Reifen-FAQ

Die 10 Gebote

Von Daniele Carrozza
21.05.2010 11:51:26

Die Reifen interagieren mit der Fahrbahn-Oberfläche und gehören damit zu den wichtigsten Baugruppen des Motorrads.

Moderne Fahrwerke sind ein komplexes Zusammenspiel einer ganzen Reihe minutiös aufeinander abgestimmter Baugruppen. Da reicht schon eine Abweichung von 0,2 bar vom vorgeschriebenen Reifendruck, um ein komplett anderes Fahrverhalten hervorzurufen. Neben dem korrekten technischen Umgang mit Reifen sind aber auch andere Faktoren wie Reifenwahl oder Reifenpflege ausschlaggebend für ein glückliches und sicheres Töfffahrer-Leben. Damit die Gummis ihre volle Performance entfalten können, gilt es gerade bei modernen Radialreifen, einige wichtige Regeln zu beachten. Hier die Antworten auf zehn häufig gestellte Fragen.

1. Die Auswahl ist riesig. Wie finde ich den für mich passenden Reifen?
Wir können froh sein, dass wir hierzulande nicht wie die Töfffahrer in Deutschland mit Reifenfreigaben konfrontiert werden. Nichtsdestotrotz bringen Letztere Vorteile, die wir von der Schweiz aus bei der Reifenwahl nutzen können. So sind für ein Töff-Modell freigegebene Reifen vom entsprechenden Hersteller in der Regel auf Herz und Nieren geprüft worden. Lassen Sie sich also einen freigegebenen Gummi aufziehen, dürften Sie mit grösster Wahrscheinlichkeit auf der sicheren Seite liegen. Einfach auf die Website des jeweiligen deutschen Importeurs surfen (z.B. triumph.co.uk/germany/ oder michelin.de) und die Modellfreigaben einsehen. Dann sollten Sie einfach ehrlich zu sich sein: Nicht immer ist der super-klebrige Multi-Compund-Racing-Semislick die beste Wahl. Denn ein solcher ist – obschon zugelassen – im Nassen kaum brauchbar und im öffentlichen Strassenbetrieb nur schwer legal auf Betriebstemperatur zu bringen. Wählen Sie im Zweifelsfall den weniger sportlichen Pneu, und sprechen Sie mit ihrem Mechaniker.

2. Wann ist der Reifen durch?
Noch immer ersetzen sehr viele Töfffahrer ihre Gummis erst, wenn sich der Laufflächen-Gummi zu den kleinen Stegen in den Profilrillen abgesenkt hat. Bei diesen Stegen handelt es sich um den TWI (Tread Wear Indicator), dessen Höhe von Hersteller zu Hersteller variiert und nicht als Indikator für das Erreichen der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestprofiltiefe herangezogen werden darf. In der Schweiz beträgt diese auf der ganzen Lauffläche 1,6 mm. Der TWI signalisiert als Markierung jene Abnutzungsstufe, in der ein Reifen gemäss Hersteller seine Performance nicht mehr bringt.

3. Reifendruck: Was ist zu beachten, und gibt es einen Richtwert?
Der vom Hersteller vorgeschriebene Reifendruck bezieht sich auf die Erstbereifung des jeweiligen Modells. Angenommen, Sie sind im Besitz einer Ducati 996, Jahrgang 2000, und wollen den soeben lancierten Metzeler Sportec M5 Interact ausprobieren. Im Benutzerhandbuch schreibt Ducati einen Druck von 2,1 bar vorn und 2,2 bar hinten vor. Nur, den M5 Interact gabs damals noch nicht. Entsprechend empfiehlt es sich, wie bei Frage 1 beschrieben, die Website des deutschen Reifenimporteurs anzusurfen, denn mit den Freigaben wird i.d.R. auch der empfohlene Reifendruck angegeben (bei unserem Beispiel 996/M5 Interact: 2,2 bar vorn und 2,4 bar hinten). Prüfen Sie den Reifendruck in regelmässigen Abständen (mindestens einmal im Monat).

