Bremsstaub

Bremssystem

Von David Basler
14.04.2011 17:00:01

Kaum eine Baugruppe am Töff ist so sicherheitsrelevant wie die Bremse. Deshalb ist den Stoppern regelmässig Aufmerksamkeit zu schenken. Und so wird's gemacht.

Motorradfahrer gehören zu den schwächsten Verkehrsteilnehmern. Um unsere Sicherheit weitestgehend trotzdem zu gewährleisten, müssen wir vorausschauend fahren und uns im Ernstfall auf die Bremsen verlassen können. Worauf kann der Biker achten, auch wenn er keine Mechanikerlehre genossen hat? Die folgende Doppelseite gibt einen kurzen Überblick.

Wann sind die Bremsbeläge verbraucht? Häufig hört man in diesem Zusammenhang Kilometerangaben. Die Lebensdauer eines Belags hängt allerdings hochgradig vom Fahrstil, dem Fahrzeuggewicht und der Dimensionierung der Bremsen ab. Ein Bremsbelag kann schon nach 6000 km das Zeitliche segnen, bei anderen Fahrern erreichen die gleichen Beläge eine Laufleistung von 20 000 km. Deshalb sollten Sie nicht auf die Wartungsintervalle der Kollegen achten, sondern selber ein Auge zwischen die Bremsbacken werfen. Die originalen Bremsbeläge weisen in der Regel eine Verschleissmarkierung auf, die die Abnutzung des Belags anzeigt. Gemeint ist die weniger tiefe und nicht die mittige, bis zum Trägermaterial durchgängige Nut (Bild oben), deren Aufgabe das Abführen des Bremsstaubs ist und die nichts mit dem Verschleiss zu tun hat. Darf man den Belag nach Erreichen der Verschleissmarkierung noch ein wenig drauflassen? Schliesslich ist da noch immer eine dünne Schicht Schleifmaterial vorhanden. Nein, denn die Beläge werden nicht gleichmässig auf die Scheibe gepresst und abgenützt. Die Bremskolben, die den Belag von hinten an die Bremsscheibe drücken, sind nicht gleich lang, weshalb zuerst das eine Ende des Belags die Scheibe berührt, bevor die ganze Reibfläche anliegt. Auf diese Weise vermeiden die Hersteller, dass die Bremse nervig pfeift.

Die Bremsscheiben müssen ebenfalls von Zeit zu Zeit erneuert werden. Diese haben im Normalfall eine deutlich längere Lebenszeit als die Beläge. Bei originalen Scheiben ist auf dem Trägerstern eine Millimeterangabe eingeprägt. Hat die Reibfläche der Bremsscheibe diese minimale Dicke erreicht, ist die Scheibe zu ersetzen.

Damit die Bremsperformance stets auf dem gleichen Niveau bleibt, gilt es neben dem Verschleiss von Belag und Scheibe vor allem auf die Bremsleitungen und die Bremsflüssigkeit zu achten. Bremsleitungen sind hohen Innendrücken ausgesetzt, weshalb sich Gummileitungen im Laufe der Zeit in radiale Richtung dehnen lassen – der Druckpunkt wird schwammig. Deshalb raten die Hersteller, Gummileitungen alle vier Jahre zu ersetzen. Nicht zuletzt auch weil Gummi unter Einfluss von UV-Licht spröde und weniger belastbar wird. Länger halten Stahlflexleitungen, die auch das Problem der radialen Dehnung nicht aufweisen und so für einen definierteren Druckpunkt sorgen.

