30 Jahre Yamaha XT 660 Ténéré.
30 Jahre Yamaha XT 660 Ténéré. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi

Die Welt der Ténéré

Yamaha Ténéré

Von Michael Kutschke
22.11.2013 14:29:03

Töff-Abenteurer eroberten die Sahara, Afrika und die Welt. Eine Laudatio der anderen Art.

Sie trägt einen Namen, bei dessen Klang man sofort die Dünenlandschaften der Rallye Paris-Dakar vor seinem geistigen Auge sieht: Die Rede ist von einer Legende - von der Yamaha XT 600 Ténéré.

Happy Birthday, Ténéré! 

30 Jahre alt bist Du geworden. Du, die Mutter aller Fernreise-Enduros. Du entlehntest Deinen Namen einem Teil der Sahara, der als der trockenste, am schwierigsten zu bereisende, unwegsamste und einsamste gilt. Du, liebe Ténéré, sorgst bis heute für Ehrfurcht und Respekt, sowohl bei Fernreisenden als auch bei alten Dakar-Teilnehmern.

1983 erblicktest Du, ausgestattet mit einem 600er-Einzylinder, das Licht der Welt. Ténéré - Deine Mutter, die XT 500, war mit diesem Teil der Sahara, die Dir Deinen Namen gab, eigentlich viel mehr verbunden als Du. Wegen ihrer Siege auf der berühmten Rallye Paris-Dakar. Aber Dein klangvoller Name Ténéré wurde in der Töffszene die Verheissung für Abenteuer und war gleichzeitig die Garantie für Zuverlässigkeit, Reichweite, Robustheit, grosse Federwege und (damals) beachtliche 44 PS.

Du konntest die Rallye-Dominanz deiner Urmutter, der XT 500, nie fortsetzen. Und dennoch wurdest Du zum Symbol einer ganzen Generation. Meiner Generation. Einer Generation, die sich aufmachte, die entlegensten, einsamsten und schönsten Flecken der Welt zu erobern. Du hast also unvergessliche Erinnerungen hinterlassen. Und genau das ist der Grund, warum für mich diese Laudatio nicht nur ein Anlass zum Feiern ist.

Generation Ténéré 

Wir sprachen nicht nur vom Leben - wir haben es gelebt. Nein, wir sind mit Dir und Deinesgleichen nicht bloss auf Crosspisten ewig im Kreis herumgeheizt. Uns haben Töff, wie Du einer bist, bewegt. Täglich. Zur Arbeit genauso wie auf der Fernreise durch die Sahara. Und wer keine Ténéré, sondern nur eine XT 600 hatte? Auch egal. 33-Liter-Acerbis-Spritfass drauf, und ab ging’s: Algerien, Libyen, Niger, Tschad, Zaire, Kamerun - kein Ziel war zu weit.

Fremde Kulturen interessierten uns. Statt im Club Med wurde im Urwald übernachtet oder bei Löwengebrüll in den Savannen Ostafrikas gezeltet - das war unsere Eventkultur. Wir landeten, weiss Gott, oft genug zusammen unsanft auf der "Schnörre" im Sand. Ja, Leute, das Leben ist lebensgefährlich, ob mit oder ohne Warnweste. Aber das war es doch, das Leben! Wer wissen will, wie die Welt schmeckt, der muss sie erkriechen. Danke, Yamaha. Happy Birthday, Ténéré!

Traum, Mythos und Realität 

Und inmitten der Weiten dieser lebensfeindlichen Wüste, die Dir Deinen Namen gab, befand sich dieser Baum: der Arbre du Ténéré. Ein einziger einsamer Baum auf einer furztrockenen Fläche so gross wie Frankreich! Einst ein Etappenziel auf der berühmten Dakar-Rallye. Die Wegmarkierung der alten Salzkarawanen-Route von Bilma nach Agadez ist noch immer auf der Michelin-Übersichtskarte für Nord- und Westafrika eingezeichnet. Hier habe ich mir diesen Traum erfüllt, den Du in mir entfacht hast, und meine Enduro - zugegeben, es war eine MZ Baghira und keine Ténéré - nur für ein paar Fotos am Arbre du Ténéré über Tausende von Kilometern durch diese göttliche Landschaft bewegt.

