Kooperativ: Für dieses Foto sind Guido Häring und Alain Wetzel auf Wunsch des Fotografen ausnahmsweise sehr dicht hintereinander hergefahren.
Kooperativ: Für dieses Foto sind Guido Häring und Alain Wetzel auf Wunsch des Fotografen ausnahmsweise sehr dicht hintereinander hergefahren. © Richard A. Meinert

Auf Patrouille

Ein Tag auf Töff-Streife

Von Daniele Carrozza
12.11.2013 12:00:50

Was macht ein Töff-Polizist den ganzen lieben Tag lang? Kurvenräubern auf Kosten des Steuerzahlers? Nicht wirklich - wir haben die Beweise.

Guten Tag, Häring, Kantonspolizei, Verkehrskontrolle. Kann ich bitte Ihren Führer- und Fahrzeugausweis sehen?», fordert Kantonspolizist Guido Häring, Mitarbeiter Stufe 3 und Gruppenchef Stv. der Mobilen Polizei MEOA Bern, einen zwecks Routinekontrolle soeben angehaltenen Autofahrer in freundlichem Ton auf. Den geöffneten Systemhelm behält Häring trotz hochsommerlichen Temperaturen an diesem August-Tag auf dem Kopf. «Angenommen, der Verkehrsteilnehmer würde nicht anhalten, wäre ich so innert Sekunden auf dem Töff und könnte die Verfolgung aufnehmen», lautet die Begründung. Sein heutiger Partner Alain Wetzel, ebenfalls Mitarbeiter Stufe 3, steht leicht versetzt vor dem kontrollierten Auto und beobachtet aufmerksam sowohl die Handlungen des Fahrers wie auch das Verkehrsgeschehen.

Das macht Sinn, denn die beiden Berner Kantonspolizisten arbeiten an einem gefährlichen Ort - auf den Autobahnen der Berner Region Mittelland, Emmental, Oberaargau (MEOA). Die anderen drei kantonalen Regionen Seeland - Berner Jura, Oberland und Bern werden jeweils durch eigene Töff-Abteilungen abgedeckt.

280 Kilometern Hochleistungsstrasse gilt das Hauptaugenmerk von Guido Häring und Alain Wetzel. Doch die beiden Töff-Polizisten, die wir heute den ganzen Tag begleiten werden, kümmern sich gemeinsam mit ihren 58 Kollegen der Mobilen Polizei MEOA in einem 24-Stunden-Dreischichtensystem auch um andere Aufgaben: «Unser Einsatzspektrum reicht von klassischen Patrouillen-Einsätzen über Sportanlässe wie die Tour de Suisse, die Begleitung von Staatsbesuchen, das Organisieren und Durchführen von Präventionskampagnen wie bei den TÖFF-Testtagen und Unterstützungsaufgaben bei Schwerverkehrskontrollen und Tiertransporten bis hin zur Schulwegbegleitung zur Sensibilisierung von Schülern und Verkehrsteilnehmern», schildert Wetzel.

Daneben stehen er und sein Partner natürlich auch für Erstinterventionen permanent auf Abruf. Egal, ob Nachbarstreit oder Raubüberfall, wenn sich die Töff-Patrouille in der Nähe des «Tatorts» befindet, und über die Zentrale, die jederzeit über Standort und Status des Einsatzteams Bescheid weiss (siehe Kasten), der Auftrag erteilt wird, dann heisst es, nichts wie hin - mit Blaulicht und Sirene.

Allerdings gelten die Verkehrsregeln auch für Polizisten. Wer auf Patrouillenfahrt geblitzt wird, bezahlt die Busse aus dem eigenen Sack, lautet die Regel. Nur wenn ein dringender Auftrag vorliegt, darf zügig gefahren werden. Die Grenze zieht Guido Häring in dem Moment, wo sein Verhalten gefährlicher wird als dasjenige des Übeltäters.

Ein ganz normaler Arbeitstag

Zurück zum Anfang: Wir treffen die beiden Beamten morgens gegen 10 Uhr in ihrer Zentrale beim Berner Wankdorf. Zunächst gehts in die Tiefgarage, wo sich die beiden in einem Ausrüstungsraum auf ihren Einsatz vorbereiten. Neben der individuellen Schutzbekleidung finden sich hier Signalisationsvorrichtungen, Taschenlampen, Kartensets, sprich alles, was man für den Einsatz so braucht und nicht ständig auf Mann hat. Einmal startbereit, schreiten wir zum Fuhrpark, der sich aus sieben fein säuberlich aufgereihten Polizeitöff zusammensetzt.