4. Pflege: Was kann ich machen, um das Leben meiner Reifen zu verlängern?
Stellen Sie Ihr Motorrad wenn immer möglich in die Garage. Reifen müssen dunkel (Schutz vor UV-Licht), kühl und trocken gelagert werden. Kühl, weil bei Hitze die Lichtschutzwachse schneller an die Reifenoberfläche diffundieren. Die häufige Reinigung von Reifen (auch kollateral bei der Felgenreinigung mit dem Dampfstrahler) ist unvorteilhaft, weil so die besagten Lichtschutzwachse von der Oberfläche gespült werden. Verwenden Sie keine scharfen Reinigungsmittel wie Verdünner – Glanzmittel für die Reifen-Seitenwände sind i.d.R. unproblematisch. Bei längeren Standzeiten (Winter) sollten Sie das Bike vorne wie hinten aufbocken. Ist dies nicht möglich, den Reifendruck um ca. 0,5 bar erhöhen, damit sich der Gummi an der Kontaktfläche zum Boden weniger stark verformt. Vorsicht beim Umgang mit dem Dampfstrahler: Es ist schon vorgekommen, dass damit regelrecht Löcher in die Seitenwand der Reifen geschossen wurden.

5. Alterung: Ab wann sollte ein Reifen nicht mehr verwendet werden?
Ein Reifen sollte innerhalb der ersten sechs Jahre ab Produktionsdatum aufgezogen werden. Das Produktionsdatum wird an der in der Seitenwand eingepressten vierstelligen DOT-Nummer abgelesen. Die Ziffernfolge 2108 beispielsweise bedeutet, dass der Pneu in der Kalenderwoche 21 des Jahres 2008 hergestellt wurde. Altert ein Reifen, werden seine Mischungen spröde, und sie verhärten. Dadurch steigt zwar die Laufleistung, doch der Grip der Reifen nimmt drastisch ab.

6. Dürfen Schlauchlosreifen repariert werden?
Von Reparaturen ist grundsätzlich abzuraten. Eine Ausnahme stellen Schnellreparaturkits dar, bei denen z.B. eine Schaummasse in die Luftkammer gesprüht wird. Bei Reisen kommt man mit diesen Helfern bei einer Reifenpanne (z.B. Nagel) immerhin weiter. Allerdings sollte man schnellstmöglich den nächstgelegenen Stützpunkt aufsuchen und sich einen neuen Reifen aufziehen lassen. Nicht zuletzt, weil die meisten Reifenhersteller bei reparierten Reifen jede Haftung ablehnen.

7. Wie wird ein Reifen richtig eingefahren?
Zunächst wollen wir einen weit verbreiteten Trugschluss beseitigen: Die glatte Lauffläche eines neuen Reifens ist nicht etwa auf eine Substanz oder Beschichtung zurückzuführen, mit der sich der Reifen beim Produktionsprozess besser aus der Heizpresse lösen lassen würde. Tatsächlich handelt es sich um normalen Laufflächengummi, der glatt ist, weil er bei der Vulkanisierung gegen eine Stahl- respektive Alu-Negativform mit glatter Oberfläche gepresst wird. Beim Einfahren muss die Lauffläche im Mikro-Bereich aufgeraut werden. Deshalb vorsichtig bei moderatem Tempo ganz normal fahren und sukzessive sanft die Schräglage erhöhen.

8. Wie steht es um das Thema Mischbereifung?
Von der Kombination von Reifen verschiedener Produktfamilien oder gar Hersteller (Michelin vorn, Bridgestone hinten) raten wir aus Sicherheitsgründen ab. Vorder- und Hinterreifen sind minutiös aufeinander abgestimmt. Entsprechend wird man sich bei einer Mischbereifung mit grösster Wahrscheinlichkeit mit einem sonderbaren Fahrverhalten der Maschine konfrontiert sehen. Allerdings: Es gibt Hersteller, welche die Reifen verwandter Produktfamilien aufeinander abstimmen.

9. Erstbereifung: Soll ich ihr treu bleiben?
Sie liegen dabei sicher nicht falsch, können aber bedenkenlos auch ein anderes Produkt wählen. Wenn Sie umsteigen wollen, weil es die Produkte der Erstbereifung nicht mehr gibt (z.B. Michelin Pilot Sport), sollten Sie sich an die Empfehlungen aus den Fragen 1 und 3 halten.

10. Was ist ein Reifenquerschnitt, und wie wirkt er sich aus?
Nehmen wir die Grösse 180/55-17. Die 180 steht für die Breite des Reifens in mm. Die 55 ist ein Prozentsatz, der das Verhältnis der Reifenquerschnittshöhe zur Reifenbreite angibt. Im vorliegenden Beispiel wäre die Querschnittshöhe 55% von 180 mm, also 99 mm. Je höher der Querschnitt, desto grösser ist die Bogenhöhe des Reifens, was in Schräglage zu einer grösseren Aufstandsfläche und damit zu mehr Grip führt. So haben aktuelle Superbikes hinten praktisch alle einen 190/55er montiert. Vor Kurzem war da noch der 190/50er State of the Art.