Tabea Belser.
Tabea Belser. © Markus Lehner

Matchless

Oldie-Lady

Von Markus Lehner
31.10.2013 14:25:45

Ihr Matchless-AJS-Verschnitt ist der Alptraum der 100-Prozent-Original-Veteranengilde. Doch die Besitzerin ist so echt und unverwechselbar, wie man es nur sein kann.

Sie heisst Tabea Belser, ist 33 Jahre jung, gelernte Vergolderin, wohnt im bernischen Schüpfen, arbeitet seit neun Jahren in einem der grössten Töffgeschäfte unseres Landes und beginnt in Kürze eine Zusatzausbildung als Köchin. Und die Lady mit britischem Union-Jack-Sticker auf dem japanischen Arai-Helm fährt seit 15 Jahren Motorrad. Aber nicht irgendeines, sondern eine im Café-Racer-Style umgebaute Matchless aus United Kingdom. «Der G9-Zweizylinder meiner Matchie wurde irgendwann in den 50er-Jahren gebaut und das Stahlchassis laut Fahrzeugausweis 1964 bei AJS», grinst die Oldie-Pilotin schelmisch. «Irgendwer hat dann die Teile zusammengefügt. Genaueres weiss ich nicht. Ich kenne nur die letzten zehn Jahre des Bikes. Aber egal, wichtig ist nur, dass es eine Seele hat und dass ich beim Fahren jedes einzelne Zahnrädchen im Motor fühlen kann.»

Begonnen hat alles in der Kindheit. «Ich besuchte mit meinen Eltern den GP Bern, den es damals noch gab. Ich war von den alten Töff und Autos genauso hingerissen wie von deren Chauffeuren. Als ich dann meinen ersten richtigen Freund hatte und der mit einer Norton vor meine Haustür donnerte, war die Sache gelaufen. Mit einer auf einem Flohmarkt in Willisau gekauften und umgebauten DKW RT 125 brachte ich die zwei 125er-Jahre hinter mich, darauf folgten eine Bianchini 125, eine Honda CB 500 Four (aber die hatte schon Blinker und E-Starter, igitt!), eine Aermacchi 350 und dann eben die Matchless-AJS.»

Wegen der Arbeit im Töffgeschäft musste sich Tabea B. fast gezwungenermassen mit modernen Bikes auseinandersetzen: «Alles Ducatis, zuerst eine 900 Monster, dann eine Ducati S4RS, dann eine Sport 1000 im Café-Racer-Style und am Ende eine 748. Aber richtig warm geworden bin ich mit keiner. Ich bin offenbar hoffnungslos auf Oldies abgefahren.»

Der Oldie als Gebrauchsgegenstand für den Alltag

Die Matchless-Lady benutzt ihren Donnerstuhl auch im Alltag. «Nicht unbedingt im Regen, aber sonst immer», sagt die grossgewachsene, schlanke Bernerin. «Im Verkehr habe ich keine Probleme. Abstand halten ist wegen der schwachen Bremsen Pflicht, vorausschauendes, defensives Fahren ebenso. Aber die Umwelt reagiert extrem gut. Viele winken, machen Platz. Der laute Motor und die ungewohnte Optik machen mich auffällig; ich werde als Verkehrsteilnehmerin viel stärker wahrgenommen als mit einem normalen Töff. Am schönsten ist es beim Anhalten und Helmabnehmen. Da kommen dann die meist älteren Herren auf mich zu und erzählen mir ihre wilden Räuberpistolengeschichten mit ihren Töffs von anno dazumal.»

Ab und zu nimmt Tabea mit ihrem Matchless an Oldtimer-Rennen wie beispielsweise dem Monte Generoso teil. «Auf 100 Männer kommen da maximal drei bis vier fahrende Frauen. Aber ich fahre nur Gleichmässigkeit, das schnelle Fahren wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Viel lieber geniesse ich die familiäre Stimmung im Fahrerlager, wo sich alle gegenseitig helfen, wo vom Seitenwagenpaar mit Kindern bis zum 80-jährigen Renn-Oldie aus der Nachkriegszeit alle friedlich neben- und beieinandersitzen. Ein Traum für mich wäre, einmal so eine Veranstaltung bei uns in der Region zu organisieren.»

Das ist aber nicht Tabeas einziger Traum: «Eine Norton Manx oder eine Matchless G50 wäre geil, aber leider unbezahlbar. Und eine lange Reise ohne exakte Routenplanung ebenso. Und an die TT auf der Isle of Man will ich auch mal mit meiner Matchie. Und warum nicht in Frankreich oder sonstwo auf einem umgebauten Bauernhof eine Oldtimer-Vermietung für Feriengäste aufbauen?»

Die tiefere Bedeutung des Fischtattoos behält die Matchless-Reiterin für sich. Die tiefere Bedeutung des Fischtattoos behält die Matchless-Reiterin für sich. © Markus Lehner
Angasen am Monte-Generoso- Bergrennen: «Das schnelle Fahren wurde mir nicht in die Wiege gelegt, die Gleichmässigkeitsprüfungen sind mir lieber.» Angasen am Monte-Generoso- Bergrennen: «Das schnelle Fahren wurde mir nicht in die Wiege gelegt, die Gleichmässigkeitsprüfungen sind mir lieber.» © Markus Lehner
Union Jack und Matchless-Emblem auf dem stilechten Café-Racer-Höcker. Union Jack und Matchless-Emblem auf dem stilechten Café-Racer-Höcker. © Markus Lehner