Diverse BMW RT, eine F 650 GS und zwei Harleys stehen bereit. Häring erklärt: «14 von uns haben den Töffausweis und die entsprechende interne Zusatzausbildung, die bei uns im Wesentlichen aus einem Fahrkurs jeweils im Frühling besteht. Ob wir nun mit dem Töff - das Bike dürfen wir grundsätzlich frei wählen - oder mit dem Auto auf Patrouille gehen, wird über den Schichtplan festgelegt. Grundsätzlich gilt aber, dass eine gewisse Grundversorgung mit Polizeiautos gewährleistet sein muss, denn in letzteren kann einfach mehr Einsatzmaterial mitgeführt werden, und sie bieten bei Bedarf eine Mitfahrgelegenheit für Dritte. Steht diese Grundversorgung, können wir mit den Motorrädern ausrücken. Es steht uns jedoch frei, bei wirklich schlechtem Wetter auf das Auto zu wechseln. Gezwungen wird hier also niemand.

Bei Nacht und in der Winterzeitspanne von November bis Ende Februar sind wir jeweils ausschliesslich mit dem Polizeiauto unterwegs.» Dennoch bringt es Häring, der das Bike dem Auto sichtlich vorzieht, pro Jahr auf rund 5500 Polizeitöff-Kilometer. Häring weiter: «Der Polizeitöff hat gegenüber dem Auto diverse Vorteile: Wir sind agiler, und wir können uns auch aufteilen, was beim Auto nicht möglich ist. So könnte ich mich beispielsweise im Rahmen eines Unfalls mit Fahrerflucht um die Unfallstelle kümmern, während Alain die Verfolgung aufnimmt. Zudem ist man als Töffpolizist für die Bevölkerung auf der menschlichen Ebene besser wahrnehmbar. Entsprechend ergeben sich häufiger Gespräche. Und gerade bei Töfffahrern ist unsere Akzeptanz spürbar grösser.»

Es geht los! Häring und Wetzel fahren vorn, Fotograf Richy und ich folgen auf einer Kawasaki Versys 1000. Schon nach wenigen Kilometern halten die beiden an einem Kreisel an, auf dem eine vermeintliche Dieselspur hinterlassen wurde. Fehlalarm: Es handelt sich nur um Wasser. Wir ziehen weiter, befahren die Berner Autobahn und schliessen einige Minuten später auf einen Biker auf. Wetzel überholt und aktiviert die Heckleuchte mit der Aufschrift «Bitte folgen». Der Biker wird nun im «Sandwich» von der Autobahn eskortiert und an sicherer Stelle angehalten. Routinekontrolle - alles in bester Ordnung. Wetzel: «Grosse Töff kontrollieren wir regelmässig, denn es kommt überraschend häufig vor, dass Fahrer der Ausweiskategorie ‹A beschränkt› Bikes führen, die bereits entdrosselt sind.» Es folgt eine Verkehrsüberwachung an einer Werkhofausfahrt, und so gehen der Morgen und der frühe Nachmittag ins Land.

Welche Route die Polizisten bei ihren Patrouillen wählen, ist ihnen überlassen. Sie müssen jedoch innerhalb von 15 Minuten die Autobahn erreichen können. Zwecks Fotosession wird heute eine Ausnahme gemacht, und wir steuern den Gurnigel an. Ein herrlich kurviges Pflaster, auf dem die Mobile Polizei MEOA regelmässig Präventionskampagnen, aber auch Radarkontrollen durchführt. Häring: «Auf solchen Strecken geniessen wir die Fahrt natürlich voll und ganz. Die Arbeit muss den Spass ja nicht ausschliessen. Zudem hat nur schon unsere Präsenz einen präventiven Effekt. Ein Teil meines Jobs findet auf dem Motorrad statt. Für mich gibt es nichts Schöneres. Allerdings darf man es auch nicht unterschätzen, denn es gilt, das Fahren, den Funk und die permanente Kontrolle des Geschehens unter einen Hut zu kriegen. Da ist man abends jeweils ganz schön geschafft und muss vor Feierabend noch den Töff putzen.»

