Via Sicura

Am Ziel vorbei

Von Michael Kutschke
29.08.2008 10:45:16

Via Sicura?… Eine Pleite auf der ganzen Linie: Der Tod fährt wieder häufiger mit auf Schweizer Strassen!

Das Verkehrsdepartement von Bundesrat Leuenberger beharrt unbeirrt auf dem Repressionspaket Vision Zero, welches jetzt Via Sicura heisst: Die Vision, Strassenverkehr ohne Getötete und Schwerverletzte – ein Märchen aus dem Reich der Träume. Greifbare Erfolge auch: Die Zahl der Verkehrsopfer in der Schweiz steigt. Leuenbergers lukratives Instrument für Überwachung, Gängelung und Kontrolle erweist sich als wirkungslos.

Verkehrsminister Zero: Fakten
Das Massnahmenpaket sollte bis 2010 zu einer Reduktion der Anzahl Getöteter auf maximal 300 und die der Schwerverletzten auf maximal 3000 führen. Die Realität hat die Nullvisionäre nun eingeholt. 2007 starben auf unseren Strassen 384 Menschen (2006: 370/plus 4%), 5235 wurden schwer verletzt (2006: 5066/plus 3%). Dies ergab die jährliche Erhebung der bfu (Beratungsstelle für Unfallverhütung) bei den kantonalen Polizeistellen. Leider besonders auffällig ist die um 19% (von 69 auf 82) gestiegene Zahl der tödlich verunfallten Töfffahrer. Bundesrat Leuenbergers Vision von null Verkehrstoten ist und bleibt trotz fanatisch propagierter, rigoroser Restriktionen, trotz Kriminalisierung der Verkehrsteilnehmer, saftiger Bussen und der totalen Radarüberwachung nur ein Hirngespinst.

Via Sicura: Der totale Flop
Denn im Gegensatz zur miserablen Schweizer Unfallbilanz sind die Statistiker in Südtirol – und selbst in Deutschland, wo markant schneller gefahren werden darf – wesentlich zufriedener als hierzulande: 2007 wurden nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamts Wiesbaden auf Deutschlands Strassen 4958 Personen getötet (Vorjahr 5091) und 431 683 verletzt. Damit hat sich die günstige Entwicklung der letzten Jahre in unserem Nachbarland fortgesetzt. Die Zahl der Todesopfer ist so niedrig wie nie zuvor seit Einführung der Strassenverkehrsunfallstatistik.

Südtirol vermeldet markante Erfolge bei der Vermeidung tödlicher Töffunfälle: Die zuständigen Behörden in Bozen haben sich weniger mit Kampagnen gegen Motorradfahrer beschäftigt, sondern vielmehr nach Lösungen unter Einbeziehung der Zweiradfahrer gesucht. Das Ergebnis? Beeindruckend! In den letzten zwei Jahren verunglückten deutlich weniger Motorradfahrer tödlich. Waren 2005 noch 28 Opfer zu beklagen, ein absoluter Negativrekord in Südtirol, so hat sich die Zahl im Jahr 2006 um mehr als ein Drittel verringert. 17 Menschen verloren ihr Leben bei Motorradunfällen. 2007 sank die Anzahl der Unfalltoten weiter beträchtlich – es gab noch 12 tote Töfffahrer. Jeder einzelne Fall ist tragisch und macht betroffen.

Minus 30, statt plus 19
30 Prozent weniger getötete Töfffahrer in Südtirol, 19 Prozent mehr hierzulande – ein vernichtendes Zeugnis für die Leuenberger’schen Repressions-Strategien. Man muss sich das einmal vorstellen: Im Jahr 2006 wurden in der Schweiz 97 000 Verbrechen und Delikte mit erteilten Strafurteilen abgeschlossen. 54% aller Urteile betrafen Verkehrsdelikte! Jedes Jahr wird in der Schweiz eine Stadt der Grösse Luzerns zu Vorbestraften gestempelt – wohlgemerkt ohne zu mehr Sicherheit auf Schweizer Strassen zu führen. Im Gegenteil! Bundesrat Leuenberger sollte endlich die Verantwortung übernehmen, Konsequenzen ziehen und das Volk mit seinen «Visionen» künftig verschonen. Südtirol zeigt, wie man es macht: Aufklärungs- statt Hetzkampagnen, bauliche Massnahmen, Schulung und Erziehung zur Eigenverantwortung sind erfolgreicher im Kampf gegen den Unfalltod, als Gängelung und totale Kontrolle. Die Sicherheit scheint jedenfalls bei den Verkehrsteilnehmern Südtirols wieder in den Vordergrund gerückt zu sein. Für den Anstieg der Verkehrstoten in der Schweiz ist der Verkehrsminister mit verantwortlich.

