Rolf Christen geniesst die Ausfahrt im Beiboot des Ural-Gespanns.
Rolf Christen geniesst die Ausfahrt im Beiboot des Ural-Gespanns. © Richard A. Meinert

Ein unglaublicher Tag

Love Ride Switzerland

Von Dimitri Hüppi
16.07.2014 10:20:38

Rolf Christen aus Bülach ist muskelkrank - am 22. Love Ride 2014 war er zum ersten Mal Passagier in einem Seitenwagen.

Die ersten ein, zwei Kilometer auf dem Ride-out, der rund 60 Kilometer langen Rundfahrt am Love Ride, haben wir hinter uns. Bis jetzt stehen nie mehr als 60 km/h auf dem Tacho. Alles easy also! Ich meine nicht für mich und auch nicht für unser Gespann, die Ural Sportsman mit ihrem 750-ccm-Boxer-Motor, sondern für meinen Passagier: Rolf Christen, 57 Jahre, muskelkrank. Für Menschen wie ihn – Menschen mit Muskelerkrankung – wurde der Love Ride Switzerland einst ins Leben gerufen. Von Erwin W. Wyrsch und Gabriela Müller, zwei Harley-Davidson-Fahrern aus dem Zürcher Unterland, die das Benefiz-Event in den USA kennengelernt und 1993 als Pendant in der Schweiz lanciert haben.

Mit ihrem US-Import trafen sie mitten ins Schwarze. Denn heute gehört das zusammen mit Harley-Davidson organisierte Event, das seit 1995 auf dem Flugplatz in Dübendorf ZH stattfindet, für Tausende von Motorradfahrern (ausdrücklich alle Marken sind willkommen!) und für Hunderte von Muskelkranken und Menschen mit einer Behinderung sowie für viele weitere Besucher zum Jahresprogramm.

Rolf und ich sausen also etwa mit Tempo 60 ausgangs Dietlikon Richtung Tagelswangen, wo ein kurzes Stück Landstrasse mit zwei langgezogenen Kurven folgt. Die vorausfahrende Kolonne hat sich auf einmal gedehnt, und alle brausen davon. Ich schaue zu meinem Passagier und frage ihn, ob so weit noch alles passe. Er antwortet mit Ja, und auch sein Gesichtsausdruck will mir nichts Gegenteiliges verraten. So wage ich es, das Gas ebenfalls aufzudrehen.

Festhalten? Geht nicht...

Wir erreichen Tempo 80, doch dann "fliegt" auch schon der weite Bogen auf uns zu. Eigentlich könnte man ihn mit jedem Töff und jedem Auto ohne Weiteres mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit nehmen, doch für meinen Passagier ist das nicht ganz so einfach. Schon bevor die Kurve richtig beginnt, lehnt er sich nach links zu mir rüber – soweit er das aus eigener Kraft schafft. Denn am Haltegriff an der Beiwagenscheibe oder an den Seitenwänden festhalten kann er sich nicht. Durch das fortgeschrittene Stadium seines Muskelschwunds (Spinale Muskelatrophie) kann Rolf seine Arme nicht mehr uneingeschränkt bewegen, geschweige, sich selbst nach vorne ziehen, nach hinten drücken oder aus eigener Kraft rutschen.

Seinen Beruf als Informatikspezialist kann er zwar noch ausüben. Doch für diverse alltägliche Abläufe wie aufstehen am Morgen, ankleiden oder zu Bett gehen ist er auf Unterstützung durch seine Freundin, Katja Hediger, und seine Familie angewiesen. "Ohne sie hätte ich meine eigene Wohnung längst aufgeben müssen."

