Geschwungener Asphalt im bunten Wald
Geschwungener Asphalt im bunten Wald © fotolia

Tipps und Tricks

Biken im Herbst

Von Ulf Böhringer
06.10.2016 16:08:31

Nie ist die Luft in den Bergen klarer als an sonnigen Herbsttagen. Aber es gilt, sich und das Motorrad auf Alpentouren sorgfältig vorzubereiten.

Alpentouren im Herbst sind grandios, insbesondere dann, wenn nach dem ersten Schneefall die Strassen wieder frei sind, die Berggipfel rundum aber weiss überzuckert bleiben. Der Kontrast aus goldgelben Blättern oder bernsteinfarbenen Lärchen-nadeln, stahlblauem Himmel und frischen Schneefeldern in der Gipfelregion fasziniert. Weil ab der zweiten Septemberwoche auch die Gewittergefahr in den Alpen deutlich zurückgeht und die Hochdruckwetterlagen häufiger werden, lassen sich zwischen Mitte September und Ende Oktober in klarer Bergluft oftmals die schönsten Touren fahren.

Ein weiterer Vorteil der Herbsttouren ist die im Vergleich zum Sommer weitaus geringere Verkehrsdichte. Wo im Juli und August oft lange Dosenschlangen unterwegs sind, lässt es sich im September und Oktober frei fahren. Auch Radfahrer sind fast keine mehr unterwegs. Zudem ist die Dichte an Kontrollen durch die Obrigkeiten in verkehrsschwächeren Zeiträumen geringer.

Freilich gilt es bei der Tourenplanung zu beachten, dass die kürzeren Tage weniger Fahrstunden ermöglichen; die Tagesetappen sollten deshalb ebenfalls kürzer bemessen werden: Kann man im Sommer ohne Weiteres zwölf Stunden lang unterwegs sein (8 bis 20 Uhr), schrumpft die Zeitspanne im Herbst auf maximal acht Stunden. Darf etwa eine Hochalpentour in der Zentralschweiz im Sommer durchaus 350 Kilometer lang sein, sollte sie im Herbst 200 bis 250 Kilometer nicht überschreiten. Denn meist ist ein Start vor 9 Uhr weder möglich noch angeraten, und um 17 Uhr ist ja auch schon wieder Schluss. Zudem steigt im Herbst die Zahl der Stopps, weil man infolge der wechselnden Temperaturverhältnisse häufiger Teile der Unterbekleidung ausziehen respektive wieder anziehen muss.

Der Schatten hat es in sich

Nebst den vielen Vorzügen haben herbstliche Alpentouren natürlich auch Schattenseiten. Nicht nur sind die Tage kürzer, sondern auch die Gefahren beim Fahren höher. Das fängt beim «Bauernglatteis» nach den Alpabzügen von den Maiensässen an. Wer auf einer Bergstrasse einmal eine solch schlüpfrige Stelle passiert hat, sollte gewarnt sein: Er wird auf den nächsten Metern oder Kilometern zwangsläufig auf weitere Hinterlassenschaften des Alpabzugs stossen. Eine grosse Gefahr liegt auch in der Kombination aus langen niederschlagsarmen Zeiten und den permanent geringen Temperaturen an schattigen Lagen. Hier trocknet die Strassenoberfläche oftmals überhaupt nicht mehr ab; es bildet sich ein teils extremer Schmierfilm, dessen Reibungskoeffizient selbst bei deutlichen Plusgraden demjenigen von Glatteis entspricht. Wer auf eine schattige Kurvenpassage zufährt, sollte stets das Gas zumachen und bereit sein, im Falle eines beginnenden Rutschers sofort auszukuppeln, um den Kraftschluss zum Hinterrad zu unterbrechen.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass nicht einsehbare Kurven in den Bergen deutlich langsamer umfahren werden müssen als im Hochsommer. Schliesslich weiss der beste Fahrer nicht, was ihn 10 oder 20 Meter später erwartet. Mitunter genügt am Morgen der Schatten eines einzigen Baumes, um einige Meter einer sonst trockenen Fahrbahn schlüpfrig zu machen. Deutliche Rutschgefahr geht auch von feuchtem Laub auf der Fahrbahn aus. Wenn es beispielsweise in der Nacht zuvor stark geregnet oder gar gestürmt hat, liegen meist auch kleine Zweige, viel Laub und Nadeln auf der Fahrbahn, weshalb das Tempo auf dieser Strecke niedriger als sonst üblich angesetzt werden sollte.

Schwieriger wird das Fahren aber auch durch die tiefer stehende Sonne. Dies hat zwar den Vorteil, dass man auch über Mittag schöne, farbenintensive Fotos machen kann, es bedeutet aber eine deutlich höhere Blendung. Insbesondere in dieser Jahreszeit sind Helme mit integrierter Sonnenblende vorteilhaft, weil man beim Fahren gegen die Sonne die Blendung reduzieren kann, beim Einfahren in schattige Passagen aber dennoch den vollen Durchblick hat. Wer einen neuen Helm kaufen will, sollte dies bei seinem Kaufentscheid berücksichtigen. Als sehr angenehm empfinden manche Töfffahrer das Tragen eines variablen Helms, dessen Kinnteil bei höheren Temperaturen entfernt werden kann.