Eine MZ? Warum ging ich damals fremd? Anfangs hegte ich noch grosse Hoffnung, Dein 97er-Nachkomme könne als adäquater Ersatz für meine alte XT 500 dienen. Doch diese zu Strassenzwittern verschlimmbesserten Ténérés konnten niemals die Kinder eines stolzen Wüstenschiffs sein, wie Du eines bist. Mit abgehackten Federwegen, billigen Stahlschwingen, mit Vollverkleidungen und viel zu fettleibig, standen die Wohlstandsrösser in den Schaufenstern herum. Einzig ihr Herz, der Motor, erzählte noch vom Mythos glorreicher Paris-Dakar-Zeiten.

Einsamkeit und unendliche Distanzen 

Doch ein dumpfes XTZ-Ballern erfüllte alsbald den Äther und liess mir den Atem stocken. Der MZ Baghira wurde der zuverlässige Yamaha-XTZ-Motor implantiert. Und all die Gene weiterentwickelt, die man Deinen Nachfahren weggezüchtet hatte. Ihr Fahrwerk brauchte sich damals nicht mal hinter den österreichischen Enduros zu verstecken. Nur so einen schönen dicken Tank wie Du hatte sie nicht. Den musste man sich anfertigen lassen.

Dumm gelaufen. Tut mir wirklich leid für Dich, Ténéré. Aber Du regtest mich weiter zum Träumen an. Denn als Du die Welt erobertest, da ging man noch nicht mit dem Camper samt Töffanhänger auf Reisen. Da fuhr man noch selbst, den Benzinkocher im Tankrucksack, denn McDonald’s kannte auch kaum einer. Dafür hatten die Mädels damals die schöneren Hintern.

Das Bollern Deines Einzylinders lässt meine Gedanken noch heute zurückschweifen - an diesen einen Ort im Dezember 2003: Arbre du Ténéré. Unendliche Stille und tausend Sterne am Firmament. Der heisse Motor tickert vor sich hin. Es ist Weihnachten. Die längste Wüstenetappe meines Lebens, 1400 Kilometer ohne Versorgungsmöglichkeit, liegt noch vor mir. Vom letzten Aussenposten der Zivilisation, von der Oase Agadez in Niger, bin ich bereits 270 Pistenkilometer entfernt. Morgen soll es zusammen mit meinen Freunden über eine ausgeklügelte Route weiter Richtung Bilma gehen. Auf den nächsten 340 Kilometern erhebt sich majestätisch ein Sandmeer. Hohe Dünen ragen steil in den tiefblauen Himmel, und die wollen erst mal durchquert werden.

Folge Deinem eigenen Stern 

Nachthimmel über der Sahara. Ich lese in der Bibel. Die Bergpredigt. Allein und klein, bin ich dieser gewaltigen Landschaft ausgeliefert. Ténéré - hier in dieser Gegend, von der Du Deinen Namen entlehnt hast, scheint die Ewigkeit zu Hause zu sein, ist kein Geräusch zu vernehmen. Diese Ruhe brüllt jeden Eindringling regelrecht an, droht, ist fast nicht auszuhalten. Noch nirgends habe ich Stille so intensiv erlebt wie hier. Wie hektisch, laut, schrill und leer ist doch das Getöse zu Hause.

