Lust auf Hitze

Andalusien (Teil 2)

Von Peter Schönlaub
22.05.2017 14:31:32

Fortsetzung unserer südspanischen Reise: diesmal mit maurischen Künsten, bizarren Canyons, wilden Pässen und Abschiedsblicken aufs Meer.

Kurzer Rückblick: Auf der ersten Etappe unserer Reise (Link) sind wir von Málaga über Ronda, Tarifa und Cádiz nach Sevilla gefahren. Von hier gehts nun weiter nach Westen – quer durchs Land, bis wir ganz im Osten wieder aufs Meer treffen und uns entlang der Küste wieder zurück zum Ausgangspunkt Málaga hangeln. Ein weiter Weg – und trotzdem machen wir gut 40 Kilometer hinter der andalusischen Hauptstadt bereits wieder halt. Wir haben einen guten Grund dafür: Carmona. Die Kleinstadt war zu römischen Zeiten die wichtigste Siedlung Andalusiens und wurde von den Mauren weiter befestigt. Die Pracht der vergangenen Jahre sieht man hier quasi im Miniaturformat, nicht so weitläufig wie in Sevilla oder Granada. Eine Fahrt zwischen weissen Mauern und durch die engen Gassen ist genauso ein Erlebnis wie der Spaziergang über die mit Orangenbäumen gesäumten Plätze. Prächtige Paläste aus abbröckelnden Backsteinen und Dächer mit glänzend glasierten Fliesen bieten Postkartenansichten von Andalusien. All das sollte man nicht versäumen.

Nach einem Tag der Beschaulichkeit sind wir wieder fit für einen der Höhepunkte der Reise: Granada und die Alhambra. Die Fahrt dorthin macht klar, warum ­Spanien der weltgrösste Olivenölproduzent ist (das zweitplatzierte Italien stellt nur knapp halb so viel her): Von Écija nach Puente Genil und weiter nach Osten fährt man durch hügelige Landschaften, die, soweit das Auge reicht, mit Oliven­hainen übersät sind. Millionen Bäume stehen hier in einträchtigem Spalier, eine Monokultur, die sicher auch Monk gefallen würde. Fahrerisch ist diese Etappe allerdings kein wirklicher Bringer. Eine gute Gelegenheit, die Boxermotoren unserer GS Adventures in den gestreckten Galopp zu bringen und auf flotterem Weg Granada anzusteuern.

Granada! Schon der Klang des Namens ist verheissungsvoll – und verspricht nicht zu viel, das können wir vorwegnehmen. Allein schon die Altstadt würde jeden Stopp zur Pflicht machen, mit der imposanten Kathe­drale, den kleinen Gässlein und den maurischen Vierteln. Dass hier die nordafrikanische Kultur besonders präsent ist, liegt auch an der Geschichte: Das Sultanat von Granada konnte sich als letzte Bastion der Mauren am längsten in Spanien halten. Es wurde erst in dem Jahr, als Amerika entdeckt ­wurde, durch Isabella von Kastilien – sie war die Gönnerin von Kolumbus – wieder von einem christlichen Herrscher zurückerobert. Isabella wurde daher auch hier, vor Ort, in der an die Kathedrale angebauten Capilla Real, bestattet.

Zum Glück wurden in der Folge nicht alle Zeugnisse der maurischen Kultur ausgelöscht. Das schönste Erinnerungsstück ist zum Grossteil erhalten: die Alhambra. Die Palast- und Festungsanlage oberhalb der Altstadt mit herrlichem Blick auf die Sierra Nevada ist eine der meistbesuchten Touristen-Attraktionen des Landes, entsprechend turbulent geht es hier zu. Unbedingt vorher (am besten sogar Monate vorher) Tickets online bestellen; sogar eine Uhrzeit muss man angeben.

Die Anlage ist jede Mühe im Vorfeld wert; und auch den Fussmarsch bei der Besichtigung selbst: Mindestens zwei Stunden dauert ein Schnelldurchlauf, vier Kilometer ist man dabei unterwegs. Neben blühenden Gärten, Prunkräumen und wehrhaften Gemäuern geniesst man auch einen wunderbaren Ausblick auf den benachbarten Albaicín-Hügel. Hat man noch die Kraft, muss man im Anschluss ­unbedingt dorthin, denn von dort hat man – erraten – die beste Aussicht auf die Alhambra: direkt von der Kirche San Nicolás nämlich. Zum Schluss braucht man nur mehr durch die kleinen Gässchen zur Altstadt hinunterzusteigen – und fühlt sich dabei wie in einem orientalischen Souk.

