Rennstrecken-Training

Stammzellen Kultur

Von Simon Haltiner
31.03.2010 15:47:05

Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen. Das trifft auch für den TÖFF-Redaktor zu, weshalb er beim Privat-Coaching war.

Als Greenhorn fühlt man vor allem eines, wenn man sich in der Boxengasse umsieht: nervliche Anspannung. Denn jeder schiebt noch eine extremere, mit Sponsor-Stickern zugepflasterte Maschine heran. Reifenwärmer werden aufgezogen und Laptops hochgefahren. Ich glaube, von lauter Rossis und Biaggis umgeben zu sein. Folglich komme ich mir etwas deplatziert vor: Das zweite Mal auf einer Piste, dazu mit einer geliehenen Suzuki GSX-R 750, die ich tunlichst nicht kaltverformen soll. Schauplatz: Ein Renntraining auf dem Circuito de Almeria, organisiert von Valentinos. Ob das gut geht? Der Schneefall am Vorabend (unüblich in Südspanien) und die Tatsache, dass ich für meine GSX-R zwar Slicks, aber keine Reifenwärmer besitze, tragen auch nicht eben zu meinem Wohlbefinden bei. Als wäre dem nicht genug, muss ich mir von meinen Kollegen beim Abendessen Geschichten von Stürzen und Knochenbrüchen anhören. Was mich in der Nacht vor dem ersten Fahrtag trotzdem Schlaf finden lässt: Der Schweizer Superbike-Champion und IDM-Pilot Roman Stamm wird mich Rennstrecken-Einzeller mit einem Privat-Coaching zum Renntier heranzüchten.

Lampenfieber

Am Morgen die gute Nachricht: Das Unwetter Daisy hat sich verzogen. Da der Belag noch kalt und nass ist, werden die ersten Turns auf den Nachmittag verlegt. Als Anfänger schliesse ich mich für das freie Fahren der gemütlichen Gruppe B an. Dass der Event in Südspanien eher für die Routinierten gedacht ist, lässt sich daraus erahnen, dass die besagte Gruppe verhältnismässig klein und die theoretische Einführung des Instruktors knapp ausfällt, im Stil von «… bei Sektion 7 müsst ihr ganz links sein, sonst reichts euch nicht mehr für die Rechtskurve, und ihr fehlt! Verstanden?» Grosse Augen, Kopfnicken. Dann – hopp! – auf den Töff und ab. Der Tatzelwurm mit Instruktor an der Spitze verlässt die Boxengasse und nimmt Fahrt auf. Ich bin froh, mich am Ende des Konvois zu befinden, denn ich muss zuerst sachte meine Slicks auf Temperatur massieren. Almeria ist kein schneller, dafür ein kurviger Kurs. Dazu verformt das hügelige Terrain den Asphalt dreidimensional, was viel Steigung und Gefälle ergibt. Das heisst, dass einige Sektionen blind anzufahren sind und folglich möglichst schnell im Gehirn abgespeichert werden müssen. Kein Wunder, überwiegt Ehrfurcht und Vorsicht bei den Neulingen. Beispielsweise der 24-jährige Timo Schaad aus Bayern konnte sich zu diesem Zeitpunkt wohl kaum vorstellen, dass er zwei Tage später Knieschleifer an seine Kombi tapen und mit den Semiprofis zusammen das Fun-Rennen bestreiten wird. Doch auch ich fühle mich am Ende des ersten Tages wohl auf dem Kurs und bin umso gespannter auf die Privatlektion beim Meister der forcierten Gangart.