"Die Ténéré ist der Garten Allahs." Das jedenfalls behauptet ein arabisches Sprichwort. Ein Garten, aus dem Allah alles überflüssige Leben entfernt habe, damit es einen Ort gäbe, wo er in Frieden wandeln könne. Und der beflügelt meine Gedanken bis heute, veranlasst mich immer und immer wieder zu einer Liebeserklärung an das Leben: Da ist etwas. Die Menschen nennen es Gott, Allah, Schöpfer, die Liebe oder wie auch immer. Und doch - das solltest Du wissen - scheint dem Menschen das grösste Rätsel der Mensch selbst: Denn wir streiten zu viel und lieben zu wenig. Wir bauen tolle Maschinen, jagen bedruckten Papierschnipseln hinterher (wir nennen es Geld), spalten Atomkerne und leben dennoch in der Steinzeit: Auge um Auge, Zahn um Zahn, lautet seit jenem 11. September 2001 die Devise. Wie lange werden unsere kleinen Töfffluchten noch möglich sein? Das ging mir nicht erst in der Nacht am Arbre durch den Kopf. Es sollte meine letzte Sahara-Reise sein.

Doch träumen wir uns lieber wieder zurück in Deine Welt, liebe Ténéré. In eine Welt, in der man jeden Morgen unter grosser Anspannung den Motor seiner Maschine startet. Und sich jeden Morgen in Demut vor dieser unendlichen Weite übt, betet, bittet, dass auf den schweren Etappen in dieser Einsamkeit alles gut gehen möge. Als Töfffahrer ist man hier verletzlich und schrecklich allein.

Da! Das Ballern des Yamaha-Singles durchbricht urplötzlich die Stille. Genau in diesem Moment schütteln die Vibrationen der Maschine alle Spannung von mir ab. «Klack!», erster Gang. Kupplung, Gas. Der Hinterreifen droht sich einzugraben. Weich hier. Mehr Gas. Sand und Steine fliegen durch die Luft. Die Maschine kommt langsam in Fahrt. Klack!, Zweiter. Jetzt schwimmt sie auf wie ein Wasserski-läufer. Und ab geht’s. Klack!, Dritter. Speeeed! Genau in diesem Augenblick breche ich aus, fühle, dass es gut ist, hier zu sein.

Trotzdem begegne ich dieser Landschaft immer mit Respekt. Nur so hat man wirklich Spass - versteht ihre Schönheit, erkennt aber auch ihre Macht und Gewalt. Die tiefstehende Sonne im Rücken erzeugt einen Stroboskopeffekt in meinen Augen, verursacht durch Licht und Schatten der vorbeihuschenden Minisand-dünen. Der fein geriffelte Boden sieht aus wie ein Satellitenbild der Ténéré. Die Natur wiederholt sich im Mikrokosmos. Für uns ist es ein Rausch - unbeschreiblich, mit 100 km/h den Land Rover meiner Freunde in schier unendlicher Entfernung wie ein Spielzeugauto neben sich herrasen zu sehen! Staubwolken und die unendlichen Variationen eines persönlich gesetzten Kurses: Kein Schild, kein Leitpfosten, kein Stein, keine Spur begrenzt meine Phantasie. Der Boden unter den Rädern unberührt, jungfräulich. So sahen sie aus, die Freiheit und das Reisen in der grössten Wüste der Erde.

Die Freiheit stirbt mit Sicherheit 

Sang- und klanglos verschwunden sind seit 9/11 und dem Geiseldrama 2003 in Algerien neben der Reisefreiheit in der Sahara auch Motorräder von Deinem Schlage. Auf eigene Faust durch die Wüste auf der anderen Seite des Mittelmeers? Das traut sich kaum einer mehr. Die unbefangene, sorgenfreie Afrika-Reise ist Vergangenheit, nicht nur in Algerien: Libyen wurde mit einer Demokratie beglückt, die so viel Fortschritt gebracht hat, dass sich dort kein Mensch mehr ohne Todesangst durchs Land bewegen kann. Und auch südlich der Sahara herrscht Bombenstimmung.