Hunderte von Zuschauern in den Dörfern

Mit zirka 60 gleiten wir durch die Links-rechts-Kurvenkombination. Dann erreichen wir Tagelswangen. Völlig anders als sonst denke ich mir: "Zum Glück geht’s wieder ein Stück geradeaus, und da vorne bremsen sie wieder." Ein Blick zu Rolf: Er lächelt immer noch – oder wieder. Umso mehr, als wir in Tagelswangen auf die vielen Zuschauer am Strassenrand treffen. Viele winken, einige jubeln und rufen den Vorbeifahrenden zu – auch uns. Kinder, ganze Familien, ältere Leute... Ich winke zurück. Rolf kann ja nicht. Was für mich neu ist – wir haben uns diesen Morgen zum ersten Mal gesehen –, kennt Rolf schon seit langem nur so. In diesem Moment scheint er aber ganz einfach mit seinen Augen zurückzugrüssen – und mit seinem Lächeln. Und als wir vor einer scharfen Abzweigung Schritttempo erreichen, sagt er strahlend: "Diese vielen Leute! Das ist ja unglaublich!"

In diesem Augenblick vergesse ich Rolfs Krankheit, sehe nur noch sein mit Freude erfülltes Gesicht und denke mir: Genau das ist der Love Ride! Glückliche Menschen überall – in den Dörfern und auf den Bikes oder Trikes sowieso. Und: Nicht nur die Passagiere sind happy! Das Glücksgefühl geht sofort auf die Fahrer über. Das ist auch der Fall, wenn man die Ausfahrt alleine mit dem Töff mitmacht, wie das die meisten tun – ganze 5000 in diesem Jahr und damit so viele wie für den Ride-out maximal zugelassen sind! Und 302 von einer Muskelerkrankung oder einer Behinderung Betroffene wurden als Passagiere gezählt – ein neuer Rekord!

Für alle eine Mitfahrgelegenheit

Kurt Broger vom Love Ride Committee wird am Ende des Tages bekannt geben: "Besonders erfreulich ist, dass diesmal keiner der mobilitätsbehinderten Menschen zurückbleiben musste; jeder fand eine Mitfahrgelegenheit. Dafür danken wir von Herzen den Gespannfahrenden und denen, die ihr Trike zur Verfügung gerstellt haben. Das ist nicht selbstverständlich und überhaupt nicht planbar. Umso grösser ist die Freude darüber."

Mein Passagier und ich haben jetzt die Hälfte der Ausfahrt hinter uns. Immer wieder frage ich ihn: "Ist dir noch warm genug?" Denn er hat mir zuvor gesagt, dass er Kälte überhaupt nicht möge. Als sich dann auch noch die Sonne für längere Zeit hinter den Wolken versteckt und die Bise einen Zacken zulegt, rechne ich schon damit, dass Rolf mich bittet, die Tour abzukürzen. Doch dazu kommt es nicht. Zu gross ist seine Freude darüber, was er da grade erleben darf.

Rolfs erste Reaktion, als wir nach knapp zwei Stunden wieder in Dübendorf sind: "Es ist ganz toll gewesen, ich bin froh, habe ich zugesagt!" Am frühen Morgen dieses Tages war sich Rolf der Sache aber gar noch nicht so sicher gewesen. Da verriet er mir: "Nervös bin ich nicht, aber eine gewisse Anspannung ist schon da. Ich frage mich, wie das wohl klappt, von meinem Rollstuhl in den Seitenwagen zu kommen, und wie es dann auf der Fahrt sein wird. Einige meiner Freunde meinten, dass ich es wohl nicht schaffen würde, den Kopf während der Fahrt gerade zu halten, da ich ja zusätzlich noch einen Helm trage." Aber Rolf hat es geschafft!

Am schwierigsten war für ihn fast, meine schwere, dick gefütterte und gepolsterte Motorradjacke anzuziehen, ohne die die Fahrt bei teils gefühlten minus fünf Grad wohl eine echte Schlotterpartie geworden wäre. Doch mit vereinten Kräften – spontane Helfer sind am Love Ride immer zur Stelle (!) – haben wir auch das geschafft. Ebenso das Hineinheben vom Rollstuhl in den Seitenwagen – und am Schluss wieder zurück.

