Das iPhone am Motorrad ersetzt ein teures Motorradnavi.
Das iPhone am Motorrad ersetzt ein teures Motorradnavi. © Simon Haltiner

Navi in der Hosentasche

Handy-Navigation

Von Simon Haltiner
16.08.2012 18:24:02

Moderne Handys sind kleine Computer. Warum sie nicht als Navi nutzen? Wir zeigen, wie man im Handumdrehen zum Handy-Navigator wird.

Das Apple iPhone 4s, das Samsung Galaxy S3 oder die N-Serie von Nokia: Sie sind kleine Taschencomputer mit einer prallen Ausstattung, verfügen über mehr Rechenpower als manch älterer PC und bieten hochauflösende, brillante Displays mit intuitiven Benutzeroberflächen. GPS-Sensoren sind mittlerweile Standard, da liegt es buchstäblich auf der Hand, solche Geräte zu Navigationszwecken einzusetzen. Reicht dem Fussgänger die oftmals integrierte Google-Maps-App, wünscht man sich bereits im Auto Turn-by-Turn-Navigation, die mit Sprachansagen zuverlässig ans Ziel führt. Kann man in vielen Autos das Handy provisorisch in die Konsole legen oder es mithilfe eines kleinen Saugnapfs an der Windschutzscheibe fixieren, wird die Verwendung auf dem Töff schon komplexer.

Montieren oder in der Jacke lassen?

Am einfachsten ist es, das Gerät in der Tasche zu lassen. Klar, sieht man so den Screen nicht, doch mit einem Ohrhörer kann man sich die gesprochenen Anweisungen in den Helm funken lassen, was ganz gut funktioniert, solange man sich von mehrstöckigen Autobahnkreuzen fernhält. Noch bequemer ist die Verwendung eines Bluetooth-Intercom-Headsets, mit dem man sich nebenher in Stereo Musik reinpfeifen kann. Nicht optimal für die Sicherheit, dafür unterhaltsam. Schwieriger wird es, wenn man das Gerät während der Fahrt betrachten will. Knappe Platzverhältnisse, Vibrationen, Staub, Regen, blendende Lichtverhältnisse und Langfinger machen den teuren, empfindlichen Geräten zu schaffen. So erstaunt es nicht, dass nur wenige brauchbare Haltevorrichtungen auf dem Markt sind. Zwei Modelle für das iPhone stellen wir auf der folgenden Seite vor. Doch auch sie haben Vor- und Nachteile und sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Kommt hinzu, dass die Displays moderner Motorrad-GPS-Geräte genau für die schwierigen Lichtverhältnisse auf dem Töff konzipiert sind − und das Handy eben nicht. Display-Helligkeit und Blendprobleme sind bei der Navigation mit dem iPhone ein Thema, jedoch kein Hindernis. Ein weiterer Nachteil ist die Bedienung: Kaum ein Smartphone ist für dicke Handschuhe konzipiert. Allerdings ist das Thema «Bedienung während der Fahrt» ohnehin kontrovers, weshalb dieser Nachteil zum Vorteil werden kann.

Die Vorteile gegenüber GPS-Geräten

1. Vorteil: Preis. Während ein spezielles Motorrad-GPS-Gerät teure Kosten verursacht, sind viele bereits im Besitz eines Smartphone. So braucht man sich keine Hardware zuzulegen, abgesehen vielleicht von einem Zusatzakku oder einer Halterung. Dieses Geld kann man stattdessen etwa in eine professionelle GPS-App wie Navigon oder TomTom investieren.

2. Vorteil: Softwarefreiheit. Auf dem Smartphone lassen sich beliebig viele Navis installieren und je nach Anwendung einsetzen: das Navigon auf der Tour, das TomTom im Berufsverkehr und eine Outdoor-App (z.B. GPS-Tracks oder TwoNav für iPhone und Android) beim Wandern. Es existieren viele Gratislösungen. GPS-Apps können auch gleichzeitig laufen. So kann die eine App navigieren, eine zweite warnt vor «Gefahrenstellen», und eine dritte zeichnet als Datalogger alles auf.

3. Vorteil: Autonomie. Wer das Navi in der Jacke trägt, kann auf jedem Töff navigieren, ohne erst Lenkerschellen anschrauben oder Kabel verlegen zu müssen.

4. Vorteil: Alles in einem. Wer mit dem Handy navigiert, vereint alle Funktionen in einem Gerät: GPS, Telefon, MP3-Player, Radio, «Gefahrenstellen-Warner» und sogar eine Kamera. Dies spart mühsames Bluetooth-Koppeln und reduziert den Gerätepark, dessen Ladegeräte Gewicht und Platz rauben.

5. Vorteil: Handling. Apple, Nokia und Samsung stecken Unsummen in die Optimierung der Displays, die Darstellungsgeschwindigkeit und die Benutzerfreundlichkeit ihrer Geräte. In diesen Punkten kann kein Motorrad-Navi mithalten. Seine Daseinsberechtigung erhält Letzteres dank der robusteren Halterung, der Wetterbeständigkeit und der für Handschuhe optimierten Benutzeroberfläche. Zumindest bis dato.

