Wie geschmiert

Kettenpflege

Von Daniele Carrozza
30.08.2010 16:45:29

Es bedarf nur geringer Aufmerksamkeit, um die Lebensdauer der Antriebskette massiv zu steigern. Wer weiss, wie es geht, erledigt die fachgerechte Kettenpflege innert weniger Minuten.

Wartungsfreundliche Endantriebe über Zahnriemen oder Kardan haben Vorteile, konnten sich in der Industrie aber bis heute noch nicht flächendeckend durchsetzen. So erfolgt die Kraftübertragung aufgrund der geringeren Reibungsverluste, der Platz- und Preisvorteile sowie des niedrigeren Gewichts beim grössten Teil der Motorräder nach wie vor über Antriebsketten. Über Dichtringketten, um genau zu sein, die die klassischen Rollenketten im Motorrad-Segment nahezu ausnahmslos verdrängt haben. Das Besondere an Dichtringketten ist die Dauerfettfüllung, welche die Schmierung im schwierig erreichbaren Inneren der Kettenglieder ein Kettenleben lang gewährleistet. Damit das Schmierfett nicht austreten und umgekehrt weder Schmutz noch Wasser in die «Fettkammern» eintreten kann, werden Letztere mittels eines Kunststoffrings zwischen den Aussen- und Innenplatten der Kettenglieder abgedichtet (siehe Grafik im Kasten). Die sogenannten Dichtringe gibt es je nach Hersteller und Kettenmodell in verschiedensten Querschnittsformen. So hat ein O-Ring zwei Dichtpunkte, ein X-Ring vier und ein W-Ring gar deren fünf. Welches Prinzip die beste Performance bietet, darüber scheiden sich die Geister.

Die Kette dankt es Ihnen
Obschon moderne Dichtringketten brachiale Kräfte selbst unter widrigsten Bedingungen (Hitze, Salz, Wasser, Schmutz et cetera) mehr oder weniger locker wegstecken, gehören sie regelmässig gepflegt und gewartet. So kann die durchschnittliche Lebenserwartung mit wenig Aufwand ohne Weiteres verdoppelt werden. 25 000 bis 30 000 Kilometer macht eine Kette mit, die Hingabe erfährt. Was in diesem Zusammenhang unter Hingabe zu verstehen ist, hat uns Christoph Franz, Technischer Leiter beim Schweizer Kawasaki-Importeur Fibag AG, nähergebracht.

Da wären die Kettenreinigung, die Kontrolle und Justierung der Kettenspannung und Kettenflucht (steckt die Hinterachse schief in der Schwinge?) sowie abschliessend die Schmierung. In welcher Frequenz die Kette gepflegt und gewartet werden

sollte, hängt von der Kilometerleistung ab. Je mehr gefahren wird, desto öfter muss gewartet werden. Die meisten Hersteller empfehlen, alle 1000 km den Durchhang und die Flucht zu prüfen und bei Bedarf die Kette zu spannen respektive die Flucht anhand der Skalen der Spannvorrichtung zu justieren. Das gleiche Intervall gilt für die Schmierung. Wer allerdings viel im Regen fährt, sollte der Kette viel früher, nämlich schon nach 500 km, etwas Fett gönnen. Christoph Franz: «Ich schmiere meine Kette inzwischen nach jeder Regenfahrt, denn Flugrost lässt nicht lange auf sich warten.» Wir empfehlen, sämtliche soeben genannten und im Folgenden näher beschriebenen Wartungsschritte spätestens alle 1000 km jeweils im Multipack durchzuführen.

Schritt 1: Reinigung
Finger weg von Dampfstrahlern! Sie spühlen die Dauerfettfüllung aus, und es gelangt Wasser ins Innenleben der Kette (Korrosion). Wählen Sie auf jeden Fall spezielle Kettenreiniger aus dem Fachhandel. Diese vereinen verschiedene Lösungsmittel sowie Kriechhilfsmittel in sich und gehen  schonend mit den Dicht­ringen um. Unsere Wahl fiel auf den «Chain Clean»-Entfetter von Motorex. Benutzen Sie jetzt ein dickes Baumwolltuch (alte Pullis, Tischtücher etc.) und besprühen Sie es mit reichlich Kettenreiniger. Der getränkte Lappen wird jetzt zwischen Daumen und Zeigefinger an die Kette gedrückt, die jetzt auf allen Seiten mit Hin-und-her-Bewegungen abgerieben wird. Bei starker Verschmutzung den Kettenreiniger in den Dosendeckel sprühen und die Kette mithilfe eines Pinsels austupfen.