Für die Weiterfahrt nach Guadix pfeifen wir natürlich auf die Autobahn und nehmen die kleine Strasse durchs Hinterland, über Quentar. Die rund 60 Kilometer sind nicht nur für Landschaftsfreaks ein Genussmittel, auch fahrerisch ist ­dieser Abschnitt ­besonders wertvoll: Herrliche Kurven, weitgehend feiner Asphalt – da jodelt die BMW.

Guadix selbst kennen wir wegen der Renn­strecke, es gibt aber noch eine andere Attraktion: Höhlen. Toni, unsere Führerin, nimmt uns gleich die Scheu. Sie wohne selbst in einer Höhle, lacht sie. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man muss nicht kühlen und nicht heizen, ausserdem schlafe man in dem speziellen Klima und bei völliger Dunkelheit wie ein Baby. Auf moderne ­Annehmlichkeiten muss man trotzdem nicht verzichten: Sie habe sogar ein Jacuzzi, erklärt Toni. Ausserdem praktisch: «Wenn ich mehr Platz brauche, grabe ich mir ein weiteres Zimmer», lacht Toni.

Wie diese «hobbitartigen» Höhlenhäuser aussehen – aussen und innen – kann man etwas ausserhalb des Stadtzentrums besich­tigen. Bizarr, wenn überall aus der Erde Schornsteine ragen, aus denen es dampft und man weiss, dass darunter gerade Menschen ihre Mahlzeiten kochen. 

Toni hat aber noch einen weiteren Tipp für uns: den Canyon von Gorafe. Wir zerknüllen unsere Pläne und fahren nicht in die Sierra Nevada, wo an dem Tag ohnehin die Wolken wohnen, sondern 15 Kilometer auf der Autobahn Richtung Lorca, vorbei an der schon erwähnten Rennstrecke. Entlang des Flusses Gor geht es dann Richtung Norden nach Gorafe. Zuerst völlig eben, bis auf einmal die Landschaft einen Riss bekommt: Da schlängelt sich die Strasse hinunter. Was danach kommt, ist ein irres Farbenspiel der Natur – ein kleiner Zabriskie Point für alle, die wegen Flug­angst nie ins Death Valley kommen. Kurt macht das Aufmacherfoto und kann im Verlauf der Strecke nach Gorafe gar nicht mehr aufhören zu knipsen. 

Der kleine Umweg hat sich ­ausgezahlt, gracias, Toni! Allerdings müssen wir in der Folge mehr Gas geben, um das Tages­pensum noch zu schaffen. Wer mehr Zeit hat, quert auf alle Fälle noch die ­Sierra Nevada und nimmt die interessantere Strecke südlich des Hauptkamms über Paterna del Rio. Wir entscheiden uns aber auch aufgrund des Wetters für einen schnellen Ritt Richtung Tabernas-

Wüste. Der Landstrich ist eine der wenigen echten Wüstengegenden Europas und es wird dem berühmten Regisseur Sergio Leone zugeschrieben, diesen Flecken als Drehort entdeckt zu haben. Seitdem wurden hier unzählige Filme gedreht: für eine Handvoll Dollar, Lawrence von Arabien, eine Indiana-Jones-Folge, Bud-Spencer-­Terence-Hill-Filme und, als letzter, der Schuh des Manitu. Einige dieser Drehorte kann man sogar besich­tigen, etwa das Fort Bravo ( www.fortbravo.es).

