Vier oder zwei Räder - welches Konzept bringt die Leistung auf dem Anneau du Rhin besser auf den Boden?
Vier oder zwei Räder - welches Konzept bringt die Leistung auf dem Anneau du Rhin besser auf den Boden? © Michele Limina

Tête-à-tête mit 770 PS

Kawasaki H2 vs. Nissan GTR

Von Michael Kutschke
17.07.2017 15:00:39

Nach Benzinlaster ausbremsen, Geisterfahrer überholen oder die Antibabypille der Sekretärin durchs Mint ersetzen – kommt jetzt das Schärfste überhaupt...

Ab und zu muss man es einfach machen – etwas Verrücktes. Wir geben daher für einmal nicht nur dem Juckreiz in der Gashand hemmungslos nach. Am Kurvenausgang das Gaspedal voll runterzustiefeln, auch das kann eine irre Erfahrung sein: Die Sechsgang-Doppelkupplung schlüpft per Klick an den Schaltpaddles die Gänge nach oben, während der V6 ab 3000/min puncht, drückt und bis 7200/min vorstürmt. Der Biturbo-Sechszylinder verteilt 637 Nm an alle vier Räder. Bis zu 315 km/h soll der 570 PS starke Nissan GT-R laufen... aber nicht hier. Die elsässische Rennstrecke Anneau du Rhin bietet auf 3,7 km auch schnellere Abschnitte, aber selbst die lange Gerade auf dem Circuit ist für diese vierrädrige Speed-Granate einfach zu kurz.  

Nicht anders verhält es sich bei beim Durchladen der zweirädrigen Adrenalinpumpe – 200 PS und 133,5 Nm bei 10 500/min unserer Kompressor-Kawasaki sind wahrlich nicht von Pappe. Aber sie klingen wenig sensationell, wenn man die Daten des Nissan GT-R anschaut. Doch wie schnell bei einem Ritt auf Kawasakis Kompressormonster H2 der Asphalt glüht, können solche Leistungsdaten nicht annähernd ausdrücken: Wie vom Katapult abgefeuert, schiesst die H2 ihren Piloten die lange Gerade hinunter.

140'000 Umdrehungen

Ihr Schub ist enorm, scheint unerschöpflich, egal wie hoch die Drehzahl steigt. Untermalt vom Sirren und Zwitschern des Laders, zieht die H2 mit einem Affenzahn die Fahrbahn unter sich durch. Selbst bei Tempi über 200 beschleunigt die Kawa genauso locker, als hätte man gerade mal den ersten Gang eingelegt. Denn ihr Kompressor schaufelt bis zu 200 Liter Luft pro Sekunde in die Brennräume des 998-ccm-Vierzylinders. Der Impeller dreht sich dann mit 140'000 Umdrehungen – also zehnmal schneller als die Kurbelwelle. Die maximale Einströmgeschwindigkeit erreicht am Einlass des Ram-Air-Systems 100 Meter pro Sekunde, 1000 Prozent mehr als bei einem konventionellen Motor... 

Neu Ninja H2 Carbon

Erst 2015 wurde sie präsentiert, dennoch ist unsere Ninja H2 Jahrgang 2017 so etwas wie die erste Wachablösung. Denn die normale H2 gibt es nicht mehr zu kaufen. Die neue heisst Ninja H2 Carbon und kleidet sich nun in ein edles und teures Kohlefaserkleidchen. Es ist auch ein Elektronik-Update an Bord, und die oft kritisierte harsche Gasannahme ist Vergangenheit. Dazu wird jetzt die Hinterhand von einem hochwertigen Öhlins-TTX-Federbein gedämpft.

Gesucht: Das Adrenalin zum Kick

Countdown: Auto gegen Motorrad – wer oder was ist schneller? 1,2 Kilogramm pro PS gegen 3,2? Ein unmöglicher Vergleich meinen Sie? Stimmt nicht. Unsere Freiwilligen am Steuer sind begeistert: Lorenz Sennhauser, 2013 Schweizer Meister Superstock 1000, pilotiert die Kawasaki. Henrik Petro, Chefredaktor unserer Schwesterzeitschrift Auto Sprint CH, den Nissan.

Klar ist, wofür das Auto im TÖFF-Magazin herhalten muss – nämlich für möglichst hohe Längsbeschleunigungen und begeisternde Kurvengeschwindigkeiten. Und damit beginnt der Spass der Extraklasse eines etwas durchgeknallten Vergleichs, der sich streng genommen eigentlich verbietet und sogar beim Publikum heftige Diskussionen auslöst: Der Zuschauer A (muss ein Professor sein) sagt, "die Fortbewegung im Reitsitz unter Ausnutzung des gyroskopischen Effekts auf einem Einspurfahrzeug, das von einem Verbrennungsmotor angetrieben wird, hat keine Chance. Beim Auto ist die Reifenauflagefläche grösser, das hat überall Vorteile, beim Beschleunigen, Bremsen und in Kurven. Und auch beim Anbremsen aus Höchstgeschwindigkeit liegen Welten zwischen diesen Konzepten. Bei schnellen Kurven ebenfalls. Je schneller es wird, desto mehr Vorteile hat das Auto."

Und schon springt Zuschauer B um die Ecke und sagt: "Mit voller Hose ist zwar leicht stinken, aber das Motorrad könnte vielleicht doch im Vorteil sein."

"Stoppt den Wahnsinn!", ruft die zufällig vorbeikommende Spassbremse jenseits der Absperrung und sieht angesichts der versammelten 770 PS seinen ökologischen Zusammenbruch nahen. Und ich kläre derweil die Scherzfrage, wie wohl der Ökostrom für den ÖV in einer windstillen Nacht erzeugt wird: Sicherlich aus Bio-Steinkohle, erschaffen vor Jahrmillionen aus ungespritzten Pflanzen... 

Schnapp­atmung! Zeitgleich holt die Kawa tief Luft und sprintet dem Nissan wie von der Tarantel gestochen davon. 160, 180, 200 km/h... der Showdown ist nach einer Runde entschieden: Kawasaki Ninja H2 Carbon versus Nissan GT-R auf dem Anneau du Rhin – diese Nummer entpuppt sich als Quickie. Auf der Nordschleife wäre die Sache anders gelaufen. Egal, das Tête-à-tête ist durch, und wir lassen es einfach weiter krachen. Denn diese Boliden sind purer Sex auf Rädern. Und davon können wir nicht lassen.  

Japans Speed-Elite ist purer Sex auf Rädern. Japans Speed-Elite ist purer Sex auf Rädern. © Michele Limina
Das Kawa-Cockpit. Das Kawa-Cockpit. © Michele Limina
Anzeigen im Nissan für den vollen Überblick. Anzeigen im Nissan für den vollen Überblick. © Michele Limina