Tom Tom D-A-CH

Verwendet Karten von Teleatlas. Darstellung etwas «cartoonhaft» bunt, aber flüssiger und übersichtlicher als bei allen anderen Navi-Apps. HD Traffic verwendet anonymisierte Handyortungsdaten und liefert in Staus Daten auch auf Nebenstrecken in Echtzeit (Online: tomtom.com/livetraffic). Die Sprachansagen sind unmissverständlich und erfolgen rechtzeitig. «Europa» belegt viel Speicherplatz (ca. 1.5 GB).

+ Klare, flüssige Darstellung in 2D und 3D
+ Einfache Menüstruktur, schnelle Ladezeiten
+ Regelmässige Karten-Updates, beste Traffic-Option
- Teuer, Abonnementtaktik bei der Traffic-Option
- Keine schlaue Routenplanung, kein Datenimport
- Stau-Umfahren nur bei Zeitersparnis wählbar

Preis im App-Store

D-A-CH (Deutschland, Österreich und Schweiz): 65.-, Westeuropa: Fr. 90.-, Europa: Fr. 120.-
Abo TomTom HD Traffic: Fr. 37.- für 12 Monate

Navigon Europe

Liefert Navteq-Kartenmaterial der 40 wichtigsten europäischen Länder, die sich einzeln installieren lassen. Bietet umfangreiche Optionen (z.B. tageszeitabhängige Route) und eine schöne Darstellung. Einziges Navi mit Routen-Import-Funktion (siehe Kasten unten). Integrierte Wetterdaten. Ansage der Strassennamen im Ausland sind sehr erheiternd. Bietet Planungsoption «schönste Strecke» für Motorradfahrer.

+ Besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als bei TomTom
+ Routenplanungs- und Import-Funktion
+ Länder lassen sich einzeln aufspielen
- Menüstruktur verschachtelt und unübersichtlich
- Verkehrsdienste weniger umfassend als bei TomTom
- Karten-Updates nur gegen Gebühr

Preis im App-Store

Navigon Europa: Fr. 75.-, Traffic Live: Fr. 12.-, Kartenupdate Freshmaps XL: Fr. 19.-

Skobbler Navi 2.0

Das Gratis-Navi lädt Kartenmaterial der OpenStreetMap-Community und benötigt dazu eine Datenverbindung. Die Darstellung ist gut, den kommerziellen Apps jedoch klar unterlegen. Das Menü sieht nach PC-Spiel aus, bietet aber die wichtigsten Optionen. Die Sprachansagen sind oft redundant, und die Stimme macht depressiv. Karten können für den Offline-Einsatz preiswert erworben werden.

+ Deutlicher Preis-Leistungs-Sieger
+ Offline-Karten via In-App-Kauf erhältlich
+ Warnung vor sogenannten «Gefahrenstellen»
- Kartendarstellung verbesserungsfähig
- Benötigt eine stehende Datenverbindung
- «Gefahrenstellen» meist nicht aktuell

Preis im App-Store

Skobbler Navi 2.0 ist gratis im Appstore erhältlich. Offline-Karten: Fr. 4.- pro Land, Fr. 8.- pro Kontinent, Fr. 12.- für die ganze Welt

Halterung Touratech iBracket

Mit dem iBracket bietet Touratech eine innovative und hochwertige iPhone-Halterlösung in edlen Materialien wie Edelstahl, Kunststoff und Silikonringen. Der zweiteilige Aufbau reduziert Vibrationen. Die einfache und solide Klemmvorrichtung fixiert das Gerät auch bei starken Erschütterungen. Die kompakten Aussenmasse orientieren sich am iPhone. Letzteres ist gut ablesbar, da keine Folie den Screen bedeckt. Nachteile: bietet keinen Staub- und Wetterschutz. Keine Bedienung mit Handschuhen möglich (was vielleicht auch schlauer ist). Grosses Manko: Alle Anschlüsse (Ladekabel) und Tasten sind verdeckt.

+ Qualitativ hochwertig, edles Material
+ Hält bombenfest
+ Screen gut ablesbar
- Kein Staub- und Wetterschutz
- Tasten teilweise schwer zugänglich
- Keine Android-Versionen erhältlich

Preis & Import

Fr. 107.30 für das iPhone 3, Fr. 133.- für das iPhone 4. Touratech Schweiz, Hauptstrasse, 8259 Kaltenbach; shop.touratech.ch


Halterung Interphone SMiPhone

Interphone bietet diesen iPhone-Halter für Rundrohrlenker (Schelle) und Stummellenker (Kunststoffgurt) an. Geplant sind auch Varianten für Android-Geräte. Die Verarbeitung ist in Ordnung, aber «plastikmässig». Verspricht Wetterschutz. Screenfolie glänzt und ist kratzempfindlich. Gehäuse ist innen schlaggedämpft und bietet Platz für Ladestecker. Ein Kamerafenster ist auf der Rückseite vorhanden. Die Bedienung des Screens via Folie funktioniert. Grobe Inputs (z.B. Anruf abweisen) sind mit Handschuh möglich. Kunsstoffkugelgelenk lässt sich nicht wirklich fest fixieren.

