Würden routinierte Biker die Töffprüfung unvorbereitet bestehen?
Würden routinierte Biker die Töffprüfung unvorbereitet bestehen? © Richard A. Meinert

Check-up

Führerscheinprüfung

Von Daniele Carrozza
22.11.2013 10:19:29

Würde ein routinierter Biker die Töffprüfung bestehen, wenn er diese von heute auf morgen völlig unvorbereitet ablegen müsste? Ein Selbstversuch.

Verlagskollege Phillip ist verzweifelt. Auch beim zweiten Anlauf ist er durch die Töff-Führerprüfung gerasselt. "Besser kann ich mich wirklich nicht mehr vorbereiten, und auch mein Fahrlehrer meint, dass ich bereit bin. Zudem habe ich etliche Jahre Auto-Erfahrung", seufzt er. Phillips Sorge ist berechtigt, denn wenn er auch beim dritten Mal versagt, dann gibt’s statt dem Abenteuer Töff den erniedrigenden Gang zum Verkehrspsychologen. Ja, Phillip kann einem leid tun. Allerdings stelle ich mir beim Anblick dieses Häufchens Elend schon die Frage, ob die praktische Töffprüfung wirklich derart schwierig sein kann, die Prüfexperten tatsächlich sadistisch veranlagt sind. Okay, die Durchfallquote liegt hierzulande immerhin bei 33 Prozent, doch mit ein bisschen Talent, der einen oder anderen Fahrstunde und einer guten Portion Selbstvertrauen sollte das Biker-Examen doch spielend zu meistern sein.

Womit folgende Fragen nach einer Antwort schreien: Sind die Anforderungen an Töff-Prüflinge in den letzten Jahren wirklich dermassen verschärft worden, oder ist es nicht doch eher so, dass sich unser Phillip besser Velohelm und GA zulegen sollte? Und: Würde ein routinierter Töfffahrer die Führerprüfung, wie sie offiziell heisst, bestehen, wenn er sie von heute auf morgen völlig unvorbereitet ablegen müsste? Genau das wollen wir herausfinden.

No risk, no fun? 

"Wir können gerne einen Termin für Sie arrangieren. Allerdings müssen Sie sich bewusst sein, dass wir Ihren Führerausweis einziehen werden, falls Sie die Prüfung nicht bestehen sollten", gibt die freundliche Beamtenstimme anlässlich meiner telefonischen Anfrage beim örtlichen Strassenverkehrsamt zu verstehen. Weil ich in meinem Job dingend auf das Billett angewiesen bin und denen auf dem Strassi wohl kaum werde verkaufen können, dass ich in Wirklichkeit Ajeje Brazzorf heisse und in Burkina Faso lebe, lehne ich dankend ab. Ein kompetenter Prüfexperten-Ersatz ist in der Person von Peter Rose schnell gefunden. Der gewitzte Aargauer ist Fahrlehrer (u.a. beim Moto Team One) sowie Bereichsleiter Motorrad beim Verkehrssicherheitszentrum Mittelland. Wir verabreden uns für den 22. Juli beim Strassenverkehrsamt Schafisheim, AG, dessen Infrastruktur wir freundlicherweise nutzen dürfen.

Vor Prüfungsantritt gilt es aber noch eine wichtige Frage zu klären - jene des Bikes. Einen Sportler will ich mir für diese Aufgabe nicht antun - speziell im Manöverteil dürfte man damit schlechte Karten haben. Aber ich will es mir auch nicht zu einfach machen, und so fällt meine Wahl auf die neue BMW F 800 GS Adventure, die wir ohnehin als Testbike in der Redaktion stehen haben. Das Bike baut überdurchschnittlich hoch, und ich bin mit ihm noch keinen Meter gefahren. Zudem ergaben sich für mich in den letzten Monaten nachwuchsbedingt nur wenige Gelegenheiten, richtig Töff zu fahren.

Die Prüfung, der vernichtende Hammer 

Je nach Kanton dauert die Führerprüfung zwischen 45 und 90 Minuten und beinhaltet einen Manöver-Part sowie einen Fahrteil auf der öffentlichen Strasse. Nach einer kurzen Instruktion befahre ich auch schon den Manöver-Parcours. Zunächst balanciere ich die BMW durch die rund 15 Meter lange Spurgasse, in der ich mich möglichst lange - freilich ohne abzustehen - aufhalten soll (mindestens 1,5 sec pro Meter).