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Technische Besonderheiten am Polizei-Töff

Die vier Regionen der Kantonspolizei Bern dürfen unter Einhaltung gewisser Vorgaben selber entscheiden, welche Töffmodelle sie sich als Einsatzfahrzeuge zulegen. Entscheidend ist sicherlich das Einsatzgebiet. So stehen im kurvigen Berner Oberland viele F 650 GS bereit. Häring und Wetzel sind viel auf Autobahnen im Dienst, weshalb in ihrem Einsatzgebiet eher grossvolumige Tourenmaschinen wie die BMW R 1200 RT bevorzugt werden. Behördenfahrzeuge wie die RT werden dabei direkt ab Werk mit den für den Polizeieinsatz erforderlichen Features ausgestattet. Bei der R 1200 RT sind dies Sirenen (Wechselklanghorn) diverser Lautstärken und Tonlagen, die am Heck angebrachte «Bitte folgen»-Leuchtschrift (beides über die linken Lenkerarmaturen anzuwählen), Beleuchtungen und diverse Warnlichter (rechte Armaturen). Die Seitenkoffer sind im Interesse einer geringen Baubreite der Bikes schmal gehalten und werden nach oben geöffnet, sodass die Dienstformulare nicht herausfallen. Neben den Sturzbügeln ist auch der Heckaufbau mit kleinem Stauraum sowie GPS-Ortungssystem für die Einsatzzentrale eine Spezialanfertigung.

 

Fuhrpark: Die beiden Harleys werden vor allem bei repräsentativen Anlässen gerne eingesetzt. Fuhrpark: Die beiden Harleys werden vor allem bei repräsentativen Anlässen gerne eingesetzt. © Richard A. Meinert
Autobahn-Routinekontrolle. Bis auf die Schuhe ist hier alles okay... Autobahn-Routinekontrolle. Bis auf die Schuhe ist hier alles okay... © Richard A. Meinert
Ausrüstungsraum: persönliche Schutzbekleidung und Einsatzmaterial. Ausrüstungsraum: persönliche Schutzbekleidung und Einsatzmaterial. © Richard A. Meinert
Harmlose Wasserspur. Das hätte auch rutschiger Diesel sein können. Harmlose Wasserspur. Das hätte auch rutschiger Diesel sein können. © Richard A. Meinert
Gehört auch zum Job: Hilfe bei Pannen. Gehört auch zum Job: Hilfe bei Pannen. © Richard A. Meinert
Der Fokus der Mobilen Polizei MEOA liegt auf 280 Kilometern Hochleistungsstrasse. Der Fokus der Mobilen Polizei MEOA liegt auf 280 Kilometern Hochleistungsstrasse. © Richard A. Meinert
Guido Häring (l.) und Alain Wetzel sind zwei von 14 Töff- Kantonspolizisten der Mobilen Polizei MEOA Bern. Guido Häring (l.) und Alain Wetzel sind zwei von 14 Töff- Kantonspolizisten der Mobilen Polizei MEOA Bern. © Richard A. Meinert
Gegenüber kurvenreichen Strecken, hier am Gurnigel, ist man nicht abgeneigt. Gegenüber kurvenreichen Strecken, hier am Gurnigel, ist man nicht abgeneigt. © Richard A. Meinert
Muss halt sein: tägliches Tanken und Töffputzen bei Schichtende. Muss halt sein: tägliches Tanken und Töffputzen bei Schichtende. © Richard A. Meinert
Ein Bürotag pro Schichtrotation für den Papierkrieg. Ein Bürotag pro Schichtrotation für den Papierkrieg. © Richard A. Meinert
Die linken Lenkenarmaturen unterscheiden sich ebenfalls von denen einer Serien-RT. Zusätzlich gibt es diverse Schalter für die verschiedenen Stufen und Tonlagen des Martinshorns und für die Bitte folgen-Leuchtschrift am Heck. Die linken Lenkenarmaturen unterscheiden sich ebenfalls von denen einer Serien-RT. Zusätzlich gibt es diverse Schalter für die verschiedenen Stufen und Tonlagen des Martinshorns und für die Bitte folgen-Leuchtschrift am Heck. © Richard A. Meinert
Im Heckaufbau der Streifenmaschinen befindet sich das GPS-Ortungssystem für die Einsatzzentrale plus ein kleiner Stauraum. Im Heckaufbau der Streifenmaschinen befindet sich das GPS-Ortungssystem für die Einsatzzentrale plus ein kleiner Stauraum. © Richard A. Meinert