+ Wetterschutz, einfache Montage
+ Alle Tasten bedienbar, Screen auch mit Handschuh
+ Preiswert und vielseitig
- Folie spiegelt und ist kratzempfindlich
- Materialien wirken nicht sehr hochwertig
- Kugelgelenk lässt sich nicht ordentlich fixieren

Preis & Import

Ab Fr. 55.- für diverse Geräte und Lenkertypen. Hostettler AG, Haldenmattstrasse 3, 6210 Sursee; www.motochic.ch     


Bluetooth und Zusatzakku

Ideal für den Betrieb mit dem Smartphone sind Bluetooth-Intercom-Headsets wie Interphone F5 oder Scala Rider G9. Headset und Telefon sind schnell gekoppelt und einsatzbereit. Bei Tests mit dem Scala-Rider-G-Modell konnte der Angerufene nicht unterscheiden, ob sein Gegenüber im Wohnzimmer sass oder über die Autobahn fuhr. Musikgenuss ist jederzeit möglich; für Navi-Ansagen oder Anrufe wird er kurz ausgeblendet. Dank der Voice-Dial-Funktion des iPhone kann auf Knopfdruck eine Person aus dem Telefonbuch angerufen werden, was bei tieferen Geschwindigkeiten am besten klappt. Sind zwei Intercom-User auf demselben Töff unterwegs, können sie auch problemlos via Telefon über beliebige Distanzen kommunizieren. Wenn der Saft ausgeht: Mobile Geräte bringen auch Nachteile mit sich. Einer davon ist die beschränkte Akkulaufzeit. Obschon sie bei neuen Geräten wie dem iPhone 4 deutlich verbessert wurde, ist je nach Alter des Akkus und Einsatz der Displaybeleuchtung spätestens nach drei bis vier Stunden Schluss. Um keine Kabel durch das Motorrad ziehen zu müssen, empfiehlt sich ein Zusatzakku. Dieser ist beispielsweise in praktischer Schutzhüllenform zu haben wie beim Mophie Juice Pack Plus (2000 mAh) für ca. 90 Franken. Es ergänzt die Akkulaufzeit um zusätzliche 150 Prozent, was für die meisten Tagestouren ausreicht.

 


Online Touren planen

Kennen Sie den Planungsmodus von maps.google.com? Es existiert wohl keine einfachere und intuitivere Form der Tourenplanung. Das dachte sich auch Denny aus Hasselfelde (D) und programmierte eine OnlinePlattform, die auf dem Service von Google basiert. Diese lässt sich unter www.motoplaner.de aufrufen und bietet alle sinnvollen Features wie Autobahnen vermeiden sowie diverse Kartendarstellungen (z.B. Gelände). Schritt 1: Geben sie die Startadresse der Tour in das Feld ein. Die Karte zoomt ein, und ein blauer Punkt erscheint. Tippen sie nun in das selbe Feld ihre Zieladresse ein. Motoplaner berechnet den schnellsten Weg und stellt ihn als blaue Linie dar. Schritt 2: Durch Klicken fügen sie Zwischenpunkte ein. Diese können verschoben werden, bis die Tour ihren Wünschen entspricht. Schritt 3: Wählen sie das gewünschte Format und klicken sie auf «Export». Der Browser lädt eine Datei, die sie in Ihr GPS-Gerät kopieren können. Für die iPhone-Navigon-App wählen sie «Navigon MN URL». Kopieren sie den Text aus dem File und senden sie sich diesen via E-Mail aufs eigene Telefon. Den Link antippen: Navigon lädt Ihre Route.

 

 

TomTom D-A-CH TomTom D-A-CH © Hersteller
Navigon Europe Navigon Europe © Hersteller
Skobbler Navi 2.0 Skobbler Navi 2.0 © Hersteller
Halterung Interphone SMiPhone Halterung Interphone SMiPhone © Hersteller
Halterung Touratech iBracket Halterung Touratech iBracket © Hersteller
Scala Rider G9 Scala Rider G9 © Hersteller
Interphone F5 Interphone F5 © Hersteller
Mophie Juice Pack Plus (2000 mAh) für ca. 90 Franken. Es ergänzt die Akkulaufzeit um zusätzliche 150 Prozent. Mophie Juice Pack Plus (2000 mAh) für ca. 90 Franken. Es ergänzt die Akkulaufzeit um zusätzliche 150 Prozent. © Haltiner
www.motoplaner.de bietet alle sinnvollen Features für die Tourenplanung und bedient sich intuitiv. www.motoplaner.de bietet alle sinnvollen Features für die Tourenplanung und bedient sich intuitiv. © motoplaner.de