmung. An den Wänden hängen präparierte Fische und viel Kram wie Schilder, Bilder und Zeitungsartikel. Die Frau tanzt weiter, die Band dudelt. Wir verbringen eine gute Zeit. Draussen ist es heiss, hier gibt es eiskalte, gesüsste Getränke und reichlich Paniertes mit Ketchup.

Hip in Miami

Zurück nach Miami Beach. Die Metropole, der Ort, der Name in Florida: Miami. Wow! Dichter Verkehr, grosse Brücken, grosse Filme wurden hier gedreht. Shopping und ein Strand, der seinem Namen alle Ehre macht.

Was für ein Strand, was für Shoppingmöglichkeiten! Ich jogge am Strand, Burger abtrainieren. Es ist Sonntagmorgen. Die Locals tragen ihr iPhone in einer Armbinde, die weissen Ohrstöpsel sind das Signal für "Mir geht es gut". Dann regnet es leicht. Egal, alle laufen weiter. Der Regen hört wieder auf, und es wird schwül. Der Park ist gepflegt. Wasserspender geben Flüssigkeit an Durstige ab. Boote liegen im mondänen Hafen. Die Menschen geniessen das Leben hier in Miami, vorausgesetzt, sie können es sich leisten. Sie sitzen gerne abends zum Dinner zusammen, essen gut, fahren mit ihren Booten raus, grillen auf dem Boot. Treffen sich mit Gleichgesinnten irgendwo bei ein paar Inseln, und morgens gehen sie gerne joggen oder Rad fahren. Das Wetter ist bombastisch. Es ist November. Hier ist es warm. Schön warm. Der Flieger bringt uns zurück in die Schweiz; bald ist Weihnachten.

Reiseinfos Florida

Reisezeit: Das Klima ist im Nordwesten subtropisch feucht, sonst tropisch feucht; heftige tropische Stürme sind im Sommer nicht selten. Beste Reisezeit sind die Monate November bis April.

Anreise: Swiss fliegt nonstop ab Zürich nach Miami; der Flug dauert rund zehn Stunden. Die Zeitdifferenz zwischen Mitteleuropa und Florida beträgt sechs Stunden.

Unterkunft: Die Preise für Hotels und Motels variieren stark, je nach Reise-zeitraum und Wochentag; am Wochenende sind die Preise in den typischen Feriengebieten meist höher. Teuer ist der Stadtteil South Beach in Miami Beach. Die englische Sprache sollte man als Alleinreisender wenigstens einigermassen beherrschen, oftmals hilft auch Spanisch weiter.

Geld: Nebst der Kreditkarte sollte man stets Bargeld (kleine Scheine bis maximal 50 Dollar) dabeihaben.

Motorradfahren: Der Bike-Vermieter Eaglerider hat fünf Niederlassungen in Florida, angeboten werden primär Harleys. Die Preise liegen saisonabhängig zwischen 100 und 200 US-Dollar, zuzüglich Steuern und Versicherung pro Tag; sämtliche gefahrenen Kilometer sind inbegriffen. Das Mindestalter beträgt 21 Jahre; ein internationaler Führerschein ist von Vorteil, aber nicht zwingend vorgeschrieben. Geführte 8-Tage-Touren durch Florida sind ab 2688 US-Dollar im Angebot, die achttägige "Selfguided"-Tour gibt es ab 1075 US-Dollar.

Attraktionen: Der US-Staat ist übervoll an touristisch interessanten Punkten: Disney World in Orlando, Kennedy Space Center, der sehr empfehlenswerte Everglades-Nationalpark, die Region Miami und das skurrile Key West. Ein absolutes Muss ist der Overseas Highway, der südlichste Abschnitt der U.S. Route 1: Er misst von Homestead bis Key West 205 Kilometer und weist 42 Brücken auf (die längste ist sieben Meilen lang).

Reiseführer, Karten, Bücher: Gut sind die Florida-Reiseführer von Baedeker und Marco Polo, etwas tiefgründiger ist das Produkt von Lonely Planet.

 

Hinaus auf die Keys - weiter weg von daheim geht nicht. Hinaus auf die Keys - weiter weg von daheim geht nicht. © Timo Grosshans / fbn
Kuriosum im Beton-Oval - in beschaulichem Tempo durften wir ausnahmsweise eine eindrucksvolle Runde drehen. Kuriosum im Beton-Oval - in beschaulichem Tempo durften wir ausnahmsweise eine eindrucksvolle Runde drehen. © Timo Grosshans / fbn
Kuriosum in der Beiz - wenn es etwas mehr sein darf, ist man in Florida genau richtig - die Amis mögen es deftig. Kuriosum in der Beiz - wenn es etwas mehr sein darf, ist man in Florida genau richtig - die Amis mögen es deftig. © Timo Grosshans / fbn
Kuriosum am Strand - das sieht doch ein Blinder, dass die Fahrspur links vom Schild verläuft. Kuriosum am Strand - das sieht doch ein Blinder, dass die Fahrspur links vom Schild verläuft. © Timo Grosshans / fbn
Kuriosa an allen Ecken und Enden - eine Harley im Glitzerstyle kommt immer gut. Mehr Power braucht es nicht. Kuriosa an allen Ecken und Enden - eine Harley im Glitzerstyle kommt immer gut. Mehr Power braucht es nicht. © Timo Grosshans / fbn
Auch ganz normal - Krokodilbeobachtung auf dem propellergetriebenen Schalenboot in den Everglades. Auch ganz normal - Krokodilbeobachtung auf dem propellergetriebenen Schalenboot in den Everglades. © Timo Grosshans / fbn
Diese Bedienung fühlt sich mit den Keys eng verbunden... Diese Bedienung fühlt sich mit den Keys eng verbunden... © Timo Grosshans / fbn
...was sie mit der Tätowierung hinter ihrem Ohr deutlich zum Ausdruck bringt. ...was sie mit der Tätowierung hinter ihrem Ohr deutlich zum Ausdruck bringt. © Timo Grosshans / fbn
Ebenfalls normal - die wilden Kerle mit ihren rauschenden Bärten und leichtem Bier in der Bikerbar. Ebenfalls normal - die wilden Kerle mit ihren rauschenden Bärten und leichtem Bier in der Bikerbar. © Timo Grosshans / fbn
Das Normalste von der Welt? Auf der Blubber-Harley hinaus auf die Florida-Keys. Nein, das ist sehr speziell. Das Normalste von der Welt? Auf der Blubber-Harley hinaus auf die Florida-Keys. Nein, das ist sehr speziell. © Timo Grosshans / fbn
Das US-Schwermetall kann man durchaus lieben lernen. Das US-Schwermetall kann man durchaus lieben lernen. © Timo Grosshans / fbn
Ein Monument am Horizont - Kennedy Space Center. Ein Monument am Horizont - Kennedy Space Center. © Timo Grosshans / fbn
Natürlich sind Superlative auch hier ganz normal. Natürlich sind Superlative auch hier ganz normal. © Timo Grosshans / fbn
Genau so war es - täglich startet Apollo 13 aufs Neue. Genau so war es - täglich startet Apollo 13 aufs Neue. © Timo Grosshans / fbn