Der Apfel fällt noch weit vom Stamm

Ich hatte mir vorgestellt, dass mir Roman als erstes schlaue Tricks verraten würde, bei deren Umsetzung meine Rundenzeiten  zu purzeln beginnen. Doch zuerst fahre ich ein paar Runden vor, und Roman folgt mir. Er filmt mich dabei mit seiner Onboard-Kamera. Zurück in der Box analysieren wir das Aufgezeichnete. Doch bevor wir überhaupt auf die von mir gefahrene Linie zu sprechen kommen, weist er auf meine verbesserungswürdige Sitzposition hin: Obwohl ich jeweils das Gefühl habe, in der Kurve mit meinem Allerwertesten fast über den Asphalt zu Schleifen, sieht man auf dem Video davon fast nichts. «Dass muss ausgeprägter werden!», so Roman. Dazu ragt mein Oberkörper auf. Das macht auf der Strasse höchstens Sinn, wenn man sehen möchte, was auf einen zukommt. Auf der Strecke hat man sich der Aerodynamik und des Schwerpunktes zuliebe geduckt zu halten. Zusätzlich stehen meine Knie vom Tank ab wie die Schenkel eines Frosches. Die Rasten befinden sich unter meinen Zehen, statt stabil in der Fussmitte. Das habe ich mir über die Jahre auf der Strasse angewöhnt, um nicht in jeder Kurve den Fuss hochziehen zu müssen. Dazu halte ich mich zu allem Übel am Lenker fest, da der Knieschluss nicht stimmt. Im Gesamtpaket keine gute Ausgangslage und mit zunehmendem Tempo und damit steigender Tendenz für Kapriolen der Maschine Garant dafür, suboptimal zu reagieren. Damit dies nicht geschieht, klebt mir Roman kurzerhand eine leere PET-Flasche hinter den Tank, was mich in die richtige Position zwingt. Dann fahre ich wieder vor und versuche, alles richtig zu machen.

Sektion 4: Ich pfeile die Anhöhe hinunter, vor mir die unendliche Linkskurve mit dem stolzen Namen «el curvon». Wegen den vorhergehenden Rechtskurven belaste ich noch immer den linken Fuss. Also anbremsen und gleichzeitig wechseln. Rechten Fuss mittig auf der Raste platzieren, Allerwertesten rüber, linken Fuss hochziehen. Mist! Mein Kopf ist noch immer oben. Also nach links mit dem Oberkörper. Wie anders alles aussieht! Unter meinem Kinn fliegen bunte Curbs durch, und ich denke «Sch**sse, ich bin viel zu weit innen!» Also lasse ich mich weiter raustragen und stelle fest, dass das gar nicht nötig war. Nur meine Perspektive hat sich verändert, die Linie war immer noch korrekt. So geht es nach einigen eher unsicheren Runden zurück in die Box. Doch Roman ist zufrieden mit seiner Zucht: «Die Sitzposition ist zwar immer noch nicht perfekt, aber besser.» Er weist mich darauf hin, dass ich mich genau jetzt nicht übernehmen soll. «Fahr jetzt ein paar Runden und achte auf deine Körperhaltung. Fahr bewusst mit 50%, denn jetzt bist du unsicher.» Am Nachmittag nach einem feinen Risotto bei Romans Mutter fährt er vor und zeigt mir seine Linie. Er fährt manche Kurven völlig anders an und lässt sich beispielsweise in «el curvon» im letzten Viertel nach aussen tragen, um dann mit Schmackes quer durch die Sektion 6 zu schneiden. Danach mache ich mich allein auf die Socken und stelle beim Umsetzen des Besprochenen fest, dass ich bei gleichem Tempo weniger Bremsen muss. Obwohl mein Grinsen unter dem Helm immer breiter wird, merke ich, wie Kondition (Oberschenkel und Rücken) und Konzentration nachlassen. Keine guten Voraussetzungen, um über sich hinaus wachsen zu wollen. Also zurück in die Box.

Die alten Gewohnheiten …

«Es wäre einfacher, einen Neuling zu trainieren, als einen, der seit 15 Jahren fährt», meint Roman. Wie Recht er hat: Ich habe meinen Fahrstil für die Strasse entwickelt, der auf der Piste an seine Grenzen stösst. Das ändern von Gewohnheiten ist eine mühsame Sache. Wunder sind folglich nach einem einzelnen Coaching-Tag (Preis nach Absprache) keine zu erwarten. Doch Roman besitzt hervorragende didaktische Fähigkeiten, mit denen er seinen Schüler auf den richtigen Weg bringt, was ich im Laufe der folgenden Tage feststellen sollte. So zahlt sich das Coaching für die Zukunft gleich mehrfach aus.

Wer richtig sitzt, kann Kräfte verkraften. Wer richtig sitzt, kann Kräfte verkraften. © Stefan Merscheim
Selbsterkenntnis dank Videoanalyse. Selbsterkenntnis dank Videoanalyse. © Stefan Merscheim
Pneuwärmer:  bei 10 °C eine gute Sache. Pneuwärmer: bei 10 °C eine gute Sache. © Stefan Merscheim
Griff zur Flasche: Abstand zum Tank. Griff zur Flasche: Abstand zum Tank. © Stefan Merscheim
Des Meisters Lob erfüllt mit Stolz. Des Meisters Lob erfüllt mit Stolz. © Stefan Merscheim