Und die Ténéré? Dein Namensgeber soll ja angeblich voller Schmuggler, Al-Qaida-Anhänger und anderer zwielichtiger Gestalten sein. Aber dazu solltest Du wissen: Die Armut ist auf dem ganzen Schwarzen Kontinent zum Nährboden für durchgeknallte Extremisten geworden. Meine Freude über Dein Jubiläum ist verhalten, denn einen Töff wie Dich, einen mit dickem Tank, braucht’s nicht mehr. Unsere globalisierte Welt scheint zu klein geworden für Motorräder mit eingebautem Fernweh. Auch für mich. Nicht etwa nur, weil unsere Sahara-Touren passé sind. Sondern weil auch die Zeiten vorbei sind, als wir uns unbedarft den Risiken des Lebens hingaben. Fehler, Krisen, Katastrophen, Unfälle gehörten damals zu uns und zur Gesellschaft, in der wir lebten. Die unvermeidlichen Gefahren des Lebens wurden damals noch nicht als Schreckgespenster für Panikmache und zur erbarmungslosen Durchsetzung eines todsicheren Nullrisiko-Regimes missbraucht.

Gib das Träumen niemals auf

Leute, die nie Schatten gesehen haben, können sich auch nicht am Licht erfreuen. Seien wir also dankbar für das Unwägbare, dem wir im Sahara-Sand ins Auge schauen durften - als wir mit unseren Töff im Maghreb noch willkommen waren. Nicht wegen des Geldes, sondern so sagte es mir einst ein Tuareg im faden Schein des knisternden Lagerfeuers "weil wir doch eigentlich Nachbarn sind". Gib das Träumen niemals auf, Ténéré.

Deine Spuren im Sand: Nichts Schöneres, als am Ende einer anstrengenden Etappe sein gestecktes Ziel zu erreichen. Deine Spuren im Sand: Nichts Schöneres, als am Ende einer anstrengenden Etappe sein gestecktes Ziel zu erreichen. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Der Autor am Monument Arbre du Ténéré: Der einsame Baum wurde von einem LKW gerammt und zerstört. Der Autor am Monument Arbre du Ténéré: Der einsame Baum wurde von einem LKW gerammt und zerstört. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Die Ténéré, seit je ein Terrain für Schmuggler. Viele afrikanische Flüchtlinge verdursten bereits hier, ohne dass sie in irgendeiner Statistik auftauchen - andere ertrinken später im Meer. Die Ténéré, seit je ein Terrain für Schmuggler. Viele afrikanische Flüchtlinge verdursten bereits hier, ohne dass sie in irgendeiner Statistik auftauchen - andere ertrinken später im Meer. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Oase Ghardaia: Inmitten der Einsamkeit tut sich dem Sahara-Erkunder so manches Kleinod auf. Oase Ghardaia: Inmitten der Einsamkeit tut sich dem Sahara-Erkunder so manches Kleinod auf. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Die Teezeremonie: ein wichtiger Bestandteil der Tuareg-Kultur. Die Teezeremonie: ein wichtiger Bestandteil der Tuareg-Kultur. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Die neue Ténéré: Seit 2008 empfiehlt sich die Yamaha den jungen Abenteurern des globalen Dorfs. Die neue Ténéré: Seit 2008 empfiehlt sich die Yamaha den jungen Abenteurern des globalen Dorfs. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Hoggar-Gebirge in der Sahara: Von unendlicher Weite sind nicht nur die Sandmeere (Erg) geprägt. Hoggar-Gebirge in der Sahara: Von unendlicher Weite sind nicht nur die Sandmeere (Erg) geprägt. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Was ist aus euch geworden? Begegnung mit Tuareg-Kindern, vor zehn Jahren am Erg Tifernine. Was ist aus euch geworden? Begegnung mit Tuareg-Kindern, vor zehn Jahren am Erg Tifernine. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi
Bis zu 300 Meter hohe Dünen. Die riesigen Sandmeere der Sahara werden als Erg bezeichnet. Bis zu 300 Meter hohe Dünen. Die riesigen Sandmeere der Sahara werden als Erg bezeichnet. © Michael Kutschke / Claudio Godenzi