Weiter gehts mit dem recht eng gesteckten Slalom und dann direkt in die Acht. Peter läuft ständig neben mir her und beobachtet mein Tun mit Argusaugen. Ich halte an, und Peter begibt sich ans Ende der Bremszone, wo er mir mit einem Handzeichen das Kommando für die Vollbremsung aus 50 km/h geben wird. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, und wir kommen zur ersten Manöverkritik. Peter Rose: "Die Spurgasse war bezüglich Zeit und Haltung okay. Auch der Slalom war gut. Problematisch war allerdings, dass du die Finger an der Vorderradbremse hattest. Das kann bei diesen tiefen Tempi beim Einlenken und gleichzeitigen Bremsen ins Auge gehen. Dafür passte die Blickführung. Bei der Acht ist dir in der Rechtskurve zweimal der Asphalt ausgegangen - da müsstest du über die Bücher. Weil du aber die korrekten Rückschlüsse gezogen und die Blickführung angepasst hast und auch der Rest inklusive Vollbremsung okay war, würde ich hier auch mal die Fünf gerade sein lassen. Du hast ja bewiesen, dass du das Bike im Langsamverkehr beherrschst. Eine Glanznote gibt das aber nicht."

Ich lasse mich nicht demoralisieren, gestehe mir aber ein, dass regelmässige Manöverübungen auf einem Parkplatz auch für Routiniers eine empfehlenswerte Sache sind. Weiter gehts mit dem 30-Minuten-Fahrteil. Bei diesem wird Peter als Sozius Platz nehmen und mir mit Klopfzeichen an den Schultern jeweils die Richtung weisen. Die Strassen dieser Gegend kenne ich überhaupt nicht.

Das grosse Scheitern

Die Fahrt geht durch malerische Dörfer, einige 30er-Zonen mit fiesen Rechtsvortritten sowie fahrtechnisch nicht sonderlich anspruchsvolle Überlandpassagen. Alles läuft gut. Zurück in Schafisheim platzieren wir uns für die Abschlussbesprechung im Schatten eines Baumes, und Peter legt los: "Es war nie gefährlich, und ich habe mich hinten drauf stets wohlgefühlt, aber für mich bist du durchgefallen. Deine Tempogestaltung war zwar gut, ebenso das Erkennen von Rechtsvortritten und die Einschätzung von Gefahrensituationen. Aber die Spurgestaltung würde dir den Hals brechen. Wir waren mehrmals mit unseren Oberkörpern im Gegenverkehr, und das gilt als schwerwiegender Fehler."

Dass ich in der Fahrschule seinerzeit gelernt hatte, mich links in der Spur aufzuhalten, lässt Peter nicht gelten und fährt fort: "Auch die Beobachtungsreihenfolge war ein bisschen willkürlich, ebenso das Einspuren. Du hast zwar vieles mit deiner Erfahrung und deiner Routine kompensiert, doch die Führerprüfung bestehen würdest du so sicher nicht! Du kannst aber beruhigt sein: Nach meiner Schätzung würden mehr als 50 Prozent der 'routinierten' Verkehrsteilnehmer unvorbereitet eine erneute Führerprüfung in den Sand setzen."

Na, das ging ja voll in die Hose. Vielleicht sollte sich Ajeje Brazzorf aus Burkina Faso mal wieder einen Auffrischungskurs gönnen oder dann halt Velohelm und GA posten.


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Mutmacher an alle Anfänger

Insbesondere Fahranfängern, die nun den Mut vielleicht etwas verloren haben, möchten wir unbedingt noch kundtun, dass Verlagskollege Phillip (siehe Hauptartikel ganz oben) die Töffprüfung als "routinierter Anfänger" dann beim dritten Anlauf doch noch gemeistert hat! Wir sind stolz auf ihn!

 

Fahrlehrer Peter Rose erklärt dem Schreibenden den Manöver-Parcours. Fahrlehrer Peter Rose erklärt dem Schreibenden den Manöver-Parcours. © Richard A. Meinert
Die Vollbremsung auf Kommando aus 50 km/h: Prüflinge haben hier nur einen Versuch und müssen die Technik des Bikes voll ausnützen, sprich, das ABS muss regeln. Links abstehen nicht vergessen! Die Vollbremsung auf Kommando aus 50 km/h: Prüflinge haben hier nur einen Versuch und müssen die Technik des Bikes voll ausnützen, sprich, das ABS muss regeln. Links abstehen nicht vergessen! © Richard A. Meinert
Der 30-Minuten-Fahrteil in den Wirren des  Strassenverkehrs. Der 30-Minuten-Fahrteil in den Wirren des Strassenverkehrs. © Richard A. Meinert
Fiktiver Experte mit knallhartem Urteilsvermögen: Fahrlehrer und Ausbildner Peter Rose. Fiktiver Experte mit knallhartem Urteilsvermögen: Fahrlehrer und Ausbildner Peter Rose. © Richard A. Meinert
Durchgekracht, lautet das vernichtende Urteil. Durchgekracht, lautet das vernichtende Urteil. © Richard A. Meinert