Zur Erhöhung des Sicherheitsniveaus zählt auch, auf Herbsttouren nach Möglichkeit nicht alleine unterwegs zu sein - oder zumindest Angehörigen oder den Quartiergebern zu hinterlassen, wo man unterwegs ist, und sich zur vereinbarten Zeit auch zu melden. Schliesslich ist das Risiko, auf rutschiger Strasse einmal über die Begrenzung und vielleicht gar zu Sturz zu kommen, unter (spät-)herbstlichen Umständen einfach höher; bei verminderter Verkehrsdichte kann es, wenn man das Mobil-telefon nicht mehr selbst bedienen kann oder sich in einem Funkloch befindet, auf untergeordneten Bergstrassen wie etwa dem Pragelpass zwischen Schwyz und Glarus manchmal lange dauern, bis Helfer vorbeikommen. Auch deshalb sollte man ab Beginn der Dämmerung besondere Vorsicht walten lassen.

Glauben Sie aber angesichts der vielen Hinweise zur Gefahrenreduzierung bloss nicht, das Fahren im Herbst sei zu gefährlich und deshalb unverantwortlich. Das ist es keineswegs, sofern man einige grundlegende Dinge beherzigt und die nötige Aufmerksamkeit und Konzentration aufs Fahren aufbringt. Staunen über die herrliche Alpenlandschaft während des Fahrens ist deshalb nicht empfehlenswert; besser ist es, an markanten Punkten anzuhalten und das Landschaftsbild im Stehen zu geniessen. Zudem kann man dann auch gleich ein Erinnerungsfoto machen. Auch dazu ein Tipp: Herbstliche Fotos wirken oft besonders eindrucksvoll, wenn man auch mal gegen die relativ tief stehende Sonne fotografiert. Allerdings sollte dann der Vordergrund (Personen, Töff etc.) angeblitzt werden.

Die richtige Bekleidung

Im Herbst entscheidet die Bekleidung ganz besonders, mehr noch als im Frühling und im Sommer, ob eine Hochalpentour Spass macht oder nicht. Denn weder im Sommer noch im Frühjahr sind die Temperaturdifferenzen während des Tages so gross wie von Mitte September bis Anfang November. Oftmals liegt morgens in schattigen Lagen noch Reif, während im besonnten Gelände bereits angenehme Wärme zu spüren ist und man mittags selbst in grossen Höhen im leichten Hemd und ohne Jacke bei Sonnenschein Rast machen kann. Am geeignetsten für Herbsttouren in den Hochalpen sind Textilanzüge oder Lederanzüge mit Goretex-Membran. Wichtig ist das Darunter: Empfehlenswert ist Funktionsunterwäsche, weil man tagsüber trotz allgemein niedriger Temperaturen mitunter ins Schwitzen gerät, sodass Feuchtigkeit von der Haut wegtransportiert wird. Vorteilhaft ist zudem ein Windstopper-Pullover mit Rollkragen. Ein Halstuch und wadenlange Motorradstrümpfe komplettieren die Unterbekleidung. Wer genug Gepäckvolumen zur Verfügung hat, ist fein raus. Denn dann lässt sich ein Thermofutter - morgens insbesondere auf unverkleideten Töff unverzichtbar - tagsüber ausziehen und verstauen. Wegen der grossen Temperaturvarianz zwischen Morgen und Mittag sind unterschiedlich dicke Handschuhe sehr angenehm. Sind weder Koffer noch Topcase oder Tankrucksack montiert, empfiehlt sich als Alternative die Mitnahme eines ausreichend grossen Rucksacks.

 

Die Töffausrüstung

Das richtige Zubehör am Töff macht das Fahren im Herbst sowohl angenehmer als auch sicherer. In erster Linie sei auf beheizbare Lenkergriffe hingewiesen, die die Finger bei niedrigen Temperaturen gelenkig und damit gefühlvoll halten. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil niemand mit eisgekühlten Händen sensibel bremsen kann. Der Aufwand für die Nachrüstung eines Töffs mit Heizgriffen ist zwar mitunter hoch, doch in jedem Fall lohnend - eine falsche Bremsung kostet weit mehr als ein Satz Heizgriffe. Zwar schützt ein ABS vor einem überbremsten Vorderrad, doch gibt es auch noch einen zweiten, indirekten Sicherheitsgesichtspunkt: Nur wer konzentriert und nicht abgelenkt ist, fährt sicher und entspannt. Ebenfalls kein Luxus ist eine Anzeige der Umgebungstemperatur. Zwar reagieren alle Systeme nur verzögert auf Temperaturwechsel (beispielsweise beim Übergang von sonniger Umgebung zu tiefschattigen Wäldern), doch signalisiert ein gelegentlicher Blick auf dieses Instrument immerhin, in welchem Temperaturbereich man unterwegs ist. Unterhalb von fünf Grad ist in schattigen Bereichen mit Glätte zu rechnen. Wichtig ist zudem, sich bei Auslandstouren um die dort geltenden Vorschriften zu kümmern. In Österreich etwa ist die Mitnahme eines Verbandspäckchens Pflicht. Eine Warnweste, die bei Unfall oder Panne zum Einsatz kommt, benötigt man als Töfffahrer dagegen in keinem der Alpenländer (im Gegensatz zu Belgien, Bulgarien oder Luxemburg).

Heizgriffe und Windschutz sind bei kalten Temperaturen viel wert. Heizgriffe und Windschutz sind bei kalten Temperaturen viel wert. © Ulf Böhringer
Auch die richtige Bekleidung ist zentral. Auch die richtige Bekleidung ist zentral. © fotolia