Wir haben aber Lust auf Kurven, daher biegen wir nochmals ab: in die Sierra de los Filabres. Diesen Tipp hat Kollege Ulf Böhringer beigesteuert, den aufgetragenen Foto­stopp haben wir zwar gefunden, allerdings im Nebel der hohen Bergzüge. Wir reichen zumindest ein Foto vom Kurvengeschlängel unter der Nebelgrenze ein. Um dorthin zu gelangen, fährt man von Gérgal nach Norden, Bacares ist der Wendepunkt, dann führt der Pass auf fast 2000 Meter über den Hauptkamm hinunter nach Velefique. Die grandiose Aussicht von der Passhöhe konnten wir zumindest erahnen, die tausend Kurven haben wir so auch genossen – ohne auf 40 Kilometer einem einzigen Auto begegnet zu sein!

Ein schneller Ritt, vorbei an der Rennstrecke von Almería, bringt uns schliesslich nach Mojácar, einem touristischen Örtchen für Golfspieler, Sonnenanbeter und Wassersportler. Genau richtig, um ein wenig die Beine hochzulegen und das eine oder andere Bierchen auf der Terrasse zu geniessen, akustisch begleitet vom Meeresrauschen.

Die letzte Etappe lässt sich einfach navigieren: immer so nah wie möglich am Meer entlang. Kleine Abstecher sollte man jedoch mitnehmen, etwa zum Faro Roldán, wo sich der mächtige Torre de Mesa Roldán gegen die Erosion des Wassers stemmt. Auch zwischen Motril und Nerja findet man noch schöne Kurven direkt am Meer, danach kommt ohnehin bald wieder Málaga in Sicht – und damit das Ende unserer spanischen Woche.

Was haben wir alles gesehen, wie viel ­erlebt (und wie viel gegessen)! Wüste und Bergwinde innerhalb einer halben Stunde, Kunstschätze, weisse Dörfer, Tapas, Strände. Zum Glück haben wir aber auch einiges ausgelassen, beispielsweise Córdoba. Ein ­guter Grund, um rasch wiederzukehren. 

Informationen

Allgemeines

87 000 km2 umfasst die Fläche der spanischen Provinz Andalusien. Sie ist damit grösser als die Schweiz. Zwei Drittel der sieben Millionen Einwohner leben an der Küste – da kann man sich vorstellen, dass im Hinterland nicht mehr allzu viel los ist – gut für uns Töfffahrer. Die besten Reisezeiten? Immer, ausser im Hochsommer. Das Tankstellennetz ist eng. Die Speedlimits: 50/90/120 km/h; Polizisten sieht man selten, aber wenn, nimmt man sich besser in Acht. 

Unterkunft

Parador De Carmona, Carmona. Stil­voller kann man in dieser Gegend nicht residieren. Der maurische Palast aus dem 14. Jahrhundert katapultiert einen mitten in die Geschichte, bietet prächtige Räumlichkeiten und spektakulär weite Blicke übers Land. www.parador.es Gran Hotel Sercotel Luna de Granada, Granada. Grosses Businesshotel am Rande der Altstadt; nicht besonders ­romantische, aber unkomplizierte Möglichkeit, im chronisch von Touristen überfüllten Granada zu nächtigen. ­Praktisch: die grosse Tiefgarage. www.sercotelhoteles.com Parador de Mojácar, Mojácar. Wieder ein Beispiel dafür, dass es auch moderne Paradores gibt. Der Vertreter der staatlichen Hotelkette besteht aus einem maritim hellen Designerkubus mit Blick aufs Meer. Helle Zimmer, schöne Terrasse, Instant-Urlaubs­stimmung! www.parador.es

Besuchenswert

Die Alhambra, natürlich. Am besten ­vorher online Tickets reservieren! Auch den gegenüberliegenden Albaicín-­Hügel und die Kathedrale muss man in Granada besichtigen. In Guadix warten die kuriosen Höhlensiedlungen, in der Tabernas-Wüste kann man Hollywood-Dreh­orte besuchen.

Motorradmiete

Bei hispania tours kann man in Málaga und Barcelona einfach Motorräder mieten oder an einer der geführten Reisen/Touren teilnehmen. Besondere Spezialität und Leidenschaft von Chef Johannes Suppan: Marokko! ­Infos und Angebote unter www.hispania-tours.de

Geführte Motorradtour

Je nach Wunsch übernimmt Hispania Tours auch die komplette Organisation, vom Transport der Teilnehmer ab Flughafen, der Übergabe der Motorräder bis hin zur Unterkunftsreservierung.