Den gleichen Effekt hat zu alte Bremsflüssigkeit. Bremsflüssigkeit ist sehr aggressiv und hydrophil. Heisst, dass die Flüssigkeit Wasser aufnimmt, das ins Bremssystem gelangt. Bei harten Bremsmanövern heizt sich die Bremsflüssigkeit stark auf, das Wasser verdampft und wird im Gaszustand kompressibel. Je nach Wassermenge verschlechtern sich die Bremseigenschaften stark, oder die Gasblasen führen sogar zu Bremsversagen. Deshalb ist die Bremsflüssigkeit mindestens alle zwei Jahre auszuwechseln. Übrigens wird zwischen DOT-4- und DOT-5.1-Bremsflüssigkeit unterschieden. DOT 5.1 hält höheren Temperaturen stand. Aber bekanntlich gibt es keinen Vorteil ohne Nachteil: DOT 5.1 ist stärker hydrophil und muss deshalb häufiger ersetzt werden. Für Hobby-Racer vielleicht ein guter Tipp, aber Strassenfahrer sollten weiter das gewöhnliche, servicefreundlichere DOT 4 verwenden. Dasselbe gilt für Rennbeläge, deren Name eigentlich verlockend klingt. Doch solche Beläge entwickeln ihre Wirkung erst bei sehr hohen Temperaturen, die auf der Strasse so gut wie nie erreicht werden. Speziell im kalten Zustand auf den ersten Kilometern sind Racing-Beläge besonders gefährlich. Zudem bringen sie einen drastisch erhöhten Verschleiss von Belag und Scheibe mit sich, und die Garantieansprüche können erlöschen.

Abschliessend noch einige Worte zur Reinigung der Bremsanlage. Generell sollte von Hochdruckwasseranlagen abgesehen werden, da die spezielle, wärmeresistente Trockenschmierung zwischen Belagsführungsbolzen und Bremsbelag weggewaschen werden könnte. Am besten einen handelsüblichen Bremsenreiniger verwenden (Bremsenreiniger auf einen Lappen sprühen - nicht direkt über die ganze Bremsanlage) oder den Geheimtipp des Leiters Technik bei Suzuki-Schweiz, Christian Grange, ausprobieren: «Wir waschen die Bikes mit Geschirrspüler. Vor allem für die Bremsanlage ein guter Tipp, denn Abwaschmittel reinigt und wirkt auf den Reibflächen entfettend.»

 

Bremsbelag- und Bremsscheiben- Materialien
Bremsscheiben bestehen meist aus Edelstahl. Die einstmals verwendeten Graugussscheiben wurden aufgrund der starken Korrosion und des höheren Verschleisses fast gänzlich verdrängt. Aufwind haben Stahlscheiben durch ihre hohe Verschleissfestigkeit bei gutem Reibkoeffizient mit Sinterbelägen erhalten. Sinterbeläge sind zwar schwerer, teurer und lauter als organische Pendants, können aber mit der doppelten Lebensdauer und höherer Warmfestigkeit auftrumpfen. Verschiedene Metallpulver wie Kupfer, Nickel, Zinn usw. werden mit Graphit und einem Bindemittel gemischt und bei hohem Druck und Temperaturen von 850 Grad zur Rohform «gebacken». Ein besseres Heissbremsverhalten können Beläge mit Kohlenstofffaser verstärktem Siliciumcarbid als Zusatz erreichen. Solche Racing-Beläge funktionieren aber erst bei hohen Temperaturen, sind für die Strasse also ungeeignet.

 

Verschleissmessung der Bremsscheibe. Verschleissmessung der Bremsscheibe. © Daniele Carrozza
Ist der Bremsflüssigkeitsstand zu niedrig, sind wahrscheinlich die Beläge durch. Ist der Bremsflüssigkeitsstand zu niedrig, sind wahrscheinlich die Beläge durch. © Daniele Carrozza
Die beiden Bremskolben sind nicht gleich lang, damit der Belag leicht schräg an die Scheibe gepresst wird. Die beiden Bremskolben sind nicht gleich lang, damit der Belag leicht schräg an die Scheibe gepresst wird. © Daniele Carrozza
Informationen zu den Verschleissgrenzen finden sich im Fahrzeughandbuch. Informationen zu den Verschleissgrenzen finden sich im Fahrzeughandbuch. © Daniele Carrozza