Nach der Ausfahrt hat Rolf vor allem eins: grossen Hunger. Kein Problem, denn das Verpflegungsangebot auf dem Festgelände ist riesig. Beim Essen begleiten uns rockige Klänge von der grossen Live-Bühne. Die diversen Bands zählen zu den Highlights für die Love-Ride-Besucher – neben der Bike-Prämierung, der Stunt-Show, dem E-Hockey (mit Elektrorollstühlen) oder den verschiedenen Ständen.

Über 400 000 Franken Spenden

Mit befriedigtem Magen schlendern wir am Nachmittag nochmals gemütlich über das Gelände und besuchen unter anderem den Stand der Muskelgesellschaft. Rolf ist seit Jahrzehnten Mitglied und seit 2009 im Vorstand. Die Muskelgesellschaft ist die Institution, die seit Beginn vom Love Ride Spendengelder für die gerechte Verteilung erhält. Inzwischen werden auch noch andere Institutionen berücksichtigt. An diesem Love Ride beläuft sich die Summe des Erlöses (aus Eintritten, Souvenirs, Verpflegung etc.) auf deutlich über 400 000 Franken (Vorjahr: 412 000 Franken).

Als Rolf, Katja und ich uns gegen Ende des Anlasses verabschieden, fragt mich Rolf: "Fährst du nächstes Jahr wieder mit? Ich wäre sofort dabei!" – Was könnte man nach dem Love Ride wohl Schöneres hören als das?


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Unter folgendem Link gehts auf die Website des Love Ride Switzerland: www.loveride.ch

Am Start reihen sich Tausende von Bikern ein. Am Start reihen sich Tausende von Bikern ein. © Richard A. Meinert
Nach den ersten Kilometern ist Rolf sichtlich entspannt. Nach den ersten Kilometern ist Rolf sichtlich entspannt. © Richard A. Meinert
Die vielen Zuschauer entlang der Strecke begeistern immer wieder! Die vielen Zuschauer entlang der Strecke begeistern immer wieder! © Richard A. Meinert
Der Eagle (Botschafter) des 22. Love Ride ist die 20-jährige Rahel Ebneter - hier im Radio-Zürisee-Interview. Der Eagle (Botschafter) des 22. Love Ride ist die 20-jährige Rahel Ebneter - hier im Radio-Zürisee-Interview. © Dimitri Hüppi
Rolf Christen am Morgen des Love Ride noch bei sich zu Hause. Rolf Christen am Morgen des Love Ride noch bei sich zu Hause. © Dimitri Hüppi
Das Anziehen der Gore-Tex-Töffjacke ist gar nicht so leicht. Das Anziehen der Gore-Tex-Töffjacke ist gar nicht so leicht. © Richard A. Meinert
Mit den Love-Ride-Gründern Gabi Müller und Erwin W. Wyrsch. Mit den Love-Ride-Gründern Gabi Müller und Erwin W. Wyrsch. © Richard A. Meinert
Nach dem Ride-out ist erst einmal essen angesagt. Nach dem Ride-out ist erst einmal essen angesagt. © Richard A. Meinert
Rolf und seine Freundin Katja staunen über die Töff-Vielfalt am Love Ride. Rolf und seine Freundin Katja staunen über die Töff-Vielfalt am Love Ride. © Richard A. Meinert
Rolf am Stand der Muskelgesellschaft. Rolf am Stand der Muskelgesellschaft. © Richard A. Meinert
Einfach plaudern - der Love Ride ist auch ein Anlass, an dem man Bekannte trifft. Einfach plaudern - der Love Ride ist auch ein Anlass, an dem man Bekannte trifft. © Richard A. Meinert
Nach dem Ride-out ist nochmals Zeit, den Seitenwagen - die Ural Sportsman - zu begutachten. Nach dem Ride-out ist nochmals Zeit, den Seitenwagen - die Ural Sportsman - zu begutachten. © Richard A. Meinert