Endlich ein Strategiewechsel?
Wenigstens die bfu scheint seit dem 10vor10-Beitrag vom 08.07.08 (www.sf.tv/sf1/10vor10) zu den gestiegenen Töffunfällen erstmals zur Sachlichkeit zurückgefunden zu haben (Kästen). Endlich wird ein «Sicherheitsdossier Motorradverkehr» erarbeitet, das sich vertieft mit den Unfallursachen befasst und nächstes Jahr publiziert werden soll.

Die deutschen Statistiker sind da schon weiter: Besonders auffällig ist dort die Altersgruppe der 45- bis 49-Jährigen. Die Zahl der getöteten Verkehrsteilnehmer in diesem Alter hat von Januar bis August 2007 am stärksten mit 30% auf 297 zugenommen. Dieser Anstieg ist vor allem auf mehr getötete Motorradbenutzer dieser Altersgruppe zurückzuführen.

 

Roland Müntener -Was der Präsident der Motosuisse sagt …
«Als Importeur und Präsident der Motosuisse liegt mir sehr an einer Verminderung der Unfallopfer. Mehr passiver Schutz für Motorradfahrer (Leitplanken, kein Bitumen etc.) wäre da von hoher Wichtigkeit. Wir wünschen uns glückliche und somit auch gesunde Kunden. Zu den getöteten Töfffahrern hat Herr Jörg Thoma, Sprecher der bfu, im 10vor10-Interview erstmals wirklich sachlich und mit Bezug zur Realität gesprochen. Aber man könnte sich natürlich auch fragen, ob 19% mehr getötete Töfffahrer nicht den Beweis dafür darstellen, dass die extrem exerzierten Verkehrskontrollen und -überwachungen sowie die hohen Bussengelder ihr Ziel verfehlt haben. Oder ob all dies, ausser eine erfreuliche Einnahmequelle für die Kantone zu sein, gar nichts bringt. Jedenfalls bleiben die bisherigen Massnahmen den Erfolg schuldig. Es ist auch einfach, in einem Unfallprotokoll zu notieren ‹Nicht beherrschen des Fahrzeuges und/oder nicht angepasste Geschwindigkeit›. Solche Pauschalaussagen tragen jedoch wenig zur Eruierung der tatsächlichen Unfallgründe und zur Verhinderung von Unfällen bei.»

Theodor Klossner -Der Präsident der IG Motorrad zur Lage
«Tempo 80 gibt es nicht, basta! Diese Losung war der Startschuss zur Erfolgsstory der IG Motorrad. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die entschlossene Minderheit (von 619 000 Motorrad- und Rollerfahrern sind erst 2500 in der IG Motorrad organisiert) entscheidend Einfluss nehmen kann auf Behörden und Politik. Zum Beispiel haben die Kantone Aargau, Baselland, Graubünden, Luzern, Schwyz und Zug mit der IG Motorrad positiv zusammengearbeitet und erste Unterfahrschutzsysteme bei Leitschranken installiert. Seit Neustem stimmt auch die bfu der Forderung nach Unterfahrschutzsystemen zu: Das lässt aufhorchen! Ob die kompromisslose Geschwindigkeitskontrollstrategie nun einer motorradgerechten Sicherheitsstrategie weicht? Ein weiterer Fortschritt wäre auch, wenn nicht nur motorradunerfahrene Beamte über uns Töfffahrer zu bestimmen versuchen. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) und die bfu haben auf jeden Fall die schwierige Aufgabe, das 2003 verspielte Vertrauen bei uns Motorradfahrern wieder zurückzugewinnen. Da führt für die Verantwortlichen kein Weg daran vorbei. Die IG Motorrad wird jedenfalls die Entwicklung sehr genau verfolgen.»

Traurige Unfallbilanz 2007: Mit sicheren Leitplanken wie in Südtirol wäre mancher Töfflenker noch am Leben Traurige Unfallbilanz 2007: Mit sicheren Leitplanken wie in Südtirol wäre mancher Töfflenker noch am Leben © Michael Kutschke
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