Schritt 2: Kette spannen und Flucht prüfen
Auf diesen Punkt können wir aus Platzgründen nur am Rande eingehen. Eine vertiefte Story folgt in einer der nächsten TÖFF-Ausgaben. Eine zu straff oder zu locker gespannte Kette führt zu erhöhtem Verschleiss und kann zu brenzligen Situationen führen. So kann eine lose Kette vom Kettenblatt springen und eine zu stark gespannte Kette das Getriebeausgangslager beschädigen oder schlicht reissen. Beim Spannen der Kette (immer mit aufsitzendem Fahrer) und Ausrichten der Hinterachse unbedingt die Angaben im Fahrzeug-Handbuch befolgen.

Schritt 3: Schmieren innen und aussen
Das Schmierfett sollte grundsätzlich nie unmittelbar vor der Fahrt aufgetragen werden, denn es braucht eine bestimmte Zeit, bis die Haftzusätze, die ein Abschleudern des Fetts verhindern, ihre volle Wirkung entfaltet haben. Kettenfette bestehen aus Öl oder Fett, Kriechhilfsmitteln, Verschleissschutz-Additiven sowie, abhängig vom jeweiligen Einsatzzweck (Strasse, Offroad, Racing etc.), funktionalen Additiven. Bei der Schmierung geht es in erster Linie darum, den Bereich rund um die Kettenrollen zu behandeln, weshalb beim Sprühen – idealerweise mit Stiftaufsatz – die Rollen ins Visier zu nehmen sind. Wichtig: Das Motorrad mittels Zentral- oder Aufbockständer hinten anheben, sodass das Hinterrad frei gedreht werden kann. Beginnen Sie jetzt mit der Innenseite der (trockenen!) Kette, indem Sie das Rad in Fahrtrichtung drehen und gleichzeitig die Kette im Bereich kurz vor der Verzahnung mit dem Kettenblatt grosszügig besprühen. Als Nächstes werden die Rollen von der Aussenseite geschmiert – am besten direkt auf dem Kettenblatt, denn so werden dessen Zähne mitgeschmiert. Bei unserer Anwendung kam ein Kettenspray auf Keramikbasis vom Hersteller Xeramic zum Einsatz. Abschliessend wird überschüssiges Fett an den Aussen- und Innenplatten wiederum mit einem in Entfetter getränkten Lappen abgerieben und die Felge gereinigt. Hierfür können wir WD40 oder das vergleichbare X40 von Xeramic empfehlen.

Aufbau von Dichtringketten

Dichtringketten wurden Mitte der 1970er-Jahre eingeführt. Mit ihnen konnte die Lebenserwartung des Endantriebs bei regelmässiger Wartung auf die heute üblichen 25 000 bis 30 000 km erheblich gesteigert werden. Dichtringketten sind zwischen den Kettenbolzen und den Buchsen mit einer Dauerfettfüllung (im Bild rechts gelb eingefärbt) versehen, die mit Ringen, deren Querschnittsform variieren kann, nach aussen abgedichtet wird. Die einfachste Ausführung ist der O-Ring (im Bild rot) mit je einem Dichtpunkt an der Aussen- und der innenplatte der Kette. Im Rahmen der regelmässigen Wartung wird also in erster Linie der Bereich rund um die Rolle geschmiert.

 

Diese Kette ist pflegebedürftig. Diese Kette ist pflegebedürftig. © Daniele Carrozza
Entfetter grosszügig auf ein Tuch auftragen und die Kette mit Hin-und-her-Bewegungen abreiben. Entfetter grosszügig auf ein Tuch auftragen und die Kette mit Hin-und-her-Bewegungen abreiben. © Daniele Carrozza
Entfetter grosszügig auf ein Tuch auftragen und die Kette mit Hin-und-her-Bewegungen abreiben. Entfetter grosszügig auf ein Tuch auftragen und die Kette mit Hin-und-her-Bewegungen abreiben. © Daniele Carrozza
Schmieren: Das Rad mit der freien Hand in Fahrtrichtung drehen und das Schmiermittel auf der Innenseite der Kette vor der Verzahnung mit dem Kettenblatt aufsprühen. Schmieren: Das Rad mit der freien Hand in Fahrtrichtung drehen und das Schmiermittel auf der Innenseite der Kette vor der Verzahnung mit dem Kettenblatt aufsprühen. © Daniele Carrozza
Die Aussenseite der Kette ebenfalls schmieren, abreiben - fertig Die Aussenseite der Kette ebenfalls schmieren, abreiben - fertig © Daniele Carrozza