Mit dem eigenen Töff

Die Iberische Halbinsel ist gross, die Anreise ist, wenn man nicht über eine gebuchte Tour mit Motorradtransport ins Land kommt, lang und mühselig. Man sollte genug Zeit im Gepäck haben. Unter drei Wochen ist die Stressgefahr nicht unerheblich. Motorrad- transporte nach Málaga per LKW gibt es bei Almoto Motorrad Reisen, www.almoto.de Nützliche Links www.spain.info, www.granadatur.com www.visitasevilla.es, www.parador.es, www.visitacostadelsol.comwww.malagaturismo.comwww.cadizturismo.com

Das Wahrzeichen Sevillas, die Giralda war unter maurischer Herrschaft ein Minarett und dient heute als Glockentrum der Kathedrale. Das Wahrzeichen Sevillas, die Giralda war unter maurischer Herrschaft ein Minarett und dient heute als Glockentrum der Kathedrale. © Kurt Pinter
Den malerisch in die Landschaft eingebetteten See findet man bei Zahara, an der Nordflanke der Sierra de Grazalema. Den malerisch in die Landschaft eingebetteten See findet man bei Zahara, an der Nordflanke der Sierra de Grazalema. © Kurt Pinter
Früher herrschte hier Peter der Grausame, heute regieren Frieden und Luxus. In der ehemaligen Burg von Carmona befindet sich heute ein Hotel. Früher herrschte hier Peter der Grausame, heute regieren Frieden und Luxus. In der ehemaligen Burg von Carmona befindet sich heute ein Hotel. © Kurt Pinter
Cádiz, eine der ältesten Städte Andalusiens, liegt auf einer Halbinsel und war über Jahrunderte ein bedeutendes Handelszentrum. Cádiz, eine der ältesten Städte Andalusiens, liegt auf einer Halbinsel und war über Jahrunderte ein bedeutendes Handelszentrum. © Kurt Pinter
Tausende Kurven, fantastische Ausblicke, wenig Verkehr. Die Berge im Hinterland von Almería und Mojácar sind ein Paradies für Motorradfahrer. Tausende Kurven, fantastische Ausblicke, wenig Verkehr. Die Berge im Hinterland von Almería und Mojácar sind ein Paradies für Motorradfahrer. © Kurt Pinter
Die Alhambra ist als Weltkultur­erbe ein Muss für Andalusien-Besucher. Aber Achtung, für einen Besuch sollte man mindestens einen halben Tag einplanen, die Tickets am besten vorab besorgen. Die Alhambra ist als Weltkultur­erbe ein Muss für Andalusien-Besucher. Aber Achtung, für einen Besuch sollte man mindestens einen halben Tag einplanen, die Tickets am besten vorab besorgen. © Kurt Pinter
Der Palast von Karl V. ist ein Teil der weitläufigen Alhambra – und sicher nicht der schönste. Eindrucksvoll ist das aussen eckige und innen runde Gebäude aber allemal. Der Palast von Karl V. ist ein Teil der weitläufigen Alhambra – und sicher nicht der schönste. Eindrucksvoll ist das aussen eckige und innen runde Gebäude aber allemal. © Kurt Pinter
Das Wohnen in Höhlen birgt viele Vorteile, sagen die einheimischen Troglodyten. Beispielsweise kann man bei Raumknappheit einfach weitergraben. Das Zentrum des unterirdischen Wohnens ist Guadix. Das Wohnen in Höhlen birgt viele Vorteile, sagen die einheimischen Troglodyten. Beispielsweise kann man bei Raumknappheit einfach weitergraben. Das Zentrum des unterirdischen Wohnens ist Guadix. © Kurt Pinter
Anfangs- und Schlusspunkt unserer Reise ist Málaga. Auf dem Dach der pittoresken Kathedrale finden seit Kurzem Führungen statt. Um dorthin zu gelangen, muss man allerdings mehr als 200 Stufen überwinden. Anfangs- und Schlusspunkt unserer Reise ist Málaga. Auf dem Dach der pittoresken Kathedrale finden seit Kurzem Führungen statt. Um dorthin zu gelangen, muss man allerdings mehr als 200 Stufen überwinden. © Kurt Pinter